Oellers, Norbert: Schiller. Elend der Geschichte, Glanz der Kunst
Geb. Format 12,2 x 19,5 cm. 520 S. 38 Abb.ISBN: 978-3-15-010565-8
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Dem Biographismus früherer und heutiger Schiller-Apotheosen setzt Oellers eine fundierte Werkinterpretation entgegen. Deren Zentrum liegt in einem historisch informierten Verständnis, das nicht wieder den Autor und seine Werke (oder nur Zitate aus ihnen) unter dem Motto "Er ist unser!" für jede Aktualität umstandslos vereinnahmt. Unter einer entschlossen historisierenden Perspektive erkennt Oellers im ganzen Werk Schillers einen Grundgedanken, einen Grunddualismus, der etwa Maria Stuart, Don Karlos oder Wallenstein mit den Ideengedichten und den großen ästhetisch-philosophischen Aufsätzen verbindet. Es ist der Dualismus von einer aus größter Kenntnis tief kritischen und pessimistischen Sicht auf die Geschichte und dem Entwurf einer von allem Historischen, Irdischen, Politischen befreiten und befreienden utopischen und autonomen, einer "heiteren" Kunst. Dieser Schiller, pessimistischer Geschichtsschreiber und Verfechter einer freien Kunst, steht am Tor der Moderne, die noch unsere Epoche ist.
Inhaltsverzeichnis
EinleitungSchillers Leben
Überblick
In Württemberg 1759–1782
Mannheim und Bauerbach, Leipzig und
Dresden 1782–1787
Weimar, Jena 1787–1799
Weimar 1799–1805
Schillers Werk
I. Dramen
1. Zur Dramenliteratur der Zeit
2. Die Räuber
3. Die Verschwörung des Fiesko zu Genua
4. Kabale und Liebe
5. Don Karlos
6. Wallenstein
7. Maria Stuart
8. Die Jungfrau von Orleans
9. Die Braut von Messina
10. Wilhelm Tell
11. Dramatischer Nachlass
II. Lyrik
1. Zur Lyrik in Deutschland um 1770/80 und
ihre Wirkung auf die Jugendlyrik Schillers
2. Schillers Jugendlyrik
3. Die Götter Griechenlandes und Die Künstler
4. Schillers Lyrik des klassischen Jahrzehnts
III. Erzählliteratur
1. Verbrecher aus Infamie
2. Der Geisterseher
IV. Historische Schriften
1. Geschichte des Abfalls der vereinigten
Niederlande von der Spanischen Regierung
2. Kleinere historische Schriften
3. Geschichte des Dreyßigjährigen Kriegs
V. Philosophische Schriften
1. Kleinere Schriften vor dem Studium Kants
2. Ueber Anmuth und Würde
3. Abhandlungen zur Tragödientheorie,
über das Erhabene und das Schöne
4. Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen
5. Ueber naive und sentimentalische
Dichtung
Bibliographische Hinweise
Verzeichnis der Abbildungen
Register
Zum Autor
Autorinformation
Norbert Oellers, geb. 1936 in Ratingen, 1975 bis 2002 Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Seit 1978 Mitherausgeber, seit 1997 alleiniger Herausgeber der Schiller-Nationalausgabe; Mitherausgeber der kritischen Else-Lasker-Schüler-Ausgabe und der historisch-kritischen Nikolaus-Lenau-Ausgabe, der "Zeitschrift für deutsche Philologie", des Jahrbuchs "editio" und des deutsch-polnischen Jahrbuchs "Convivium". 1984-1987 Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes. 1995 Schiller-Preis der Stadt Marbach a. N.Leseprobe
Mit keiner anderen Ballade hat sich Schiller soviel Zeit gelassen, mit keiner anderen, begleitet von kritischen Hinweisen Goethes, so geplagt wie mit den Kranichen des Ibycus. Die Mühe hat sich wohl gelohnt: Der Dichter hat keine bessere Ballade geschrieben. Sie bringt es auf 23 Strophen zu je acht Versen, in streng einheitlichem Metrum: vierhebige Jamben mit gleichmäßig wechselnden weiblichen und männlichen Kadenzen und gleichmäßigem Reimschema. Diese Uniformität führt nicht zur Eintönigkeit, weil das Geschilderte ungemein spannend, ja dramatisch ist: Ibycus ist auf dem Weg zu den Festspielen in Korinth, ein Kranichschwarm begleitet ihn; „in Poseidons Fichtenhayn“ (V. 11), also an geheiligter Stätte, wird er überfallen und ermordet. Sterbend bittet er die Kraniche, sie möchten seines „Mordes Klag“ (V. 47) erheben. Der Getötete wird gefunden, nach Korinth gebracht, dort betrauert; die Suche nach den Mördern erscheint aussichtslos. Das Folgende spielt im Theater: Ein Tragödienchor, der Chor der Eumeniden, der Rachegöttinnen, weckt Bewunderung und Schaudern der Zuschauer:So schreiten keine irrdschen Weiber,
Die zeugete kein sterblich Haus!
