Detailansicht

AutorinformationLeseprobePressestimmen


Detering, Heinrich: Bob Dylan

Detering, Heinrich: Bob Dylan

184 S. 10 Abb.

ISBN: 978-3-15-018432-5
EUR (D): 0,00

Zum Warenkorb hinzufügen   Detailansicht drucken



Kaum ein Musiker hat die Entwicklung des Rock so nachhaltig und so andauernd geprägt wie Bob Dylan. Heinrich Detering zeichnet Leben und Werk des "Picasso of Song" (Leonard Cohen) anschaulich nach und zeigt, dass Dylans Geheimnis gerade in der Kontinuität des Wandels liegt. Eine Literaturliste und eine Diskographie runden den Band ab.
Autorinformation

Detering, Heinrich Heinrich Detering, geb. 1959; Studium der Germanistik, Evangelischen Theologie, Skandinavistik und Philosophie in Göttingen, Heidelberg und Odense, Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, in Göttingen Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Direktor des Zentrums für komparatistische Studien. 2003 "Preis der Kritik" für seine Veröffentlichungen u. a. in literaturen und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2009 Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis für hervorragende wissenschaftliche Leistungen.
Leseprobe

Kein anderer Künstler hat die Entwicklung der Rockmusik und der Song Poetry so nachhaltig und über so lange Zeit hinweg bestimmt wie Dylan. Aus unterschiedlichsten, in einen facettenreichen und endlos variierbaren Personalstil integrierten Traditionen der populären Musik, der Literatur und des Kinos hat er mit bis jetzt, je nach Zählung, vierzig bis fünfzig Alben, mit Filmen, Gedicht- und Prosabänden künstlerische Ausdrucksformen geschaffen, deren Auswirkungen unabsehbar sind. Er ist Dichter und Geschichtenerzähler, Komponist und Sänger, Filmemacher und nebenbei auch noch spielfreudig dilettierender Zeichner (Writings and Drawings, 1973; Drawn Blank 1994). Längst ist Dylans umfangreiches Werk ein Teil der Weltkultur geworden, auch dort, wo nicht viel mehr als sein Name bekannt sein dürfte, buchstäblich "the Picasso of Song" (so Leonard Cohen). In der Verschmelzung von Musik, Poesie und Performance, mit einem sicheren Gespür für Tonfälle, Phrasierung und Timing und mit einer Stimme von unvergleichlicher Ausdruckskraft, Wandlungs- und Modulationsfähigkeit hat Dylan bis heute die mündlich-magischen Ursprünge der Kunst unter den Bedingungen einer globalisierten technologischen Moderne vergegenwärtigt. (Ja, auch mit seiner Stimme - oder vielmehr seinen Stimmen. Denn wie alles in diesem Werk, so gibt es auch Dylans oft voreilig verspottete und sich allen vermeintlich simplen Parodierversuchen entziehende Stimme nur im Plural. Richard Klein hat in seiner musikwissenschaftlichen Analyse gezeigt, wie sie Dylans vielleicht am kreativsten gehandhabtes Instrument geworden ist.)
Wenn er bis heute zwei Ehrendoktorate, in Princeton und St. Andrews, erhalten hat und mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert worden ist, dann nicht - oder jedenfalls nicht allein - als Musiker oder Poet, sondern eben als ein erklärter "song and dance man", der die getrennten Kunstformen noch einmal souverän zusammenführt.
Die bisherige Geschichte dieses umfangreichen Lebenswerks zeigt sich einerseits als Abfolge ständiger Wandlungen, andererseits aber auch als Serie potentiell unabschließbarer Variationen eines Grundinventars von Themen, Figuren, poetischen und musikalischen Formen. Von Beginn an zeichnen sich Grundspannungen ab, die über Jahrzehnte durchgehalten werden: Spannungen zwischen den Polen von illiterater Popular- und avantgardistischer Bildungskultur, archaischer Einfachheit und avantgardistischer
Komplexität, Autorschaft und Anonymität, zwischen konservativer Rückwendung und der Suche nach permanenter Innovation. Das gilt auch in politischer Hinsicht. Dylans Songwelt kann jederzeit - und auf eine Freund und Feind gleichermaßen verwirrende Weise - changieren zwischen fortschrittsoptimistischem Aktivismus und pessimistischer, gern zynisch formulierter Politikfeindlichkeit, zwischen konservativ-patriotischer Vergangenheitsverklärung und libertärer Utopie. Immer deutlicher tritt in diesen sehr produktiven Widersprüchen bis heute die Konstanz der Selbst- und Weltentwürfe hervor, die sich im Wechsel der Erscheinungsformen behauptet - derjenigen der Kunst, aber auch derjenigen des Künstlers selbst.
Bezeichnend für Dylans romantische (und romantisch reflektierte) Orientierung an einer mündlichen Volkskultur ist der Umgang des recording artist mit den technischen Möglichkeiten des Studios. Gerade hier hat er lange und energisch einen Dilettantismus verteidigt, der in der bewussten Selbstbeschränkung der technischen Mittel Spontaneität und Beweglichkeit ermöglichen, 'Authentizität' sichern, Kreativität und Produktivität erzwingen sollte. Sein erstes Album nahm der Zwanzigjährige in zwei Sessions von jeweils rund drei Stunden auf; auch spätere Aufnahmen dauerten nur in wenigen, dann allerdings immer signifikanten Fällen länger. Immer wieder wird technische Perfektion ebenso offensiv sabotiert wie die Sicherheit der Routine; immer wieder wird mit einer verblüffenden narzisstischen Kessheit die eigene Improvisation über alle technischen Erfordernisse des Mediums gestellt (einschließlich der kleinlichen Forderung, nur in Richtung des Mikrofons zu singen) und ohne Rücksichten auf die doch von ihm selbst ins Studio geholten Begleitmusiker durchgesetzt.
