Stamm, Rainer:

Stamm, Rainer: "Ein kurzes intensives Fest". Paula Modersohn-Becker. Eine Biographie

260 S. 32, teils farb. Abb.
ISBN: 978-3-15-020171-8
Paula Modersohn-Becker ist die bahnbrechende Künstlerin auf dem Weg in die Moderne. Rainer Stamm, Leiter des Paula Modersohn-Becker Museums in Bremen, hat ihr Leben nachgezeichnet. Auf der Basis reichen dokumentarischen Materials entsteht das anschauliche Bild einer beeindruckenden Persönlichkeit – auf der Suche nach ihrem eigenen Weg als Frau und Malerin zwischen Worpswede und Paris.
Das spornt auch meinen Ehrgeiz an: Dresden, Bremen und London, 1876 bis 1895
Ich lebe jetzt ganz mit den Augen: Berlin, April 1896 bis Juli 1897
Ein Leuchten und Flimmern: Worpswede und Berlin, Juli 1897 bis Mai 1898
Ein Ringen und Kämpfen: Worpswede, September 1898 bis Dezember 1899
Fitgergespräche: Bremen, Dezember 1899
Eine neue Welt: Paris, Neujahr bis Juni 1900
Das Land der Sehnsucht: Worpswede, Juni bis Dezember 1900
Kunst und Kochen: Berlin, Januar bis März 1901
Ich werde etwas: Worpswede, März 1901 bis Januar 1903
Champagner in der Luft: Paris, Februar bis März 1903
Ich komme unsern Leuten hier wieder nahe: Worpswede, März 1903 bis Februar 1905
Riesige Sehnsucht nach Paris: Paris, Februar bis April 1905
"rücksichtslos und geradeaus malend": Worpswede, April 1905 bis Februar 1906
Ein neues Leben: Paris, Februar 1906 bis März 1907
Mir ist wunderlich zu Mute: Worpswede, April bis November 1907
Requiem
Rainer Stamm, promovierter Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler, veröffentlichte zahlreiche Beiträge zur Kunst und Literatur der Moderne und ist Herausgeber des Briefwechsels Paula Modersohn-Beckers mit Rainer Maria Rilke; von 2000 bis 2010 war er Direktor des Paula Modersohn-Becker Museums in Bremen. Seit 2006 ist er Honorarprofessor für Kunstgeschichte an der Universität Bremen, seit 2010 Leiter des Niedersächsischen Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg.
Das Land der Sehnsucht
Worpswede, Juni bis Dezember 1900