Es steigt das Riesenmaaß der Leiber
Hoch über menschliches hinaus. (V. 101–104)
Sie deklamieren Verse über Unschuldige und Schuldige und kündigen die Aufklärung des Verbrechens an:
[…] wehe wehe, wer verstohlen
Des Mordes schwere That vollbracht,
Wir heften uns an seine Sohlen,
Das furchtbare Geschlecht der Nacht!
(V. 125–128)
Die Reaktion der ergriffenen Zuschauer wird beschrieben, da ertönt der Ruf:
„Sieh da! Sieh da, Timotheus,
Die Kraniche des Ibycus!“ – (V. 155 f.)
Einer der Mörder hat es seinem Mordgesellen zugerufen, als das Kranichheer über das Theater hinzog. Zu spät wird ihm bewusst, dass er sich und seinen Kumpanen mit diesem Ruf verraten hat.
Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
Die Scene wird zum Tribunal,
Und es gestehn die Bösewichter,
Getroffen von der Rache Strahl. (V. 181–184)
Das Besondere des Gedichts ist nicht in erster Linie die Einheit von Lyrischem, Epischem und Dramatischem, auch nicht die erzählte Geschichte selbst. Die Idee, dass alle Schuld gesühnt wird, und zwar durch die Nemesis, findet zwar ihren angemessenen Ausdruck, aber darüber hinaus wird das ‚Werkzeug’ der Rachegöttin benannt: Es ist die Macht der das Verbrechen benennenden und seine Bestrafung erzwingenden Poesie. Nicht die als Eumeniden auftretenden Mitglieder des Chors bewirken, weil sie nun einmal da sind und klagen, dass scheinbar Zufälliges (der Kranichflug) in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht wird mit der Situation im Theater, sondern das, was sie sagen, was der Dichter sie sagen lässt im weiten Rund, zieht die Kraniche, gleichsam planmäßig, an; und so wird die Poesie zur Sachwalterin der Parzen, demonstriert ihre Zuständigkeit bei dem Bemühen, eine aus den Fugen geratene Welt wieder zu ordnen. Das klingt noch, entsprechend dem Glauben an die mögliche Verbesserung schlechter Verhältnisse durch das Schöne, sehr optimistisch. Wenig später wird dieser Glauben, der ja schon nicht mehr mit der Wirksamkeit einer überirdischen Gerichtsinstanz rechnet, in Frage gestellt: Dann bleibt, wie es die Elegie Nänie sagt, nur noch das bloße Vorhandensein des Schönen als Klagelied über die Hinfälligkeit des Schönen; aber immerhin ist das auch „herrlich“ (Nänie, V. 13) und kann nicht ohne Wirkung bleiben.
© 2005 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart
Pressestimmen
Eine philologisch gediegene, souveräne und umfassende Darstellung von Leben und Werk.Die Zeit
Fern aller angestrengten Aktualisierung legt Oellers eine fundierte Werkmonographie vor, deren historisierender Blickwinkel auf das grundlegende, immer auch spannungsvolle Widerspiel von idealistischer Freiheitsvision, die auch die Ebene autonomer Kunst bestimmt, und pessimistischer Geschichtsauffassung in Schillers Œuvre verweist. Der solide gearbeitete Band gliedert sich nach Gattungsgruppen, innerhalb derer Werk um Werk analysiert wird. Aus der Summe der vorbildlichen Einzelstudien ergibt sich eine schlüssige Gesamtschau, in der man gezielt nachschlagen, aber auch Querverbindungen herstellen kann.
Badische Neueste Nachrichten
Neue Lust auf Schiller zu wecken, ist das große Verdienst Norbert Oellers’, der keine weitere Biographie herunterbetet, sondern Leben und Werk in einen interpretierenden Überblick fasst, leicht verständlich geschrieben und dennoch tief schöpfend. Ein hohes Bildungsgut, und dennoch stellenweise zu lesen wie ein spannender Roman.
Gießener Allgemeine
Die fundierteste Werkdarstellung, die das Schillerjahr bringt.
Börsenblatt für den deutschen Buchhandel
Oellers ist ein intimer Kenner Schillers. Seit 1978 arbeitet er an der Edition der Nationalausgabe mit, seit 1991 ist er deren alleiniger Herausgeber. Ungeachtet seines großen Wissensfundus ist es ihm gelungen, ein trotz seiner 500 Seiten fast schlank wirkendes Werk vorzulegen, das an keiner Stelle aus den Fugen gerät. Oellers hat ein seltenes Talent zum klaren Wort. Er räumt auf, ohne Kahlschlag zu betreiben. Seine Thesen sind, ohne dass er unnötig zuspitzt, prägnant. „Es war wohl zuviel der Schillerbegeisterung“, setzt er an und unterzieht die Euphorien der vergangenen Jahrzehnte einer kritischen Bilanz, bevor er knapp auf hundert Seiten ein zerrissenes und arbeitswütiges Leben zwischen Frauengeschichten und Geldnot, Obrigkeitsdruck und Krankheitsleiden schildert.
