Hauptmann, Gerhart: Der arme Heinrich

Hauptmann, Gerhart: Der arme Heinrich

Eine deutsche Sage. Nachw.: Martini, Fritz. 103 S.

ISBN: 978-3-15-008642-1
EUR (D): 3,40 *
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300 dpi Cover




Vorlage für Gerhart Hauptmanns 1902 erschienenes und uraufgeführtes Blankvers-Drama Der arme HeinrichEine deutsche Sage – ist die im 12. Jahrhundert entstandene gleichnamige Verserzählung Hartmanns von Aue. Das Werk gilt als das bedeutendste Zeugnis für Hauptmanns Hinwendung zur Neuromantik. Es verwandelt die mittelalterliche legendenhafte Erzählung in ein modernes psychologisches Seelendrama. Man hat den Armen Heinrich auch das "Hauptwerk jener Epoche" genannt, das erschütternde Einblicke in seine gepeinigte und oft am Rande der Verzweiflung nach einem Ausweg suchenden Seele eröffnet.

Mit einem Nachwort von Fritz Martini.

Autorinformation

Gerhart Hauptmann, 15. 11. 1862 Ober-Salzbrunn (Schlesien) – 6. 6. 1946 Agnetendorf (Schlesien).
Der Sohn eines Hoteliers begann 1878 nach dem Besuch einer Breslauer Realschule eine Landwirtschaftslehre, die er ein Jahr später aus gesundheitlichen Gründen wieder abbrach. Von 1880 bis 1882 studierte er Bildhauerei in Dresden, hörte dann Vorlesungen in Jena und entschied sich nach einem Italienaufenthalt und der Übersiedlung 1885 nach Erkner bei Berlin, Schriftsteller zu werden. Er trat dem literarischen Verein »Durch« bei, in dem die Berliner Naturalisten verkehrten, und wurde durch den Uraufführungsskandal seines Dramas Vor Sonnenaufgang (UA 1889) in der Freien Bühne berühmt. In den folgenden Jahren wechselte H. mehrfach den Wohnsitz, bis er sich 1901 in Agnetendorf (Haus Wiesenstein) niederließ. Neben dem Nobelpreis für Literatur (1912) erhielt H. zahlreiche weitere Ehrungen. In der Weimarer Republik trat er für die Demokratie ein, unterließ es dann aber, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren. Nach der »novellistischen Studie« Bahnwärter Thiel, dem ersten bedeutenden Prosawerk des dt. Naturalismus, wandte sich H. dem Drama zu und sorgte mit Vor Sonnenaufgang für den Durchbruch des Naturalismus auf der Bühne. H. nahm Anregungen von A. Holz, Henrik Ibsen und Leo Tolstoj auf und zeichnete nicht ohne melodramatische Effekte ein krasses Bild körperlichen und moralischen Verfalls, ganz im Sinn der Theorien des Naturalismus von der Determiniertheit des Menschen durch Milieu und Vererbung. Weitere ›Familiendramen‹ dieser Art folgten. Mit den Webern erreichte H.s naturalistische Dramatik ihren Höhepunkt. Das Stück verbindet detaillierte Milieuschilderung und sprachliche Genauigkeit mit entschiedenem sozialen Engagement, das von den Zeitgenossen vielfach als politisch revolutionär verstanden wurde und nicht zuletzt deswegen H.s Weltruhm begründete. Während die »Diebskomödie« Der Biberpelz mit der die Verlogenheit und Heuchelei bloßstellenden Schelmenfigur der Frau Wolff noch sprachlich und thematisch dem Naturalismus verpflichtet ist, setzt mit der »Traumdichtung« Hanneles Himmelfahrt eine neue Phase in H.s Schaffen ein: Das Werk gehört mit der Versunkenen Glocke, der »deutschen Sage« Der arme Heinrich und dem »Glashüttenmärchen« Und Pippa tanzt! zu den Stücken, die mit ihrer märchen- und legendenhaften Thematik sowie ihren mystisch-allegorischen und mythisierenden Zügen einen neuromantischen Gegenpol zum vorhergehenden naturalistischen Werk bilden. Allerdings enthalten bereits die naturalistischen Dramen traditionelle oder zeitlose Momente wie eine betonte Schicksalhaftigkeit des Geschehens, das Motiv der tragischen Blindheit u. a., während neben den Märchen- und Legendenstücken weitere Dramen mit naturalistischen Zügen entstehen. Das zeigt sich bei Stücken wie Fuhrmann Henschel oder Rose Bernd, die naturalistische Elemente (Milieu, Thematik) mit der Unausweichlichkeit antiker Schicksalstragödien verbinden. Es gilt aber auch für die »Berliner Tragikomödie« Die Ratten, symbolisches Abbild der brüchigen Fassade der wilhelminischen Gesellschaft. H.s späte Dramatik steht im Zeichen des Humanismus bzw. seiner Gefährdung: Vor Sonnenuntergang ist ein Zeugnis der Auseinandersetzung mit dem humanistischen Vermächtnis der Weimarer Klassik, ebenso die Atriden-Tetralogie, die Goethes Konzept von der ›verteufelt humanen‹ Iphigenie gleichsam rückgängig macht – auch ein Kommentar zur Zeitgeschichte. Um 1910 wandte sich H. verstärkt der Prosa zu. Die ersten Höhepunkte markieren der Roman Der Narr in Christo Emanuel Quint, die mit scharfer Kirchen- und Gesellschaftskritik verbundene Geschichte eines radikalen schlesischen Christus-Nachfolgers, und die sehr erfolgreiche Erzählung Der Ketzer von Soana, ein dionysisches Gegenstück dazu. Einen Gegenentwurf zur ›männlichen‹ europäischen Kulturtradition stellt die weibliche Insel-Utopie Die Insel der großen Mutter dar, die auf die Robinsonadentradition und auf Vorstellungen Johann Jakob Bachofens (Das Mutterrecht, 1861) zurückgreift.

In: Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren. Von Volker Meid. 2., aktual. und erw. Aufl. Stuttgart: Reclam, 2006. (UB 17664.) – © 2001, 2006 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart.



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