Von den 1960er Jahren bis 1997 gleichen sich die Berichte von Produzenten und Studiomusikern darüber, wie Dylan während laufender Aufnahmen unvermittelt Tempo und Tonart ändert, um die Begleitmusiker und sich selbst zu 'lebendigen' Improvisationen zu zwingen. (Während der ersten Phase der "Never Ending Tour" hat er das zuweilen auch auf offener Bühne getan: etwa den Anfang eines Songs intoniert, um in dem Augenblick, in dem die Band einfällt, in einen anderen zu wechseln.) Nicht selten werden die Songs erst im Studio beendet - manchmal überhaupt erst dort geschrieben, während der Aufnahmen, zum Beispiel deshalb, weil ein anderer Song nicht gelingt, oder einfach, weil noch ein Titel für das Album fehlt - und dann in einem einzigen Take aufgenommen, so das komplette Album The Times They Are A-Changing oder noch Songs wie 'Man in the Long Black Coat' (1989).
Umgekehrt können brillante Einfälle, bei denen zufällig kein Aufnahmegerät lief, achselzuckend für immer verworfen werden. Bob Johnston, der Produzent der drei großen Rock-Alben, hat berichtet, wie er sich angewöhnt habe, die Aufnahmegeräte einfach pausenlos mitlaufen zu lassen, da Dylan manchmal ohne Ankündigung zu spielen begonnen, manchmal aber auch ebenso plötzlich eine gerade improvisierte Version für endgültig und unwiederholbar erklärt habe. Eine unbestimmte Zahl von Songs muss deshalb als verloren gelten. Während die veröffentlichten Alben oft eher zufällige, durch Glück und günstige Tagesform zustande gekommene Momentaufnahmen präsentieren, sind einige Meisterwerke bis heute nur in Form illegaler Aufnahmen zugänglich - oder müssen aus nach und nach erschienenen, disparaten Einzelveröffentlichungen auf Dylans Greatest Hits-Kompilationen, Sammlungen wie The Gaslight Tapes 1962, Biograph und der Bootleg Series rekonstruiert werden. Manche der offiziellen Alben besitzen deshalb einen nie zusammenhängend veröffentlichten Doppelgänger (so das Debüt Bob Dylan in den Minnesota- und Gaslight-Tapes, so auch Shot of Love und Infidels), manche mussten erst durch nachträgliche technische Bearbeitungen in ihren ursprünglich gewollten Zustand gebracht werden.
Diese Studiofeindlichkeit hat Dylan allerdings nicht gehindert, immer wieder auch das Verhältnis von Rockmusik und Medien neu zu definieren - in experimentierenden Verbindungen von Musik und dokumentarischem oder erzählendem Film (vom cinéma vérité in D. A. Pennebakers Dylan-Film Don't Look Back über die potenzierten Fiktionen in Renaldo and Clara bis zur autobiographischen Erzählung in Scorseses No Direction Home), in der Hinzufügung von Gedichtzyklen und Prosadichtungen zu Schallplatten, im ersten Filmclip der Rockgeschichte ('Subterranean Bomesick Blues' als Prolog zu Don't Look Back), dem ersten Konzeptalbum im strikten Sinne (Bringing It All Back Home), dem ersten Doppelalbum (Blonde on Blonde) - und natürlich im dramatischen Wechsel von der Elektrifizierung des Folk 1965 über die Rückkehr zur akustischen Folk- und Country-Musik gut zwei Jahre später bis zu einer geradezu fundamentalistischen Verwerfung der elektronischen Medien (im Essay zu World Gone Wrong). Und so fort.
Dylans im Wortsinne romantisches Leitbild ist trotz all dieser Experimente immer eine der Anonymität angenäherte performing art gewesen, die von wandernden Sängern in einer mythisch verklärten Popularkultur ausgeübt wird (das kann das vorindustrielle Amerika des Westens oder der Südstaaten sein, das Schottland der Volksballaden, aber auch die Märchenbühne des Las- Vegas-Elvis) und in der die Grenzen zwischen Poesie und Musik ebenso verschwimmen wie die zwischen Originalität und Adaptation kollektiver Traditionsbestände, zwischen dem 'reinen' Kunstwerk und der einmaligen Aufführungssitualion. Ein wesentlicher Teil von Dylans Lebenswerk speist sich daraus, dass und wie er dieses archetypische Muster an unterschiedlichen Orten der Popularkultur wiederentdeckt und in veränderten Konstellationen inszeniert.
Soviel Dylan, der ebenso rastlos neugierige wie radikal unsystematische Leser, dabei zeitweise auch aus der europäischen Literatur und Musik übernommen hat, so beherrschend bleibt doch die Vergegenwärtigung spezifisch amerikanischer Mythen - und ihrer musikalischen Ausdrucksformen. Ohne die Bilder und Rollenmodelle der Frontiermen und Lumberjacks, der Seefahrer und Hobos, der wandernden carnival und medicine shows, der Beatniks und Blues-Magier, ohne die Geschichten und Mythen des Bürgerkriegs und der Depression wäre sein Werk so wenig zu denken wie ohne jene Musiktraditionen, die Dylans eigenes Schreiben von Anfang an bestimmen und zu deren leidenschaftlichem Archivar er heute geworden ist. Es sind gleichermaßen die 'schwarzen' und die 'weißen', samt ihren Analogien, Überschneidungen und Mischformen, von den romantisierten Erinnerungen britischer Einwanderer an die minstrels des europäischen Mittelalters bis zur "blackface minstrelsy", auf die "Love and Theft" anspielt, von Charley Patton bis zu Hank Williams, vom frühen Jazz bis zum Rock 'n' Roll. "The folk and blues tunes", erinnert sich Dylan in Chronicles an seine frühen Prägungen, "had already given me my proper concept of culture". Das ist ein großes Wort, und es ist kaum übertrieben. Was immer Dylan im Laufe der Zeit an musikalischen und literarischen Einflüssen aufnimmt und verarbeitet; es wird integriert in dieses ursprüngliche "concept of culture".

