Detering, Heinrich: Bob Dylan

3., durchges. und erw. Aufl. 2009
248 S. 13 Abb.
ISBN: 978-3-15-018662-6
Kein anderer Künstler hat die Entwicklung der Rockmusik so nachhaltig und ausdauernd bestimmt wie Bob Dylan. Heinrich Detering zeichnet Leben und Werk des 'Song and Dance Man' Dylan eindringlich nach. Eine Literaturliste und eine Diskographie vervollständigen den Band, der jetzt in 3., erweiterter Auflage vorliegt, fortgeschrieben bis zum brandneuen Album "Together Through Life".
Alias
Ein Song für Woody (1955–1964)
Verrat auf Raten (1963–1964)
Outlaw Blues (1965–1966)
Visionen von Johanna (1966)
Der Drifter entkommt (1966–1969)
Der Tod des Autors (1970–1973)
Blut in den Spuren (1973–1974)
Rollender Donner (1975–1977)
Erlöst (1978–1981)
Der Feind im Innern (1982–1988)
Niemals enden (1988–2009)
Erbarmen (1989–2001)
Liebe und Diebstahl (2001–2006)
Moderne Zeiten (2006–2007)
Traum der Gemeinsamkeit (2008–2009)
Radiozeit (2006–2009)
Chronicles (2004 …)

Diskographie
Bibliographie
Filmographie
Abbildungsnachweis
Personenregister
Detering, Heinrich Heinrich Detering, geb. 1959; Studium der Germanistik, Evangelischen Theologie, Skandinavistik und Philosophie in Göttingen, Heidelberg und Odense, Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, in Göttingen Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Direktor des Zentrums für komparatistische Studien. 2003 "Preis der Kritik" für seine Veröffentlichungen u. a. in literaturen und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2009 Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis für hervorragende wissenschaftliche Leistungen.

Interview mit Heinrich Detering

Ihr Buch skizziert die Geschichte von Bob Dylans Werk. Wo ziehen Sie bei der biographischen Darstellung die Grenze, um nicht in die „biographische Falle“ zu tappen?

Das Buch soll einführen in die Entwicklungen und Ausdrucksformen von Dylans Kunst. Dabei gilt die Faustregel: Soviel Biographie wie nötig, so wenig wie möglich. Soweit Dylan selbst bestimmte Erfahrungen und Lebensumstände zum Thema dieser Kunst macht, muss auch ich darauf zu sprechen kommen – und dabei doch niemals aus dem Blick verlieren, dass „Bob Dylan“ der Name einer Kunstfigur ist, die Robert Allan Zimmerman um 1959 erfunden und mit der er sich (wie er selbst sagt: zeitweise) identifiziert hat. Selbst sein autobiographisches Buch „Chronicles“ ist vielleicht doch eher ein Bildungsroman als eine dokumentarisch glaubhafte Autobiographie. Und auf die ewige Fan-Frage nach biographischen Grundlagen seiner Songs hat Dylan in einem Interview ironisch geantwortet: „Sometimes the ‚you’ in my songs is me. You have to find out who is who.”

Sie vergleichen Bob Dylan an einer Stelle Ihres Buchs mit Thomas Manns Felix Krull: Gehören die zahlreichen Rollenwechsel und Neuerfindungen des eigenen Ich wesentlich zur Kunst Bob Dylans?

Das tun sie ganz sicher, angefangen eben mit dem neuen Namen. Nur muss man, glaube ich, auch hier einer neuen Trivialisierung ausweichen, dem Gegenteil der „biographischen Falle“, nämlich der Reduktion dieses Künstlers auf nichts als Masken. Ein zentrales Thema in Dylans Werk ist immer – und keineswegs nur auf ihn selbst bezogen – die Spannung zwischen den wechselnden Rollen, die sich für uns alle schon aus der Sprache ergeben, und dem nie auszusprechenden Geheimnis des Ich, das doch als Geheimnis bewahrt und verteidigt werden soll. „When asked to give your real name“, schreibt er in einem frühen Gedicht, „never give it.“ Auch seine eigenen Rollenspiele scheinen in den letzten Jahren einem doch ziemlich stabilen öffentlichen Selbst-Bild gewichen zu sein.

Bob Dylan erwies sich in den vergangenen Jahren als enorm produktiv. Zu welchen Ufern bricht er derzeit auf (oder wohin kehrt er zurück)?

Es gibt ein paar Grundkonstanten, die seine Songs immer neu umkreisen, künstlerische, moralische, religiöse; das wird wohl auch in der nächsten Zeit so bleiben. Weitergehen werden auch seine Experimente mit einer romantischen Universalpoesie für das 21. Jahrhundert. Zunehmend aber spielt für ihn jetzt, zwischen Einsamkeitspathos und negativer Theologie, die Frage nach den Möglichkeiten eines menschlichen Miteinanders unterhalb der stets beargwöhnten „political world“ eine Rolle, wie er sie nur halb ironisch in seiner Radiosendung über „Friends and Neighbors“ erörtert hat. Dass er jetzt, nach den Tex-Mex-Klängen von „Together Through Life“, auf eine wunderbar provozierende, den Kitsch bei den Hörnern packende Weise eine Sammlung amerikanischer Weihnachtslieder veröffentlicht, deren Erlös den Ärmsten in Amerika zugute kommen soll, ist vielleicht eine – wie immer bei ihm: ziemlich schräge – Antwort.