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Walter, François: Katastrophen

Walter, François: Katastrophen. Eine Kulturgeschichte vom 16. bis ins 21. Jahrhundert

Übers.: Lejoly, Trésy; Butz-Striebel, Doris
Geb. mit Schutzumschlag. Format 12,2 x 19,5 cm. 385 S.

ISBN: 978-3-15-010699-0
EUR (D): 29,95 *

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Naturkatastrophen – Erdbeben, Vulkanausbrüche, Fluten, Stürme, Erdrutsche – sind das schlechthin Sinnlose, das dem menschlichen Geist begegnet und immer unfassbar bleibt. Katastrophen haben keine Geschichte. Unwandelbar, unabwendbar, unberechenbar brechen sie durch die ganze Naturgeschichte hindurch über die Menschheit herein und bleiben unbegreiflich. Kann man aus ihnen lernen? Und wenn ja, was? Menschen haben unter Aufbietung aller intellektuellen Kräfte immer auf das Erlebnis von Naturkatastrophen reagieren müssen, sie haben immer versucht, doch einen Sinn zu finden: Strafe Gottes, Prüfung der Gottesfürchtigen oder der Gerechten, Ansporn zur Aufbietung aller dem Menschen möglichen Entwicklung technischer oder moralischer Art. Eine Geschichte der Katastrophenbewältigung, wie sie der Genfer Historiker François Walter schreibt, steht also weit jenseits von modischem Katastrophismus und schön gruseliger Heraufbeschwörung aller möglichen und unumgänglichen Apokalypsen. Sie erweist vielmehr, dass die Antworten des 16. oder 18. Jahrhunderts auf das Unbegreifliche nicht etwa wertlos oder unbedeutend sind, bloß weil die Naturwissenschaft ein paar Schrittchen weitergekommen ist: Auch der Tsunami zu Weihnachten 2004 bleibt sinnlos. Allein die abgewogene historische Darstellung dieser Kulturgeschichte lehrt, Naturkatastrophen zu unterscheiden, mit ihnen umzugehen, und vor allem, von diesen Katastrophen die menschengemachten, keineswegs katastrophenmäßig unberechenbar hereinbrechenden Risiken ökologischen Wandels z. B. des Weltklimas im Treibhauseffekt abzugrenzen.

Sachbuchbestenliste der Süddeutschen Zeitung Juli 2010
Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Eine kulturgeschichtliche Perspektive
Die Lust an Katastrophen


I Die alten Gesellschaften sind keine Katastrophengesellschaften (16.–18. Jahrhundert)
1 Eine Theologie der Geschichte
1.1 Das Deutungsmuster der Vorsehung
1.2 Katholiken und Protestanten
1.3 Strafen oder mahnen?
2 Mehrschichtiges Wissen
2.1 Von der Vorsehung zu den Wahrscheinlichkeiten
2.2 Das physikotheologische Deutungsmuster und seine Weiterungen
3 Die bildliche Umsetzung
3.1 Das Ende der Zeiten
3.2 Die Katastrophe als Schauspiel und als Metapher für die Gesellschaft

II Wechselfälle der Natur und soziale Bedrohungen (von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg)
4 Lissabon und der Blitzableiter
4.1 Die Erfindung des Blitzableiters
4.2 Das Erdbeben, ein literarisches Motiv?
4.3 Von der Plage zur Katastrophe
5 Geißel Gottes oder Plage der Natur?
5.1 Was ist nur aus der Vernunft geworden?
5.2 Der Schock der Cholera
5.3 Die gesellschaftliche Funktion der Medien
Von der Predigt zur Zeitschrift
Eine naturalistische Ideologie
Die Immoralität der Natur

6 Die prometheische Kultur
6.1 Die wissenschaftliche Einbildungskraft
6.2 Die Ästhetik der Katastrophe
6.3 Die neuen Risiken und ihre Vorwegnahme
7 Die Apokalypse des Ersten Weltkriegs
7.1 Die Zukunftserwartung um 1900
7.2 Der Krieg in der Kunst
7.3 Welches Volk hat Gott erwählt?