© 2007 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart
Pressestimmen

Heinrich Detering, geboren 1959, Professor für Neuere Deutsche Literatur in Göttingen, hat nun ein Reclam-Bändchen über Dylan geschrieben, das trotz der Vielzahl einschlägiger Publikationen bis jetzt gefehlt hat. Es ist ein rundherum solides, kluges, kenntnisreiches und keineswegs unkritisches Buch, das mit dem geübten Blick des Literaturwissenschaftlers nicht nur die Dylan-Songs, sondern die ganze Künstler-'Persona' unter die Lupe nimmt. Als Biograph ist Detering gewillt, nicht in die Realismusfalle zu tappen (...). Die Kunstfigur Dylan, so zeigt Detering, ist wandelbar wie nur wenige, und zugleich arbeitet sie mit einem festen Bestand von Formen und Motiven. Das wirksamste dieser Motive ist der Rückgriff auf eine spezifisch amerikanische Überlieferung, auf den Song ...
Süddeutsche Zeitung

Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering wagt es, den "ganzen" Dylan auf gelbe Reclamgröße zu verdichten, und gewinnt. Belesen, klug und schwungvoll breitet er die Geschichte des Minstrel Boy aus, analysiert und macht süchtig, die Songs neu zu hören. (...) Sympathisch verteidigt Detering geschmähte Werke wie Self Portrait oder Pat Garrett und hält den Spannungsbogen bis zu Bob Dylans großem Spätwerk und seinen archäologischen Meisterwürfen im Radio und in Buchform (Chronicles). (...) Diesem Buch darf man vertrauen.
Die Zeit

