Harmening, Dieter: Wörterbuch des Aberglaubens

Harmening, Dieter: Wörterbuch des Aberglaubens

2., durchges. und erw. Aufl.
604 S.

ISBN: 978-3-15-018620-6
EUR (D): 12,00 *
EUR (A) 12,40 / CHF 17,90

300 dpi Cover





Das kleine verlässliche Standardwerk zum Aberglauben erscheint nun in preisgünstiger UB-Ausgabe. Es legt besonderen Wert auf eine quellenkritische Sichtung der Belege für die einzelnen Aberglaubensphänomene. "Ein zuverlässiges Nachschlagewerk, das den Bereich 'Aberglauben' ohne falsche Mythologisierungen, dafür aber mit soliden kulturhistorischen und ideengeschichtlichen Informationen gut verständlich aufbereitet." (Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde)


Leseprobe

Aberglaube. (1) Systematisch: A. heißt jener Glaube, der hinter u. in den Dingen verborgene, rational nicht begründbare, anonyme o. personifizierte Kräfte vermutet, die zum Zwecke der Zauberei u. des Wahrsagens aktiviert werden können. Auf den Bereich der Magie u. des Wahrsagens bezogen, unterscheidet sich der Begriff von dem des Volksglaubens u. der Volksfrömmigkeit.
(2) Historisch: Vergleichbar ähnlichen mhd. Wortbildungen wie ›Abergunst‹ für Mißgunst, ›Aberwitz‹ für Unklugheit, bedeutet A. ursprünglich ›Mißglaube‹, ›verkehrter Glaube‹. Das Wort erscheint im 15. Jh. u. setzt sich im 16. Jh. als Ersatz für das lat. superstitio durch, das psychische Überspannung, Exaltation, ängstliche Übererregung angesichts des Jenseitigen bezeichnet. Polemisch verweist der Begriff sowohl auf ein intellektuelles als auch ein moralisches Manko, auf einen falschen Glauben u. eine überängstliche moralisch-psychische Fehlhaltung in religiösen Dingen. In diesem Sinn wird der Begriff in der Auseinandersetzung mit der antiken Religion gebraucht (Augustinus). Der Abergläubische wird als der durch den biblischen Sündenfall in seiner Vernunft verdunkelte, unwissende Mensch begriffen, A. somit von der versehrten Natur des gefallenen, unerlösten Menschen her gedeutet. Polemisch aufgeladen, erscheint der Begriff zum wissenschaftlichen Gebrauch ungeeignet. Definiert man ihn jedoch streng inhaltlich, so umgreift er die Techniken der Wahrsagung (Divination), der Glücksgewinnung u. Schadensabwehr (Observation) sowie die Praktiken der Magie u. Zauberei. Die christliche Theologie des MA u. der Neuzeit erklärt die verschiedenen abergläubischen Manipulationen, Worte, Gebräuche u. Riten als Elemente einer Sprache mit Dämonen, über deren semantischen Gehalt prinzipiell Übereinkunft zwischen Menschen u. Dämonen getroffen werden müsse. Diese Übereinkunft (›pactum‹) kann stillschweigend vorausgesetzt o. ausdrücklich gemacht werden. Immer jedoch setzt, unter diesen Aspekten, abergläubische Praxis, die demzufolge keine kausative, sondern semantische Funktion hat, einen Dämonen- bzw. Teufelspakt voraus. Unter der Voraussetzung, daß alles, was sichtbar in der Welt geschehe, auch durch Dämonen bewirkt werden könne (Thomas v. Aquin), wurde A. zu einer umfassenden Bedrohung gemacht, als welche ihn der Hexenglaube des späten Mittelalters u. der Neuzeit auch empfunden hat. Die Philosophie der Aufklärung u. die wissenschaftliche Weltanschauung des 19. Jh. begreifen A. nicht als Folge der Sünde, sondern als Ausdruck eines noch unfreien, unmündigen u. in überkommene Vorurteile verstrickten Bewußtseins. Die Ethnographie u. die Mythologie-Forschung des 19. Jh. studieren Formen des A. weitgehend unter einem evolutionistischen Gesichtspunkt als fossiles Relikt untergegangener religiöser Welten u. mythischer Weltbilder. Die gegenwärtige volkskundliche Forschung begreift unter A. alle Formen der Zauberei bzw. Magie u. des Wahrsagens. Nach Oberbegriffen eingeteilt, unterscheidet sie zwischen ›Observation‹ (Beachten vorbedeutender Zeichen u. [un]günstiger Zeiten; Befolgen herkömmlicher Regeln), ›Divination‹ (wissenschaftlich-technische Wahrsagekunst: Astrologie, Chiromantie u. ä.) u. ›Zauberei‹ (Magie). Ziel der Forschung ist, die Herkunft des A. aus früheren Glaubens- u. Wissenssystemen zu verstehen, ihn als geschichtliches Phänomen zu begreifen. Spätantik-neuplatonische Kosmologie, mittelalterliche Dämonologie, jüdische Kabbala, renaissancezeitliche Astrologie, Alchemie, Magie u. naturphilosophische Spekulation, moderne physikalische, medizinische u. pharmazeutische Forschung gehören zu den zahlreichen Wissensbereichen, denen sich superstitionsgeschichtliche Herkunftsforschung zuzuwenden hat. Weiterhin verfolgt sie Fragen nach ethnischer u. sozialer Bindung des A. nach seiner sozialen Funktion u. soziokulturellen Bedeutung.