III Die Gesellschaft des Risikos und des Ungewissen (von 1918 bis heute)
8 Das Jahrhundert der Weltendämmerung
8.1 Vom Alibi der Natur zu einer neuen Schuldzuweisung
8.2 Das Jahrhundert der Kriege und der Atomkraft
Der Zweite Weltkrieg und das absolute Böse
Das Ende der Geschichte

9 Die neuen Risikokulturen
9.1 Vom Risiko des Einzelnen zur Risikogesellschaft
9.2 Tabu, Sünde und Risiko
Religiosität und Heiligkeit
Eine hartnäckige Tendenz: die Wiederkehr der Deutungsmuster

9.3 Schutz, Prävention und Vorsorge
10 Die Pathologien der Hyperorganisation
10.1 Ein erneuter Wandel in der Wahrnehmung?
10.2 Die Ungewissheit bewältigen
11 Die Streuung der Ängste
11.1 Die Kunst der Katharsis
11.2 Neue globale Bedrohungen
11.3 Kritische Ökologie als Philosophie
12 Der Alarmismus hat Hochkonjunktur
12.1 Die neuen Propheten
12.2 Eine neue Schimäre
12.3 Aufgeklärter Katastrophismus
12.4 Die Spirale der Desaster

Schluss
Anhang
Anmerkungen
Im Text erwähnte Ereignisse
Literaturhinweise
Register
Zum Autor
Autorinformation

François Walter ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Genf.
Pressestimmen

Der Genfer Historiker François Walter zeichnet die Ideengeschichte des Desasters seit der Frühen Neuzeit jetzt auf breitester Quelllenbasis nach. Besondere Stärken besitzt das Buch im Bereich der Kunst und Literatur, Walters Detailkenntnisse von oft entlegenen - auch deutschen - Flugschriften, Kupferstichen, Gemälden, Erzählungen oder Dramen sind erstaunlich.
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Diese Kulturgeschichte vom 16. bis ins 21. Jahrhundert zeigt gut lesbar, wie die Menschen Katastrophen erlebt haben, wie sie mit ihnen umgingen, was sie daraus gelernt haben. Ernst, aber ohne apokalyptischen Ton geschrieben: in Zeiten von BP nützlich.
Die Welt

Das ist wirklich ein sehr gut lesbares Buch. Das Angenehme an dem Buch ist, dass Walter nicht versucht, für das Sensationelle Aufmerksamkeit zu erheischen, sondern er erwähnt, dass er Chronist der Ereignisse ist; er erwähnt die Ereignisse, er bewertet sie, er ordnet sie ein und das macht die ganze Geschichte sehr interessant und spannend zu lesen. (...) Insgesamt ist dieses Buch angesichts eines Vulkanausbruchs, der ganz Europa eine Woche lang in einen Ausnahmezustand versetzte, von einer Aktualität, die so nicht zu erwarten war.
Deutschlandradio Kultur

Die ungebrochene Bedeutung von Dantes Epos aus der Zeit der Frührenaissance unterstreichen zwei Neuauflagen, die – jede auf ihre Art – reizvoll sind. (...)
Hartmut Köhlers Prosaübertragung (...) wird, textkritisch betrachtet, Dantes Botschaft bisweilen besser gerecht, weil sich der Übersetzer nicht an die formalen Zwänge der Versform halten muss. Dass die an der Gegenwartssprache orientierte Übertragung für heutige Leser etwas einfacher zu lesen ist, versteht sich von selbst. Philologisch interessierte Leser werden auch Köhlers informative Zusatzerklärungen zu schätzen wissen.
SWR2 Buchtipp

Eine anregende Studie, die mit interessanten Thesen aufwartet.
Buchkultur

Hunderte von katastrophischen Naturereignissen (Erdbeben, Vulkanausbrüche, Stadtbrände,
Überschwemmungen), Kriegen und Krankheiten (Cholera, Aids), ausserdem Chemie- und
Reaktorunfälle (Seveso, Tschernobyl) und auch die Terrorattacken vom 11. September 2001
hat Walter untersucht, die Reaktionen in der Bevölkerung, in politischen und theologischen
Eliten sowie in Literatur und Malerei analysiert.
Neue Zürcher Zeitung

