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        <title>Reclam News - Neue Leseproben</title>
        <description><![CDATA[Neuigkeiten auf Reclam.de]]></description>
        <link>http://www.reclam.de</link>
        <lastBuildDate>Fri, 12 Mar 2010 19:26:23 +0100</lastBuildDate>
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            <title>Reclam.de</title>
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            <description><![CDATA[Reclam.de RSS Feed]]></description>
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        <item>
            <title>Tai-bo, Li:Gedichte</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018675-6</link>
            <description><![CDATA[VOR UNS EIN BECHER WEIN<br />
<br />
Von Osten streift ein Frühlingswind<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;uns wie im Vorübergehen,<br />
Daß im Pokal, auf dem grünen Wein,<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;winzige Wellen entstehen.<br />
<br />
Da sind die Blüten, von Wirbelgewalt<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;entführt, zu Boden gegangen.<br />
Mein schönes Mädchen ist trunken bald<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;mit ihren geröteten Wangen.<br />
<br />
Am blauen Gaden der Pfirsichbaum,<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;weißt du, wie lange der blüht?<br />
Ein zitterndes Leuchten ist es, ein Traum,<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;er täuscht uns nur und entflieht.<br />
<br />
Komm, auf zum Tanz!<br />
Die Sonne verglüht!<br />
<br />
Wer nie voll drängenden Lebens war<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;und toll war in jungen Tagen,<br />
Der wird vergebens, wenn erst das Haar<br />
&nbsp;&nbsp;&nbsp;weiß ist, seufzen und klagen.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018675-6</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Es las ein Bär ein Buch im Bett</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010726-3</link>
            <description><![CDATA[Vorwort<br />
Für Kinder<br />
 <br />
Liebe Leserin, lieber Leser! <br />
<br />
Weißt du, was deine Kuscheltiere und Puppen erleben, wenn du im Bett liegst und schläfst? Ob der Bär heim¬lich deine Bücher liest und die Puppe sich Stifte und Papier von dir ausborgt? Wenn dieses Buch am nächs¬ten Morgen auf einem anderen Platz liegt und deine Malsachen verschwunden sind, bleib wachsam! In Gedichten geschieht oft etwas Überraschendes – und in deiner Fantasie auch! Mit deinen Kuscheltieren und Puppen kannst du Texte aus diesem Buch nach¬spielen. Wenn deine Freunde und Freundinnen auch mitmachen, wird daraus ein kleines Theaterstück. Wem wollt ihr es vorspielen? <br />
Manchmal er&#64257;ndest du alles nur im ›Kopf-Kino‹ – du malst in Gedanken Bilder und er&#64257;ndest Geschichten zu einem Gedicht. <br />
Draußen kann es regnen oder schon dunkel werden, du machst es dir gemütlich – so wie die Tiere auf dem Buchumschlag von <i>Es las ein Bär ein Buch im Bett</i>. In acht Kapiteln nehmen dich die Dichterinnen und Dichter mit auf die Spielplätze, in die Kinderzimmer und in die Schulstuben von früher und heute. <br />
Wenn du ihre Gedichte liest, lernst du viele Mädchen und Jungen kennen. Auf dem Weg zum Kindergarten oder zur Schule begleitest du sie und spielst mit ihnen <br />
am Nachmittag. Du bist eingeladen zum Kinderfest oder zu einem Aus&#64258;ug. <br />
Vielleicht erinnern sich deine Eltern und Großeltern noch an ihre eigenen Spiele, Abzählverse und Lieder. Lass dir davon erzählen! <br />
Hast du manchmal Langeweile oder schlechte Laune, weil niemand mit dir spielt? Schlag einfach eine Seite in diesem Buch auf und suche ein lustiges Gedicht, ein Rätsel oder ein Spiel. Du kannst auch andere damit aufheitern oder sogar ein Wettspiel beginnen: Wer &#64257;n¬det neue Reime oder Rätsel? <br />
Den Umschlag zu <i>Es las ein Bär ein Buch im Bett </i> hat Andreas Röckener gemalt. Er hat auch die kleinen Bil¬der im Buch gezeichnet. Sicher hast du selbst noch an¬dere Ideen und malst eigene Bilder. <br />
Wer mag, kann Gedichte abschreiben, für sich selbst sammeln oder tauschen. Als Brief oder E-Mail kannst du Gedichte verschicken, wenn du an jemanden denkst und ihn überraschen möchtest. <br />
Die Sammlerinnen und Herausgeberinnen wünschen viel Vergnügen mit <i>Es las ein Bär ein Buch im Bett</i>. <br />
<br />
Ursula Remmers aus Buxtehude <br />
Ursula Warmbold aus Braunschweig]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010726-3</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Veyne, Paul:Die Kunst der Spätantike</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010664-8</link>
            <description><![CDATA[Einleitung<br />
<br />
Wann endete die Kunst der griechisch-römischen Antike? Warum und auf welche Weise mussten die Venus-Statuen, die mit mythologischen Szenen geschmückten Sarkophage und die so lebensnahen römischen Porträts den strahlenden Farben der Mosaiken von Ravenna mit ihren anonymen und stark stilisierten Personen weichen? Diese Frage erhebt sich sofort, wenn man das Relief einer Prozession aus den letzten Jahren vor der Zeitenwende (Abb. 1) mit der Darstellung einer Prozession aus dem 6. Jahrhundert vergleicht (Abb. 2). Mag die Zahl an Meisterwerken auch gering sein, so ist die Kunst der ersten vier oder fünf Jahrhunderte unserer Zeitrechnung – so lange hatte das Römische Reich im Westen Bestand – doch reich an Eigentümlichkeiten und Paradoxien. Fragen theoretischer Art stellen sich hier ganz von selbst.<br />
<br />
Diese Kunst endete nicht an einem bestimmten Datum, und sie hat nicht eines schönen Tages die Bühne der Welt einfach verlassen. Sie ist Stück für Stück geschwunden, zu unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen Gründen, je nachdem, welchen Teilbereich man betrachtet. Es lässt sich somit kein genauer Todeszeitpunkt angeben. Deshalb war die Kunst im Laufe der Jahre auch sehr heterogen geworden, sie ging eklektisch vor und war so bunt gewürfelt wie das Gewand eines Harlekins. Manche Teile dieses Gewands, darunter die eher klassischen Partien, sollten noch viele Jahrhunderte bis weit in die byzantinische Zeit hinein erhalten bleiben, während andere sehr bald das Mittelalter anzukündigen scheinen.<br />
<br />
Es gab kein Ende der antiken Kunst im eigentlichen Sinne. Was zu unterschiedlichen Epochen zu Ende ging, war die Antike selbst. Davon betroffen waren Politik, Gesellschaft, Religion und ihre spezifische Art des Denkens, während die griechischrömische Kunst ihrerseits weiterhin ihre verschiedenen kleinen Tode starb. Die Antike, so wie sie gemeinhin definiert wird, endete um das Jahr 400 mit den ersten Einfällen der Germanen oder aber im Jahre 476 mit dem Untergang des Reiches im Westen und seinem Fortbestand im Osten. Dennoch wird die antike Kunst im Westen irgendwann einmal, im 7. Jahrhundert oder noch später, als Kunst des Frühen Mittelalters bezeichnet werden, wofür die künstlerisch hochrangigen Fresken von Santa Maria Antiqua oder von Castelseprio ein Beispiel sind. Im Osten wird die antike Kunst zur byzantinischen werden und ohne stilistische Brüche (die Brüche betreffen nur die Ikonographie und Funktion) die Kunst der Spätantike fortführen. In Italien wird die Kunst, die man als mittelalterlich bezeichnen kann, erst nach dem großen Barbarenansturm des Jahres 568 ihren Anfang nehmen, und gegen Ende des 1. Jahrtausends unserer Zeitrechnung wird die byzantinische Kunst die für sie typischen Charakteristika stärker zur Geltung bringen.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010664-8</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Droste, Wiglaf:Will denn in China gar kein Sack Reis mehr umfallen?</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020177-0</link>
            <description><![CDATA[<b>Pfefferminz mit Sibiriengeschmack </b><br />
<br />
DER 13. AUGUST IST BILLY-WILDER-TAG: Man muss "Eins, Zwei, Drei" kucken. Die tragenden Säulen des deutschen Humors heißen "Lachen ist gesund", "Spaß muss sein" und "Hier hört der Spaß auf". Dieses dunstige, morastige Terrain gilt es unbedingt zu meiden. Besser lernt man bei den aus Deutschland entronnenen Komödienmeistern Ernst Lubitsch und Billy Wilder, dass nichts ist, was zu sein es scheint, schon gar nicht das sogenannte Gute. <br />
Als Billy Wilder 1961 seine rasante Komödie "Eins, Zwei, Drei" drehte, war das Brandenburger Tor noch offen. Als aber der Film in die Kinos kam, war die Berliner Mauer frisch errichtet. Das deutsche Publikum tat, wozu es fähig ist, wenn es mit Humor, also mit heucheleifreier, rücksichtsloser Klarsicht konfrontiert wird: Es nahm übel. Der Film verschwand und kam erst 24 Jahre später wieder ins Kino. So lange dauerte es, bis Deutsche bereit waren, die komischen Aspekte ihres Nationalgeteiltseins überhaupt wahrzunehmen. Allerdings blieb die Ernstnehmerfraktion, die in der Existenz zweier deutscher Staaten ausschließlich eine Tragödie und eine Katastrophe sehen wollte, stets in der Mehrheit. <br />
"Eins, Zwei, Drei" beginnt mit einer Einordnung der historischen Bedeutung dessen, was in Westdeutschland als Schandnabel des Universums galt. Die Welt aber ist erheblich größer: Am 13. August 1961 fand in Washington ein Baseballspiel der <i>Yankees</i> gegen die <i>Senators</i> statt.  D&nbsp;a &nbsp;s  war ein Ereignis, aber doch nicht der kleine Mauerbau. <br />
Auch nach geschätzten hundertmal Ankucken ist "Eins, Zwei, Drei" ein Geysir der hellen Freude und eine Lektion <br />
in Sachen Tempo, Timing und Dialogwitz. Was für ein Ideenreichtum, was für eine verschwenderische Liebe zum Detail – mit dem, was Billy Wilder hier an Einfällen verbriet, müssen unsere neuen gesamtdeutschen Komödien sonst locker 50 Jahre lang auskommen. <br />
Billy Wilder bewahrt Haltung und schlägt sich keinem Lager zu; sein Film beleuchtet die Peinlichkeiten auf allen Seiten. Und davon gibt es, zur Freude des Betrachters, jede Menge. Ausnahmslos alle Hauptbeteiligten lügen und betrügen, um ihre Ziele zu erreichen; unsympathisch werden sie dadurch nicht. Die Welt ist ein Irrenhaus; wer sich darin behaupten will, muss das wissen und entsprechend handeln. <br />
Die Ostdeutschen "marschieren, um gegen das Marschieren zu demonstrieren", eine 17-jährige Amerikanerin in Westberlin urteilt: "Die Umstürzler können’s am besten, gar kein Vergleich!" Ihre ältere Gastgeberin seufzt: "Und ich dachte, wir wären nur in der Raketentechnik zurück!" Der Gatte, Chef der Westberliner Filiale von Coca Cola, muss jeden Morgen seinen deutschen Angestellten das Gehorcheraufspringen untersagen und tut es so drastisch wie verzweifelt: "Sitzen machen!" Einen ständig die Hacken zusammenknallenden Untergebenen mit selbstverständlich abgestrittener Mitläufervergangenheit lässt Wilder dennoch den großen Satz sagen: "Die Herren Kommunisten sind eingetroffen." Ein junger ostdeutscher Parteigänger rettet eine Amerikanerin vor der Verhaftung, weil sie "eine typisch bourgeoise Schmarotzerin" und "die verfaulte Frucht einer korrupten Zivilisation" sei. Die 17-Jährige aus Georgia ist hingerissen: "Natürlich habe ich mich gleich in ihn verliebt." Und sieht selbstverständlich auch ein, dass ihre reichen Eltern leider liquidiert werden müssen. <br />
Die wollen erst mal mit dem Flugzeug in Berlin landen – <br />
was aber nur gelingen kann, "wenn diese Dreckskommunisten es nicht abschießen!" Kapitalismus ist "ein toter Hering im Mondenschein: er glänzt, aber er stinkt"; "Russland ist da zum Weglaufen, nicht zum Hinfahren", denn im Kommunismus droht jedem Selbstdenker schließlich die Haft bei Väterchen Frost, "und das Einzige, woran er sich wärmen kann, ist der heiße Atem der Kosaken". Bestürzend Ähnliches gilt auch für die Gegenseite: "Atlanta ist Sibirien mit Pfefferminzgeschmack." Kurz: Es ist alles ganz und gar wahr. Kein richtiges Leben gibt es im falschen, keinen Ort, nirgends. Wir sind verloren und müssen uns einen Reim darauf machen: Wir sind geboren. Billy Wilder lehrt uns, wie komisch das sein kann. <br />
Harmlos oder ein Spielen auf Rumhängepatt ist "Eins, Zwei, Drei" also nicht. Einen Mann mit Trenchcoat und schneidender Stimme hört man fragen: "Glauben Sie etwa, Sie können einen deutschen Journalisten bestechen?" Die lakonische Antwort lautet: "Ich hab‘s noch nicht versucht." Der Pressemann, der sich so aufspielt, wird kurz und unaufgeregt als SS-Obersturmbannführer enttarnt, der dann ganz klein laut seine bezahlte Arbeit als PR-Schranze macht. Sounds like <i>Spiegel</i>-Spirit. <br />
Es gibt auch andere gute Gründe, aber allein für Billy Wilders Komödie "Eins, Zwei, Drei" hat sich die deutsche Teilung unbedingt gelohnt. Beim nächsten Mal möge der Versuch bitte erfolgreicher sein.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020177-0</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Cato:De agri cultura / Über die Landwirtschaft</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018678-7</link>
            <description><![CDATA[Nachwort (Auszug)<br />
<br />
Stimmen zu Cato<br />
<br />
"Jener älteste der Catones, bekannt vor allem durch seinen Triumph und sein Zensorenamt, mehr freilich noch durch seine Bedeutung als Schriftsteller und durch die Lehren, die er dem römischen Volk über alle erstrebenswerten Dinge gab, vor allem über den Ackerbau, dieser nach Meinung seiner Zeit beste und konkurrenzlose Landwirt": dieses Lob des älteren Plinius (<i>Naturalis historia</i> XIV 44) umfasst die militärische, politische, schriftstellerische und praktisch-ökonomische Bedeutung des alten Cato und korrespondiert sowohl mit der zeitlich vorangehenden <i>Vita Catonis</i> des Nepos als auch mit Passagen der späteren, anekdotenreichen griechischen Lebensbeschreibung des Plutarch.<br />
Cicero erhebt den hochbetagten Cato im Dialog <i>De senectute</i> zum Führer des philosophischen Gesprächs; die Dialogpartner loben Catos "Weisheit in allen Fragen" (II 4) und sein Ansehen (III 8); Cicero lässt Cato selbst auf sein literarisches Interesse und seine schriftstellerische Tätigkeit hinweisen (VIII 26; XI 38), ebenso auf seine militärische Vergangenheit und sein juristisches und politisches Wirken (X 32; XI 38) sowie – in einer längeren Passage – auf seine Vorliebe für die Landwirtschaft und die Freuden des Landlebens (XVI 51–60), wobei er ihn seine Schrift <i>De rebus rusticis</i> erwähnen lässt (XV 54).<br />
Livius (XXXIX 40 ff.) hebt im Zusammenhang mit Catos Bewerbung um die Zensur (184 v. Chr.) dessen Charakterstärke, Geisteskraft und Klugheit hervor, die Tapferkeit in vielen Schlachten, die Erfahrung in Rechtsfragen und die Redegewalt; Cato sei zweifellos ein Mann von rauer Art gewesen, aber unbescholten und nicht korrupt. Das überwiegend positive Bild der antiken Quellen, die wohl auf einer verlorenen größeren Cato-Monographie des Nepos fußen und natürlich auch der biographischen Topik verpflichtet sind, fasst Quintilian (<i>Institutio oratoria</i> XII 11.23) zusammen: "Cato idem summus imperator, idem sapiens, idem orator, idem historiae conditor, idem iuris, idem rerum rusticarum peritissimus."<br />
Dem steht die überwiegend kritische Einstellung in der Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts entgegen, die sich vor allem auf Catos politische Position bezieht. Mommsen meint, Cato sei kein großer Mann, am wenigsten ein weitblickender Staatsmann gewesen, sondern "politisch und sittlich gründlich borniert". Klingner nennt Cato einen "verschlagenen, unheimlichen, ja rohen, barbarischen Mann", würdigt ihn aber auch als "einen der besten Römer", "überlegenen Geist" und "kühnen Neuerer". Taeger bezeichnet Cato als "engstirnig, borniert und verlogen ", Alföldi als "streitsüchtig und eigensinnig". Erst Kienast bemüht sich um eine ausgewogenere Würdigung Catos, doch neuerdings fällt Janson wieder in die Einseitigkeit zurück, indem er Cato einen "unmenschlichen Profitjäger" nennt.<br />
Die unterschiedlichen Sichtweisen sind aus Catos Persönlichkeit selbst und aus der Zeit heraus zu begründen, in der er lebte. Als <i>homo novus</i> hatte er sich im Kreis der nach wie vor führenden Adelsfamilien in besonderer Weise zu bewähren, musste die altrömischen Grundsätze, die der Adel noch immer propagierte, umso heftiger vertreten, als sie nach der Wende vom 3. zum 2. Jahrhundert, als Rom Großmacht geworden war, ins Wanken geraten waren. <i>Ubi fides maiorum</i> – "Wo sind die althergebrachten Grundsätze geblieben?" Vor dem Hintergrund dieser vorwurfsvollen Frage stellt er seine eigene Integrität und sein einfaches, arbeitsreiches Leben programmatisch heraus. Cato geißelte Nichtstun, Wohlleben und Luxusstreben der führenden Schicht und übte sein Amt als Zensor mit beispielloser Härte aus. Der Spagat zwischen den althergebrachten <i>mores</i> und den Anforderungen oder Möglichkeiten der neuen Zeit konnte natürlich nicht immer gelingen. So stellt Cato sich selbst als Vorbild hin, indem er sagt, er habe in seiner Jugend mit eigener Hand sabinisches Felsgestein in Mutterboden verwandelt, und so lobt die Einleitung seiner Schrift über den Ackerbau den (alten) Bauernstand, das ganze Werk aber spricht den modernen Grundbesitzer großen Stils an. Und nach außen hin stemmte er sich gegen den Einfluss griechischen Schrifttums und griechischer Philosophie, persönlich aber war er des Griechischen mächtig und mit griechischen Schriften vertraut. Büchner spricht von "Verachtung und heimlicher Anerkennung". <br />
So ist Cato repräsentativ für die Zeit der römischen Expansion, die durch den Zustrom ungeheurer finanzieller Mittel und ganzer Völker von Sklaven, mit dem Ende der altrömischen Landwirtschaft durch die lange Abwesenheit der Bauern, mit der Landflucht und dem Hochkommen der Steuerpächter sowie der Überdehnung der (stadt)römischen Verwaltungsstrukturen den führenden Männern erhebliche Brüche im Denken und Handeln abverlangte.<br />
Erstaunlich ist, dass es bei der Vorliebe der Römer für Ahnenbildnisse von dem größten Römer der republikanischen Zeit kein eindeutig identifi zierbares Porträt gibt. Cato selbst soll nach Plutarch (<i>Cato</i> 19.6) auf die Frage, warum es von ihm noch kein Standbild gebe, geantwortet haben: "Mir ist es lieber, wenn man fragt, weshalb ich noch kein Standbild habe, als, warum ich eins habe."<br />
<br />
…]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018678-7</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Kempner, Friederike:Kennst Du das Land, wo die Lianen blühn?</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018629-9</link>
            <description><![CDATA[Ihr wißt wohl, wen ich meine,<br />
Die Stadt liegt an der Seine,<br />
Entschieden ist’s die schönste Stadt,<br />
Die man wohl je gesehen hat,<br />
<br />
Ihr Haar ist lang und ist auch dicht,<br />
Sie hat ein wunderbar Gesicht,<br />
Und zauberhaft wie ein Gedicht<br />
Ihr Laut zu meinem Herzen spricht,<br />
<br />
Du kennst ach, die Geschichte nicht,<br />
Und wie das Herz ihr brach und bricht<br />
Der Mond mit rotem Scheine<br />
Beleuchtet Stadt und Seine.<br />
<br />
-----------<br />
<br />
Auf des Lebens Ocean<br />
Fährt der Dampfer stolz geehrt,<br />
Mancher, ach, im schwanken Kahn<br />
Stehend jeder Welle wehrt.<br />
<br />
Seht das Schiff mit sichrer Hast<br />
Fast im Hafen liegt –<br />
Und der Nachen ohne Rast<br />
Auf den Wogen fliegt.<br />
<br />
Himmelhoch und abgrundstief<br />
– Gott, der Mensch zu Hilfe rief –<br />
Endlich er vor Anker lief!<br />
Doch es rennt des Dampfers Last<br />
An der Klippen mächtgen Ast<br />
Und zerschellet Kiel und Mast. –<br />
<br />
-----------<br />
<br />
Daktylen und Jamben, Trochäen,<br />
Sie schließ ich in einen Bund,<br />
Die Regel, sie ewig zu trennen<br />
Hat keinen vernünftgen Grund.<br />
<br />
Nicht Stände gibt es und Kasten<br />
Im Reiche der Poesie,<br />
Das Mannigfache im Schönen,<br />
Es bildet die Harmonie.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018629-9</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Wetzel, Christoph :Die Bibel in der bildenden Kunst</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018571-1</link>
            <description><![CDATA[<b>Einführung</b><br> <br />
Die Bibel mit ihren Schriften des Alten und des Neuen Testaments hat seit dem Frühchristentum Künstler angeregt, sich mit ihren vielfältigen Themen auseinanderzusetzen. Dem Aufbau der Bibel vom Schöpfungsmythos bis zur Offenbarung folgend, zeigen über 150 Kunstwerke, wie biblische Ereignisse, Darstellungen und Themen in den verschiedenen Gattungen der Kunst verbildlicht wurden. Die Auswahl reicht von der Katakombenmalerei und der Gestaltung von Sarkophagen bis in die jüngste Gegenwart hinein. Besonderes Interesse gilt dabei dem im Kunstwerk erkennbaren Verständnis des Bibeltextes, dem das jeweils einleitende Zitat entnommen ist. Einführungen orientieren über die einzelnen Gruppen der biblischen Bücher. <br><br />
Die Beschäftigung mit Texten der Bibel als Quellen der Kunst schließt die Frage ein, welchen Anteil die Darstellungen biblischer Themen an deren Deutung besitzen. Dies wiederum lenkt den Blick auf die bereits im früh en Christentum entwickelte Lehre vom "vierfachen Schriftsinn" – im Gegensatz zum wortwörtlichen eindimensionalen Verständnis der Texte im Biblizismus. <br><br />
Letzterer ist eine Verabsolutierung des "buchstäblichen" oder "historischen" Schriftsinns, der auch als Literalsinn bezeichnet wird. Mit ihm beginnt ein im Spätmittelalter populärer Vierzeiler: <i>Littera gesta docet</i> ("Der Buchstabe lehrt, was geschehen ist"). Als zweites folgt: <i>Quod credas (docet) allegoria</i> ("Die Allegorie lehrt, was zu glauben ist"). <i>Moralis quid agas</i> bezeichnet den moralischen Schriftsinn über das, was zu tun ist. Der anagogische ("emporführende") schließlich – <i>quo tendas anagogia</i> – handelt vom Ziel des Glaubens. <br><br />