Unterm Strich werden schöpferische Höhenflüge und Tiefpunkte in Dylans Schaffen hier sehr sachkundig, detailliert, gescheit und luzid analysiert. Damit ist Deterings Buch eine exzellente Einführung in und wegen der einfühlsamen und nachvollziehbaren Deutungen auch ein hervorragender Überblick über das Werk dieser "Kunstfigur", die sich als Bob Dylan zu Beginn der 60er Jahre erfunden hatte, nur um sich ständig zu wandeln und immer neu zu erfinden. Sehr erfreulich bei aller Bewunderung: Diese Monographie ist keine Hagiographie!
Stereo

Souverän jongliert Detering das Material aus Bekanntem und weit her Geholtem über einen, der von 1959 an den Masken- und Namenswechsler Bob Dylan in die Welt entließ. (...) Fasziniert von der Spannung, die zwischen illiterater Popular- und avantgardistischer Bildungskultur, konservativer Rückwendung und der Suche nach permanenter Innovation entsteht, hat Detering ein dichtes Deutungsangebot gemacht, das nicht zuletzt zum Hören und Sehen ermuntert. Ein reclam-gestütztes "Bringin It All Back Home".
Frankfurter Rundschau

Deterings Essay liefert weder Pop-Klatsch noch Heiligenlegenden. Er fragt nach den Beziehungen der Künste in diesem Werk, nach Dylans Poetik; er verfolgt dessen Rollen- und Stilwechsel im Kontext der amerikanischen Kultur und interpretiert beispielhafte Songs von den frühesten Versuchen bis zu den literarischen Arbeiten und Alben der jüngsten Zeit.
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Detering hat den Versuch unternommen, das monumentale Werk Dylans schlüssig zu präsentieren. Es ist ihm gelungen!
eclipsed

Es ist Heinrich Detering hervorragend gelungen, Dylans Schaffensphasen ihrer Bedeutung entsprechend zu gewichten. (...) Deterings Arbeit ist nicht nur eine kompetente Einführung für Anfänger, sie ist auch eine Übung für Fortgeschrittene, die ihr Wissen auffrischen wollen.
konkret

... ein kleiner Führer durch Leben und Werk, dessen große Stärke in seiner Deutungs- und Interpretationskunst besteht. Dabei besteht die Aufgabe vor allem darin, den äußerst wandlungsfähigen Dylan in seinen verschiedenen Rollenspielen zu beschreiben und in jeder Rollenfixierung gleichsam schon die Anlage zu einem erneuten Umbruch zu wittern.
Die Welt

Aus der Flut der Dylan-Literatur verdient eine neue Monographie hervorgehoben zu werden: Der Germanist Heinrich Detering legt eine (...) intelligente, originelle und glänzend geschriebene werkgeschichtliche Skizze vor. Als Thomas-Mann-Spezialist hat Detering ein besonderes Gespür für Dylans Versteckspiel mit Zitaten.
NZZ am Sonntag

Ein glänzender Essay zu einem unschlagbaren Preis.
Die Berliner Literaturkritik

Als Literaturwissenschaftler interessiert sich der Autor weniger für biografische Details, die Fans sowieso auswendig kennen, sondern mehr für die poetischen Rollenspiele, mit denen Bob Dylan in den letzten 50 Jahren immer wieder verblüffte und die Rockmusik bereicherte. Detering gelingen dabei stets erstaunlich präzise Werk- und Songanalysen.
Stuttgarter Nachrichten

Sollten Sie in diesen Tagen ein kleines Geschenk mit großer Wirkung suchen, dann kaufen Sie dieses Buch. Oder am besten gleich zwei, denn Heinrich Deterings "Bob Dylan" sollte in keiner Tasche fehlen. (...) Der sprachlich versierte und inhaltlich ambitionierte Autor versteht es, sowohl Einsteiger als auch Dylanisten zu packen (...). Das einzig Negative an dem Werk: Die 184 unterhaltsamen Seiten sind viel zu schnell gelesen.
Leipziger Volkszeitung

Wer Bob Dylan mag, wird diese elegante Geschichte seines Lebens und seiner Musik sowieso mit Vergnügen und Interesse lesen. Wer mit Bob Dylan bisher vielleicht nicht so viel anfangen konnte, kann sie auch lesen: Als Lebensgeschichte eines herausragenden Individuums in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Heinrich Detering erzählt chronologisch, und so folgt man diesem an rasanten Aufschwüngen und tiefen Abstürzen reichen Leben mit Spannung ...
Berliner Morgenpost

Bravo Heinrich Detering and Reclam publishers!
The Dylan Daily