Dem Genfer Historiker François Walter geht es um die Geschichte dieses vielschichtigen und in sich widersprüchlichen symbolischen Umgangs der europäischen Kultur mit der traumatischen Erfahrung der Katastrophen. Detailreich entfaltet er sie über den imposanten Zeitraum von mehr als 500 Jahren. (...) Walter zeigt mit einer unglaublichen Fülle von Beispielen, wie das christlich geprägte Erklärungsmuster bis weit ins XVIII. Jahrhundert hinein Naturkatastrophen zu unverzichtbaren Elementen eines seit Urzeiten feststehenden göttlichen Bauplans macht.
SWR2, Buchtipp

Buch der Stunde: (...) François Walter stützt sich auf philosophische, literarische, künstlerische und nicht zuletzt mediale Überlieferungen, Bilder und Texte des 16. bis 21. Jahrhunderts – eine ambitionierte, aber lohnenswerte Gesamtdarstellung, die einige Leseaufmerksamkeit verlangt.
Falter

Ein kluges Buch.
Freitag

Die Aschewolken aus dem isländischen Vulkan: ein Naturereignis mit heftigen Auswirkungen. Wie die "Gewalt der Natur" im Lauf der Geschichte bewertet wurde, beschreibt die gerade erschienene "Kulturgeschichte der Katastrophen". (...) Die katholische Deutung neigte einst dazu, in Naturereignissen die Macht des Bösen zu deuten, gegen die etwa Heiligenverehrung helfen könnte. Protestanten dagegen sahen in Sturmfluten die Macht Gottes und sahen sich belohnt, wo die Schäden gering waren. Solche und viele andere Einblicke sind reizvoll im Buch des Genfer Professors.
Der Sonntag – Sonntagszeitung der BNN

Seine groß angelegte Sichtung entwickelt sich zu einem frontalen Angriff auf einige allzu weit verbreitete, allzu einfache Konstruktionen von Vergangenheit und Gegenwart. (...) Wer in der aktuellen Debatte um die Risiko-Gesellschaft mitreden will, sollte sich mit Walter auseinandergesetzt haben.
epoc - Spektrum der Wissenschaft

Diese Kulturgeschichte der Katastrophen liest sich, alswürde jemand über 300 Seiten die Büchse der Pandora schwenken und alles Unheil fällt chronologisch geordnet heraus. Statt die 160 erwähnten historischen Unglücksfälle selbst kraftvoll auszumalen, zitiert der Autor lieber Beispiele aus Literatur, Malerei, Film und Theater herbei. Genug Stoff für ein Bilderbuch der Katastrophe, das man sich beim Lesen bisweilen wünscht. Die Grafik eines Tornados auf dem Umschlag ist nur ein Sinnbild für den Faktenwirbel, den Walter entfacht. (...) Aber angesichts von Ölteppichen und Vulkanwolken wirken seine Erkenntnisse auch verblüffend aktuell.
Darmstädter Echo

Die Geschichte der Katastrophenbewältigung, wie sie der Genfer Historiker François Walter schreibt, steht jenseits von modischem Katastrophismus und schön gruseliger Heraufbeschwörung aller möglichen und unumgänglichen Apokalypsen. Sie erweist vielmehr, dass die Antworten des 16. und 18. Jahrhunderts auf das Unbegreifliche nicht etwa wertlos sind, bloß weil die Naturwissenschaft ein paar Schritte weitergekommen ist.
Zukunft

Besondere Stärken besitzt das Buch in den Bereichen Kunst und Literatur. Walters Detailkenntnisse von oft entlegenen – auch deutschen – Flugschriften, Kupferstichen, Gemälden, Erzählungen oder Dramen ist erstaunlich.
Zeitschrift für Germanistik

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