Besaß die Unterscheidung zwischen historischem, allegorischem, moralischem und anagogischem Schriftsinn der Bibel Bedeutung für die bildenden Künste? Oder galt hier ausschließlich der historische Schriftsinn in der Weise, in der Gregor d. Gr. um die Wende zum 7. Jahrhundert die Ausstattung von Kirchen rechtfertigte – als "Belehrung durch Bilder über den Gegenstand der Anbetung"? Wobei zu ergänzen ist, dass Gregor als Exeget der Bibel vor allem den moralischen Schriftsinn exemplifizierte, nämlich im Kommentar zum Buch Ijob, der als <i>Moralia in Iob</i> breite Wirkung erzielte. <br><br />
Demnach könnte sich die Beschäftigung mit dem vierfachen (oder auf andere Weise klassifizierten, etwa mythologiegeschichtlich entschlüsselten) Schriftsinn im Wesentlichen auf Fragen der Exegese, Dogmatik und Frömmigkeit beschränken – die mittelbar auch den Auftrag der bildenden Künste begründeten und weiterhin, zumindest in der kirchlichen Kunst, begründen. Diese Mittelbarkeit verwandelt der "allegorische" Schriftsinn in eine ikonographische Programmatik. <br><br />
Denn "allegorisch" bedeutete bis zur frühen Neuzeit in der christlichen Kunst "typologisch" und meint den Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament als Verheißung und Erfüllung. Bereits das Evangelium nach Matthäus enthält mit dem "Zeichen des Jona" das Modell dieser Typologie, indem Jesus den Vergleich zieht: "Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Innern der Erde sein" (Mt 12,40). Dieser Vers liegt dem typologischen Bildpaar zugrunde, das die Szene, in welcher der Prophet vom Fisch an Land gespien wird ( Jona 2,11), als Präfiguration der Auferstehung Christi deutet. Und in diesem Sinne befindet sich in der Sixtinischen Kapelle über dem Altar als Symbol des Opfertodes Jesu das typologische Auferstehungsbild des Jona, der dem Fisch entrinnt (S. 208). <br><br />
Derselbe Abschnitt über das "Zeichen des Jona" enthält die typologische Deutung Jesu als neuem Salomo, denn um seine Weisheit zu hören, kam die Königin von Saba vom Ende der Erde. "Hier aber ist einer, der mehr ist als Salomo" (Mt 12,42; S. 170). <br><br />
Die typologische Beziehung zwischen Altem und Neuem Testament verdeutlicht die in den Evangelien häufig wiederkehrende Wendung: "So sollte sich das Schriftwort erfüllen", etwa im Passionsbericht des Johannes: Indem die Soldaten bei Jesu Kreuzigung sein nahtloses Untergewand unter sich verlosen ( Joh 19,24), geht der Vers 19 des <br />
22. Psalms in Erfüllung: "Sie verteilen unter sich meine Kleider / und werfen das Los um mein Gewand" (zu Psalm 22 vgl. S. 160). <br><br />
Diesen allegorischen/typologischen Schriftsinn veranschaulichen die in der Regel 34 Bildergruppen aus jeweils zwei alttestamentlichen "Typen" und ihrem neutestamentlichen "Antitypus" in der <i>Biblia pauperum</i> ('Armenbibel'), und in erweiterter Form das wohl im frühen <br />
14. Jahrhundert entstandene Speculum humanae salvationis ('Spiegel des menschlichen Heils', kurz 'Heilsspiegel') eines ebenfalls unbekannten Verfassers. Auch dieses Andachtsbuch gliedert sich in 34 Kapitel von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht, doch zeigt jede Doppelseite vier Bilder. Im 8. Kapitel treten zur Geburt Jesu durch die Jungfrau Maria die alttestamentlichen Typen (der von Josef als Verheißung gedeutete Traum des Mundschenks des Pharao vom Weinstock, Gen 40,9–12, und der grünende Mandelzweig Aarons, Num 17,23) sowie die außerbiblische Szene der Marienvision des Augustus (S. 84). Der evangelische und der katholische Gottesdienst enthalten oft ein typologisches Element, indem die Schriftlesung am Altar und der Predigttext abwechselnd aus dem Alten und dem Neuen Testament stammen. <br><br />
Der moralische Schriftsinn mit seinen "Handlungsanweisungen" lässt sich neben zahlreichen Bildern über bib lische Episoden auch in einem Werk der zeitgenössischen Kunst unterstellen. Es ist das an dritter Stelle innerhalb des zweiten Schöpfungsberichts besprochene Adam-Massiv von Rudolf Hausner (S. 30) und erfährt im Zusammenhang des Umweltschutzes als Bewahrung der Schöpfung im Sinne einer Ersatzreligion gesteigerte Aktualität. <br><br />
Der "anagogische Schriftsinn" führt uns erneut ins Mittelalter mit der bereits frühchristlichen Deutung des Besuchs der "drei Männer" bei Abraham und Sara (Gen 18,1–22) als Offenbarung der Dreifaltigkeit (S. 44). <br><br />
Die einleitend unter dem Gesichtspunkt des vierfachen Schriftsinns genannten Beispiele beugen dem Missverständnis vor, das Folgende sei einer exegetischen Systematik unterworfen. Ebenso wenig herrscht eine kunstgeschichtliche Gliederung nach Epochen; Schwerpunkteverzeichnet eine Übersicht im Anhang. Statt dessen dienen die 155 Beispiele in erster Linie der Orientierung, wovon eigentlich das "Buch der Bücher" handelt. Und zwar unter der Voraussetzung, dass diese Kenntnis zum insbesondere ikonographischen Grundwissen gehört. <br><br />
Die Auswahl der Werkbeispiele umfasst alle vier Gruppen der alttestamentlichen Bücher (mit dem Buch Jona als einem Beispiel aus den Büchern der zwölf Kleinen Propheten) sowie neutestamentlich die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, eine Auswahl der Briefe (zwei Briefe an die Gemeinde in Korinth) und die Offenbarung. <br><br />
Untergeordnet, doch für die Auswahl der Werkbeispiele ebenfalls maßgeblich ist die Frage: Wo und in welcher Gattung und somit Funktion begegnen wir der biblisch motivierten Kunst. Die Ausstattung von Büchern ist durch die Buchmalerei (Kodizes der Bibel insgesamt und des Psalters sowie weiterer Teilausgaben) und durch druckgraphische Arbeiten vertreten. Werke der Tafelmalerei sind Altarbilder, Andachtsbilder und Beispiele der biblischen Historienmalerei. Zur Ausstattung von Kirchenräumen gehören die Decken- und Wandmalerei, die Mosaikkunst und die Glasmalerei. Die Gattungen der plastischen Bildwerke finden sich als Reliefs (Gewändefiguren, Sarkophag, Türflügel) und Standbilder. <br />
Zitiert wird die 1980 erschienene Einheitsübersetzung mit den Apokryphen bzw. deuterokanonischen Schriften des Alten Testaments (z. B. die Bücher Tobit, Judit, Makkabäer; vgl. Übersicht S. 84) und mit ökumenischem Psalter und Neuem Testament. Im Einzelfall wird die revidierte Luther bibel (1985) zitiert. Die v. a. terminologischen Unterschiede zwischen der Einheitsübersetzung (Katholische Bibelanstalt Stuttgart) und der revidierten Lutherbibel (Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart) beginnen bereits bei der Gruppierung der biblischen Bücher. Während die Einheitsübersetzung die Fünf Bücher des Mose von den Büchern der Geschichte des Volkes Gottes trennt, fasst die revidierte Lutherbibel beide Gruppen unter dem Begriff Geschichtsbücher zusammen. Unter demselben Begriff werden die vier Evangelien und die Apostelgeschichte zu einer gemeinsamen Gruppe verbunden. <br><br />
Zwar bestehen die ökumenischen "Loccumer Richtlinien" für die Schreibweise biblischer Eigennamen (Orte und Personen), z. B. Betlehem, Elisabet, Golgota, Goliat, Judit. Die Lutherbibel bleibt aber bei Bethlehem, Golgatha und Nazareth und sonstigen Endungen auf -th; Noach bleibt Noah, und Hiob erhält nur im Titel dieses Buchs auch den in Klammern gesetzten Namen Ijob.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018571-1</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Peters, Jörg; Rolf, Bernd :Texte und Materialien. Kant &amp; Co. im Interview</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-015062-7</link>
            <description><![CDATA[Vorwort<br />
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Häufig fällt es Schülerinnen und Schülern schwer, sich mit einigen der bedeutendsten Ideen der Philosophiegeschichte auseinanderzusetzen. Viele Texte weisen sprachlich einen kaum zu bewältigenden Schwierigkeitsgrad auf oder sie verlangen den Schülerinnen und Schülern ein zu hohes Abstraktionsniveau ab. In wiederum anderen Quellen werden so komplexe Theoriegebäude vorgestellt, dass eine große Anzahl von Schülerinnen und Schülern – sofern sie keine Orientierung finden – häufig nur sehr schwer einen Zugang zu den zu besprechenden Lehren finden. Daher ist es im Unterricht oft mühsam, einen philosophischen Text zu analysieren bzw. den Argumentationsgang zu rekonstruieren. <br />
<br />
Einen möglichen Ausweg aus dieser unbefriedigenden Situation bietet das vorliegende Buch. Gängige Ideen und Theorien, die in den Originaltexten der großen Philosophen zu finden und in den Jahrgangsstufen 10 bis 12 bzw. 11 bis 13 zu behandeln sind, liegen in diesem Band in einer für Schülerinnen und Schüler angemessenen Sprache und Präsentation vor. Das hier gewählte Verfahren ist die Transformation der Originaltexte in fiktive Dialoge. Es bietet neben der besseren Verständlichkeit noch weitere Vorteile: Durch die Möglichkeiten der Auswahl bestimmter Argumente, der Zusammenfassung zentraler Beweisführungen und der Umstellung von Gedanken erlaubt sie didaktische Vereinfachung und ermöglicht zusätzlich die Gelegenheit zur Erläuterung schwieriger Sachverhalte. <br />
<br />
Hinzu kommt, dass diese Textsorte auf Schülerinnen und Schüler motivierend wirkt. Dies liegt nicht zuletzt an der Art der Darbietung. Die hier präsentierten Dialoge sind alle für Jugendliche geschrieben und damit auch an ihre lebensweltlichen Bezüge angebunden. Es handelt sich um Gespräche zwischen Fachleuten (Philosophen) und Laien (Schülerinnen und Schülern, Moderatoren, Arbeitern oder Vorstandsvorsitzenden). Alle Dialoge sind grundsätzlich in eine Rahmenhandlung eingebettet, in der Jugendliche beispielsweise eine Zeitreise zu Platon nach Athen oder nach England zu Bentham und Mill sowie nach Amerika zu Peter Singer antreten, in der Philosophen wie Locke und Hume in die Gegenwart reisen, um einer Schulklasse Rede und Antwort zu stehen, in der Hobbes, Locke und Rousseau eine Podiumsdiskussion führen, in der Kant, Dilthey und Popper in Talkshows ihre Theorien vorstellen, in der ein Schüler Arnold Gehlen anruft oder Kant im Traum begegnet.<br />
<br />
Die Kapitelüberschriften nennen jeweils nach dem Namen des Philosophen den Titel seines Werkes, das die im Gespräch behandelten Thesen enthält. Die Leitbegriffe und im jeweiligen philosophischen Diskurs eingebürgerten Fachtermini sind in den Gesprächen durch Kursivdruck markiert.<br />
<br />
Die hier vorliegenden Gespräche behandeln Fragen und Problemstellungen von der Anthropologie über Ethik und Staatsphilosophie bis hin zu Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Sie können im Unterricht ergänzend zu den Ausschnitten aus den originalen Quellen und als Hilfestellung zu deren Verständnis eingesetzt werden. <br />
<br />
Schließlich ist dieses Buch auch als Lesebuch für all diejenigen gedacht, die sich mit philosophischen Ideen auseinandersetzen und sich auf unterhaltsame Weise einen ersten Überblick über die Lehren der großen Philosophen verschaffen wollen.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-015062-7</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Habermas, Jürgen:Kommunikatives Handeln und detranszendentalisierte Vernunft</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018164-5</link>
            <description><![CDATA[Vorwort<br />
<br />
Mit dem vorliegenden Text habe ich meinem Freunde Thomas A. McCarthy zum 60. Geburtstag gratuliert. Gleichzeitig will ich damit einem hervorragenden Kollegen für drei Jahrzehnte der gemeinsamen Arbeit, der unermüdlichen Diskussion und der fortdauernden Anregung Dank sagen.<br />
Ich nütze diese Gelegenheit, um den Begriff einer performativ, im Vollzug des kommunikativen Handelns oder der Argumentation vorgenommenen "Idealisierung" zu klären. Die Genealogie dieses Begriffs spiegelt eine Detranszendentalisierung der Vernunft, die von Kant ausgeht und zu der in <i>Wahrheit und Rechtfertigung</i> (1999) entwickelten Konzeption eines Kantischen Pragmatismus führt.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018164-5</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Esposito, John L.:Von Kopftuch bis Scharia</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020105-3</link>
            <description><![CDATA[<b>Warum müssen wir über den Islam Bescheid wissen?</b><br />
<br />
Der Islam ist die zweitgrößte Weltreligion (nach dem Christentum) und wird bald auch in den Vereinigten Staaten die zweitgrößte Religionsgemeinschaft darstellen.<br />
Muslime sind und werden in zunehmendem Maße unsere Nachbarn, Arbeitskollegen und Mitbürger sein.<br />
Obwohl der Islam Judentum und Christentum in vielerlei Hinsicht ähnelt, halten die meisten Amerikaner und Europäer Muslime für seltsam, fremdartig und beängstigend. In ihren Augen sind die Muslime unausweichlich mit jenen terroristischen Anschlägen und Aktivitäten verbunden, welche die Schlagzeilen beherrschen. Dieser Zustand muss sich ändern – und er kann sich ändern: durch bessere Information und ein tieferes Verständnis.<br />
Wir müssen der durch Unwissenheit geförderten Spirale aus Angst, Hass und Gewalt ein Ende setzen.<br />
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<b>Sind alle Muslime gleich?</b><br />
<br />
Weil wir mit dem Christentum besser vertraut sind, wissen wir ohne großes Nachdenken, dass es im Christentum eine bedeutende Vielfalt und große Unterschiede gibt. Der christliche Glaube findet seinen Ausdruck in vielen Formen und Zusammenhängen. Es gibt verschiedene christliche Kirchen oder Sekten (von den Baptisten bis zu den Unitariern, von den römischen Katholiken bis zu den russisch-orthodoxen Christen), die in unterschiedlichen Kulturen leben (im Nahen und Mittleren Osten, in Europa, Asien und Afrika). Das Ergebnis ist innerhalb dessen, was wir Christentum nennen, eine große Vielfalt an Glaubensrichtungen und Praktiken. Entsprechend gibt es, obgleich die Muslime behaupten, es existiere nur ein von Gott offenbarter und beglaubigter Islam, viele muslimische Interpretationen des Islam. Unter den Muslimen treten zwei große Gruppierungen hervor: Sunniten (weltweit 85 Prozent aller Muslime) und Schiiten (15 Prozent). Innerhalb dieser Gruppierungen existieren wiederum verschiedene theologische und juristische Richtungen. Überdies verfügt der Islam über eine reiche mystische Tradition, zu der viele Sufi-Orden oder Bruderschaften gehören. Der Islam stellt eine grundlegende Einheit des Glaubens in einer reichen kulturellen Vielfalt dar. Die islamische Praxis äußert sich auf unterschiedliche Weise innerhalb eines riesigen Spektrums von Kulturen, das sich von Nordafrika bis nach Südostasien erstreckt und auch Europa und Amerika umfasst. <br />
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<b>Wo leben die meisten Muslime?</b><br />
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Die Muslime stellen die Bevölkerungsmehrheit in 65 Ländern der Welt. Dazu gehören Indonesien, Bangladesh, Pakistan, Ägypten, der Irak und Nigeria. Außerdem gibt es signifikante muslimische Bevölkerungsgruppen in Indien, China, den zentralasiatischen Republiken und Russland, aber auch in Europa und Amerika. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme ist die Mehrheit der Muslime nicht arabisch. Tatsächlich kommen nur 20 Prozent der 1,2 Milliarden Muslime der Welt aus arabischen Ländern. Die größten muslimischen Gemeinschaften finden sich dagegen in Indonesien, Pakistan, Bangladesh und Indien.<br />
In den letzten Jahrzehnten hat sich der Islam in Amerika und Europa verändert – von einer unsichtbaren Minderheit zu einem prominenten Bestandteil der religiösen Landschaft. Die Muslime repräsentieren ein breites Spektrum ethnischer Gruppen. Für die Vielfalt im Islam stehen vielerorts zwei große Gruppen: muslimische Einheimische und muslimische Einwanderer. Bei den amerikanischen Muslimen gehören neben den einheimischen afrikanisch-amerikanischen Muslimen (Black Muslims) zu den prominenten muslimischen Einwanderergruppen Araber, Pakistani, Afghanen, Afrikaner, Albaner, Bangladeschi, Bosnier, Inder, Iraner, Malaysier, Indonesier und Türken.<br />
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<b>Was ist die Kaaba?</b><br />
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Die Kaaba (wörtlich: "Würfel") gilt als heiligste Stätte der muslimischen Welt; sie ist der Ort, auf den sich Hunderte von Millionen Muslime auf der ganzen Welt jeden Tag ausrichten, wenn sie beten.<br />
Die Kaaba, das "Haus Gottes", auf dem Gelände der Großen Moschee in Mekka gelegen, ist ein würfelförmiges Gebäude. Sie enthält den heiligen schwarzen Stein, einen Meteoriten, den angeblich Abraham und Ismael in eine Ecke der Kaaba legten. Dieser Stein ist ein Symbol für Gottes Bündnis mit Abraham und Ismael – und darüber hinaus auch mit der ganzen muslimischen Gemeinschaft. Die Kaaba ist ungefähr 13,5 Meter hoch und hat eine Grundfläche von 10 mal 15 Metern. Sie ist mit einem gewebten schwarzen Tuch drapiert, das mit Koranversen in Goldstickerei geschmückt ist.<br />
Die Kaaba gilt als das erste Haus, in dem der eine Gott verehrt wurde, ursprünglich angeblich von Adam errichtet – als Replik des himmlischen Hauses Gottes, welches den göttlichen Thron enthält, um den die Engel wandeln. Dieses himmlische Ritual wird während des Hadsch (der Wallfahrt nach Mekka) durch die Pilger nachgeahmt, wenn sie sieben Mal um die Kaaba herumgehen – eine Handlung, die den Eintritt in die Gegenwart Gottes symbolisiert. Adams Kaaba verfiel angeblich durch Vernachlässigung seitens der Gläubigen und durch die Flut, doch laut Koran 2:127 bauten Abraham und sein Sohn Ismael das heilige Haus wieder auf. Zu Lebzeiten Mohammeds befand sich die Kaaba allerdings unter der Kontrolle des Stammes der Quraisch in Mekka, die das Haus als Schrein für die Stammesgottheiten und Idole Arabiens verwendeten. Die Quraisch veranstalteten eine alljährliche Pilgerfahrt zur Kaaba sowie einen Jahrmarkt. Beides zog Pilger aus ganz Arabien an.<br />
Der Tradition nach bestand eine der ersten Handlungen Mohammeds nach seiner triumphalen Rückkehr aus dem Exil nach Mekka darin, die Kaaba von ihren 360 Idolen zu reinigen und die "Religion Abrahams" wiederherzustellen: die Verehrung des einen, wahren Gottes.<br />
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<b>Welche Bedeutung hat Mekka?</b><br />
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Mekka, im heutigen Saudi-Arabien gelegen, ist der Geburtsort des Propheten Mohammed [Muhammad] und der heiligste Ort in der gesamten islamischen Welt. In Mekka liegt die Große Moschee und in deren Innenhof wiederum die Kaaba (vgl. S.39, "Was ist die Kaaba?"). Jedes Jahr begeben sich Millionen Muslime aus aller Welt auf die obligatorische Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch). Für die Muslime beherbergt Mekka das geistige Zentrum der Erde. Dort vollzogene rituelle Handlungen wie das siebenmalige Umwandern der Kaaba (vgl. S.38, "Was tun die Muslime auf der Wallfahrt nach Mekka?") haben nach islamischem Glauben ihr Pendant im Himmel, wo die Engel um Gottes Thron wandeln. Mekka ist – wie Medina – für Nichtmuslime nicht zugänglich.<br />
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<b>Wie beten Muslime?</b><br />
<br />
Das Gebet, eine der fünf "Säulen des Islam", spielt im Leben eines Muslims eine zentrale Rolle. Dazu im Folgenden das Wichtigste:<br />
Jeden Tag fünf Mal wenden sich mehrere hundert Millionen Muslime gen Mekka, um zu beten (wobei Mekka die heiligste Stadt des Islam, Geburtsort Mohammeds und Stätte der Kaaba, des Hauses Gottes, ist) – bei Tagesanbruch, mittags, nachmittags, bei Sonnenuntergang und am späten Abend. Diese fünf obligatorischen Gebete müssen unabhängig von der Muttersprache der Betenden auf Arabisch gesprochen werden. Jeder Teil des Gebets hat seine Funktion in diesem täglichen Ritual und dient der Verbindung von Meditation, Devotion, moralischer Erhebung und körperlicher Gestik. Beten kann man individuell oder in der Gemeinde.<br />
Die Handlungen und Worte, derer sich ein Muslim beim Gebet bedient, demonstrieren seine vollkommene Unterwerfung unter Gott. Dieser Vorgang verbindet Glauben und religiöse Praxis; er setzt um, was in der ersten "Säule des Islam", dem Glaubensbekenntnis, zum Ausdruck kommt. Muslime bekennen ihren Glauben an den einen Gott und an Mohammed als den Gesandten Gottes.<br />
Zur Vorbereitung auf die Begegnung mit Gott und auf die Anrede Gottes vollziehen sie das Reinigungsritual der Waschung, um sicherzustellen, dass sie sich im Zustand spiritueller und körperlicher Reinheit befinden. Als Erstes reinigen sie ihren Geist und ihr Herz von weltlichen Gedanken und Sorgen und konzentrieren sich auf Gott und die Segnungen, die dieser ihnen hat zuteil werden lassen. Als Zweites waschen sie Hände und Gesicht, die Arme bis zum Ellbogen und die Füße, bevor sie sagen: "Ich bezeuge, dass es keinen wahren Gott gibt außer Gott [Allah]; er hat niemanden neben sich; und ich bezeuge, dass Mohammed [Muhammad] sein Diener und Gesandter ist." Dieser Reinigungsprozess ist spiritueller wie physischer Natur. Das zeigt sich etwa darin, dass man zur Reinigung, wenn kein Wasser verfügbar ist, auch Sand nehmen kann. Es geht allein darum, dass Geist und Körper rein sind, wenn Muslime sich Gott nähern oder in Gottes Gegenwart treten.<br />
Die Bewegungen, welche die Muslime während des Gebets individuell oder in Gruppen ausführen, spiegeln alte Sitten wider – Gebräuche, die üblich waren, wenn man sich in die Gegenwart großer Könige und Herrscher begab: Man hob die Hände zum Gruß, verbeugte sich und warf sich schließlich zu Boden, als Zeichen der Unterwerfung unter die große Macht des Herrschers. So beginnen auch die betenden Muslime mit der Erhebung der Hände und der Verkündung von Gottes Größe ("Allahu akbar", »Gott ist größer«). Dann falten sie ihre Hände über Bauch oder Brust, oder sie lassen sie auch seitlich, während sie aufrecht stehen und rezitieren, was als Quintessenz des Korans beschrieben wurde, nämlich die Eingangsverse:<br />