Böser Blick, lat. ›fascinatio‹, ›Verhexung‹ durch neidische Blicke; griech. ›baskanía‹ (eigtl. ›Neid, Mißgunst‹); ital. ›mal’occhio‹; engl. ›evil eye‹. Das Auge ist nicht nur ein empfangendes, sondern im Glauben der Völker auch ein sendendes Organ, dem schädliche, gefährliche, giftige, tödliche Strahlungen zu entströmen vermögen. Er wird v. a. als Neidblick empfunden. Kinder sind besonders gefährdet von ihm; aber auch Bräute, Schwangere, das Gelingen bestimmter Arbeiten (Buttern, Kochen, Backen). Selbst Gegenstände, etwa Waffen, werden durch ihn untauglich zum Gebrauch gemacht. Redewendungen von ›stechenden‹, ›bohrenden‹, ›giftigen‹ o. ›tödlichen‹ Blicken können auf ihn verweisen. Fahrende, Zauberer, Hexen u. Huren besitzen ihn; ebenso Hebammen; Gelehrte, Geistliche u. alte Frauen; einzelnen Familien ist er eigen, ganzen Völkern (Illyrier, Skythen), Geistern, Dämonen, dem Teufel natürlich u. besonderen Tieren (Basilisk). Man erkennt ihn an starren, schielenden, zitternden, roten, entzündeten Augen, an den Farben der Iris, doppelten Pupillen, an Augenflecken, an zusammengewachsenen o. buschigen Augenbrauen. Er bewirkt Kopfschmerzen, Krämpfe, Lähmungen, Ohnmachten, Impotenz, Sterilität, Schwindsucht, Irresein und Tod: »Häuser stürzen ein, Spiegel zerspringen, Kronleuchter und Bilder fallen herab, Kleider fangen an zu brennen, Steine zerspringen, Quellen versiegen, ja selbst die Erde fängt an zu beben, Vulkane speien Feuer und der Himmel kann zerbrechen; kurz, die gesamte Natur ist dem bösen Blick untertan« (S. Seligmann: HDA 1,688). Aus der Antike stammen erste Versuche einer rationalen Erklärung des Phänomens. Plutarch sieht seine Gefahren in einem ›Fluß‹ (›reúma‹) gegründet, in dem der Neidblick entströmt; und daß besonders Kinder von ihm gefährdet seien, liege daran, daß sie eine »weichliche Konstitution« besäßen, während ältere Menschen »feste und dichte Körper« hätten (Quaestionum convivalium libri 5,7). Konrad v. Megenberg vertritt u. a. die Überlieferung, der Blick menstruierender Frauen beflecke Spiegel: »daz aug versêrt oft den luft und die tier, die ez ansiht, dar umb daz in dem leib des augen fauleu fäuhten ist und vergifter dunst. alsô seh wir an frawen, die irn mônâtganch habent, daz si di newen spiegel fleckot machent« (Buch der Natur 1,5). Unter Einfluß arabisch-neuplatonischer (Neuplatonismus) Vorstellungen wird dann seit dem 13. Jh. der B. B. analog zu den Einflüssen der Planeten o. den Strahlen der Sonne erklärt (Roger Bacon; bei Thorndike, History 2, 667). Neuere Erklärungen verweisen auf Hypnose u. Suggestion, auf einen spezifischen Magnetismus (Mesmer), der den Blicken entströme, auf Elektrizität o. auch auf eine gewisse Radioaktivität des Auges. Gegen den B. B. hilft der Beifuß (Ps.-Apuleius, De herbarum virtutibus 10,5: »avertit oculos malorum hominum«) u. schützen Spiegel u. Amulette mit Abbildungen von Augen, Händen o. Phalloi; man spuckt gegen ihn aus (Speichel) o. zeigt die ›Feige‹ (Daumen). Zahlreiche Segen gelten den kleinen Kindern: »Hat dich der Teufel angesehen Mit seinen Bösen augen So seh dich kind Mutter Maria Mit ihren Guten Augen an« (frühes 19. Jh.; Spamer, Romanusbüchlein 113).