Es folgen Charakteristiken der Dramen, Erzählungen sowie der theoretischen Schriften: Texte, zu deren Unterhaltsamkeit beiträgt, dass Oellers sich den Objekten seiner Wissbegierde ohne falschen Respekt nähert und wo nötig auch mit Kritik nicht spart. ... Nicht einmal 20 Seiten für ein Drama ist nicht viel. So verlässt einen bei der Lektüre nie das Gefühl, einen leichten, gewandten Essay zu lesen statt ein schwer wiegendes Buch.
Vor Schillers 200. Todestag ist es, wie Oellers bemerkt, üblich, seine Aktualität hervorzuheben. Oellers setzt diesem Überschwang nüchterne Grenzen, verortet den Dichter in seiner Zeit – und erarbeitet seine Bedeutung aus der Diskrepanz zur unsrigen. Ein ehrenwertes Unterfangen, das ihm hervorragend gelingt.
Dierk Wolters in der „Frankfurter Neue Presse“
Nur wer seine Werke kennt, kennt Schiller wirklich, betont – wie es sich für den alleinigen Herausgeber der Schiller-Nationalausgabe wohl gehört – einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schillerforscher, der Germanist Norbert Oellers. Je weniger die Texte des denkmalgeschützten Klassikers gelesen werden, umso mehr wird über ihn gelesen. Und so setzt der Emeritus für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Bonn dem um sich greifenden Zeitgeschmack, der dem Biographismus statt der Werklektüre huldigt, eine so imposante wie glänzende Werkmonographie entgegen und wagt in seiner nach Gattungen gegliederten Einführung in das Schiller’sche Gesamtwerk einen fulminanten Ritt durch das weitläufige Gelände der zum Teil disparat anmutenden Arbeiten Schillers. Geleitet von der Grundthese einer beständigen Ambivalenz, eines alles begründenden Dualismus, der den erfahrungsgesättigten Ernst und die autonome Heiterkeit ins Zentrum stellt, liefert Oellers unter deutlich historisierender Perspektive eine Fülle bestechender Werkinterpretationen, dennoch allgemein verständlich und ohne das Niveau literaturwissenschaftlicher Forschung preiszugeben.
Lesart
Diese Monografie ist wohl die glänzendste und kritischste Gesamtdarstellung unter den Neuerscheinungen.
Abendzeitung
Die Biografie gehört in den Bücherschrank eines jeden Schiller-Fans.
Mindener Tageblatt
Oellers’ luzide Darstellung schöpft aus der Kenntnis der ganzen Schiller-Forschung, ohne dass er sie reproduzieren muss. Seine Interpretationen des „modernsten Dichters um 1800“ überzeugen auch dadurch, dass er unvoreingenommen, unparteiisch argumentiert.
Südkurier
Wer Schiller und sein Werk verstehen will, findet hier das nötige Hintergrundwissen.
Augsburger Allgemeine
Ein handliches, klar gestaltetes Buch, mit dem der Studierende sich verlässlich informieren kann.
DAADLetterLiteratur
Gut gegliedert, durch Register vorbildlich erschlossen.
Westfälischer Anzeiger
Unverzichtbar für alle, die sich intensiv mit Schiller beschäftigen wollen.
Nürnberger Nachrichten
Eine fundierte Einführung in das Werk Schillers bietet Norbert Oellers Buch „Schiller – Elend der Geschichte, Glanz der Kunst“. Zunächst eine knappe Biografie und anschließend Analysen der einzelnen Werke. Ob Dramen, Lyrik, Prosa, ästhetische oder historische Schriften, der Leser erhält anhand von Zitaten eine schlüssige Deutung, ergänzt mit Informationen zur Rezeption. Gelungen ist in diesem Zusammenhang auch die Wahl der Aufführungsfotos. Oellers selber vermeidet jede Transformation der Schiller-Texte in die Moderne, sondern bleibt ganz beim Autor und seiner Zeit, in den genauen Analysen zeigt sich, ob ein Werk auch noch nach 200 Jahren seinen Platz in der gegenwärtigen Kunst hat. Als Literaturwissenschaftler mit einer bewundernswert klaren Sprache arbeitet Oellers mit Anmerkungen, die Anregungen für weitere Lektüren bieten. Entsprechend umfangreich ist auch die Bibliografie, und vor allem stehen im Register nicht nur Namen, sondern auch die Werktitel sowie einzelne Gedichte. Norbert Oellers’ Buch ist Anregung, um sich mit Schillers Dramen und Schriften zu beschäftigen, die in keiner Weise „langweilig“ sind, wie Goethes Schwiegertochter Ottilie einst meinte.
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