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<b>Welche Einstellung haben Muslime zu Haustieren oder zum Streicheln von Tieren?</b><br />
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Im Koran werden Haustiere weder verboten noch verdammt. Viele Hadith-Episoden (Überlieferungen von Sprüchen und Taten des Propheten) betonen, dass man Tiere gut behandeln und sie weder überanstrengen noch schlagen soll. In einer Episode wird von einer Frau berichtet, die ihre Katze verhungern ließ und dafür in die Hölle kam, während in einer anderen ein Mann dafür, dass er das Leben eines durstigen Hundes rettete, in den Himmel kam. <br />
In der islamischen Welt dürfen Hunde normalerweise nicht ins Haus, weil sie als unrein gelten. Viele Muslime glauben, dass jeder, der mit Hundespeichel in Berührung kommt, vor dem Gebet die rituellen Waschungen wiederholen muss. Eine häufig zitierte Hadith-Episode hält fest, dass Mohammed Hunden aus hygienischen Gründen den Zutritt zum Innern des Hauses verweigerte, doch in einem anderen Hadith-Bericht heißt es, der Prophet habe einen Hund gehabt, der neben ihm spielte, wenn er außerhalb seines Hauses betete. Katzen, die für ihre Reinlichkeit bekannt sind, durften im Haushalt Mohammeds leben. Er und einige seiner Gefährten waren wegen ihrer Freundlichkeit gegenüber Katzen bekannt.<br />
Manche Muslime argumentieren heute, aufgrund der Fortschritte der Tiermedizin gehörten Krankheitsbefürchtungen und hygienische Probleme im Zusammenhang mit Hunden der Vergangenheit an. Kontakte mit Hunden seien also kein Problem mehr. In zunehmendem Maße halten Muslime, besonders jene, die in den USA und in Europa geboren wurden, Hunde als Haustiere. Andere Muslime glauben jedoch, dass das im Hadith festgehaltene Verbot von Hunden im Hause zeitlos gültig sei. Es gelte immer und überall.  <br />
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<b>Warum sind Muslime gegen das Tanzen?</b><br />
<br />
Muslime haben recht unterschiedliche Meinungen zum Tanzen – je nachdem aus welchem Land sie kommen, wie konservativ ihr Islamverständnis ist, um welche Art von Tanz es sich handelt und wo der fragliche Tanz stattfindet. Wenn unverheiratete Paare zusammen tanzen, wird dies allgemein missbilligt. Denn zu den Eigenheiten des Tanzens gehören nun einmal körperliche Berührungen, und die gelten bei Unverheirateten unterschiedlichen Geschlechts als unschicklich. Darüber hinaus haben viele Muslime Sorgen, dass die Erlaubnis für ihre Töchter, an westlichen Tanzveranstaltungen teilzunehmen, zumal jenen, die von Schulen oder Vereinen veranstaltet oder gefördert werden, zu Freundschaften mit Nichtmuslimen oder unerwünschten Sexualkontakten führen würde.<br />
Das heißt allerdings nicht, dass im Islam jeglicher Tanz verboten wäre. In vielen Ländern des Nahen Ostens sind Bauchtanz und Volkstanz schon seit langem fester Bestandteil von Feiern, vor allem von Hochzeitsfeiern. Besonders beliebt sind Formationstänze von Gruppen Gleichgeschlechtlicher, die im Kreis, im Pulk oder in Ketten aufgeführt werden. Sie bestehen überwiegend aus rhythmischem Stampfen, Schreiten und Händeklatschen. Ein weiterer, vor allem in Stammeskulturen beliebter Tanzstil besteht aus einer Serie von Geschicklichkeitsübungen mit Waffen, etwa als Schwerter-, Messer-, Speer- oder Stocktanz.<br />
Darüber hinaus verwenden einige Sufi-Orden, etwa die "Tanzenden Derwische" des Mewlewi-Ordens, bei ihrer Suche nach direkter spiritueller Gotteserfahrung den Tanz als Technik der mystischen Versenkung; dabei ahmen sie die Ordnung des Universums nach. Überhaupt folgen islamische Tanzformen tendenziell dem allgemeinen Muster islamischer Kunst, die vorrangig von drei Kategorien bestimmt wird: Symmetrie, Geometrie und Rhythmus. So neigt der Tanz in der islamischen Kultur seit jeher dazu, eine Reihe individueller Einheiten zu einem übergeordneten Muster zu vereinen. Vorherrschend sind Symmetrie und Arabeskenmuster (eine unendliche Serie von – meistens ineinander verschlungenen – Kreisen und anderen Formen). Solche Muster sind eine symbolische Darstellung des Glaubens an den einen Gott (tawhid).<br />
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<b>Wie begrüßen Muslime einander und warum?</b><br />
<br />
Muslime begrüßen einander mit der arabischen Wendung <br />
As-salamu alaykum, "Der Friede sei mit euch", worauf die korrekte Antwort lautet: Wa-alaikumu-s-salam, "Auch mit euch sei der Friede". Der Koran fordert Muslime auf, einander auf diese Weise zu begrüßen – als Ausdruck der friedlichen Beziehungen und der Friedenspflicht, die auf der Grundlage ihres gemeinsamen Glaubens und der Unterwerfung unter Gottes Willen zwischen Muslimen herrschen sollen.<br />
Im Koran (10:10) ist verzeichnet, wie sich Muslime im Himmel begrüßen: "Sie rufen aus: 'Gepriesen seist du, o Gott!', und werden mit 'Heil!' begrüßt. Und sie schließen (ihrerseits) mit dem Ausruf: 'Lob sei Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt!'" Und in Sure 14:23 heißt es: "Diejenigen aber, die glauben und tun, was recht ist, dürfen in Gärten eingehen, in deren Niederungen Bäche fließen, und – mit der Erlaubnis ihres Herrn – ewig darin weilen. Und sie werden darin mit 'Heil!' begrüßt."]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020105-3</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Tetens, Holm:Wittgensteins &quot;Tractatus&quot;</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018624-4</link>
            <description><![CDATA[<b>Vorwort</b><br />
<br />
Der <i>Tractatus logico-philosophicus</i> von Ludwig Wittgenstein ist ein rätselhaftes Buch. Selbst sehr gründliche Lektüre und Interpretation wird dem Leser nicht damit gelohnt, dass er das Buch anschließend Satz für Satz versteht. Vielmehr werden sich auch dann noch die Sätze des Buches in drei Klassen aufspalten, in diejenigen Sätze, die der Leser versteht und auch für wahr erachtet, in diejenigen Sätze, die er zwar immanent aus bestimmten Voraussetzungen Wittgensteins nachvollziehen kann, die er aber nicht für wahr hält, weil er die betreffenden Voraussetzungen nicht teilt, und schließlich in die für ihn weiterhin rätselhaften Sätze. Für jeden Interpreten verteilen sich die Sätze des <i>Tractatus</i> ein wenig anders auf die drei erwähnten Klassen. Niemand kann sich die richtige und vollständige Interpretation dieses ungewöhnlichen und teilweise ungewöhnlich dunklen Buches zu Gute halten. <br />
In diesem Buch strebe ich deutlich weniger an als eine Satz-für-Satz-Interpretation. Es soll in den <i>Tractatus</i> eingeführt werden, indem vor allem das philosophische Vorhaben begreiflich gemacht wird, das Wittgenstein im <i>Tractatus</i> verfolgt. Dazu muss sich einem nicht jedes Detail des Buches erschließen. Auf bestimmte Themen des <i>Tractatus</i> lasse ich mich gar nicht ein, nicht, weil der <i>Tractatus</i> nur Unverständliches zu ihnen enthält, sondern weil sie für das Verständnis des philosophischen Projekts nicht ausschlaggebend sind. Das wichtigste Thema, das ich ausspare, sind Wittgensteins Überlegungen zu den logizistischen Versuchen Gottlob Freges (1848–1925) und Bertrand Russells (1872–1970), die Mathematik auf die Logik zurückzuführen, und zu der sogenannten Typentheorie, die mit dem Logizismus in engem Zusammenhang steht. <br />
Gerade in den Passagen zur Typentheorie und zum Logizismus wird das Buch am ehesten dem Bild gerecht, das vor allem von logischen Empiristen wie Rudolf Carnap (1891–1970) und anderen in die Welt gesetzt worden ist und das manche Interpreten bis heute von ihm gerne zeichnen, nämlich das Bild eines Logikbuches, das auf höchstem Niveau schwierigste Probleme der formalen und mathematischen Logik traktiert. Aus dieser Sicht macht der <i>Tractatus</i> freilich überflüssige und sehr ärgerliche Ausflüge in Themen, die alle den Ruch des Metaphysischen an sich haben. Carnap hätte liebend gern auf diese Teile des <i>Tractatus</i> verzichtet, erst dann wäre es ein philosophisches Buch so recht nach seinem Herzen gewesen. <br />
Für mich ist der <i>Tractatus</i> jedoch alles andere als ein "bloßes" Logikbuch. Um meine Interpretationsidee auf einen Satz zu bringen: <i>Der</i> Tractatus <i>ist ein im religiösen Geist geschriebenes Buch über die Stellung des Menschen in der Welt, betrachtet vom transzendentalen Standpunkt der Logik, und über die ethischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben</i>. So verstehe ich Wittgensteins philosophisches Projekt im <i>Tractatus</i>. <br />
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<b>Teil I <br />
Dem Denken eine Grenze ziehen </b><br />
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Vier Auffälligkeiten des <i>Tractatus</i> <br />
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An Wittgensteins <i>Tractatus logico-philosophicus</i>, der 1921 zuerst unter dem Titel <i>Logisch-philosophische Abhandlung</i> veröffentlicht wurde, stechen sofort vier Merkmale ins Auge: Auffällig ist die literarische Form des Buches, sodann handelt es von einer Fülle scheinbar disparater Themen. Zusätzlich erhebt der <i>Tractatus</i> den ungeheuren Anspruch, die philosophischen Probleme unüberbietbar gelöst zu haben. Und schließlich provoziert das Buch noch dadurch, dass es die eigenen Sätze für unsinnig erklärt. Betrachten wir diese vier Merkmale kurz der Reihe nach. <i>Die literarische Form des</i> Tractatus: Der Text besteht aus nummerierten mehr oder weniger kurzen, thesenartig klingenden Sätzen oder Satzgruppen. Mit Begründungen scheint sich dieser Text kaum abzumühen und aufzuhalten. These reiht sich an These und gibt dem Text etwas Ruheloses. Es ist, als ob Wittgenstein den Lesern seine Sätze mit dem Kommentar "Friß’ Vogel oder stirb’!" hinwerfen würde. <br />
Der Text umfasst sieben Hauptsätze, nummeriert mit arabischen Zahlen von 1 bis 7. Zu den ersten sechs Hauptsätzen gesellen sich weitere mit Dezimalzahlen versehene Sätze oder Gruppen aus wenigen Sätzen. Wie Wittgenstein in einer Fußnote anmerkt, dienen die Dezimalzahlen dazu, den Bezug eines Satzes oder einer Satzgruppe auf 10 <i>Dem Denken eine Grenze ziehen</i> andere Sätze des <i>Tractatus</i> erkennbar werden zu lassen. Satz 1 "Die Welt ist alles, was der Fall ist" wird kommentiert und vertieft durch die Sätze "1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge" und "1.2 Die Welt zerfällt in Tatsachen". Den Satz 1.1 erläutern wiederum drei Sätze, nämlich die Sätze "1.11 Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, dass es alle Tatsachen sind", "1.12 Denn, die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist und auch, was alles nicht der Fall ist" und "1.13 Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt". Der siebte Hauptsatz "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen" bleibt unkommentiert. Mit ihm endet der <i>Tractatus</i>. Er ist ein Satz von aphoristischer Kürze, und er ist weltberühmt geworden; immer und immer wieder wird er zitiert. <br />
<i>Die Fülle scheinbar sehr disparater Themen</i>: Ist die äußere Form schon ungewöhnlich genug, so ist die Fülle der Themen im <i>Tractatus</i> noch ungewöhnlicher: die Sprache, die Logik, die Mathematik, die Naturwissenschaften, die Philosophie, die Psychologie, die Willensfreiheit, die Naturgesetze, die Kausalität, die Ethik, die Ästhetik, das Subjekt, die Ewigkeit, das Böse, der Tod, die Unsterblichkeit der Seele, Gott, der Skeptizismus, der Solipsismus, das Mystische, der Sinn des Lebens, die Lebensprobleme etc. Fast alle wichtigen philosophischen Themen greift der <i>Tractatus</i> auf. <br />
<i>Der Anspruch, die philosophischen Probleme unüberbietbar gelöst zu haben</i>: Das dritte Merkmal des Tractatus ist der Gestus des Endgültigen, der sich schon im aphoristischen Charakter vieler seiner Sätze mitteilt. Bereits das Vorwort schlägt diesen Ton an: "Dagegen scheint mir die Wahrheit der hier mitgeteilten Gedanken unantastbar und definitiv zu sein." Er sei "der Meinung, die Probleme im wesentlichen <i>Vier Auffälligkeiten des "Tractatus"</i> 11 endgültig gelöst zu haben". Dass rätselhafte Fragen offen bleiben könnten, schließt Wittgenstein aus. Fast herrisch fährt er Philosophen mit ihrer Selbststilisierung, eigentlich seien die Fragen das Wichtige an der Philosophie, Antworten seien hingegen nur schwer zu finden, in die Parade: "Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen", denn "<i>Das Rätsel</i> gibt es nicht. Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden" (Satz 6.5). <br />
<i>Die provokative Selbstkommentierung, die Sätze des</i> Tractatus <i>seien sinnlos</i>: Die gesamte Philosophie überzieht Wittgenstein mit einem Vorwurf, der manchen Philosophen immer noch sprachlos machen dürfte, aus Wittgensteins Sicht wohl auch sprachlos machen soll: "Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt," also, d. h. "Sätze der Naturwissenschaften – also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat –, und immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat" (Satz 6.53). Ist der <i>Tractatus</i> also nicht selber ein philosophisches Werk? Widerlegt sich Wittgensteins Diktum über die Philosophie nicht in der Selbstanwendung? Diesen Ausweg, listig die Ehre der Philosophie mit dem Verweis auf den <i>Tractatus</i> selber zu retten, schneidet Wittgenstein von vornherein ab. Selbst seinen eigenen Sätzen im <i>Tractatus</i> erspart er den Vorwurf der Sinnlosigkeit nicht. "Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinaufgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig" (Satz 6.54). Danach lässt Wittgenstein nur noch seinen berühmten Schlusssatz folgen. <br />
Worum könnte es in einem Buch mit solchen Auffälligkeiten gehen?]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
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        <item>
            <title>Harmening, Dieter:Wörterbuch des Aberglaubens</title>
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            <description><![CDATA[<b>Aberglaube.</b> (1) Systematisch: A. heißt jener Glaube, der hinter u. in den Dingen verborgene, rational nicht begründbare, anonyme o. personifizierte Kräfte vermutet, die zum Zwecke der Zauberei u. des Wahrsagens aktiviert werden können. Auf den Bereich der Magie u. des Wahrsagens bezogen, unterscheidet sich der Begriff von dem des Volksglaubens u. der Volksfrömmigkeit. <br />
(2) Historisch: Vergleichbar ähnlichen mhd. Wortbildungen wie ›Abergunst‹ für Mißgunst, ›Aberwitz‹ für Unklugheit, bedeutet A. ursprünglich ›Mißglaube‹, ›verkehrter Glaube‹. Das Wort erscheint im 15. Jh. u. setzt sich im 16. Jh. als Ersatz für das lat. <i>superstitio</i> durch, das psychische Überspannung, Exaltation, ängstliche Übererregung angesichts des Jenseitigen bezeichnet. Polemisch verweist der Begriff sowohl auf ein intellektuelles als auch ein moralisches Manko, auf einen falschen Glauben u. eine überängstliche moralisch-psychische Fehlhaltung in religiösen Dingen. In diesem Sinn wird der Begriff in der Auseinandersetzung mit der antiken Religion gebraucht (Augustinus). Der Abergläubische wird als der durch den biblischen Sündenfall in seiner Vernunft verdunkelte, unwissende Mensch begriffen, A. somit von der versehrten Natur des gefallenen, unerlösten Menschen her gedeutet. Polemisch aufgeladen, erscheint der Begriff zum wissenschaftlichen Gebrauch ungeeignet. Definiert man ihn jedoch streng inhaltlich, so umgreift er die Techniken der Wahrsagung (Divination), der Glücksgewinnung u. Schadensabwehr (Observation) sowie die Praktiken der Magie u. Zauberei. Die christliche Theologie des MA u. der Neuzeit erklärt die verschiedenen abergläubischen Manipulationen, Worte, Gebräuche u. Riten als Elemente einer Sprache mit Dämonen, über deren semantischen Gehalt prinzipiell Übereinkunft zwischen Menschen u. Dämonen getroffen werden müsse. Diese Übereinkunft (›pactum‹) kann stillschweigend vorausgesetzt o. ausdrücklich gemacht werden. Immer jedoch setzt, unter diesen Aspekten, abergläubische Praxis, die demzufolge keine kausative, sondern semantische Funktion hat, einen Dämonen- bzw. Teufelspakt voraus. Unter der Voraussetzung, daß alles, was sichtbar in der Welt geschehe, auch durch Dämonen bewirkt werden könne (Thomas v. Aquin), wurde A. zu einer umfassenden Bedrohung gemacht, als welche ihn der Hexenglaube des späten Mittelalters u. der Neuzeit auch empfunden hat. Die Philosophie der Aufklärung u. die wissenschaftliche Weltanschauung des 19. Jh. begreifen A. nicht als Folge der Sünde, sondern als Ausdruck eines noch unfreien, unmündigen u. in überkommene Vorurteile verstrickten Bewußtseins. Die Ethnographie u. die Mythologie-Forschung des 19. Jh. studieren Formen des A. weitgehend unter einem evolutionistischen Gesichtspunkt als fossiles Relikt untergegangener religiöser Welten u. mythischer Weltbilder. Die gegenwärtige volkskundliche Forschung begreift unter A. alle Formen der Zauberei bzw. Magie u. des Wahrsagens. Nach Oberbegriffen eingeteilt, unterscheidet sie zwischen ›Observation‹ (Beachten vorbedeutender Zeichen u. [un]günstiger Zeiten; Befolgen herkömmlicher Regeln), ›Divination‹ (wissenschaftlich-technische Wahrsagekunst: Astrologie, Chiromantie u. ä.) u. ›Zauberei‹ (Magie). Ziel der Forschung ist, die Herkunft des A. aus früheren Glaubens- u. Wissenssystemen zu verstehen, ihn als geschichtliches Phänomen zu begreifen. Spätantik-neuplatonische Kosmologie, mittelalterliche Dämonologie, jüdische Kabbala, renaissancezeitliche Astrologie, Alchemie, Magie u. naturphilosophische Spekulation, moderne physikalische, medizinische u. pharmazeutische Forschung gehören zu den zahlreichen Wissensbereichen, denen sich superstitionsgeschichtliche Herkunftsforschung zuzuwenden hat. Weiterhin verfolgt sie Fragen nach ethnischer u. sozialer Bindung des A. nach seiner sozialen Funktion u. soziokulturellen Bedeutung.<br />
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<b>Böser Blick</b>, lat. ›fascinatio‹, ›Verhexung‹ durch neidische Blicke; griech. ›baskanía‹ (eigtl. ›Neid, Mißgunst‹); ital. ›mal’occhio‹; engl. ›evil eye‹. Das Auge ist nicht nur ein empfangendes, sondern im Glauben der Völker auch ein sendendes Organ, dem schädliche, gefährliche, giftige, tödliche Strahlungen zu entströmen vermögen. Er wird v. a. als Neidblick empfunden. Kinder sind besonders gefährdet von ihm; aber auch Bräute, Schwangere, das Gelingen bestimmter Arbeiten (Buttern, Kochen, Backen). Selbst Gegenstände, etwa Waffen, werden durch ihn untauglich zum Gebrauch gemacht. Redewendungen von ›stechenden‹, ›bohrenden‹, ›giftigen‹ o. ›tödlichen‹ Blicken können auf ihn verweisen. Fahrende, Zauberer, Hexen u. Huren besitzen ihn; ebenso Hebammen; Gelehrte, Geistliche u. alte Frauen; einzelnen Familien ist er eigen, ganzen Völkern (Illyrier, Skythen), Geistern, Dämonen, dem Teufel natürlich u. besonderen Tieren (Basilisk). Man erkennt ihn an starren, schielenden, zitternden, roten, entzündeten Augen, an den Farben der Iris, doppelten Pupillen, an Augenflecken, an zusammengewachsenen o. buschigen Augenbrauen. Er bewirkt Kopfschmerzen, Krämpfe, Lähmungen, Ohnmachten, Impotenz, Sterilität, Schwindsucht, Irresein und Tod: »Häuser stürzen ein, Spiegel zerspringen, Kronleuchter und Bilder fallen herab, Kleider fangen an zu brennen, Steine zerspringen, Quellen versiegen, ja selbst die Erde fängt an zu beben, Vulkane speien Feuer und der Himmel kann zerbrechen; kurz, die gesamte Natur ist dem bösen Blick untertan« (S. Seligmann: HDA 1,688). Aus der Antike stammen erste Versuche einer rationalen Erklärung des Phänomens. Plutarch sieht seine Gefahren in einem ›Fluß‹ (›reúma‹) gegründet, in dem der Neidblick entströmt; und daß besonders Kinder von ihm gefährdet seien, liege daran, daß sie eine »weichliche Konstitution« besäßen, während ältere Menschen »feste und dichte Körper« hätten (<i>Quaestionum convivalium libri 5,7</i>). Konrad v. Megenberg vertritt u. a. die Überlieferung, der Blick menstruierender Frauen beflecke Spiegel: »daz aug versêrt oft den luft und die tier, die ez ansiht, dar umb daz in dem leib des augen fauleu fäuhten ist und vergifter dunst. alsô seh wir an frawen, die irn mônâtganch habent, daz si di newen spiegel fleckot machent« (<i>Buch der Natur</i> 1,5). Unter Einfluß arabisch-neuplatonischer (Neuplatonismus) Vorstellungen wird dann seit dem 13. Jh. der B. B. analog zu den Einflüssen der Planeten o. den Strahlen der Sonne erklärt (Roger Bacon; bei Thorndike, <i>History</i> 2, 667). Neuere Erklärungen verweisen auf Hypnose u. Suggestion, auf einen spezifischen Magnetismus (Mesmer), der den Blicken entströme, auf Elektrizität o. auch auf eine gewisse Radioaktivität des Auges. Gegen den B. B. hilft der Beifuß (Ps.-Apuleius, <i>De herbarum virtutibus</i> 10,5: »avertit oculos malorum hominum«) u. schützen Spiegel u. Amulette mit Abbildungen von Augen, Händen o. Phalloi; man spuckt gegen ihn aus (Speichel) o. zeigt die ›Feige‹ (Daumen). Zahlreiche Segen gelten den kleinen Kindern: »Hat dich der Teufel angesehen Mit seinen Bösen augen So seh dich kind Mutter Maria Mit ihren Guten Augen an« (frühes 19. Jh.; Spamer, <i>Romanusbüchlein</i> 113). <br />