Das zweite Halbjahr des Jahres 1900 wird für Paula Becker zu einem zentralen Abschnitt ihres Lebens. Sie ist nun vierundzwanzig Jahre alt und zurück in jenem spröden Land der Träume, nach dem sie sich in Paris so sehr gesehnt hat. Hier wird sie die Liebe finden und einem neuen Freund begegnen: Rainer Maria Rilke, dem sie – in unterschiedlichsten Konstellationen und Intensitäten – bis zu ihrem Tod verbunden bleibt.
Zunächst beginnt jedoch ein Schaffensrausch der Malerei. Endlich kann sie anwenden, was sie in Paris und in den Jahren zuvor gelernt hat. Endlich findet sie zur Farbe zurück. Endlich kann sie ihre Vorstellungen von Bildern, die sie malen möchte, verwirklichen.
Beim Bauern Brünjes im Worpsweder Ortsteil Ostendorf, gegenüber von Vogelers Barkenhoff, mietet sie ein Atelier, das sie bis zu ihrem Tod behalten wird. Rilke wird es später wegen des Stoffs mit dem Motiv der Bourbonenlilie, mit dem Teile der Wände drapiert sind, ihr "Lilienatelier" nennen. Die Wände lässt sie, wie schon in ihrem ersten Atelier in Worpswede, farbig streichen: im unteren Drittel in einem hellen Ultramarinblau, darüber, von einer breiten rotbraunen Linie abgetrennt, in luftigem Türkis.
Tagsüber wandert Paula Becker durch die Landschaft, auf der Suche nach Eindrücken und Motiven für ihre Bilder. Ebenso wie bei ihrer ersten Ankunft in Paris die Großstadt ein Schock gewesen ist, ist sie nun wieder ergriffen von der schweren, ernsten Stimmung und der Erhabenheit der Landschaft Worpswedes, der Weite, dem tiefen Horizont und der Ruhe. "Zunächst war es ein seltsamer Eindruck für uns, auf den langen Birkenchausseen wieder in das heimatliche Land hineinzuwandern, nach dem wir uns in der Ferne gesehnt hatten", erinnert sich Clara. "Das Land war so ernst und so schwer, so dunkel, so schien es uns, und so ernst und schweigsam die arbeitenden Bauern, die rechts und links in den Torfstichen zu sehen waren. […] Wir waren tief ergriffen und bewegt von diesem Unterschied zwischen unserer jetzt kärglich erscheinenden Heimat und den Eindrücken der vergangenen Monate."
Die neue – durch den Kontrast zu Paris noch geschärfte – Wahrnehmung der stillen Landschaft und die in Paris gewonnenen Erkenntnisse über Bilder und Farben münden in neue, eigentümliche Landschaftsbilder. Diese sind keine Veduten, keine Impressionen, sondern mit kräftigem Pinselstrich gestaltete Kompositionen, in denen die Farbe zum zunehmend eigenständigen Ausdrucksmittel wird. Ungewöhnlich sind die Motive und Formate: Sie malt öde Moorlandschaften in gestrecktem Format, die dem Auge außer der Farbe selbst kaum einen Anhaltspunkt bieten, Landschaften in der Dämmerung oder bei Mondschein, die fast schon zur Monochromie neigen, Birken an Wegesrändern (siehe Farbtafel 5) und Moorkanälen, von denen sie nur die Stämme, im Anschnitt, zeigt. Die wirken wie flirrende Lineaturen, die die hochschlanken Bildformate rhythmisch zerteilen. Kurz, Paula Becker bricht auf zu einer Auffassung der Landschaft, die mit den genrehaften Szenen Mackensens oder der Feinmalerei Otto Modersohns kaum mehr etwas gemein hat.
Manchmal, erinnert sich Marie Bocks Tochter, liegt Paula Becker mit geschlossenen Augen im Gras, um sich über die Komposition eines Bildes klar zu werden, bevor sie, mit den Freundinnen, vor dem Motiv arbeitet.
In manchen Werken setzt sie behutsam, fast experimentierend, die Anschauung der Bilder Cottets um; etwa als sich, an einem der ersten Tage nach der Rückkehr aus Paris, bei einem Abendspaziergang ein reitender Bauer vor einer Windmühle vor "düsterem, flimmerndem Himmel" abzeichnet und dieser ihr somit als Don Quichotte erscheint. Oder: "Leute beim Torfmachen. Abendstimmung. Alles tief. Braun und blau mit dunkel eingesetztem Weiß und Rot." Das alles will und kann sie jetzt malen. Alles Eitle, alles Manierierte, was die Großstadt mit sich brachte, will sie abstreifen, um "einen wahren Menschen und eine feinfühlige Seele und eine Frau" aus sich zu machen.

Paula Becker weiß auch, dass sie längst erwachsen ist, dass Entscheidungen anstehen, sie steckt voller Hoffnungen und steht vor einem Scheidepunkt. Dies wird ihr vollends bewusst, als der Vater ihr mitteilt, dass die Mittel, die ihr Onkel Arthur für Ausbildung und Reise zur Verfügung gestellt hat, aufgebraucht sind. Dass sie dennoch wieder ein Atelier in Worpswede anmietet, missbilligt er und mahnt sie,
"vernünftiger Weise in die Zukunft zu sehen", einen Plan zu machen, "der nicht abentheurlich ist", und sich endlich zu entscheiden, wie es mit ihr weitergehen soll. Wieder steht eine Anstellung als Gouvernante im Raum. In ihr Tagebuch schreibt sie: "Heute hat mir mein Vater geschrieben, mich nach einer Gouvernantenstelle umzusehen. Ich hatte den ganzen Nachmittag an der trockenen Sandkuhle in der Haide gelegen und Knut Hamsuns 'Pan' gelesen."
Die Lage wird ernst. Entscheidungen sind unausweichlich. Auch die Überlegungen, sich mit Marie Bock auf künstlerische Entwürfe für eine Handweberei zu verlegen, bilden keine tragfähige Grundlage für die Zukunft. Paula Becker nimmt die Situation, vielleicht auch noch der Kontrast zwischen Paris und Worpswede, mit. Sie ist geschwächt und bekommt vom Arzt eine Liegekur verschrieben. So gewinnt sie zusätzlich Zeit, notwendige Entscheidungen vor sich herzuschieben.
In diesen Tagen notiert sie schwermütige, zugleich jedoch selbstbewusste und, unwissentlich, prophetische Sätze:

"Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes intensives Fest. Meine Sinneswahrnehmungen werden feiner, als ob ich in den wenigen Jahren, die mir geboten sein werden, alles, alles noch aufnehmen sollte. Mein Geruchssinn ist augenblicklich erstaunlich fein. Fast jeder Atemzug bringt mir eine neue Wahrnehmung von Linden, von reifem Korn, von Heu und Reseden. Und ich sauge alles in mich ein und auf. Und wenn nun die Liebe mir noch blüht, vordem ich scheide, und wenn ich drei gute Bilder gemalt habe, dann will ich gern scheiden mit Blumen in den Händen und im Haar."

© 2007 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart