Charles Dickens – 200. Geburtstag am 7. Februar
Please, Sir, I want some more. Für sich genommen, wirkt der Satz unspektakulär: »Bitte, Sir, ich möchte noch mehr.« Er ist aber der Ausgangspunkt der eigentlichen dramatischen Handlung im ersten viktorianischen Roman, in Charles Dickens’ Oliver Twist (monatlich in der Zeitschrift Bentley’s Miscellany zwischen Januar 1837 und März 1839 erschienen): Der neunjährige Oliver, als Waisenkind im Armenhaus aufwachsend, verlangt in einer Verzweiflungstat einen zweiten Teller Suppe, um dem Verhungern zu entgehen. Ungläubiges Erstarren, Entsetzen angesichts des unerhörten Frevels, das ist die Reaktion des Armenhausvorstands. Oliver, so die düstere Prophezeiung, werde als Verbrecher enden und »hängen« (twist ist dafür ein umgangssprachliches Wort).
In der bitteren Ironie – Überlebensdrang als Verbrechen – steckt die Anklage des Autors gegen die Zustände im England der 1830er Jahre, das als erstes Land mit den sozialen Folgen der Industrialisierung konfrontiert war: Der Poor Law Amendment Act von 1834 hatte die ohnehin niedrigen Ausgaben für die Armenfürsorge nochmals drastisch reduziert, und als Dickens mit Oliver Twist begann, waren soeben in einem Armenhaus in Westminster Kinder verhungert. Dickens, am 7. Februar 1812 in Landport bei Portsmouth geboren und seit 1822 in London ansässig, war der erste Autor, der die Londoner Slums und deren Bewohner, die er aus eigener Anschauung kannte, darstellen wollte, »wie sie wirklich sind«. Ein bisher unbekannter, detailfreudiger Realismus hielt mit Dickens Einzug in die Literatur, den auch Karl Marx lobte.
»Mehr« bekommen, nämlich den Eintritt in die bessere Gesellschaft – verkörpert durch den reichen und philanthropischen Gentleman Mr. Brownlow, der sich selbstlos um Oliver kümmert –, oder »hängen« – die Aussicht des verschlagenen und schmierigen Hehlers und Unterweltkönigs Fagin, der stets den eigenen Vorteil im Sinn hat und in dessen Fänge Oliver zunächst gerät –, das sind die Extreme, zwischen denen er hin- und hergeworfen wird. Bis Oliver Twist an sein märchenhaft gutes Ende kommt, entfaltet Dickens das ganze Panorama seiner Imaginationskunst. Dabei erscheint die ländliche Idylle der hellen, geordneten, mitmenschlichen Bürgerwelt Mr. Brownlows, das irdische Paradies, das Oliver schließlich zuteilwird, letztlich blasser als die realistischen Londoner Stadtszenen, die zu einem von Fagin beherrschten albtraumhaften, dunklen, teuflisch-dämonischen Symbolraum voll von Dieben, Huren, Mördern gehören. Schauer und Idylle, Sentimentalität und Schrecken – bei aller Kritik an den unmenschlichen Verhältnissen wollte Dickens vor allem sein Publikum unterhalten. Und das gelang ihm bestens.
Please, Sir, I want some more: Man darf das als heimlichen Leitgedanken über Dickens’ Leben wie insgesamt über der aufstrebenden, bürgerlich-viktorianischen Leistungsgesellschaft betrachten. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen – der Vater war zeitweilig im Schuldgefängnis, Dickens selbst zur Fabrikarbeit gezwungen –, etablierte er sich nach ersten Erfolgen mit sketches, Genrebildern, für Londoner Zeitungen sehr schnell sehr erfolgreich auf dem literarischen Markt. Alle Romane erschienen in wöchentlichen oder monatlichen Fortsetzungen, so dass er sensibel und schnell auf Umsatzentwicklungen reagieren konnte. Seinen Verlegern war er ein harter Verhandlungspartner. Mit der amerikanischen Presse stritt er ums internationale Copyright. Als einer der ersten betrieb er mittels regelmäßiger Lesungen systematisch Leserbindung. Dickens war, auch ökonomisch, der Erfolgsautor des Viktorianischen Zeitalters. Er hatte es geschafft.
1860 hatte er genug. Die Großen Erwartungen waren wie in Dickens’ gleichnamigem, gleichzeitig erscheinenden Roman, seinem vielleicht besten, enttäuscht worden. Von Depressionen geplagt und der leeren Fassade der bürgerlichen Welt in London zunehmend entfremdet, zog er sich ins ländliche Gad’s Hill (bei Rochester) zurück, wo er am 9. Juni 1870 auch starb. Please, Sir, I want some more: Dieser unscheinbare Satz dagegen – aber benennt er nicht die untergründige Triebkraft der Moderne? – wurde das wohl bekannteste und meistbenutzte literarische Zitat im englischen Sprachraum.
Wilfried Vollmer. In: Reclams Literaturkalender 2012. Stuttgart 2011. S. 43-45.
Zum Weiterlesen:
Dickens, Charles: Oliver Twist, oder: Der Werdegang eines Jungen aus dem Armenhaus
Übers., Anmerk. und Nachw.: Monte, AxelReclam Bibliothek. Leinen mit Schutzumschlag, Fadenheftung, Kapital- und Leseband. Format 12 x 19 cm. 688 S.
ISBN 978-3-15-010713-3
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