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<b>Kobold</b>, mhd. <i>kóbold</i> u. <i>kobólt</i>, wohl aus den Bestandteilen <i>koben</i>, <i>koven</i> ›Verschlag‹, ›Stall‹, ›Hütte‹, ›Gemach‹, u. <i>hold</i> wie in ›Unhold‹ gebildet; Name für ›Hausgeist‹. K.e sind dämonische Wesen, die sich zumeist ständig im Haus aufhalten. Sie besitzen menschliche o. tierische Gestalt o. sind unsichtbar. Sie bringen Wohlstand, arbeiten hilfreich u. heimlich, treiben aber auch Schabernack, kichern u. lachen. Man darf sie nicht beleidigen, sonst rächen sie sich grausam o. lärmen (Lärm) u. poltern (Klopfen). Man kennt sie mit Namen: Bobbele, Popel, Butz(ele), Schrägele, Schräkel, Schrezlin (15. Jh., bei Michel Beheim), Jokele, Käsperle, Stoffel, Klopfer(le), Hänschen, Heinzlein (Luther, <i>Tischreden</i> 6,6833: »Von einem Teufels-Heinzlein«), Heinzelmann, Heinzelmännche. Sie werden als alte Herdgottheiten (Penaten) gedeutet (Grimm, <i>Mythologie</i> 1,413 f.), als Ahnengeister, Wiedergänger o. als Naturdämonen (Dämonen). Man darf K.e für ihre Dienste nicht beschenken (Kleider, Schuhe), sonst fühlen sie sich ›ausgelohnt‹ u. verschwinden für immer. Andererseits wird man ihrer ledig durch Gebet u. Weihwasser (Thietmar v. Merseburg, <i>Chronik</i> 7,68), durch Bann, Fluch, durch Auskehren mit einem neuen Besen (vgl. Lk 11,24 ff.), durch Läuten von Glocken, durch Niederbrennen des Hauses (Grimm, <i>Sagen</i> 1,72) o. mit Hilfe eines Bären, wovon die mittelalterliche Erzählung vom <i>Schrätel und Wasserbär</i> berichtet (ed. GA 3,261–270). <br />
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© 2009 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
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            <title>Kuchen nur versehentlich gesendet!</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010686-0</link>
            <description><![CDATA[Den Opernkomponisten Giacomo Puccini und den Dirigenten Arturo Toscanini verband eine Hassliebe. Als sie sich gerade wieder einmal entzweit hatten, schickte Puccini seinem Kontrahenten versehentlich einen Panettone (ein italienischer Trockenfrüchtehefekuchen) zu Weihnachten, weil er vergessen hatte, Toscanini von seiner Weihnachtsgeschenkliste zu streichen.<br />
Deswegen telegrafierte er ihm: "Kuchen nur versehentlich gesendet. Puccini."<br />
Die Antwort: "Kuchen nur versehentlich gegessen. Toscanini."]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
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            <title>Göttert, Karl-Heinz:Zeiten und Sitten</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010703-4</link>
            <description><![CDATA[Am Anfang war die Scham <br />
Homer, <i>Ilias</i> <br />
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Ganz am Ende von Homers <i>Ilias</i>, nach heutigem Wissen entstanden in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr., kommt es zu einer berühmten Szene. Der Grieche Achill hat den Trojaner Hektor getötet und seine Leiche geschändet. Da taucht Hektors Vater Priamos im Lager der Griechen auf und bittet um Herausgabe des toten Sohnes. Er appelliert an Achills Mitleid und stützt sich auf etwas, das dieses Mitleid offenbar motiviert – auf Scheu bzw. Scham als Respekt vor den Forderungen der Götter: <br />
<br />
&nbsp; &nbsp; Also staunte Achilleus, als er Priamos sah, den gottgleichen, <br />
&nbsp; &nbsp; Staunten die anderen auch und schauten an da einander. <br />
&nbsp; &nbsp; Priamos wandte sich flehend an ihn und sagte die Worte: <br />
&nbsp; &nbsp; "Denke an deinen Vater, du göttergleicher Achilleus, <br />
&nbsp; &nbsp; Der so alt ist wie ich, an des Alters verderblicher Schwelle. <br />
&nbsp; &nbsp; Und es könnte wohl sein, dass Umwohner ihn da bedrängen, <br />
&nbsp; &nbsp; Und es findet sich keiner, der Not und Verderben ihm abwehrt. <br />
&nbsp; &nbsp; Aber wahrhaftig, wenn er dann hört, du seist noch am Leben, <br />
&nbsp; &nbsp; Freut er in seinem Mut sich und hofft darauf alle die Tage, <br />
&nbsp; &nbsp; Seinen geliebten Sohn aus Troja kommen zu sehen. <br />
&nbsp; &nbsp; Aber ich ganz Unselger; da zeugte ich Söhne, die Besten <br />
&nbsp; &nbsp; In dem geräumigen Troja, und keiner ist, sag ich, geblieben. <br />
&nbsp; &nbsp; Fünfzig hatte ich einst, als die Söhne der Danaer kamen; <br />
&nbsp; &nbsp; Neunzehn hatte der Leib von einer Mutter geboren, <br />
&nbsp; &nbsp; Aber die andren gebaren mir in den Hallen die Frauen. <br />
&nbsp; &nbsp; Vielen von ihnen löste der stürmische Ares die Glieder; <br />
&nbsp; &nbsp; Doch der mein Einziger war und selber die Stadt mir beschützte, <br />
&nbsp; &nbsp; Diesen erschlugst du jüngst, als er für das Vaterland kämpfte, <br />
&nbsp; &nbsp; Hektor; und seinethalb komme ich her zu den Schiffen Achaias, <br />
&nbsp; &nbsp; Ihn von dir loszukaufen mit unermesslichen Gaben. <br />
&nbsp; &nbsp; Scheue du aber die Götter, Achilleus, erbarme dich meiner, <br />
&nbsp; &nbsp; Deines Vaters gedenkend. Ich bin erbarmenswürdig; <br />
&nbsp; &nbsp; Denn ich erdulde, was nie ein anderer Mensch noch erduldet, <br />
&nbsp; &nbsp; Dass ich die Hand des Manns, der den Sohn mir mordete, küsste!" <br />
<br />
Die <i>Ilias</i> ist ein Urtext der europäischen Kultur, vergleichbar nur mit der Bibel. Ein Autor, der immer Homer genannt wurde, hat darin den Kampf um Troja vor damals rund 400 Jahren geschildert. Allerdings ist 'Schilderung' kaum das richtige Wort. Nicht nur, dass die Ereignisse der zehn Jahre von Sagen überwuchert sind. Es handelt sich auch sonst nicht um eine Reportage, vielmehr beschränkt sich Homer in 15000 Versen auf ganze 51 Tage und nicht einmal auf die letzten: Der Fall der Stadt kommt gar nicht mehr vor, sondern wird im Nachfolgewerk der <i>Odyssee</i> eines ganz sicher anderen Dichters (der ebenfalls Homer genannt wurde) erzählt. Der eigentliche Inhalt der <i>Ilias</i> ist nach Ausweis der ersten Zeile des Prologs vielmehr der Zorn des Achill – ein komplizierter, ein zweifacher Zorn. Zuerst zürnt Achill dem Anführer der Griechen, Agamemnon, weil dieser ihn zwingt, eine gefangene trojanische Frau herauszurücken, während er selbst eine Gefangene behält, die sogar die Ursache dafür ist, dass die Götter den Trojanern im Kampf helfen. Als jedoch Achills Freund (und Geliebter) Patroklos in der Schlacht fällt, besinnt sich der größte Held der Griechen. Er söhnt sich mit Agamemnon aus und zieht in die Schlacht – mit Rachegedanken. So trifft er auf den größten Helden der Trojaner, Hektor, und besiegt ihn im Zweikampf. <br />
Nur ist auch 'Besiegen' wieder kaum das richtige Wort. Gewiss, es findet ein Kampf, ja eine Verfolgungsjagd um ganz Troja statt. Und beim abschließenden Aufeinandertreffen ist Achill der Überlegene. All dies aber geschieht unter dem Eingreifen der Götter, die sich auf die gegnerischen Seiten geschlagen haben und das Geschehen lenken. Hier nun spitzt es sich zu, und Zeus selbst fällt das Todeslos über Hektor, nachdem er von Anfang an den Griechen den Sieg bestimmt hatte. Zwar unterstützen Apoll und Athene ihren trojanischen Liebling, aber es hilft nichts gegen den Entschluss des obersten der Götter. Hektor fällt also, und es folgt auch noch ein brutales Nachspiel um die Leiche. Achill hat nichts dagegen, als seine Begleiter dem bereits Toten weitere Wunden hinzufügen. Er selbst durchbohrt Hektors Ferse und Knöchel, zieht einen Lederriemen hindurch und bindet ihn an sein Pferdegespann, um so wieder und wieder Patroklos’ Leichnam zu umrunden – jeden Morgen. An Herausgabe ist also nicht zu denken. Schon vor dem Kampf hatte Achill Hektors Vorschlag zurückgewiesen, dass die Leiche des Unterlegenen den Angehörigen übergeben werden solle. Nach dem Kampf bittet Apoll darum und wird abgewiesen. Nur vor der Zerstörung kann er die Leiche bewahren – sie bleibt bei allem Wüten Achills unversehrt. Und dann diese Szene: der Auftritt von Priamos mit dem gleichen Ansinnen, mit dem Apoll gescheitert ist. Nun bittet nicht ein Gott, sondern ein Vater. Freilich ist er nicht ganz ohne Hilfe. Der Götterbote Hermes hat ihn unerkannt durch die feindlichen Linien geführt und ihm einen wichtigen Tipp gegeben: Priamos soll Achill an dessen eigenen Vater erinnern. So könne er vielleicht sein Herz bewegen. <br />
Dies befolgt Priamos in jener ausufernden Detailliertheit wie bei Homer üblich – unser Textauszug bietet nur den Höhepunkt der Szene. Fürchterliches kommt dabei zutage. Fünfzig Söhne hat Priamos also verloren, zuletzt den ihm liebsten von allen, und zwar von der Hand dessen, vor dem er nun in die Knie sinkt. Ihm bietet Priamos Lösegeld, aber mitten in einer Welt des Mordens und der Gewalt vertraut er auf etwas anderes: darauf, dass Achill sich in den Bittenden hineinversetzen kann, auf ein Sehen mit den Augen des anderen. So hat es Hermes geraten. Und Priamos geht noch einen Schritt weiter. Er nennt einen Grund dafür, dass Achill Mitleid walten lassen sollte. Im Griechischen liegt ein Wort zugrunde (<i>aidós</i>), das als Scheu oder Scham übersetzbar ist, als Achtung vor dem, was man von den Göttern für geboten hält, als unangenehmes Gefühl, wenn man etwas tut, was man nicht tun darf. Achill soll also die Götter scheuen, Scham empfinden, dieses Vaterschicksal zu ignorieren. Man hat daraus eine Schamkultur abgeleitet, die der späteren Schuldkultur vorangegangen sei: ein Handeln aus Angst vor den Göttern statt aus Einsicht in die ihm innewohnende Gerechtigkeit. Aber ganz so einfach liegen die Dinge nicht, ganz so archaisch ist auch das Denken in diesem alten Text nicht. Achill wird die Götter scheuen, aber er erkennt auch den berechtigten Anspruch des Vaters, indem er an seinen eigenen denkt, ja sogar in wehmütiger Erinnerung an ihn so weint wie Priamos über den Verlust des Sohns. Das Ziel ist also erreicht, das Mitleid geweckt, ein Stück Zivilisiertheit in diese reichlich unzivilisierte Welt gebracht. <br />
Nur muss man genau hinsehen: Es ist nicht christlich motiviertes Mitleid, was Achill antreibt, kein Mitleid um des anderen als des anderen willen. So genau hat sich Achill denn doch nicht in Priamos hineinversetzt. In dieser letztlich von den Göttern beherrschten Welt kommt das Mitleid eher aus der Erkenntnis, dass alle das gleiche Problem haben – Spielball zu sein. Achill erzählt anschließend seine eigene Geschichte, die so viel besser nicht ist als die Hektors. Sein eigener Vater hatte zwar nicht fünfzig Söhne, sondern nur einen. Und er verlor diesen auch nicht durch den Tod, sondern vorläufig nur durch den Krieg, der auch Achill zehn Jahre wegführte (und am Ende hinwegraffen wird). Gram also hier wie dort, Leiden unter diesem ewigen Austeilen guter und böser Lose bei beiden. Priamos habe letztlich sogar mehr gute Lose empfangen, jetzt sei ihm gerade ein böses zugefallen. Ja, er werde Hektor freigeben, aber Priamos solle sein Klagen aufgeben, sonst könne er, Achill, es sich noch einmal anders überlegen. Einer wie Achill hat auf Dauer kein Herz für jammernde Väter. Er denkt lediglich an dieses ewige Auf und Ab als Los des Menschen, das Leid zum natürlichsten Schicksal auf der Welt macht. Leid kann niemand verhindern, und Achill wäre der Letzte, der jemanden um seines Leides willen bedauerte, wie es Christen tun. Achill macht schlicht eine Ausnahme, die letztlich nicht auf seine eigene Entscheidung allein zurückgeht. Denn auch seine Mutter, die Göttin Thetis, hat ihn im Namen von Zeus um die Herausgabe gebeten. Diese beruht also weniger auf Achills Mitleid als auf der Erfüllung des göttlichen Befehls, auf der Scheu vor deren Gesetz. Achill weiß nicht, dass mehr als 10 000 Verse vorher, im 23. Vers des 1. Buches, schon einmal von einer solchen Scheu die Rede war. Agamemnon sollte den trojanischen Priester 'scheuen' und dessen (lebende) Tochter herausgeben, aber Agamemnon hatte sich geweigert und damit großes Unheil heraufbeschworen. Am Anfang also keine Scham, woraus prompt alles Unheil folgte. Jetzt Scham, die ein Stück Erlösung bringt. Im Übrigen ist Achill eher beeindruckt von der Situation insgesamt: Wie konnte einer dies wagen? Wie überhaupt lebend zu ihm gelangen? <br />
Ebenfalls vorher, im 6. Buch, gab es eine ähnliche Situation, die deutlich macht, wie prekär in dieser heroischen Welt die Scham der Beteiligten ist. Der Grieche Menelaos hatte den Trojaner Adrestos besiegt. Der bietet seinem Überwinder Reichtümer an für den Fall der Verschonung. Tatsächlich wird Menelaos weich, sein Herz ist bewegt. Schon will er den Gegner als Gefangenen zu den Schiffen bringen lassen. Aber das bekommt Agamemnon mit und der macht Menelaos Vorwürfe. Niemand solle geschont werden, "auch nicht im Schoße das Knäblein, welches die Schwangere trägt". Homers Kommentar dazu lautet, sein (Agamemnons) Wort sei "gerecht" gewesen. Anschließend stößt Agamemnon Menelaos fort und bohrt dem unglücklichen Gegner die Lanze in den Bauch. Dann stemmt er ihm die Ferse auf die Brust und zieht die Lanze aus dem Körper. Nestor ermahnt nach dieser Tat seine Mitkämpfer dazu, mit Rauben und Töten nicht zu zaudern, auch nicht damit, anschließend die Leichen zu fleddern. Später schlägt Agamemnon auch anderen Überwundenen die Bitte um Gnade ab. Auf Achill selbst könnte man sich ebenfalls berufen. Im 21. Gesang bittet der überwundene Lykaon ihn um Gnade, umschlingt flehend seine Knie, erinnert ihn an die einstige Freundschaft, an die Tatsache, dass er kein leiblicher Bruder Hektors sei, also die Rache nicht verdiene. Aber Achill bleibt ungerührt. Vor Patroklos’ Tod habe er Schonung geübt, sich mit Gefangennahme und Verkauf begnügt. Nun müsse jeder Trojaner sterben. Auch ihm selbst sei der Tod in der Schlacht einst sicher, was solle also die Klage? Dann kommt der Todesstoß mit dem Schwert in die Gurgel. Damit nicht genug, folgt ein "jauchzender Ruf" dem in den Fluss Geworfenen nach: Die Fische sollen ihm das Blut von der Wunde ablecken, das "weiße Fett schmausen". Morden genügt nicht, zum Morden gehört auch noch die Verhöhnung. Dem sterbenden Hektor hatte Achill ebenfalls mitgeteilt, er werde dessen Leiche den Hunden zum Fraß vorwerfen, so wie dieser es zuvor Patroklos angedroht hatte. <br />
Also wenig Mitleid bei Achill und den anderen heroischen Kämpfern, aber doch diese Scham, diese letzte Scheu vor Höherem. Was soll daran den Anstand vorbereiten? Die Antwort lautet: Es geht um eine Sitte, um etwas, was man tut bzw. nicht tut. Leichen gibt man heraus, vor allem wenn es Götter befehlen. Es geht um eine Norm, an die sich auch ein Heros wie Achill halten muss. Wenige Jahrzehnte nach der <i>Ilias</i> beschreibt ein anderer Autor, Hesiod, in gut 800 Versen den Landbau im Einklang mit der Welt der Götter (<i>Werke und Tage</i>). Und wieder taucht die Scham auf, diesmal in Verbindung mit dem Recht. Recht und Scham seien aus der Welt geflohen ("es herrscht das Recht der Fäuste"), heißt es, und gemeint ist: Die staatliche und die häusliche Ordnung sind zerfallen. Wieder einige Jahrhunderte später, in der <i>Medea</i>-Tragödie des Euripides (aufgeführt 431 v. Chr., zur Blütezeit Athens), hören wir fast das Gleiche. Jason hat Medea mit ihren gemeinsamen Kindern verlassen. Der Chor beklagt ihr Schicksal. Glaube und Treue seien auf den Kopf gestellt, als würden die Flüsse aufwärtsfließen, heißt es. Und dann: "Der Eide Kraft schwand und die Göttin Scham / Weilt nicht mehr in dem griechischen Land. In den Himmel flog sie." Recht und Scham stellen auch hier die Säulen der Zivilisiertheit dar, als Doppelsäulen, die für die große (staatliche) und die kleine (häusliche) Ordnung stehen. Noch ist nicht nach göttlichem und menschlichem Gesetz unterschieden, nach universell Gültigem und dem, worauf man sich geeinigt hat. Aber es wird deutlich, dass die Scham zu dem tendiert, was bald als Sitte gilt, als das, was sich ziemt. Wo es daran fehlt, kommt es jedenfalls zur Tragödie. Jason hat dagegen verstoßen und Medea in eine Rasende verwandelt, die aus Rache ihre eigenen Kinder ermorden wird. Eine barbarische Tat nach Einbruch der Barbarei. Scham und Recht waren nicht mehr der Wall, der die Barbarei abwehrte. Die Zuschauer im Theater sind schockiert und gewarnt.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010703-4</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Veyne, Paul:Foucault</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010684-6</link>
            <description><![CDATA[<b>XI<br />
Porträt des Samurai</b><br />
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Dieser angebliche Linke war weder Freudianer noch Marxist, weder Sozialist noch Anhänger des Fortschritts, Dritte-Welt-Aktivist oder Heideggerianer, er las weder Bourdieu noch <i>Le Figaro</i>, er war kein "linker Nietzscheaner" (wie so mancher) und übrigens auch kein rechter, sondern er war der Inaktuelle, der Unzeitgemäße seiner Zeit, um einen hier durchaus angebrachten Begriff Nietzsches aufzugreifen. Aufgrund dessen war er Non-Konformist, was ausreichend schien, um ihn zu den Linken zu rechnen. Und doch hielt er persönlich, als er kurz nach 1968 Professor in Vincennes wurde, die Maoisten und linken Gruppen insgeheim für zwar sympathische und - wegen ihres Engagements - gar für nützliche Zeiterscheinungen, wenn auch von untergeordneter Bedeutung. Diese wiederum fanden ihn undurchschaubar. Allerdings war er listig. Während er durchaus der Linken zuneigte, hütete er sich davor, Missverständnisse aufkommen zu lassen, der feine Unterschied, der seine Unzeitgemäßheit vom Linksextremismus seiner Bewunderer unterschied. Denn nur unter den engagierten Linken und bei der Zeitung <i>Liberation</i> konnte er Kampfgefährten für seine punktuellen Aktionen &#64257;nden. <br />
<br />
Ich beeile mich hinzuzufügen, dass er andererseits sehr kategorisch und nicht bereit war, im Interesse seiner literarischen Karriere Konzessionen an irgendwelche Meinungen zu machen. Jeder Schriftsteller verfolgt seine beru&#64258;ichen Interessen mehr oder weniger offenkundig, mehr oder weniger geschickt, mehr oder weniger hartnäckig. Er verlor die seinen nicht aus den Augen und ging diplomatisch vor, wobei seine Wahrheiten jedoch nicht verhandelbar waren. Er lebte vor allem für seine Bücher und für seine Ideen. In regelmäßigen Abständen gestand er mir seinen Kummer, seine Vorlesungen nicht schnell genug veröffentlichen zu können. Diejenigen, die nach seinem Tod seine <i>Cours</i> und seine <i>Dits et Ecrits</i> auf vorbildliche Weise herausgegeben haben, haben postum seine Wünsche voll und ganz erfüllt. <br />
<br />
Die politische Rechte hat in Foucault stets den politischen Feind gewittert, womit sie auch nicht falsch lag. Denn weit davon entfernt, die moderne Welt mit ihrem <i>panem et circenses</i> und ihren virtuellen Realitäten anzuprangern, brachte er ohne spöttischen Unterton die Lügengeschichte dieser Welt in ihrem ganzen Ausmaß ans Licht. Wie könnte ich dies nicht gutheißen, wo doch das ruhige Metier des Historikers darin besteht, genau solches zu tun? Diese zeitlose Hellsichtigkeit unterscheidet die Unzeitgemäßen wie ihn von den Antimodernen, die ihn nicht sehr schätzten (Jean Baudrillard war, wie mir scheint, ein Antimoderner). <br />
<br />
Zur großen Befriedigung der Historiker war Foucault bereit, überall und in jeder Zeit bis zu den radikalen Unterschieden vorzudringen. Im selben Zuge ließ er aber jedes Mal durchblicken, dass die vermeintlichen Wurzeln in nichts verwurzelt waren. Beinahe jeder ahnt dies mehr oder weniger, doch im Allgemeinen vergisst man es, um in Frieden leben zu können, oder aber man denkt nur an seinem Schreibtisch hin und wieder darüber nach. Foucault hingegen vergaß es nie, und obwohl er die Welt vom Standpunkt des Sirius aus betrachtete, sah er sie auch als potentielles Schlachtfeld, nun, da diese Welt, die antike ebenso wie die moderne, in seinen Augen jegliche Legitimität eingebüßt hatte. Er arbeitete viel und lebte nicht in einem Zustand ständiger Empörung oder militanter Erregung, er hielt sich indes auf dem Laufenden und holte bei punktuellen Anlässen zum Schlag aus gegen den einen oder anderen unerträglichen Missstand. <br />
<br />
Zu den Neuerungen zu Beginn von Giscard d'Estaings siebenjähriger Amtszeit gehörte dessen Absicht, einige der bedeutendsten Intellektuellen, darunter Madame de Romilly, zum Mittagessen in den Elysee-Palast einzuladen. Foucault sagte sein Kommen unter der Bedingung zu, dass er den Präsidenten nach dem sogenannten Prozess des roten Pullovers fragen könne, bei dem ein - möglicherweise unschuldiger - Angeklagter zum Tode verurteilt und, da Giscard sein Gnadengesuch abgelehnt hatte, enthauptet worden war. Foucault blieb dem Elysee-Palast fern. <br />
<br />
Wenn man ihn als Menschentyp näher umreißen möchte, so gab es bei Foucault diesen "skeptische[n] Verzicht auf die Kenntnis eines 'Sinns' der Welt", von dem Max Weber spricht, der darin mit einiger Übertreibung eine Einstellung entdeckte, die allen intellektuellen Schichten aller Zeiten gemeinsam sei. Man kann unmöglich wissen, was Homer, Euripides, Shakespeare, Tschechow oder Max Weber höchstpersönlich von ihren eigenen Helden dachten. Im persönlichen Umgang mit Foucault - zumindest, wenn man zu seinen Freunden gehörte (zu seinen Feinden gehörte man besser nicht, da er denjenigen sehr gefährlich werden konnte, die sich damit übernahmen, ihn ausstechen zu wollen, oder meinten, sie hätten wegen der strengen Logik ihrer Denkweise die Berühmtheit mehr verdient als er) - wurde man Zeuge jener interessierten, objektiven Grundhaltung: Ohne eine einzige wertende Äußerung stellte er in seinen Büchern die absonderlichsten Doktrinen vor; mit der von Bewunderung getragenen Sympathie eines Naturforschers für den Einfallsreichtum der Natur akzeptierte er das ganze Spektrum der menschlichen Vielfalt samt ihren Extravaganzen, Schrullen, Lächerlichkeiten, Exzessen, Anfällen von Größenwahn, ohne darüber zu klagen, ohne sich lustig zu machen.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010684-6</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Das Gilgamesch-Epos</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010702-7</link>
            <description><![CDATA[Tafel I<br />
<br />
Der die Tiefe auslotete, die Fundamente des Landes,<br />
<i>der Entlegenes</i> wusste, alles verstand,<br />
<i>Gilgamesch, der</i> die Tiefe auslotete, die Gründung des Landes,<br />
<i>der Entlegenes</i> wusste, alles verstand,<br />
der gleichermaßen …<br />
der alles begriff, die Summe der Weisheit.<br />