Kobold, mhd. kóbold u. kobólt, wohl aus den Bestandteilen koben, koven ›Verschlag‹, ›Stall‹, ›Hütte‹, ›Gemach‹, u. hold wie in ›Unhold‹ gebildet; Name für ›Hausgeist‹. K.e sind dämonische Wesen, die sich zumeist ständig im Haus aufhalten. Sie besitzen menschliche o. tierische Gestalt o. sind unsichtbar. Sie bringen Wohlstand, arbeiten hilfreich u. heimlich, treiben aber auch Schabernack, kichern u. lachen. Man darf sie nicht beleidigen, sonst rächen sie sich grausam o. lärmen (Lärm) u. poltern (Klopfen). Man kennt sie mit Namen: Bobbele, Popel, Butz(ele), Schrägele, Schräkel, Schrezlin (15. Jh., bei Michel Beheim), Jokele, Käsperle, Stoffel, Klopfer(le), Hänschen, Heinzlein (Luther, Tischreden 6,6833: »Von einem Teufels-Heinzlein«), Heinzelmann, Heinzelmännche. Sie werden als alte Herdgottheiten (Penaten) gedeutet (Grimm, Mythologie 1,413 f.), als Ahnengeister, Wiedergänger o. als Naturdämonen (Dämonen). Man darf K.e für ihre Dienste nicht beschenken (Kleider, Schuhe), sonst fühlen sie sich ›ausgelohnt‹ u. verschwinden für immer. Andererseits wird man ihrer ledig durch Gebet u. Weihwasser (Thietmar v. Merseburg, Chronik 7,68), durch Bann, Fluch, durch Auskehren mit einem neuen Besen (vgl. Lk 11,24 ff.), durch Läuten von Glocken, durch Niederbrennen des Hauses (Grimm, Sagen 1,72) o. mit Hilfe eines Bären, wovon die mittelalterliche Erzählung vom Schrätel und Wasserbär berichtet (ed. GA 3,261–270).


© 2009 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart

Pressestimmen

Dieter Harmening hat sein handliches "Wörterbuch des Aberglaubens" mit wissenschaftlicher Akribie konzipiert. Er gestattet einen umfassenden Einblick in eine sinistre und magische Welt. Man findet viel spannenden Lesestoff in diesem kundig zusammengestellten Nachschlagebuch.
Rhein-Neckar-Zeitung

Das Kompendium bietet von Alraune bis Zosimos, von Bibliomantik bis Würfeln einen informativen Einblick in die Welt des Mythischen und Magischen, aber auch der Volksheilkunde oder der Kabbalistik.
Badische Neueste Nachrichten

Der Benutzer erhält ein zuverlässiges Nachschlagewerk, das den Bereich "Aberglauben" ohne falsche Mythologisierungen, dafür aber mit soliden kulturhistorischen und ideengeschichtlichen Informationen gut verständlich aufbereitet.
Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde

Harmening deckt Wurzeln des Aberglaubens im antiken Gedankengut und Verbindungen zur christlichen Glaubenswelt auf: Das informative Nachschlagewerk wird so zugleich zum Ausweis einer kulturgeschichtlich fundierten modernen Aberglaubenstheorie.
Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte

Mit Dieter Harmening spricht ein Fachmann par excellence. (...) In den mehr als tausend Lemmata ist der quellenhistorische Nachweis des superstitiösen populären Wissens zentrales Anliegen. Die langjährigen Forschungsergebnisse des Autors und seine enorme Quellenkenntnis finden hier Eingang. (...) Trotz des handlichen Formats und des geringen Raumes wird hier umfassend, fach- und sachkundig das schwierige wie heikle Thema "Aberglauben" in den Griff bekommen.
Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde

Mit seiner Mischung aus Sachwörterbuch, Einführung in den Forschungsgegenstand und Literaturüberblick bietet Harmening den derzeit aktuellsten, wissenschaftlich anerkennenswertesten und unter den neueren einbändigen Handbüchern wohl auch besten Überblick über den Themenbereich. (...) Positiv gesondert hervorzuheben ist Harmenings geschickte Artikelstruktur. Er sorgt jeweils für überschaubare Länge, knüpft aber über Verweisstichwörter ein dichtes Netz von Beziehungen, so dass Benutzer/innen selbst den Umfang dessen, was sie jeweils an Informationen benötigen, steuern können.
Perspicuitas