Verborgenes sah er, Geheimes tat er auf,<br />
er brachte Kunde von der Zeit vor der Flut.<br />
Einen weiten Weg legte er zurück, erschöpft machte er Rast.<br />
All seine Mühe ist niedergeschrieben auf einem Gedenkstein:<br />
Er errichtete die Mauer von Hürden-Uruk,<br />
des allerheiligsten Eanna, des glänzenden Schatzhauses.<br />
Schau seine Mauer an, die <i>sich so weit erstreckt</i>!<br />
Blick auf ihre Verkleidung, der niemandes Werk gleicht!<br />
Nimm doch die Treppe, die seit alters besteht, und<br />
nähere dich Eanna, dem Wohnsitz der Ischtar,<br />
das kein späterer König, kein Mensch nachmachen kann!<br />
Steig hinauf auf die Mauer von Uruk und geh herum,<br />
prüfe das Fundament, inspiziere das Ziegelwerk,<br />
ob nicht sein Ziegelwerk aus Backstein ist,<br />
ob den Grund nicht legten die sieben Weisen!<br />
<i>Eine</i> Quadratmeile ist Wohnstadt, eine Quadratmeile sind Palm-<br />
&nbsp; &nbsp; gärten, über eine Quadratmeile erstreckt sich die Lehmgrube,<br />
&nbsp; &nbsp; eine halbe Quadratmeile bedeckt der Tempel der Ischtar.<br />
<i>Drei</i> und eine halbe <i>Quadratmeilen</i> – das ist die Ausdehnung<br />
&nbsp; &nbsp; von Uruk.<br />
<i>Nimm</i> den Tafelbehälter aus Zedernholz,<br />
<i>löse</i> seinen Verschluss aus Bronze,<br />
<i>öffne</i> den Zugang zu seinem Geheimnis,<br />
<i>nimm</i> die Tafel aus Lapislazuli heraus, lies auf ihr von<br />
<i>all</i> der Beschwernis, durch die Gilgamesch gehen musste!<br />
Jeden König übertrifft er, ist von kräftiger Statur,<br />
der Held, in Uruk geboren, der stößige Wildstier!<br />
Er geht voran, ist der Allererste,<br />
hinterher marschiert er, eine Stütze für seine Brüder,<br />
ein rettendes Ufer, Schirm für seine Kämpfer,<br />
eine wilde Flut, die selbst Mauern aus Stein zerbricht.<br />
Gilgamesch, du Wildstier des Lugalbanda von<br />
&nbsp; &nbsp; vollkommener Kraft,<br />
gesäugt von der edlen Kuh Rimat-Ninsun.<br />
Riesig ist Gilgamesch, vollkommen (und) schrecklich,<br />
der die Pässe der Gebirge auftat,<br />
der Brunnen grub an den Flanken des Berges,<br />
der den Ozean überquerte, die weite See, bis zum Aufgang<br />
&nbsp; &nbsp; der Sonne,<br />
der die Weltränder ausspähte auf der Suche nach dem Leben,<br />
der energisch zum fernen Utanapischti vorstieß,<br />
der die Kultstätten wiederherstellte, die die Sint&#64258;ut zerstörte,<br />
der die kultischen Riten festlegte für die zahlreichen Menschen.<br />
Wo ist einer, der sich mit ihm an königlicher Macht<br />
&nbsp; &nbsp; messen könnte<br />
und der wie Gilgamesch sprechen könnte: "Ich bin der König"?<br />
Den Namen Gilgamesch trägt er seit dem Tag seiner Geburt.<br />
Zwei Drittel von ihm sind Gott, ein Drittel Mensch.<br />
Beletili entwarf seine Gestalt,<br />
Nudimmud vollendete seine Statur:]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
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        </item>
        <item>
            <title>Das Leben ist ein Hering an der Wand</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020050-6</link>
            <description><![CDATA[<b>Köpfchen!</b><br />
<br />
<br />
Zwei Juden treffen sich auf dem Bahnsteig. "Wohin fährst du?" "Ich fahre nach Krakau." "Sieh her, was du für ein Lügner bist! Wenn du sagst, du fährst nach Krakau, willst du, ich soll denken, du fährst nach Lemberg. Nun weiß ich aber, du fährst wirklich nach Krakau. Also, warum lügst du?"<br />
<br />
Auf einer Bahnfahrt spielen ein Offizier und ein Jude Rätselraten. <br />
Der Offizier: "Was ist das: Das erste läuft, das zweite läuft, das Ganze ist eine Schlacht aus dem Spanischen Erbfolgekrieg."<br />
Der Jude weiß es nicht.<br />
"Ganz einfach: Roßbach."<br />
Nun denkt sich der Jude ein Rätsel aus: "Was ist das: Das erste läuft, das zweite läuft, das dritte läuft nicht."<br />
Der Offizier weiß es nicht.<br />
Der Jude: "Ganz einfach: Das sind die drei Kinder meines Schwagers."<br />
<br />
"Was ist das: Es ist blau, hängt an der Wand und pfeift?" <br />
"Sag schon." <br />
"Ein Hering." <br />
"Aber ein Hering ist doch nicht blau." <br />
"Nun, kannst ihn blau anmalen." <br />
"Und ein Hering hängt doch nicht an der Wand." <br />
"Nun, kannst ihn annageln." <br />
"Und ein Hering pfeift auch nicht." <br />
"Nun, pfeift er halt nicht."]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
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        </item>
        <item>
            <title>Benyoëtz, Elazar:Der Mensch besteht von Fall zu Fall</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020176-3</link>
            <description><![CDATA[<i>Was man in Liebe begreift,<br />
kann man aus Liebe<br />
nicht verstehen</i><br />
<br />
Das Enträtseln der Liebe<br />
ist auch nur eine<br />
Liebeserklärung<br />
<br />
Laß die Hoffnung fahren –<br />
und reise mit<br />
<br />
<br />
<br />
<i>Unsere Verlorenheit<br />
ist die Geburtsstunde<br />
unserer Liebe</i><br />
<br />
Über die Liebe<br />
kann man sich nur in ihr<br />
verständigen<br />
<br />
Lieben,<br />
die Welt einsegnen<br />
<br />
<br />
<br />
<i>Angefacht und angefochten</i><br />
<br />
Zur Liebe<br />
gehört alle Blöße,<br />
die man sich nur<br />
geben kann<br />
<br />
Mit ihrer Begründung<br />
wird Liebe bodenlos]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
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        </item>
        <item>
            <title>Stefánsson, Jón Kalman:Himmel und Hölle</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020879-3</link>
            <description><![CDATA[Die Berge überragen Leben und Tod und die paar Häuser, die sich auf der Landzunge zusammendrängen. Wir leben auf dem Grund einer Schüssel, der Tag geht vorüber, es wird Abend, die Schüssel läuft langsam voll Dunkelheit, und dann leuchten die Sterne auf. Ewig blinken sie über uns, als hätten sie eine wichtige Botschaft, aber welche und für wen? Was wollen sie von uns, oder vielleicht eher noch: was wollen wir von ihnen?<br />
	Wir haben heute nur noch wenig an uns, das an Licht erinnert. Der Dunkelheit stehen wir viel näher, sind selbst fast Dunkelheit. Das Einzige, was wir noch haben, sind die Erinnerungen und außerdem die Hoffnung, die allerdings schwächer geworden ist, sie nimmt immer noch weiter ab und wird bald einem erkalteten Stern gleichen, einem dunklen Felsbrocken. Immerhin wissen wir ein wenig vom Leben und ein wenig vom Tod, und wir können berichten: Wir haben den ganzen Weg zurückgelegt, um dich zu packen und um das Schicksal zu bewegen.<br />
	Wir wollen von denen erzählen, die in unseren Tagen gelebt haben, vor mehr als hundert Jahren, und die für dich kaum mehr sind als Namen auf schiefen Kreuzen und geborstenen Grabsteinen. Leben und Erinnerungen, die nach dem unerbittlichen Gesetz der Zeit ausgelöscht wurden. Genau das wollen wir ändern. Unsere Worte sind eine Art Lebensretter in unermüdlichem Einsatz, sie müssen vergangene Geschehnisse und erloschene Leben dem Schwarzen Loch des Vergessens entreißen, was keine geringe Aufgabe ist. Gern dürfen sie unterwegs ein paar Antworten finden und uns hier wegholen, ehe es zu spät ist. Aber lassen wir’s vorerst dabei, wir schicken die Worte an dich weiter, diese ratlosen, zerstreuten Lebensretter, die sich ihres Auftrags gar nicht sicher sind – sämtliche Kompasse spielen verrückt, Landkarten sind zerfleddert oder veraltet –, aber nimm sie trotzdem in Empfang. Und dann sehen wir, was passiert.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
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        </item>
        <item>
            <title>Andersen, Hans Christian :Bilderbuch ohne Bilder</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010714-0</link>
            <description><![CDATA[Das ist merkwürdig! wenn ich am allerwärmsten und besten empfinde, dann ist es, als wären mir Hände und Zunge gebunden, ich kann es nicht wiedergeben, ich kann es nicht aussprechen, wie ich es hier drinnen in mir habe; und trotzdem bin ich ein Maler, das sagen mir meine Augen, das haben sie erkannt, alle, die meine Skizzen und Bilder gesehen haben.<br />
Ich bin ein armer Geselle, ich wohne hinten in einer der schmalsten Straßen, aber an Licht fehlt es mir nicht, denn ich wohne ganz hoch oben, mit Aussicht über alle Dächer. Die ersten Tage, nachdem ich hierher in die Stadt gekommen war, wurde es mir so eng und einsam; statt des Waldes und der grünen Hügel bestand mein Horizont jetzt aus nichts als den grauen Schornsteinen. Nicht einen Freund besaß ich hier, nicht ein bekanntes Gesicht grüßte mich.<br />
Eines Abends stand ich recht traurig an meinem Fenster, öffnete es und blickte hinaus. Nein, wie war ich da froh! ich sah ein Gesicht, das ich kannte, ein rundes, freundliches Gesicht, meinen besten Freund von zuhause in der Ferne: das war der Mond, der liebe, alte Mond, unverändert derselbe, ganz genau so, wie er aussah, wenn er da zwischen den Weidenbäumen am Moor hindurch zu mir hereinlugte. Ich warf ihm Kusshände zu, und er schien mir direkt in die Kammer und versprach, dass er an jedem Abend, an dem er draußen wäre, ein wenig zu mir hereinsehen wollte; das hat er seither wirklich auch getan; schade, dass er immer nur so kurze Zeit bleiben kann. Jedesmal wenn er kommt, erzählt er mir dies oder das, das er in der letzten Nacht gesehen hat oder am selben Abend. "Jetzt male auf, was ich dir erzähle", sagte er bei seinem ersten Besuch, "dann bekommst du ein ganz passables Bilderbuch zusammen." Das habe ich nun getan, viele Abende lang. Ich könnte ein neues Tausendundeine Nacht in Bildern geben, auf meine Weise, aber das würden doch zu viele; die Bilder, die ich gebe, sind nicht ausgesucht, sondern kommen, wie ich sie gehört habe; mag nur ein großer Maler, ein genialer Dichter oder Tonkünstler etwas daraus machen, wenn er will; was ich zeige, sind bloß lose Umrisse auf dem Papier, und zwischendurch meine eigenen Gedanken, denn es geschah nicht jeden Abend, dass der Mond kam, es war öfter eine Wolke im Weg, oder zwei.<br />
<br />
<br />
Erster Abend<br />
<br />
"Letzte Nacht", das ist der Mond in seinen eigenen Worten, "glitt ich durch Indiens reine Luft, ich spiegelte mich im Ganges: meine Strahlen versuchten sich durch die dichte Hecke der alten Platanen zu drängen, die sich da verflechten und wölben, so dicht wie ein Schildkrötenpanzer. Da kam aus dem Dickicht ein Hindu-Mädchen, leicht wie eine Gazelle, schön wie Eva; es war etwas so Luftiges und doch so Festes und Volles an Indiens Tochter, dass ich ihre Gedanken sehen konnte durch die feine Haut; die dornigen Lianen zerrissen ihre Sandalen, aber sie schritt rasch aus; das Wild, das am Fluss seinen Durst gestillt hatte, sprang scheu vorbei, denn in der Hand hielt das Mädchen eine brennende Lampe; ich konnte das frische Blut in den feinen Fingern erkennen, die sich als Windschutz um die Flamme schlossen. Sie kam an den Fluss, setzte die Lampe auf die Strömung, und die Lampe trieb flussabwärts; die Flamme flackerte, als wolle sie erlöschen, aber sie brannte doch, und die schwarzen, funkelnden Augen des Mädchens folgten ihr mit einem beseelten Blick, hinter den langen Seidenfransen der Wimpern; sie wusste, wenn die Lampe so lange brannte, wie sie sie noch erspähen konnte, dann lebte ihr Geliebter noch, erlosch sie aber, war er tot; und die Lampe brannte und bebte, und ihr Herz brannte und bebte, sie sank auf die Knie und sprach das Gebet; an ihrer Seite lag im Gras die nasse Schlange, sie aber dachte allein an Brahma und an ihren Bräutigam. "Er lebt!" rief sie jubelnd, und von den Bergen kam das Echo: "er lebt!" <br />
<br />
Zweiter Abend<br />
<br />
"Das war gestern", erzählte der Mond mir, "da schaute ich hinab in einen kleinen, von Häusern umschlossenen Hof, da lag eine Henne mit elf Küken, ein schönes kleines Mädchen sprang um sie her, die Henne gackerte und breitete erschrocken ihre Flügel über den kleinen Jungen aus. Das kam der Vater des Mädchens, er schimpfte mit ihr, und ich glitt davon, ohne weiter daran zu denken; aber am Abend, und das ist erst ein paar Minuten her, sah ich wieder in denselben Hof hinunter. Da war es ganz still, aber bald kam das kleine Mädchen, es schlich sachte zum Hühnerhaus hinüber, öffnete den Riegel und huschte hinein zu Henne und Küken; die schrieen laut und flatterten herum, die Kleine lief hinter ihnen her, ich konnte das deutlich sehen, weil ich durch ein Loch in der Mauer schaute. Ich wurde ganz wütend auf das böse Kind und freute mich, als der Vater kam und noch heftiger schimpfte als gestern und sie am Arm packte, da beugte sie den Kopf zurück, und es standen große Tränen in ihren blauen Augen. 'Was machst du hier?' fragte er. Sie weinte: 'ich wollte', sagte sie, 'die Henne küssen und sie um Verzeihung bitten wegen gestern, aber das hab ich mich dir nicht zu sagen getraut!' Und der Vater küsste die süße Unschuld auf die Stirn; ich küsste sie auf Augen und Mund."]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010714-0</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Tetzner, Reiner; Wittmeyer, Uwe:Griechische Götter- und Heldensagen</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020174-9</link>
            <description><![CDATA[Die Irrfahrten des Odysseus<br />
<br />
Die Götter erbarmen sich<br />
<br />
Außer Odysseus waren die letzten Helden der Achäer von Troia heimgekehrt. Ihm war prophezeit worden, seine Rückfahrt würde zehn Jahre dauern. Und so blieb er nach zahlreichen Abenteuern lange auf der Insel Ogygia in der prächtigen Grotte bei der Nymphe Kalypso; die liebte ihn, wollte ihn zum Gatten und versprach ihm dafür Unsterblichkeit. Sie soll ihm auch drei Kinder geboren haben. Als er sich aber im siebenten Jahr nicht länger festhalten ließ, erbarmten sich die Götter. Nur Poseidon verzieh ihm nicht, denn Odysseus hatte dessen Sohn, Polyphem, den stärksten Kyklopen, geblendet. Der Erderschütterer vermochte zwar nicht, dem Odysseus ans Leben zu gehen, jedoch seine Irrfahrt zu verlängern.<br />
Als Poseidon sich in Aithiopien aufhielt, um ein großes Opfer zu empfangen, und die Götter wieder einmal beratschlagten, erinnerte Athena an ihren besonderen Schützling: "Denke ich an Odysseus’ Heimweh auf der fernen Insel, krampft sich mir das Herz zusammen. Kalypso betörte ihn. Aber ehe er stirbt, möchte er vom heimischen Herd noch Rauch aufsteigen sehen. Ehrte Odysseus dich nicht mit großen Opfern? Zeus, warum zürnst du ihm noch?"<br />
"Wie könnte ich je den Göttergleichen vergessen?" lenkte der Blitzeschleuderer ein. "Obwohl Poseidon ihn nach wie vor verfolgt, wird er sich nicht dem Willen der anderen Götter zu widersetzen wagen."<br />
"O Vater!" rief Athena, "laß uns jetzt seine Heimkehr bestimmen und der Nymphe Kalypso den Ratschluß der Götter mitteilen. Ich eile unterdessen nach Ithaka und stehe dem Sohn gegen die Freier seiner Mutter Penelope bei."<br />
Athena band sich die goldenen Sandalen um und stürmte ganz einem Gastfreund des Hausherrn gleichend, mit ihrer schweren Lanze vom Olymp hinab zu Odysseus’ Palast. Dort saßen vor dem Tore die übermütigen Freier wie Schmeißfliegen auf Rinderhäuten beim Brettspiel und Wein, unter ihnen Telemachos, Odysseus’ Sohn. Der sah – wieder in Gedanken an den Vater – den Fremden zuerst und geleitete ihn ins Haus, wo er dessen Lanze in den Speerhalter stellte und eine Dienerin Handwaschwasser in einer goldenen Kanne, allerlei Fleisch, Brot und Wein bringen ließ. Dann drängten die Freier herein, füllten lärmend den Saal, ließen sich bedienen und verlangten Reigentanz und Gesang.<br />
"Die verprassen bei Saitenspiel das Gut unseres Herrn", wandte sich Telemachos leise an den Gastfreund, "seine Gebeine bleichen vielleicht längst irgendwo in der Sonne. Aber wer bist du?"<br />
"Mentes, der Sohn des Anchialos bin ich, herrsche über die Taphier", verstellte Athena sich. "Mein Schiff legte hier an, ich handle mit Erz. Der alte Laërtes, Vater deines Vaters, kennt mich. Ich weiß, dein Vater ist noch am Leben, irgendwo auf einer Insel im weiten Meer. Und ich prophezeie dir, wie die Unsterblichen mir eingaben: bald wird der Erfindungsreiche heimkehren. Du gleichst dem Odysseus an Gestalt und Blick. Oder bist du gar sein Sohn?"<br />
"Ich habe ihn zwar noch nie gesehen, aber meine Mutter behauptet das", erwiderte Telemachos.<br />
"Die Männer schmausen derart maßlos, treiben es schändlich", verwunderte sich die verwandelte Göttin. "Feiert ihr etwa Hochzeit?"<br />
"Wäre mein Vater in Troia als Held gefallen, hätten die Achäer ihn mit einem Grabhügel geehrt; jetzt vermodert er irgendwo ruhmlos, ließ uns nur Leid zurück. Freier aus dem ganzen Land belagern hier meine Mutter, fressen mit unseren Vorräten auch bald mich selbst."<br />
"Wie sehr Odysseus hier fehlt!" erwiderte Athena. "Aber führe dich nicht mehr auf wie ein Kind – bist längst gereift und erwachsen! Jetzt bereite dich vor, die Freier aus dem Hause zu jagen. Berufe morgen auf dem Markt eine Versammlung ein. Begib dich mit einem Schiff auf Erkundung nach deinem Vater, zuerst nach Pylos, dann zu Menelaos nach Sparta. Und ersinne, wie du die Freier am besten umbringst."<br />
Nach diesen Worten wollte die Göttin angeblich zu ihrem Schiff, flog aber wie ein Vogel durch die Dachluke. Der Sohn meinte, es müsse sich um einen Gott gehandelt haben, und spürte unermeßliche Kraft.<br />
Ein Sänger trug dann auf dem Gelage der Freier schwermütige Stücke über das Unglück der Troia-Heimkehrer vor. Penelope kam die Stiege herab, stellte sich würdevoll in die Saaltür und verbat sich unter Tränen derart traurige Lieder.<br />
"Nicht die Sänger sind schuld am Leid", rief mit einem Male Telemachos. "Auch ist Odysseus nicht der einzige, der fernblieb. Wie viele fielen vor Troias Mauern! Kümmere dich um Spindel und Webstuhl!" rügte er seine Mutter. "Hier im Hause bestimme ich."<br />
Die Mutter staunte, wie erwachsen ihr Sohn plötzlich redete und wie er den lärmenden Freiern entgegentrat: "Sammelt euch morgen alle auf dem Markte, da fordere ich euch auf, mein Haus zu verlassen!"<br />
Die Freier wunderten sich über Telemachos’ Mut und bissen sich zornig auf die Lippen. Obwohl er die Göttin erahnt hatte, wahrte er das Geheimnis und mißtraute jeder Nachricht über die Heimkehr seines Vaters, vor allem der Gutgläubigkeit seiner Mutter, die jeden Schwindler oder Bettler bewirtete, der von Odysseus erzählte.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020174-9</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Oehlmann, Werner; Stahmer, Klaus Hinrich; Sprau, Kilian; Bauni, Axel:Reclams Liedführer</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010680-8</link>
            <description><![CDATA[<b>Hans Werner Henze</b><br />
<br />
Am Werk Hans Werner Henzes (* 1926) lässt sich gut die ab Jahrhundertmitte allenthalben verstärkt einsetzende Tendenz zur Aufweichung des Genres Lied beobachten. Neben den wenigen Liedkompositionen mit traditioneller Klavierbegleitung gibt es eine Fülle von Stücken für Sologesang und kleinere oder größere Klangkörper aus seiner Feder, die – je nach Inhalt und Kompositionsanlass – zuweilen auch szenische und elektroakustische Elemente einschließen. Zwar vermittelt Henze von sich selbst das Bild eines Traditionalisten, wenn er sagt: "Ich will nicht verzichten auf das, was uns die Jahrhunderte zuspielen", doch revolutioniert sein Vokalschaffen die Tonsprache als solche und den gesamten Kontext des Liedvortrags. Dafür waren nicht zuletzt auch politische Motive maßgebend. So hat Henze – aufgewachsen in der Enge eines vom Nationalsozialismus begeisterten Elternhauses und auf der Grundlage eigener und als erniedrigend empfundener Erfahrungen mit dem Militär und der SS – früh begonnen, sich mit seiner Musik für Pazifismus und soziale Gerechtigkeit zu engagieren. Insofern ist Henze typischer Repräsentant einer zum Neuanfang entschlossenen Nachkriegsgeneration. <br />
Henze, der als 18-Jähriger einige Lieder für Tenor und Orgel nach Texten von Trakl (verschollen) komponiert hatte, ließ mit <i>Whispers from heavenly death</i> für hohe Singstimme und Klavier (1948; Walt Whitman) ein Werk folgen, welches inhaltlich und stilistisch die Ideologie der Neuorientierung repräsentiert. Den Komponisten drängte es nach allen Kriegsgräueln, das Thema zu verarbeiten und den Tod auf eine spirituelle Ebene zu heben, und so thematisiert dieser (1950 für kleines Instrumentalensemble bearbeitete) 5-sätzige Zyklus das Todeserleben. Als Text benutzte Henze ein in seine fünf Einzelstrophen zerlegtes Gedicht des amerikanischen Dichters, der mit seiner exquisiten Wortgestaltung in immer wieder neuen Bildern die Lebenswirklichkeit auf eine metaphysische Ebene zu rücken verstand. Beschrieben wird der geheimnisvolle Weg eines Sterbenden, dessen Seele sich vom Körper zu lösen beginnt (1) und zunächst orientierungslos – <i>No map here, nor guide</i> [Keine Karte dort, kein Führer] – im Zwischenreich herumirrt (2). Mit unbekanntem Ziel (3) bricht sie, "wenn die Bande sich lösen" und der Mensch die Fesseln der Schwerkraft und des Lebenssinns abzustreifen bereit ist, zu neuen Ufern auf (4), um letztlich in das Geheimnis eines als himmlisch empfundenen Todes einzutauchen (5). Dass Henze als Teilnehmer der ersten Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Schloss Kranichstein bei Darmstadt (seit 1946) für sein Werk die von den Nazis angefeindete Zwölftontechnik als Kompositionsgrundlage wählte, versteht sich fast von selbst.<br />
Italienisches Terrain betritt Henze dann in <i>Cinque canzoni napoletane</i> für Bariton und Kammerorchester (1957; anonyme Texte des 17. Jh.). Henzes Musik zu den in neapolitanischem Dialekt verfassten Liebesgedichten ist reich an Italianismen: volkstümlich-kantable Melodiewendungen werden in Form von Quartenbässen mit nachschlagender Harmonie begleitet. Der Zyklus schließt mit der schwermütigen, von einer Kantilene des Horns eingeleiteten Liebesklage von ergreifendem Ausdruck <i>Arbero piccerillo, te chiantaie</i> (5). Ein Orchesternachspiel lässt die traurige Stimmung in feierlichen, von der Trompete herb kolorierten Akkorden ausschwingen. – Zu den jungen deutschen Komponisten, die auf den mit dem Jahr 1946 nach unfreiwilliger Unterbrechung wieder beginnenden Donaueschinger Musiktagen ihre Plattform fanden, gehörte auch Henze mit seinen fünf <i>Nachtstücken und Arien</i> für Sopran und Orchester (1957). Die Komposition verdient Erwähnung nicht zuletzt auf Grund der Liedtexte, die als Dokument einer langjährigen, von Freundschaft geprägten Zusammenarbeit mit der Dichterin Ingeborg Bachmann zu gelten haben. – In der <i>Kammermusik 1958</i> über die Hölderlin zugeschriebene Hymne "In lieblicher Bläue" für Tenor und kleines Ensemble spiegelt sich Henzes Vorliebe für die mediterrane Helligkeit. Der Komponist verarbeitete darin die Eindrücke einer Griechenlandreise des Jahres 1958. – Eine Ode an die Schönheit ist <i>Being beauteous</i> für Koloratursopran, Harfe und vier Violoncelli (1963; Rimbaud).<br />
Eine Wende im Schaffen des Komponisten zeichnet sich mit dem vierzigsten Lebensjahr ab: Henze suchte jetzt das politische Engagement und stellte sein künstlerisches Tun in den Dienst der Anti-Vietnamkriegs-Bewegung und des Kommunismus. 1968 vertonte er in <i>Versuch über Schweine</i> für Sprechgesang und Orchester ein Gedicht des im Berliner Untergrund aktiven Chilenen Gastón Salvatore. Das ein Jahr später entstandene "Rezital" für Gesang, Flöte, Gitarre und Percussion mit dem Titel <i>El Cimarrón</i> hat die Biografie des geflohenen Sklaven Estéban Montejo zum Inhalt, wie sie von Miguel Barnet erzählt und von Hans Magnus Enzensberger für den Komponisten aufbereitet wurde. Revolutionär ist dieses Werk auch im übertragenen Sinn indem die Interpreten vom Komponisten für improvisatorische Passagen freigestellt und damit als Mit-Autoren des klanglichen Geschehens aufgewertet werden. – Einen Höhepunkt der politischen Arbeit auf dem Sektor der liedhaften Kompositionen bildet dann das von Henze als "Sammlung von Liedern" bezeichnete abendfüllende Werk <i>Voices/Stimmen</i> für zwei Singstimmen und Instrumentalgruppen (1973). Es enthält 20 Sologesänge und zwei Duette nach deutschen, englischen, italienischen und spanischen Gedichten u. a. von Heine, Brecht, Fried und Enzensberger, aber auch von Ho Chi Minh, und ist Ausdruck einer Sympathie des Komponisten für den Kampf der Völker bzw. Minderheiten gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Wie ein Motto heißt es <i>Los poetas cubanos ya no sueñan</i> [Die kubanischen Dichter schlafen nicht mehr] bei Heberto Padilla (1), während Victor Hernandez Cruz in The Electric Cop an die Folter im Polizeigewahrsam erinnert (4) und Dudley Randall von Roses and Revolutions singt (19). Lieder nach Gedichten von Brecht wie <i>Keiner oder alle</i> (3), <i>Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration</i> (11) und <i>Gedanken eines Revuemädchens während des Entkleidungsaktes</i> (12) ziehen sich wie ein roter Faden durch die Textcollage. Das mit Spezialinstrumenten wie Okarina, Mundharmonika, Hammondorgel, Glasharfe und Maultrommel, aber auch mit traditionellen Streich-, Blas- und Schlaginstrumenten reich besetzte Begleitorchester liefert ein je nach Stimmung, Stil und Nationalität des Gedichtes wechselndes Kolorit. – Ein später Nachklang dazu sind das <i>Chanson für Chile</i> für Tenor und Gitarre (1974; Dieter Süverkrüp) und der Zyklus <i>Hommage à Kurt Weill</i> für Singstimme und Ensemble (1975; Martin Walser, Ralph Thenier). Gedichte von Lorca inspirierten den Komponisten zu dem als "Imaginäres Theater" bezeichneten und von kleinem Ensemble begleiteten Zyklus <i>El Rey de Harlem</i> (1979).<br />
In späteren Jahren sollte Henze – teils aus der Einsicht heraus, dass man mit Kunst keine Revolution machen kann, teils auch von der veränderten politischen Wirklichkeit in seinen Visionen eingeholt – diese Haltung revidieren und zu einer gegenüber der politisch engagierten "musica impura" zu einer "musica pura", einer reinen Musik zurückfinden. Auf dem Liedsektor spiegelt sich dies in den klanglich zur traditionellen Klavierbegleitung zurückkehrenden <i>Three Auden Songs</i> für Tenor und Klavier (1983; Wystan Hugh Auden), aber auch den <i>Drei Liedern über den Schnee</i> für Sopran, Bariton und acht Instrumente (1989; Hans-Ulrich Treichel). Unter zitathafter Einbindung zweier fremder Texte von Goethe und Hafis (Übers.: Rückert) hat Henze in den <i>Sechs Gesängen aus dem Arabischen</i> (1997/98) ein umfangreiches Versepos geschaffen und vertont. Dem Zyklus von gut halbstündiger Aufführungsdauer liegt eine dramaturgische Konzeption zugrunde, die den Weg und die Wandlung aus anfänglicher Angst und Unsicherheit (<i>Selím und der Wind</i>; 1) heraus in einen Zustand der Entrückung und Erlösung (<i>Das Paradies</i>; 6) nachzeichnet. Dazwischen gestellt sind eine bizarre "Arabeske" (H. W. H.) in Form des Alberto Giacometti gewidmeten Liedes <i>Die Gottesanbeterin</i> (2) und das verträumte Lied <i>Ein Sonnenaufgang</i> (3), gefolgt vom Lied <i>Cäsarion</i> (4), das den Übergang beschreibt: "Es rührt sich etwas in mir, es könnte eine Sehnsucht sein". Den Höhepunkt an Ausdrucksintensität erreicht Henze – wohl auch im Rückgriff auf die orientalische Praxis der Totenklage – in <i>Fatumas Klage</i> (5).]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
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            <title>Stefánsson, Jón Kalman:Das Knistern in den Sternen</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020169-5 </link>
            <description><![CDATA[Die Einsamkeit weckt ihn.<br />
Nicht wie ein schwerer Schlag, sondern wie ein leises Ziehen, das im Moment des Aufwachens zu einem Schmerz anwächst. Viele Tage sind vergangen, seit er an ihrer Seite eingeschlafen ist, müde, erschöpft, glücklich, in der schönsten Nacht des Lebens. Am Morgen danach war sie verschwunden. Nicht nur aus seinem Leben, sondern ebenso aus der Stadt. Sie ist davongefahren und hat die Laternenpfähle stehen lassen.<br />
Ist davongefahren und hat sämtliche Vorfahrtsschilder zurückgelassen, die Häuser in der Weststadt, alle Bürgersteige; sie ist weggefahren, und vergeblich preisen die Kinos ihre Filme in Cinemascope an, denn sie ist weg, auf und davon. Weg von der Hringbraut, weg von Skaftahlíð, dem ganzen Skaftahlíð-Hügel, besonders aber weg von einer Kellerwohnung, wo er in tiefer Trauer liegt. Davongelaufen nach Westen in die Fjorde, wohin genau, soll er nicht in Erfahrung bringen, die in Skaftahlíð dürfen ihren Aufenthaltsort nicht preisgeben. Ihre Abwesenheit macht jeden Sack Zement doppelt schwer. Er geht noch einmal zu ihrem Haus, um sich zu erkundigen, trifft aber nur den Dichter, der gerade dabei ist, zu packen. <br />
"Nichts zu tun hier, die Frau in Norwegen, weiß auch nicht, was ich eigentlich hier gesucht habe. Das Mädchen? Nein, keine Ahnung. Verschwunden, sagst du. Ja, mir brauchst du nichts zu erzählen, ich weiß, wie das ist. Mit den Gedichten geht es einem genauso. Sobald man glaubt, sie aus der Tiefe hervorgeholt zu haben und sie mit Händen greifen zu können, verschwinden sie, lösen sich auf und lassen einen allein zurück. Ich beneide dich um deine Arbeit, junger Mann, der Zement lässt den Sand nicht im Stich, und gemeinsam verbinden sie sich zu Beton; bald erhebt sich ein Haus. Du hast es gut."<br />
Blödsinn, er hat es überhaupt nicht gut, der Junge aus dem Osten, und er hat nicht das geringste Interesse an den Schwierigkeiten des Dichters mit seinen Worten; er ist nichts weiter als ein Maurerlehrling, und jeder Tag ein neuer Foltermeister. Ihr Geruch ist aus dem Bettlaken verflogen, die Milch versauert im Kühlschrank, die Zementsäcke werden immer schwerer, bald wird die Erdkruste unter ihm einbrechen. <br />
"Zum Teufel damit, Junge, vergiss sie!", sagen die Freunde und schleppen ihn gegen seinen Willen mit zu einem Besäufnis. "Lass sie, wo der Pfeffer wächst", sagen sie und begreifen nichts, nicht das Geringste.<br />
Sie vergessen?<br />
Reiß einem Vogel den Flügel aus und beobachte dann seinen Flug.<br />
Nach viel zu viel Wodka-Cola setzt er sich von seinen Kumpanen ab. Es ist Nacht. Irgendwo auf der Grettisgata übergibt er sich, ruft auf der Snorrabraut ihren Namen und auch die halbe Karlagata entlang, bis jemand ein Fenster öffnet und schreit: "Halt endlich das Maul da unten!" Da knickt er zusammen, wird zu Schnee, einem Haufen Schnee auf dem offenen Feld von Klambratún. Der Mond segelt zwischen den Wolken hervor, wirft sein weißes, kaltes Licht über die Stadt. Der junge Mann klingelt in Skaftahlíð, hält seinen Finger auf die Klingel gedrückt, obwohl er vor meiner Großmutter mächtig Respekt hat, klingelt lange, und das Klingeln ist wie ein Notruf in der Nacht. Die Hosen voll, aber trotzig steht er dann vor Großmutter, einer hochgewachsenen, stolzen Frau, die genau vierzig Jahre später in Hveragerði sterben wird, nachdem ihr die Zeit übel mitgespielt hat. Sie hält den Morgenrock um sich zusammen, nicht eine Spur von Mitleid in den Augen. Ihr ganzer Zorn kommt in der Beschreibung dieser nächtlichen Ruhestörung zum Ausdruck. Aber gibt es überhaupt etwas zu beschreiben?<br />
Der Junge ist einfach fix und fertig.<br />
Nach dem klaren Frost draußen ist die Luft im Hausflur heiß und stickig. Ihm wird flau und ein wenig schwindlig, und so kann er nichts erklären. Er öffnet den Mund, aber nur ein Name kommt heraus. Dann beißt er die Lippen zusammen, blass wie ein Laken, kämpft gegen einen Anfall von Übelkeit, presst die flachen Hände fest gegen die Wand, um das rasende Drehen der Erde zu bremsen. Da tritt Großvater in die Diele, Großvater, der ein paar Jahre später zusammen mit Großmutter und meiner Halbschwester nach Norwegen auswandern wird und der nun auf dem Friedhof von Stavanger begraben liegt, weil er einmal unachtsam auf eine Leiter trat, sich zu weit nach einer Anstreicherrolle streckte, das Gleichgewicht verlor und fiel. Großvater, der dem Jungen sehr zu Großmutters Missfallen einmal die Tür geöffnet hat, kommt dazu. Der Junge drückt sich mittlerweile mit dem ganzen Körper an die Wand, weil er fürchtet, von der Erde in die Leere des Weltalls geschleudert zu werden. Er hört, wie sich die anderen leise miteinander besprechen, tausend Kilometer weit weg.<br />
"Wir müssen ihm etwas sagen!"<br />
"Nej, keinen Ton!"<br />
"Aber siehst du denn nicht, dass der Junge ganz von Sinnen ist? Das ist Liebe, Frau!"<br />
"Pah, Blödsinn. Der ist nur stinkbesoffen. Bald fängt er an zu kotzen. Aber hinterher aufwischen, det skal du!"<br />
"Hör auf! Er könnte sich umbringen, wenn wir nichts sagen."<br />
"Sich umbringen! So blöd wird doch kein Kerl sein, dass er sich wegen einer Frau das Leben nimmt."<br />
Großvater schüttelt den Kopf. Er tritt noch einen Schritt näher, packt den halb bewusstlosen jungen Mann an der Schulter und schaut ihm in die schwimmenden Augen.<br />
"Bedeutet sie dir etwas?"<br />
Der junge Mann schrickt auf, holt tief Luft und seufzt ein langgezogenes Jaaaa.<br />
Großmutter macht: "Pah!"<br />
Großvater lässt die Schulter nicht los: "Bist du dir sicher? Sehr viel?"<br />
Der Junge gräbt in seinem unendlich schweren Schädel, schiebt volltrunkene Wörter zur Seite und sucht etwas, das den Mann vor ihm überzeugen könnte: "Ich kann überhaupt nichts mehr."<br />
Großvater: "Was?"<br />
Er, sehr langsam: "Es ist, als wäre mir alles genommen worden."<br />
Großmutter: "Ach, du bist doch nur besoffen."<br />
Er wischt mit der Rechten durch die Luft. "Nein! Doch. Ich meine, ja, ich bin betrunken, aber, Mensch, das tut nichts zur Sache. Ich meine ... alles ... ja, das ist wichtig ... ich ... ohne sie ... ich ..."<br />
Der Junge hebt beide Hände, die Handflächen nach vorn gestreckt, und öffnet den Mund, aber er hat keine Worte mehr.<br />
Großmutter: "Pah!"<br />
Großvater: "Wenn sie dir so viel bedeutet, wie du behauptest, was machst du dann überhaupt noch hier?"<br />
Er: "Wie? Ich, ich meine, nein, ich ..."<br />
Großvater: "Seid ihr im Osten eigentlich alle so begriffsstutzig?"<br />
Der Junge schließt die Augen und sofort dreht sich die Erde wieder. Die Drehzahl nimmt beängstigend schnell zu, und kurz bevor der Junge in die Dunkelheit und Einsamkeit des Weltraums geschleudert wird, reißt er die Augen auf, öffnet den Mund und schließt ihn wieder.<br />
Großmutter: "Du wirst nicht auf meinen Fußboden kotzen!"<br />
Großvater: "Du weißt doch, dass sie sich im Westen aufhält, und du sagst, sie bedeutet dir alles. Was hast du also hier zu suchen? Noch dazu hackevoll und voller Selbstmitleid. Fahr ihr nach, Junge!"<br />
Großmutter: "Nej, det gör hann ikke! Hast du keine Arbeit?"<br />
Er sieht von einer zum andern, ganz durcheinander und mit verschwimmendem Blick.<br />
"Was? Doch, doch. Ich bin Maurer, nein, in der Lehre, ich ..."<br />
Großvater: "Zum Donnerwetter, spielt das jetzt eine Rolle? Die Zementsäcke fliegen schon nicht weg. Mach dich auf den Weg oder vergiss sie!"<br />
Großmutter: "Seine Arbejd darf man nicht im Stich lassen!"<br />
Er: "Aber, ich, wo?"<br />
Großvater: "Sie arbeitet in einem Kühlhaus. Davon gibt es nicht allzu viele. Such sie, Junge, such sie! Man muss nämlich was tun, wenn man etwas bekommen will."<br />
Am nächsten Tag erwacht er in seinem Bett, mit gespaltenem Schädel und Erbrochenem auf dem Boden. Es ist Samstag. Er arbeitet bis Montagmittag, doch dann ist Feierabend. Der Meister schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: "Den Rest der Woche frei nehmen? Ja, glaubst du denn, das Leben ist ein Ferienlager?!"<br />
"Bekomme ich nun Urlaub?"<br />
"Nein."<br />
"Ich fahre trotzdem."<br />
"Dann brauchst du gar nicht mehr wiederzukommen!", brüllt der Meister, der sich schrecklich aufregt und von einem Moment auf den anderen aus der Haut fahren kann. Sein Zorn legt sich jedoch ebenso schnell wieder, kaum dass der Junge aus seinen Augen verschwunden ist, und der Meister läuft ihm schimpfend hinterher.<br />
Zwei Stunden später sitzt der Junge in seinem Kellerloch über eine Karte der Westfjorde gebeugt. Einen Busfahrschein hat er in der Tasche, für morgen früh um acht. Sein Zeigefinger streift über die größeren Ortschaften, und er murmelt ihre Namen, als wären es Beschwörungsformeln: Patreksfjörður, Tálknafjörður, Þingeyri.<br />
Doch trotz der adretten, kleinen, nagelneuen Reisetasche mit der Fahrkarte darin und obwohl er fest entschlossen ist, fährt der junge Mann nicht, denn die Post bringt ihm einen Brief: Ein müder Postbote mit wunden Füßen stellt ihn zu, ein Brief aus Prag, aus der Stadt mit lächelnden Barkeepern und einem Geiger, der ewig in Moll gestimmt ist und Beulen am Kopf hat.<br />
"Ich bin nun also hier angekommen", schreibt meine Mutter, "meine Schwester bringt mir abends tschechische Grammatik bei." Und sie schreibt weiter, dass ihr sehr, sehr viel daran liege, dass er ihr nicht böse sei, obwohl sie es verdient habe, dann aber: "Vergiss mich!" Darauf folgt etwas, das sie wohl als Erklärung verstanden wissen möchte: Sie wolle die Welt kennenlernen, das Leben und sich selbst und könne sich beim besten Willen nicht vorstellen, zu heiraten, sich von den Erwartungen der Gesellschaft vereinnahmen zu lassen, am heimischen Herd auf ihn zu warten, Kartoffeln und Fisch aufzusetzen und die Kinder zu trösten – sich selbst zu opfern. "Verzeih mir", schreibt sie zum fünften Mal, und diesmal soll er verzeihen, "dass ich abgereist bin, ohne mich zu verabschieden, und dass ich mich bei Nacht und Nebel davongeschlichen habe; aber ich musste es tun, sonst hättest du mich davon abhalten können, nicht durch Worte, sondern einfach dadurch, dass du aufgewacht wärst und mich angesehen hättest." "Vergiss mich", schreibt sie, denn nun liege ein ganzes Meer zwischen ihnen und ein halber Erdteil. Er werde eine andere kennen lernen, "die besser ist als ich. Sei mir nicht böse."<br />
Damit endet der Brief.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
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        <item>
            <title>Meier, Albert:Klassik – Romantik</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-017674-0</link>
            <description><![CDATA[Klassik und Romantik als 'Epochen'-Problem<br />
<br />
Die Jungfrau von Orleans des Klassikers Schiller trägt die Gattungsbezeichnung 'romantische Tragödie', während der Romantiker August Wilhelm Schlegel seinen Ion als klassizistisches Trauerspiel verstanden hat. An solchen Paradoxien wird deutlich, wie heikel es wäre, 'Klassik' und 'Romantik' gegeneinander ausspielen zu wollen. Um zwei 'Epochen' kann es sich nicht handeln, weil jede Epoche ihrer Begriffslogik nach ausschließt, dass es zur selben Zeit noch eine andere gibt – insofern sind 'Klassik' und 'Romantik' besser in ihrem Miteinander als in ihrer Konkurrenz zu begreifen: als komplementäre Stilvarianten der deutschsprachigen Poesie um 1800, die unterschiedlich auf die gemeinsame Diagnose reagieren, der Moderne sei die Natürlichkeit des glücklicheren Altertums abhanden- gekommen. Das, was aus der Wirklichkeit verschwunden ist, versucht das klassische Konzept in die Werke der schönen Kunst zu retten, während der romantische Ansatz sich solchen Ersatzlösungen verweigert:<br />
<br />
<i>Das Classische lebt in dem Lichte der Anschauung, knüpft das Individuum an die Gattung, die Gattung an das Universum an, sucht das Absolute in der Totalität der Welt, und ebnet den Widerstreit, in dem das Einzelne mit ihm steht, in der Idee des Schicksals durch allgemeines Gleichgewicht.<br />
Das Romantische verweilt vorzugsweise im Helldunkel des Gefühls, trennt das Individuum von der Gattung, die Gattung vom Universum, ringt nach dem Absoluten in der Tiefe des Ichs, und kennt für den Widerstreit, in dem das Einzelne mit ihm steht, keinen Ausweg, als entweder verzweiflungsvolles Aufgeben aller Ausgleichung, oder vollkommene Lösung, in der Idee der Gnade und Versöhnung durch Wunder.</i><br />
<br />
Klassik und Romantik benennen Stilvarianten von Dichtung in einem Zeitraum, der außerhalb Deutschlands ohnehin nur den Sammelnamen 'Romantik' trägt und die <i>doctrine classique</i>, das im 17. und frühen 18. Jahrhundert europaweit gültige Regelsystem der Literatur, verabschiedet. Auf einer höheren Abstraktionsebene mag diese weitherzig verstandene 'Romantik' einen Abschnitt der Makro-Epoche 'Moderne' bilden, an deren Beginn Dante Alighieris <i>Divina Commedia</i> (um 1307–21) steht. Es geht jedoch auch kleiner. In ihrer ambivalenten Ausprägung als 'klassisch' und 'romantisch' dementiert die Poesie an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert das auf Mimesis (Nachahmung) abgestellte Literaturverständnis der Aufklärer von Gottsched über Lessing bis Iffland und Kotzebue: "Der romantische Protest gegen die Aufklärung klagt einen Verlust ein: mit der Leugnung jedes grundsätzlich Anderen ihrer selbst schneidet die aufgeklärte Vernunft der Kunst den Lebensnerv ab." Demgegenüber steht das klassisch-romantische Schreiben um 1800 im Zeichen ästhetischer Autonomie und gewinnt seine – künstlerische wie gesellschaftliche – Bedeutung gerade als Einspruch gegen das Kopieren der Lebenswelt. In diesem Sinn ist es nach wie vor zweckmäßig, die 'klassischen' wie die 'romantischen' Werke als divergierende 'Teilmengen' einer Gesamtepoche 'Romantik' aufzufassen. Klassik und (Früh-)Romantik stellen sich als aufeinander bezogene Varianten einer Kunst dar, die ihren Sinn zuallererst darin sieht, sich dem Alltagstrott zu entziehen.<br />
Das wirft die Frage nach einem zentralen 'Abgrenzungsereignis' auf, das die Epoche eröffnet. In philosophisch-weltanschaulicher Hinsicht bieten sich Jean-Jacques Rousseaus (1712–1778) <i>Discours sur les sciences et les arts</i> ('Abhandlung über die Wissenschaften und Künste', 1750) und mehr noch sein <i>Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes</i> ('Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen', 1755) an, die beide die Vergangenheit idealisieren, um die Gegenwart abzuwerten. Zeitgleich überträgt Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) dieses buchstäblich 'gebrochene', weil reflektierte Gegenwartsbewusstsein in seinen <i>Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauer-Kunst</i> auf die ästhetische Argumentation. Seitdem steht zur Debatte, ob den Künstlern der Moderne vollkommene Schönheit überhaupt noch möglich ist.<br />
<br />
[Die Fußnoten des Textes sind nicht wiedergegeben.]]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-017674-0</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Kolleg Praktische Philosophie 4</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018586-5</link>
            <description><![CDATA[<b>Zu dieser Reihe</b><br />
Von Franz Josef Wetz und Volker Steenblock<br />
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<i>Was ist Praktische Philosophie? </i> Antworten zu finden auf die Frage, wie wir leben und handeln sollen, sind Gegenstand und Aufgabe der "Praktischen Philosophie". Dieser Oberbegriff umfasst vor allem die Ethik, aber auch <i>Politische Philosophie, Sozial­</i> und <i>Rechtsphilosophie</i> sowie in einem weiteren Sinne <i>Geschichts­</i> und <i>Kulturphilosophie</i>.<br />