Die einzelnen Beiträge sind auch einem nicht Vorgebildeten verständlich, sehr informativ und mit vielen Quellenhinweisen versehen. Für eine schnelle, zuverlässige Auskunft ist das Buch sehr hilfreich.
Mannheimer Morgen

In kurzen und übersichtlichen Texten präsentiert der Autor Sachartikel, Biographien, systematische und theoretische Abhandlungen. Die umfangreichen Quellenangaben und Quellenzitate lassen den Ursprung superstitiöser Formen besser verstehen, der häufig nicht im vorgeschichtlichen Heidentum zu suchen ist. In mehr als 1.000 Stichwörtern, die auf den neuesten Stand der Forschung gebracht sind, wird ein durchaus kritischer Blick auf magische Denkweisen und Geisterglauben geworfen, der Verhaltensweisen der Gegenwart besser verstehen lässt.
Kärtner Kirchenzeitung

Ein absolutes Muss für jede private Bibliothek.
www.kunst+bücher.at

Über den Aberglauben und sein Umfeld ist schon vieles geschrieben worden. Aber noch nie gab es ein Buch, das so umfassend, kompetent und vielfältig über diesen schwierigen Bereich berichtet hätte wie das neue Lexikon von Dieter Harmening. Harmening kann aus seiner stupenden Quellenkenntnis heraus die genaue Herkunft vieler populärer Vorstellungen nachweisen und damit viel zu einer wohlverstandenen Aufklärung beitragen. Schon die Vielzahl und Art der mehr als 1000 Lemmata ist erstaunlich: Es gibt solche über Fachbegriffe, über Zauberworte, über bedeutende Persönlichkeiten, aber auch über Gegenstände und ihre Verwendung, über Verhaltensweisen und Tätigkeiten, über Pflanzen, über die Liturgie, über Zahlen und Farben und über unglaublich vieles mehr. Dabei reicht die Menge des Berichteten weit über das hinaus, was man gewöhnlich mit dem Begriff „Aberglauben“ verbindet. Harmening nimmt neue Entwicklungen, beispielsweise der Fastnachtsforschung, genauso aufmerksam zur Kenntnis wie andere Ergebnisse der jahres- und lebenszeitlichen Brauchforschung, und er gibt für seltene Denk- und Verhaltensweisen gegebenenfalls sehr nützliche Nachweise. Das Werk wird ergänzt durch ein einlässliches Quellen- und Literaturverzeichnis, das man uneingeschränkt als Fundgrube bezeichnen kann. Da Dieter Harmening nicht nur Volkskundler, sondern auch Philologe ist, erfährt man von ihm neben den Lebensdaten der Autoren auch die Entstehungsjahre wichtiger Quellenwerke und jeweils die am leichtesten zugänglichen Neuausgaben.
Literatur in Bayern

Das "Wörterbuch des Aberglaubens" ist ein handliches, umfassendes und spannendes Nachschlagewerk, das von Abracadabra bis Zauberspruch kaum einen Begriff auslässt, der irgendwann im Zusammenhang mit Magie und Volksglauben stand. Empfehlenswert!
www.netzmagazin.che

Dieter Harmening sorgt in seinen Artikeln durch zahlreiche Querverweise für Spaß am Stöbern und bringt die weite Welt des Aberglaubens so in einen sinnvollen Zusammenhang. Obgleich kultur- und religionswissenschaftlich ausgerichtet, sind die Artikel auch für Laien leicht verständlich gehalten.
pax et gaudium. Geschichtsmagazin

Ein nützliches und im Gebrauch zuverlässiges Lexikon. (...) das neu hinzugetretene, umfangreiche Register stellt eine begrüßenswerte Erweiterung dar. (...)
Es entfallen auf jeden Artikel des Haupttextes gut acht Registernachweise – eine Nachweisdichte, wie sie nur selten erreicht wird. (...) ein sorgfältig gearbeitetes Register wie dieses ist in der Lage, für jedes im Text angesprochene Begriffsfeld so ziemlich alle in Frage kommenden Aspekte zum Thema des Buches zutage zu fördern. (...) Das Register der zweiten läßt sich wegen der unveränderten Seitenzahlen auch für die registerlose erste Auflage nutzen.
IFB – Digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft

Der Inhalt des neuen Standardwerks kann sich sehen lassen. (...) Ein ausführliches Gesamtregister
sowie diverse Quellen- und Literaturverzeichnisse runden das prall gefüllte, konsequent auf
Benutzerfreundlichkeit angelegte Informationsangebot ab.
Schaumburger Nachrichten


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