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<i>Warum Praktische Philosophie in der Gegenwart?</i> Alle Praktische Philosophie reagiert auf Herausforderungen ihrer Zeit. Gerade gegenwärtig ist in den Gesellschaften des Westens ebenso wie in anderen Ländern eine <i>Umbruchsituation</i> festzustellen, wie es sie vielleicht noch nie gab. Wichtige Problemfelder – Menschenrechte, Kriege, Zusammenstöße einander fremder Glaubens­ und Lebensformen, Globalisierung der Märkte, Allpräsenz der Medien in der "Informations­" und "Wissensgesellschaft", ökologische Grenzen der Menschheitsexistenz, neue Möglichkeiten der Gen­, Neuro­ und Medizintechnik, aber auch die Debatten um eine Naturalisierung des Geistes, der Ethik und der Kultur in den Wissenschaften und in der Philosophie – werfen Fragen von nie gekannter Tragweite auf. Zusätzlich geraten viele Bereiche unserer Lebenswelt neu in den Fokus des Interesses wie etwa die allgemeine Ästhetisierung des Alltags in der Konsumgesellschaft oder Pop, Drogen, Sport und Sex – die Events der Jungen und Alten mit ihrer ruhelosen Suche nach immer neuen Reizen, körperlichen "Kicks" und "Thrills". Auch unser Körper spielt in der Gegenwartskultur eine immer größere Rolle: Gesundheitswahn, Leibeskult, Sportversessenheit, Abenteuerlust und Sexsucht zeigen diesen Boom als neue Formen von Sinngebungsversuchen.<br />
In solchen Umbruchzeiten scheint die Orientierungskraft institutionalisierter Sittensysteme in Zweifel gezogen zu sein. Entsprechend verschärft sich der Handlungsdruck und Orientierungsbedarf. Es stellt sich damit die Kant’sche Frage: "Was sollen wir tun?" auf ganz neue Weise; damit zusammenhängend zeigt sich eine stärkere Nachfrage nach philosophischer Reflexion über Werte und Normen.<br />
Die Beiträge der vier Bände leuchten deshalb das gesamte alltagskulturelle Spektrum unter dem Aspekt nötiger Sinn­ und Wertorientierung neu aus. Dabei kommen die Abhandlungen nicht allein aus den Tiefen der Theorie, sondern fußen auch in der Fülle der Anschauung. Sie wollen einen durchaus nachhaltigen Überblick über zahlreiche Kulturfelder bieten, Felder, von denen aus Bezüge zur Praktischen Philosophie deshalb herzustellen sind, eben weil sie ethische Fragen aufwerfen. Das Kolleg bezieht sich demnach nicht nur auf die Breite kultureller Gegenwartsphänomene, sondern umgekehrt gilt auch: Die Praktische Philosophie wird betrachtet in <i>kulturellen Kontexten</i>, vor allem vor dem Hintergrund säkularisierter Gesellschaften, gestalten sich doch die Diskussionsbedingungen zur Ethik gerade in unserer zersplitterten, heterogenen Gegenwart hochkomplex und schwierig.<br />
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<i>Warum der besondere Blick auf kulturelle Kontexte?</i> Die Formen und Regelungen des Zusammenlebens, die zunächst vor allem aus verschiedenen religiösen Wurzeln entstanden sind, bilden eine fundamentale Kulturleistung des Menschen. In traditionsgeprägten Gesellschaften bestimmen Normen und Institutionen das Handeln, die weitgehend unhinterfragt Geltung haben. Darüber hinaus wurden einst Lebensdeutung und Lebensorientierung eng miteinander verbunden. Die abendländische Philosophie, die von Platon bis Nietzsche verbindliche Vorstellungen vom allgemeinen Wesen des Menschen entwickelte, verknüpfte stets Aussagen über die allgemeine Wesensnatur des Menschen mit seinem Wesen entsprechenden Aussagen zur Lebensaufgabe und Lebensführung. Daran ließ sich das Verhalten des Einzelnen als der Natur gemäß oder als dieser Natur gegenüber wesenswidrig bestimmen.<br />
In der Moderne haben sich diese Zusammenhänge nach und nach aufgelöst: Die vorherrschenden Menschenbilder unserer Zeit scheinen sich immer stärker naturalistisch oder liberalistisch auszurichten. Auf den ersten Blick scheinen beide Perspektiven miteinander unvereinbar zu sein, wird der Mensch doch von den einen als Produkt subjektloser Naturprozesse im anonymen Spiel blinder Naturkräfte gesehen, von den anderen aber in Fragen der Lebensführung und Wertorientierung gänzlich auf sich selbst gestellt. Bei näherem Hinsehen jedoch stimmen beide Seiten in einem Punkt überein: Es gibt keine metaphysische Wesensnatur des Menschen, aus der sich ableiten ließe, wie der Einzelne zu leben habe. Der Mensch muss sein sorgenvolles Leben selbst führen, seine Existenz selbst deuten und dazu alle Werte setzen, an denen er sich orientieren möchte.<br />
Dieser Ausgangslage möchte das vorliegende Projekt dadurch gerecht werden, dass es sich mit den drängenden Fragen unserer Zeit <i>nicht</i> im Gestus eines letztinstanzlichen Rückgriffs auf ein "höheres" Sinnmodell und geschlossenes Weltbild, sei es mythischer, religiöser oder vernunftmetaphysischer Art, befasst. Allerdings bedeutet ein solcher Ansatz weder, dass von solchen Optionen nicht die Rede sein wird, noch, dass die Konzeption der Reihe "weltanschaulich einseitig" wäre; sie ist vielmehr einem Ethos des Pluralismus und der Diskursivität verpflichtet, will dabei aber immer den Fokus in besonderer Weise auf die Probleme in der zeitgenössischen Gesellschaft richten.<br />
Je weniger überschaubar und geschlossen das gesellschaftliche Ganze ist, desto schwieriger gestalten sich alle Versuche, in einem einheitlichen Wertekanon neuen Halt zu finden. Eine abschließende Klärung und ultimative Lösung von Wertekonflikten scheint in der pluralistischen Gesellschaft mittlerweile immer seltener möglich zu sein. Widersprüche, Gegensätze, auch Konflikte und Kontroversen sowie Ungewissheit und Unsicherheit prägen in nicht geringem Maße den Normalzustand fortgeschrittener Gesellschaften, ein Normalzustand, an den wir uns gewöhnen müssen. Nicht selten fordern sich regelmäßig gegensätzliche Wertevorstellungen argumentativ heraus und zwingen sich wechselseitig zu immer genauerer Stellungnahme und Begründung. Statt in einvernehmliche Lösungen zu münden, gehen derlei politische Wertedebatten nicht selten ins Uferlose, bis sie wegen Erschöpfung aller Beteiligten wenigstens für eine Weile abgelegt oder durch neue offene Fragen verdrängt werden. "Nach der Grundwertediskussion" scheint "vor der Grundwertediskussion" zu sein in einer offenen Gesellschaft ohne einheit_liches Sinnzentrum, ohne eindeutig bestimmbaren religiösen, sittlichen und moralischen Identitätskern in ihrer Mitte, von dem aus sich das menschliche Zusammenleben steuern ließe.<br />
Diese Situation macht bewusst, wie sehr wir in Fragen der Selbstdeutung und Wertgewinnung auf unsere <i>kulturelle Arbeit</i> angewiesen sind. Ausgangspunkt dieses Grundgedankens ist dabei die Vorstellung des Menschen als eines gleichsam "vergänglichen Stücks um sich selbst bekümmerter Natur" in einer um ihn unbekümmerten Welt. Als Inbegriff und zugleich Medium menschlicher Selbstbehauptung erscheint in diesem Zusammenhang die <i>Kultur</i> im weitesten Sinne, zu der außer Religion auch Medizin, Technik, Kunst, Politik, Recht, Ökonomie sowie eben die Praktische Philosophie gehören. Bildhaft formuliert: Natur ist der Zustand, wenn es regnet, Kultur, wenn man einen Regenschirm hat.<br />
<br />
<i>Das Ziel der Bände: Ethisch­philosophische Bildung</i>. Ethische Fragen sind in der Gegenwartskultur von und mit Experten zu diskutieren – wie etwa mit den in diesem Band vertretenen, den Angehörigen von Kommissionen, den Mitgliedern eines "deutschen Ethikrats". Diese Fragen sind aber nicht an Experten zu delegieren. Wir alle müssen – jede(r) Einzelne – uns zu ethischen bzw. moralischen Fragen verhalten, uns über Traditionen, Fragestellungen und Antwortversuche ins Bild setzen.<br />
Eine demokratische Gesellschaft braucht dabei gerade auch die Philosophie. Diese klärt die Begriffe, fragt auf die Konsequenzen bestimmter Annahmen hin nach und bezieht die Probleme der Gegenwart ebenso auf die in der Tradition erarbeiteten Gehalte unserer moralischen und weltanschaulichen Überzeugungen wie auf unsere Vernunftkultur. Philosophie bedeutet, sich argumentativ, mit Gründen einzuschalten in die Urteilsbildung und die Ergebnisse dieser eigenen Vergewisserung auch in öffentlicher Meinungsbildung und demokratischer Debatte zur Geltung zu bringen.<br />
Ohne einen Kernbestand <i>gemeinsam bewusster, diskutierter und gelebter</i> Werte kann keine Gesellschaft dauerhaft bestehen. Deshalb muss die angedeutete "leere Mitte" immer wieder von Neuem gefüllt werden – nämlich mit Orientierungen, welche allerdings von uns Menschen selbst zu entwickeln sind. In einer säkularen Gesellschaft lassen sich allgemeinverbindliche Grundwerte nur auf solche Interessen stützen, an denen alle Anteil haben. Darum kann man sagen: Grundwerte und Moralnormen sind allgemeinverbindlich jetzt nur noch intersubjektiv begründbar, und zwar indem wir unsere gemeinsamen Interessen in Aufforderungen zu bestimmten Verhaltensweisen verwandeln. Um sich über solche gemeinsamen Interessen verständigen zu können, müssen alle Möglichkeiten zu argumentativer Auseinandersetzung und ungezwungenem Meinungsaustausch genutzt werden. Denn erst sie ermöglichen ein offenes Gespräch über die Frage, woran wir uns überhaupt orientieren möchten (dieses Gespräch ist übrigens selbst wieder an elementare Voraussetzungen gebunden, bedenkt man nämlich, dass mangelnde Bildung, Hunger oder andere Repressionen von außen die für jedes offene Gespräch notwendige Freiheit, Muße, Aufgeklärtheit und Unerschrockenheit unterbinden können). Für eine solche notwendige Orientierung an den Bildungsorten oder im Selbststudium werden im Folgenden Materialien angeboten. Der Kolleg­Charakter soll die Auseinandersetzung mit Fragen der Praktischen Philosophie in der Kultur der Gegenwart nicht verschulen, aber – vor allem in den Einleitungen zu jedem der vier Einzelbände – einen Lektüre­ und Bildungsgang begründen und vorschlagen, auf den hin die Autoren und ihre Beiträge sich zusammengefunden haben.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018586-5</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Kolleg Praktische Philosophie 3</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018585-8</link>
            <description><![CDATA[<b>Zu dieser Reihe</b><br />
Von Franz Josef Wetz und Volker Steenblock<br />
<br />
<br />
<i>Was ist Praktische Philosophie? </i> Antworten zu finden auf die Frage, wie wir leben und handeln sollen, sind Gegenstand und Aufgabe der "Praktischen Philosophie". Dieser Oberbegriff umfasst vor allem die Ethik, aber auch <i>Politische Philosophie, Sozial­</i> und <i>Rechtsphilosophie</i> sowie in einem weiteren Sinne <i>Geschichts­</i> und <i>Kulturphilosophie</i>.<br />
<br />
<i>Warum Praktische Philosophie in der Gegenwart?</i> Alle Praktische Philosophie reagiert auf Herausforderungen ihrer Zeit. Gerade gegenwärtig ist in den Gesellschaften des Westens ebenso wie in anderen Ländern eine <i>Umbruchsituation</i> festzustellen, wie es sie vielleicht noch nie gab. Wichtige Problemfelder – Menschenrechte, Kriege, Zusammenstöße einander fremder Glaubens­ und Lebensformen, Globalisierung der Märkte, Allpräsenz der Medien in der "Informations­" und "Wissensgesellschaft", ökologische Grenzen der Menschheitsexistenz, neue Möglichkeiten der Gen­, Neuro­ und Medizintechnik, aber auch die Debatten um eine Naturalisierung des Geistes, der Ethik und der Kultur in den Wissenschaften und in der Philosophie – werfen Fragen von nie gekannter Tragweite auf. Zusätzlich geraten viele Bereiche unserer Lebenswelt neu in den Fokus des Interesses wie etwa die allgemeine Ästhetisierung des Alltags in der Konsumgesellschaft oder Pop, Drogen, Sport und Sex – die Events der Jungen und Alten mit ihrer ruhelosen Suche nach immer neuen Reizen, körperlichen "Kicks" und "Thrills". Auch unser Körper spielt in der Gegenwartskultur eine immer größere Rolle: Gesundheitswahn, Leibeskult, Sportversessenheit, Abenteuerlust und Sexsucht zeigen diesen Boom als neue Formen von Sinngebungsversuchen.<br />
In solchen Umbruchzeiten scheint die Orientierungskraft institutionalisierter Sittensysteme in Zweifel gezogen zu sein. Entsprechend verschärft sich der Handlungsdruck und Orientierungsbedarf. Es stellt sich damit die Kant’sche Frage: "Was sollen wir tun?" auf ganz neue Weise; damit zusammenhängend zeigt sich eine stärkere Nachfrage nach philosophischer Reflexion über Werte und Normen.<br />
Die Beiträge der vier Bände leuchten deshalb das gesamte alltagskulturelle Spektrum unter dem Aspekt nötiger Sinn­ und Wertorientierung neu aus. Dabei kommen die Abhandlungen nicht allein aus den Tiefen der Theorie, sondern fußen auch in der Fülle der Anschauung. Sie wollen einen durchaus nachhaltigen Überblick über zahlreiche Kulturfelder bieten, Felder, von denen aus Bezüge zur Praktischen Philosophie deshalb herzustellen sind, eben weil sie ethische Fragen aufwerfen. Das Kolleg bezieht sich demnach nicht nur auf die Breite kultureller Gegenwartsphänomene, sondern umgekehrt gilt auch: Die Praktische Philosophie wird betrachtet in <i>kulturellen Kontexten</i>, vor allem vor dem Hintergrund säkularisierter Gesellschaften, gestalten sich doch die Diskussionsbedingungen zur Ethik gerade in unserer zersplitterten, heterogenen Gegenwart hochkomplex und schwierig.<br />
<br />
<i>Warum der besondere Blick auf kulturelle Kontexte?</i> Die Formen und Regelungen des Zusammenlebens, die zunächst vor allem aus verschiedenen religiösen Wurzeln entstanden sind, bilden eine fundamentale Kulturleistung des Menschen. In traditionsgeprägten Gesellschaften bestimmen Normen und Institutionen das Handeln, die weitgehend unhinterfragt Geltung haben. Darüber hinaus wurden einst Lebensdeutung und Lebensorientierung eng miteinander verbunden. Die abendländische Philosophie, die von Platon bis Nietzsche verbindliche Vorstellungen vom allgemeinen Wesen des Menschen entwickelte, verknüpfte stets Aussagen über die allgemeine Wesensnatur des Menschen mit seinem Wesen entsprechenden Aussagen zur Lebensaufgabe und Lebensführung. Daran ließ sich das Verhalten des Einzelnen als der Natur gemäß oder als dieser Natur gegenüber wesenswidrig bestimmen.<br />
In der Moderne haben sich diese Zusammenhänge nach und nach aufgelöst: Die vorherrschenden Menschenbilder unserer Zeit scheinen sich immer stärker naturalistisch oder liberalistisch auszurichten. Auf den ersten Blick scheinen beide Perspektiven miteinander unvereinbar zu sein, wird der Mensch doch von den einen als Produkt subjektloser Naturprozesse im anonymen Spiel blinder Naturkräfte gesehen, von den anderen aber in Fragen der Lebensführung und Wertorientierung gänzlich auf sich selbst gestellt. Bei näherem Hinsehen jedoch stimmen beide Seiten in einem Punkt überein: Es gibt keine metaphysische Wesensnatur des Menschen, aus der sich ableiten ließe, wie der Einzelne zu leben habe. Der Mensch muss sein sorgenvolles Leben selbst führen, seine Existenz selbst deuten und dazu alle Werte setzen, an denen er sich orientieren möchte.<br />
Dieser Ausgangslage möchte das vorliegende Projekt dadurch gerecht werden, dass es sich mit den drängenden Fragen unserer Zeit <i>nicht</i> im Gestus eines letztinstanzlichen Rückgriffs auf ein "höheres" Sinnmodell und geschlossenes Weltbild, sei es mythischer, religiöser oder vernunftmetaphysischer Art, befasst. Allerdings bedeutet ein solcher Ansatz weder, dass von solchen Optionen nicht die Rede sein wird, noch, dass die Konzeption der Reihe "weltanschaulich einseitig" wäre; sie ist vielmehr einem Ethos des Pluralismus und der Diskursivität verpflichtet, will dabei aber immer den Fokus in besonderer Weise auf die Probleme in der zeitgenössischen Gesellschaft richten.<br />
Je weniger überschaubar und geschlossen das gesellschaftliche Ganze ist, desto schwieriger gestalten sich alle Versuche, in einem einheitlichen Wertekanon neuen Halt zu finden. Eine abschließende Klärung und ultimative Lösung von Wertekonflikten scheint in der pluralistischen Gesellschaft mittlerweile immer seltener möglich zu sein. Widersprüche, Gegensätze, auch Konflikte und Kontroversen sowie Ungewissheit und Unsicherheit prägen in nicht geringem Maße den Normalzustand fortgeschrittener Gesellschaften, ein Normalzustand, an den wir uns gewöhnen müssen. Nicht selten fordern sich regelmäßig gegensätzliche Wertevorstellungen argumentativ heraus und zwingen sich wechselseitig zu immer genauerer Stellungnahme und Begründung. Statt in einvernehmliche Lösungen zu münden, gehen derlei politische Wertedebatten nicht selten ins Uferlose, bis sie wegen Erschöpfung aller Beteiligten wenigstens für eine Weile abgelegt oder durch neue offene Fragen verdrängt werden. "Nach der Grundwertediskussion" scheint "vor der Grundwertediskussion" zu sein in einer offenen Gesellschaft ohne einheit_liches Sinnzentrum, ohne eindeutig bestimmbaren religiösen, sittlichen und moralischen Identitätskern in ihrer Mitte, von dem aus sich das menschliche Zusammenleben steuern ließe.<br />
Diese Situation macht bewusst, wie sehr wir in Fragen der Selbstdeutung und Wertgewinnung auf unsere <i>kulturelle Arbeit</i> angewiesen sind. Ausgangspunkt dieses Grundgedankens ist dabei die Vorstellung des Menschen als eines gleichsam "vergänglichen Stücks um sich selbst bekümmerter Natur" in einer um ihn unbekümmerten Welt. Als Inbegriff und zugleich Medium menschlicher Selbstbehauptung erscheint in diesem Zusammenhang die <i>Kultur</i> im weitesten Sinne, zu der außer Religion auch Medizin, Technik, Kunst, Politik, Recht, Ökonomie sowie eben die Praktische Philosophie gehören. Bildhaft formuliert: Natur ist der Zustand, wenn es regnet, Kultur, wenn man einen Regenschirm hat.<br />
<br />
<i>Das Ziel der Bände: Ethisch­philosophische Bildung</i>. Ethische Fragen sind in der Gegenwartskultur von und mit Experten zu diskutieren – wie etwa mit den in diesem Band vertretenen, den Angehörigen von Kommissionen, den Mitgliedern eines "deutschen Ethikrats". Diese Fragen sind aber nicht an Experten zu delegieren. Wir alle müssen – jede(r) Einzelne – uns zu ethischen bzw. moralischen Fragen verhalten, uns über Traditionen, Fragestellungen und Antwortversuche ins Bild setzen.<br />
Eine demokratische Gesellschaft braucht dabei gerade auch die Philosophie. Diese klärt die Begriffe, fragt auf die Konsequenzen bestimmter Annahmen hin nach und bezieht die Probleme der Gegenwart ebenso auf die in der Tradition erarbeiteten Gehalte unserer moralischen und weltanschaulichen Überzeugungen wie auf unsere Vernunftkultur. Philosophie bedeutet, sich argumentativ, mit Gründen einzuschalten in die Urteilsbildung und die Ergebnisse dieser eigenen Vergewisserung auch in öffentlicher Meinungsbildung und demokratischer Debatte zur Geltung zu bringen.<br />
Ohne einen Kernbestand <i>gemeinsam bewusster, diskutierter und gelebter</i> Werte kann keine Gesellschaft dauerhaft bestehen. Deshalb muss die angedeutete "leere Mitte" immer wieder von Neuem gefüllt werden – nämlich mit Orientierungen, welche allerdings von uns Menschen selbst zu entwickeln sind. In einer säkularen Gesellschaft lassen sich allgemeinverbindliche Grundwerte nur auf solche Interessen stützen, an denen alle Anteil haben. Darum kann man sagen: Grundwerte und Moralnormen sind allgemeinverbindlich jetzt nur noch intersubjektiv begründbar, und zwar indem wir unsere gemeinsamen Interessen in Aufforderungen zu bestimmten Verhaltensweisen verwandeln. Um sich über solche gemeinsamen Interessen verständigen zu können, müssen alle Möglichkeiten zu argumentativer Auseinandersetzung und ungezwungenem Meinungsaustausch genutzt werden. Denn erst sie ermöglichen ein offenes Gespräch über die Frage, woran wir uns überhaupt orientieren möchten (dieses Gespräch ist übrigens selbst wieder an elementare Voraussetzungen gebunden, bedenkt man nämlich, dass mangelnde Bildung, Hunger oder andere Repressionen von außen die für jedes offene Gespräch notwendige Freiheit, Muße, Aufgeklärtheit und Unerschrockenheit unterbinden können). Für eine solche notwendige Orientierung an den Bildungsorten oder im Selbststudium werden im Folgenden Materialien angeboten. Der Kolleg­Charakter soll die Auseinandersetzung mit Fragen der Praktischen Philosophie in der Kultur der Gegenwart nicht verschulen, aber – vor allem in den Einleitungen zu jedem der vier Einzelbände – einen Lektüre­ und Bildungsgang begründen und vorschlagen, auf den hin die Autoren und ihre Beiträge sich zusammengefunden haben.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018585-8</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Cantate Latine</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018531-5</link>
            <description><![CDATA[<b>Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad</b><br />
<br />
Terret avia autobirotans gallinas, <br />
Gallinas, gallinas, <br />
Terret avia autobirotans gallinas, <br />
Avia mea optima est femina. <br />
<br />
Quae in dente habet cavo transistorem ...<br />
<br />
Aviae meae vas obscenum habet luces ...<br />
<br />
Caput calvum aviae habet laminatam ...<br />
<br />
Avia mea in genuali habet telum ...<br />
<br />
Cui florida est charta latrinaria ...<br />
<br />
Avia mea taeniam habet mansuefactam ... <br />
<br />
Perspicillum habet velo adornatum ...<br />
<br />
<br />
<b>Frère Jacques</b><br />
<br />
Quare dormis, o Iacobe, <br />
Etiam nunc, etiam nunc?<br />
Resonant campanae, <br />
Resonant campanae, <br />
Ding, dong, dong, <br />
Ding, dong, dong ...]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018531-5</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Stamm, Rainer:&quot;Ein kurzes intensives Fest&quot;. Paula Modersohn-Becker</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020171-8</link>
            <description><![CDATA[Das Land der Sehnsucht<br />
     Worpswede, Juni bis Dezember 1900<br />
<br />
<br />
Das zweite Halbjahr des Jahres 1900 wird für Paula Becker zu einem zentralen Abschnitt ihres Lebens. Sie ist nun vierundzwanzig Jahre alt und zurück in jenem spröden Land der Träume, nach dem sie sich in Paris so sehr gesehnt hat. Hier wird sie die Liebe finden und einem neuen Freund begegnen: Rainer Maria Rilke, dem sie – in unterschiedlichsten Konstellationen und Intensitäten – bis zu ihrem Tod verbunden bleibt. <br />
Zunächst beginnt jedoch ein Schaffensrausch der Malerei. Endlich kann sie anwenden, was sie in Paris und in den Jahren zuvor gelernt hat. Endlich findet sie zur Farbe zurück. Endlich kann sie ihre Vorstellungen von Bildern, die sie malen möchte, verwirklichen. <br />
Beim Bauern Brünjes im Worpsweder Ortsteil Ostendorf, gegenüber von Vogelers Barkenhoff, mietet sie ein Atelier, das sie bis zu ihrem Tod behalten wird. Rilke wird es später wegen des Stoffs mit dem Motiv der Bourbonenlilie, mit dem Teile der Wände drapiert sind, ihr "Lilienatelier" nennen. Die Wände lässt sie, wie schon in ihrem ersten Atelier in Worpswede, farbig streichen: im unteren Drittel in einem hellen Ultramarinblau, darüber, von einer breiten rotbraunen Linie abgetrennt, in luftigem Türkis. <br />
Tagsüber wandert Paula Becker durch die Landschaft, auf der Suche nach Eindrücken und Motiven für ihre Bilder. Ebenso wie bei ihrer ersten Ankunft in Paris die Großstadt ein Schock gewesen ist, ist sie nun wieder ergriffen von der schweren, ernsten Stimmung und der Erhabenheit der Landschaft Worpswedes, der Weite, dem tiefen Horizont und der Ruhe. "Zunächst war es ein seltsamer Eindruck für uns, auf den langen Birkenchausseen wieder in das heimatliche Land hineinzuwandern, nach dem wir uns in der Ferne gesehnt hatten", erinnert sich Clara. "Das Land war so ernst und so schwer, so dunkel, so schien es uns, und so ernst und schweigsam die arbeitenden Bauern, die rechts und links in den Torfstichen zu sehen waren. […] Wir waren tief ergriffen und bewegt von diesem Unterschied zwischen unserer jetzt kärglich erscheinenden Heimat und den Eindrücken der vergangenen Monate." <br />
Die neue – durch den Kontrast zu Paris noch geschärfte – Wahrnehmung der stillen Landschaft und die in Paris gewonnenen Erkenntnisse über Bilder und Farben münden in neue, eigentümliche Landschaftsbilder. Diese sind keine Veduten, keine Impressionen, sondern mit kräftigem Pinselstrich gestaltete Kompositionen, in denen die Farbe zum zunehmend eigenständigen Ausdrucksmittel wird. Ungewöhnlich sind die Motive und Formate: Sie malt öde Moorlandschaften in gestrecktem Format, die dem Auge außer der Farbe selbst kaum einen Anhaltspunkt bieten, Landschaften in der Dämmerung oder bei Mondschein, die fast schon zur Monochromie neigen, Birken an Wegesrändern (siehe Farbtafel 5) und Moorkanälen, von denen sie nur die Stämme, im Anschnitt, zeigt. Die wirken wie flirrende Lineaturen, die die hochschlanken Bildformate rhythmisch zerteilen. Kurz, Paula Becker bricht auf zu einer Auffassung der Landschaft, die mit den genrehaften Szenen Mackensens oder der Feinmalerei Otto Modersohns kaum mehr etwas gemein hat. <br />
Manchmal, erinnert sich Marie Bocks Tochter, liegt Paula Becker mit geschlossenen Augen im Gras, um sich über die Komposition eines Bildes klar zu werden, bevor sie, mit den Freundinnen, vor dem Motiv arbeitet. <br />
In manchen Werken setzt sie behutsam, fast experimentierend, die Anschauung der Bilder Cottets um; etwa als sich, an einem der ersten Tage nach der Rückkehr aus Paris, bei einem Abendspaziergang ein reitender Bauer vor einer Windmühle vor "düsterem, flimmerndem Himmel" abzeichnet und dieser ihr somit als Don Quichotte erscheint. Oder: "Leute beim Torfmachen. Abendstimmung. Alles tief. Braun und blau mit dunkel eingesetztem Weiß und Rot." Das alles will und kann sie jetzt malen. Alles Eitle, alles Manierierte, was die Großstadt mit sich brachte, will sie abstreifen, um "einen wahren Menschen und eine feinfühlige Seele und eine Frau" aus sich zu machen. <br />
<br />
Paula Becker weiß auch, dass sie längst erwachsen ist, dass Entscheidungen anstehen, sie steckt voller Hoffnungen und steht vor einem Scheidepunkt. Dies wird ihr vollends bewusst, als der Vater ihr mitteilt, dass die Mittel, die ihr Onkel Arthur für Ausbildung und Reise zur Verfügung gestellt hat, aufgebraucht sind. Dass sie dennoch wieder ein Atelier in Worpswede anmietet, missbilligt er und mahnt sie, <br />
"vernünftiger Weise in die Zukunft zu sehen", einen Plan zu machen, "der nicht abentheurlich ist", und sich endlich zu entscheiden, wie es mit ihr weitergehen soll. Wieder steht eine Anstellung als Gouvernante im Raum. In ihr Tagebuch schreibt sie: "Heute hat mir mein Vater geschrieben, mich nach einer Gouvernantenstelle umzusehen. Ich hatte den ganzen Nachmittag an der trockenen Sandkuhle in der Haide gelegen und Knut Hamsuns 'Pan' gelesen." <br />
Die Lage wird ernst. Entscheidungen sind unausweichlich. Auch die Überlegungen, sich mit Marie Bock auf künstlerische Entwürfe für eine Handweberei zu verlegen, bilden keine tragfähige Grundlage für die Zukunft. Paula Becker nimmt die Situation, vielleicht auch noch der Kontrast zwischen Paris und Worpswede, mit. Sie ist geschwächt und bekommt vom Arzt eine Liegekur verschrieben. So gewinnt sie zusätzlich Zeit, notwendige Entscheidungen vor sich herzuschieben. <br />
In diesen Tagen notiert sie schwermütige, zugleich jedoch selbstbewusste und, unwissentlich, prophetische Sätze: <br />
<br />
"Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes intensives Fest. Meine Sinneswahrnehmungen werden feiner, als ob ich in den wenigen Jahren, die mir geboten sein werden, alles, alles noch aufnehmen sollte. Mein Geruchssinn ist augenblicklich erstaunlich fein. Fast jeder Atemzug bringt mir eine neue Wahrnehmung von Linden, von reifem Korn, von Heu und Reseden. Und ich sauge alles in mich ein und auf. Und wenn nun die Liebe mir noch blüht, vordem ich scheide, und wenn ich drei gute Bilder gemalt habe, dann will ich gern scheiden mit Blumen in den Händen und im Haar."<br />
<br />
© 2007 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020171-8</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Jargodzki, Christopher P.; Potter, Franklin:Singender Schnee und verschwindende Elefanten</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020162-6</link>
            <description><![CDATA[Liebe Leserin, lieber Leser,<br />
<br />
Diese Rätsel und Probleme sollen Ihnen Spaß machen. Daher ist es nicht wichtig, wie viele davon Sie lösen können. Ja, einige beschäftigen die Physiker schon seit Jahrzehnten und haben daher eine umfangreiche Forschungsliteratur hervorgebracht. Dazu gehören Crookes Radiometer, Feynmans umgekehrter Rasensprenger und der aerodynamische Auftrieb – um nur ein paar berühmte Beispiele zu erwähnen. Solche Fragen werden meist am Ende jedes Kapitels gestellt und durch ein Sternchen hervorgehoben. Nur selten wird es Ihnen gelingen, zu einer detaillierten Lösung aller Rätsel zu gelangen. Ja, manchmal werden Sie vielleicht sogar ein wenig nachdenken müssen, um die Antwort überhaupt zu verstehen. Hätten wir nämlich alle Schritte bis zur Lösung aufgeführt, dann hätte sich der Umfang des Buches leicht verdoppeln können. Wenn Sie die Rätsel einfach verblüffend und faszinierend finden, haben wir unser Ziel erreicht.<br />
Die meisten Rätsel sind ihrem Charakter nach nicht mathematisch und erfordern nur eine qualitative Anwendung fundamentaler physikalischer Prinzipien. Viele physikalische Begriffe werden direkt oder indirekt in verschiedenen Passagen definiert. Einige Fachbegriffe haben wir in einem kleinen Glossar erläutert. Aber selbst wenn Sie mit dem Thema vertraut sind, werden Sie rasch erkennen, dass es keineswegs einfach ist, die Physik auf die wirkliche Welt anzuwenden.<br />
<br />
<br />
<b>FRAGEN</b><br />
<br />
<b>Hamburger oder Steaks braten</b><br />
Warum muss man Hamburger gründlicher als ein Steak braten? Schließlich bestehen ja beide aus dem gleichen Fleisch – aus Rindfleisch. Welchen Unterschied macht es dann, ob das Fleisch eine feste Scheibe oder gehackt ist?<br />
<br />
<b>Benzinverbrauch und Kilometerleistung</b><br />
Erst vier Liter kaltes Benzin, dann vier Liter warmes Benzin treiben dasselbe Auto an. Mit welchem Benzin wird eine höhere Kilometerleistung erzielt?<br />
<br />
<b>Singender Schnee</b><br />
Wenn man an einem sehr kalten Tag auf Schnee geht, knirscht es unter den Schuhsohlen, aber wenn die Lufttemperatur knapp unter null liegt, hört man normalerweise kein Knirschen. Warum nicht?<br />
<br />
<b>Heißes Eis</b><br />
Gibt es eine Form von Eis, die so heiß ist, dass Sie sich die Finger daran verbrennen?<br />
<br />
<br />
<b>ANTWORTEN</b><br />
<br />
<b>Hamburger oder Steaks braten</b><br />
Bei einer Steakscheibe befinden sich die Oberflächenbakterien meist auf der Außenseite und nicht im Inneren, und wenn das Steak erhitzt wird, werden sie rasch abgetötet. Bei Hackfleisch hingegen sind die Oberflächenbakterien im ganzen Hamburger verteilt, weshalb der Hamburger gründlicher gegart werden sollte, um diese Bakterien zu vernichten.<br />
<br />
<b>Benzinverbrauch und Kilometerleistung</b><br />
Mit vier Liter kaltem Benzin wird eine größere Kilometerleistung erzielt, weil es mehr Moleküle enthält. Wie die meisten Substanzen dehnt sich Benzin aus, wenn die Temperatur zunimmt. Und sofern sich der Messbehälter nicht ebenfalls ausdehnt, um den Verlust an Molekülen exakt auszugleichen, kann man mit vier Litern warmem Benzin nicht so weit fahren.<br />
<br />
<b>Singender Schnee</b><br />
Bei Lufttemperaturen nahe 0 °C bewirkt ein ganz dünner Wasserfilm auf den Eiskristallen ein Gleiten zwischen ihnen, wenn der Schuh auf sie drückt. Bei viel niedrigeren Temperaturen gibt es keinen solchen Wasserfilm, sodass unter dem Druck der Schuhe die Reibung zwischen den Eiskristallen eine Kippschwingung bewirkt – das »Knirschen«.<br />
<br />
<b>Heißes Eis</b><br />
Ja. Unter einem Druck von 20000 Atmosphären schmilzt Eis bei 76 °C, und das ist heiß genug, um sich die Haut zu verbrennen!]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020162-6</guid>
        </item>
        <item>
            <title>Das zynische Wörterbuch</title>
            <link>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020069-8</link>
            <description><![CDATA[Nachwort<br />
<br />
Der Übermut vor allem ist es, ein gehässig-heiterer, bösartiger Übermut, der eine solche Sammlung von Zynismen entstehen lässt; schadenfreudig und hämisch, naserümpfend und von einer ziemlichen Prise Sadismus befeuert, ist man am Werk und reibt sich die Hände dabei. Aber da gibt es noch einen anderen Antrieb, ein anderes Ingrediens: Verbitterung und Enttäuschung über den Weltzustand, eine Enttäuschung, die immer wieder aufs neue genährt wird von der Betrachtung der Weltläufte und über die man nicht hinwegkommt. Wäre man ein souveräner, früher hätte man (ohne sich zu genieren) gesagt: ein 'reifer' Mensch, im emphatischen Sinn ein Erwachsener, würde man nicht mit der Adoleszentenmentalität einer Übergangserkrankung auf dem Weg zum Erwachsensein Zynismen sammeln oder produzieren und auf ihrem Wahrheitsgehalt insistieren. Aber die Erbitterung bleibt und ist nicht als Entwicklungsstörung abzutun; wenn man nicht auf den Kopf gefallen ist oder sich nicht permanent selbst etwas vorlügt, weiß man genügend Gründe dafür, den Zustand der Welt grundsätzlich grauenvoll und die Schöpfung insgesamt misslungen zu finden, und die Erbitterung darüber steigt noch, wenn man bemerkt, dass die Mehrzahl unserer Mitmenschen fest entschlossen ist, dies nicht in ihr Bewusstsein dringen zu lassen – also vielmehr entschlossen, die Wahrheit zu sabotieren. Der Übermut des Zynikers und des Zynismensammlers aber kommt auch daher, dass man mit Lust die Heuchelei, die Dummheit und die sozial verhängte gedämpfte Korrektheit verletzt, und dazu gehört, dass man sich glattweg auch noch für intelligenter hält als andere Menschen – und das darf man ja eigentlich auch nicht.<br />
Das erleichterte Gelächter bei der Lektüre einzelner Zynismen, auf die man stößt, wie auch bei der Lektüre der geballten Zynismen, die das vorliegende vorzügliche Lexikon bietet, deutet darauf hin, dass viele von uns – um nicht zu sagen: wir alle – viel boshafter und schonungsloser über die Welt und den Menschen denken, als wir dies gemeinhin zuzugeben bereit sind. Das Gelächter stammt daher, dass man lesend, sich von Zynismen ertappt fühlend, mit ihnen sich identifizierend, ohne Schaden zu nehmen und ohne Rache und Sanktionen befürchten zu müssen, sich bei der eigenen Bosheit und – philosophischer – beim eigenen wohl fundierten Pessimismus erwischt und sich erwischt fühlt, und man lacht aus blitzartigem Einverständnis mit der 'unverantwortlichen' ("Huch!", würde Walter Serner an solcher Stelle hysterisch-sarkastisch einwerfen) Bosheit in Zynismen, und man genießt die erzählökonomische Kürze von Behauptung und Formulierung in Zynismen, ähnlich wie man Kürze und Pointiertheit von Witzen genießt, die ja auch einerseits Komplexität reduzieren und zugleich auf komprimierteste Weise differenziert sind.<br />
Doch Zynismen sind eben nicht einfach nur gekonnte Bosheiten. Man mache die Probe aufs Exempel: Erkennbar dumme und plumpe Zynismen  wirken nicht, sind eher peinlich, fallen flach hin wie ein missratener Witz, wie eine missglückende Pointe. Und das heißt: Gute Zynismen sind nicht einfach l’art-pour-l’art-Produkte, sind nicht bloß leer-böse brillant, sondern haben etwas mit Erkenntnis zu tun, mit – gewissermaßen: – einseitiger, nicht 'ausgewogener' Erkenntnis, aber eben doch damit, dass etwas an der Wirklichkeit oder an einem Sachverhalt wirklich verstanden und auf den Punkt gebracht ist. Die meisten Zynismen sind nicht einfach 'geistreich', sondern sind harte Wahrheiten, sind der Ausdruck dessen, dass da einer sich kein X für ein U vormachen lassen will und da einen Spaten einen Spaten nennt, wo andere immer von einem Schäufelchen reden. Alle Idealisierung und Verharmlosung will der Zyniker verletzend schroff von sich abtun.<br />
Es mag ja sein, dass "political correctness" zur Zähmung und Dämpfung von Aggressivität eine vernünftige soziale Funktion hat oder hatte; vielleicht gibt es übertriebene und dennoch historisch notwendige Einübungen in zivilisierteres Verhalten. Zynismen aber sind dann die so freche wie kultivierte Kehrseite des Zwanges zu politisch-sprachlichem Wohlverhalten, kultiviert, weil die Aggressivität hier nicht plump und dumpfbackig ist, sondern geschliffen, und das heißt dann auch: ästhetisiert, in gewissem Maße sogar: ironisiert. Leugnet man die boshafte, die aggressive Komponente des Zynismus, so entschärft man ihn zu sehr. Das Gelingen eines Zynismus hängt davon ab, dass ein Stück böser Aggressivität erhalten bleibt und ungezähmt ins Amalgam von Erkenntnis, Ernst und Unernst eingeht; die intelligente Zurücknahme der Boshaftigkeit darf nicht zu früh erfolgen. Glaubt man aber nur an die Wahrheit der finsteren Härte und Bodenlosigkeit des Zynismus, so wird die Sache wieder zu monoton; Zynismen sind nur dosiert erträglich bzw. verlangen nach immer bizarrerer Steigerung, ähnlich wie die Sadosexismen des göttlichen Marquis de Sade. Es muss geschnitten und gestochen werden in den Zynismen, aber es darf keine Toten geben; der Witz in der Formulierung muss noch dem schärfsten Stoß etwas Spielerisches, eben: etwas Ästhetisierendes geben. Es dreht sich nicht ums Hacken mit einem Schwert, sondern ums verletzende, aber nicht tödliche Stechen und Schneiden mit einem Florett. Man sollte – das hat uns damals, vor 25 Jahren, Peter Sloterdijk in seiner Kritik der zynischen Vernunft gelehrt – Kynismus von Zynismus unterscheiden: Kynismus wäre jene Variante des ungescheuten Die-Wahrheit-Sagens, die im Grunde der Erkenntnis verpflichtet und ein Ingrediens allen aufgeklärten bzw. aufklärerischen Denkens ist – Rudolf Augstein, der auf die Frage nach seiner Lieblingstugend einst als Aufklärer antwortete: "Zynismus", wäre in diesem Sinne ein Kyniker; Zynismus aber wäre gegründet entweder in kältester Menschenverachtung oder in bodenlosem Pessimismus. Die Grenze dürfte schwer zu ziehen sein – siehe Nietzsche, siehe Walter Serner, siehe – weit vor den beiden – den Marquis de Sade. Vielleicht scheuen wir vor der Erkenntnis, die in vielen Zynismen steckt, nur zurück, weil sie so grausam ist, dass man damit nicht leben kann – und leben wollen wir doch alle, oder? Ohne Aggressionsabfuhr aber, ab und zu, und ohne Betäubungen diverser Art, in glasklarer Nüchternheit kann man nicht leben.<br />
Rückblickend auf das 20.Jahrhundert kann man eigentlich nur in Zynismus oder in Trauer verfallen. Entweder senkt man den Kopf ob so vieler Täuschungen und Enttäuschungen des vergangenen Jahrhunderts, so vieler Anläufe, die schief gingen, so vieler geplatzter Illusionen, rutscht also in eine depressive Position. Oder man gibt zu, dass die Summe des 20.Jahrhunderts anthropologisch eigentlich nur den größten Zynismus rechtfertigt. Unser Wissen vom Menschen, nach diesem 20.Jahrhundert, deutet darauf hin, dass er von Natur nicht nur nicht 'gut' ist, sondern nicht einmal 'gemischt', vielmehr des Allerschlimmsten fähig, und dass wir mit Ausbruch dieses Allerschlimmsten immer rechnen müssen. Dies sich – um der Illusionslosigkeit, sprich: der Wahrhaftigkeit willen – immer bewusst halten zu müssen verlangt einige psychische Stabilität, aber was ist denn jetzt eigentlich noch zynisch an dem Satz des Henkers Sanson: "Die Erfindungskraft des Menschen in Angelegenheiten der Grausamkeit übersteigt die Phantasie des Teufels." ?<br />
Trost gibt es hier nicht, aber es gibt natürlich das intellektuelle Vergnügen daran, mit durchdachten Zynismen einen Teil der Wirklichkeit sprachlich auf den Punkt gebracht zu haben und dabei notfalls auch zwerchfellerschütternd zu übertreiben. Vielleicht kommt es heute bei einer illusionslosen Existenz vor allem darauf an, alle Illusionen verloren zu haben – denn eine Illusion ist eine Täuschung, also eine Form der Unwahrheit – und dennoch nicht einfach zum Feind, also zur Resignation und/oder zu allen Arten von Gleichgültigkeit gegenüber Grausamkeiten überzulaufen. Die Balance wäre vielleicht: zynisch denken zu können, illusionslos, unverblümt, aufs Schlimmste gefasst, auf keinen Fall sich selbst belügend und auch nicht mit weichen Knien irgendwelchen Trost herbeiflehend – und dann dieser Kälte und Härte doch nicht das letzte Wort zu lassen, indem man vor allem die eine Option sich nicht abmarkten lässt: dies alles auch schreiend komisch zu finden, einschließlich unserer selbst. Lesend und schreibend verschafft man sich Luft und damit neue Lust, indem man dem Zyniker oder Kyniker in sich freien Lauf lässt, und stoisch beobachtet man, wie Destruktivität die Voraussetzung für neue Konstruktivität sein kann.<br />
So viel zur 'Philosophie' hinter diesem Wörterbuch. Bei seiner Zusammenstellung herrschte aber natürlich, wie gesagt, nicht nur melancholischer Furor und schmallippiger Ernst, sondern frecher Spaß vor, dominierte das nicht endende Vergnügen darüber, dass es andere Köpfe gibt, die auch eine unbezähmbare Lust daran haben, 'unsozial', schlecht sozialisiert, ungezogen, unverantwortlich, boshaft sich zu äußern, die Moral Moral sein zu lassen und einfach einmal kalkuliert-unkalkuliert das Nichtsublimierte herauszulassen, das Ventil zu öffnen, damit der Überdruck, den die permanente sozialmoralische und optimismusorientierte Kontrolle in uns erzeugt, abziehen kann. Falls jemand auf Tröstungen und Rechtfertigungen Wert legt: Zynismen können im Gesamthaushalt eines Individuums wie einer Gesellschaft psychohygienische Funktionen haben; mit anderen Worten, ein Mensch, der zugibt, dass er auch ein wildes Tier in sich hat, ist wahrscheinlich weniger in Gefahr, sich wie dieses Tier zu benehmen, als einer, der aus Dummheit oder Heuchelei dies Tierische in sich selbst nicht wahrhaben will. Zynismen künden davon, dass wir viele Gedanken und Wünsche und Erkenntnisse haben, die nicht salonfähig sind und die wir uns und anderen nicht eingestehen dürfen (oder nur, wenn wir sie künstlerisch überarbeiten bzw. verkleiden), oft nicht einmal uns selbst gegenüber, denn wir sind selbst die noch größeren Heuchler als die anderen, die 'Gesellschaft'. Ich zum Beispiel hasse Hunde wie W.C.Fields, ich möchte den Hund meines Nachbarn wörtlich erschießen wie Stanislaus Joyce (na ja, jedenfalls bisweilen), und wie Heinrich Heine wäre es mir ein tiefes Glück, etwa ein halbes Dutzend meiner Feinde an einem Baum baumeln zu sehen. Ich könnte sogar genau angeben, wen ich meine. Allerdings gefällt der Tötungswunsch eben doch nur auf dem Papier.<br />
Diese Sammlung hier soll dazu dienen, mit Nachdruck, vorbehaltlos und doch spielerisch jene Dränge in uns, dem Herausgeber und den Lesern, auszuloten, hinter denen einerseits eine hemmungslose Aggressivität und andererseits eine radikale Einsicht in das tief Fragwürdige der Schöpfung und des Menschen steht. "Das beste Buch", sagt Walter Serner, dem eine konsequent zynische Weltauffassung so viel verdankt, in seinem Handbrevier für Hochstapler, "ist das unterlassene." In gewissem Sinn ist das Endgültige zynische Wörterbuch ein solches "unterlassenes" Buch; es prätendiert nicht Kreativität, es besteht nur aus Zitaten, und ich hoffe, es weht Sie, lieber Leser, sowohl eine eisige Kälte als auch eine giftige und halkyonische Heiterkeit daraus an. Die Wahrheit hat es nicht an sich, dass sie angenehm und tröstlich ist, sondern sie hat es per definitionem nur an sich, die Wahrheit zu sein. Das Gelächter aber, welches das Aussprechen so vieler 'zynischer' Wahrheiten begleitete und bis heute begleitet, kann sowohl befreiend und versöhnend wie auch die Ungetröstetheit besiegelnd sein. Entscheide jeder Leser, welche Art von Gelächter er anstimmen will bei der Lektüre dieser Zynismen. Sie verdanken sich einem aggressiven Weltschmerz und sind vor allem Friedrich Nietzsche, Gottfried Benn und Walter Serner verpflichtet, wenn sie nicht gar von diesen drei unserer Verehrung würdigen großen und freien Geistern stammen.]]></description>
            <author>&quot;Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart&quot; &lt;info@reclam.de&gt;</author>
            <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 17:26:23 +0100</pubDate>
            <guid>http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020069-8</guid>
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