Georg Heym – 100. Todestag am 16. Januar


Georg HeymZu Georg Heyms zehntem Todestag 1922 wollte der Theaterkritiker und Autorenkollege im ›Neuen Club‹ Heinrich Eduard Jacob, der als erster dessen Gedichte in die Zeitung gebracht hatte, nicht glauben, dass »ein Dichter jemals eine so klare Vision seines eigenen Todes, ja der Todesart, gehabt hat als Georg Heym«. Er spielte wohl auf einen Traum an, den Heym Anfang Juli 1910 in seinem Tagebuch notierte: Auf einem steinplattenbedeckten See folgt er darin, trotz der Warnungen einer Frau, Leuten nach, bis ihn über den dünnen, abdriftenden Schollen der Wunsch überkommt zu fallen. »In diesem Augenblick versank ich auch schon in ein grünes schlammiges, schlingpflanzenreiches Wasser«, er ringt darum, schließlich Land zu gewinnen »in einer sandigen, sonnigen Bucht«. Die Traumpoesie ging mit Heym gnädiger um als die Wirklichkeit, da täuschte sich auch Jacob in seiner Verklärung: In geselliger Runde verabredet sich der frühexpressionistische Dichter und begeisterte Schlittschuhläufer am 15. Januar 1912 mit seinem Dichterfreund und »Bruder im Wein« Ernst Balcke sowie dem eng befreundeten, angehenden Nationalökonomen Paul Alterthum zu einer Rutschpartie über die zugefrorene Havel; ein weiterer Freund, David Baumgardt, hatte gleich abgesagt, Heyms schöne Geliebte Hildegard Krohn die Einladung verpasst. Für Alterthum war dann aber das Wetter zu schlecht, so dass am 16. Januar nur noch Balcke und Heym ihre Kreise auf dem ansonsten menschenleeren, brüchigen Eis zogen. Der schmächtigere, »leis-verträumte « Balcke muss als erster eingebrochen sein; da man Heyms Handschuhe, Mütze und Eisstock an der Unglücksstelle fand, ist davon auszugehen, dass dieser noch versuchte, seinen Freund zu retten, Waldarbeiter hörten von ferne eine halbe Stunde lang Hilferufe, danach war offenbar auch Georg Heym ertrunken.

Während die öffentliche Presse eher mahnend Notiz vom leichtsinnig in Kauf genommenen Tod des Rechtsreferendars Georg Heyn [sic] und des Kandidaten der Philosophie Ernst Balcke nahm, ohne auch nur ein Wort über deren literarische Ambitionen zu verlieren, war insbesondere der Kreis um den ›Club‹ und dessen Ableger, das ›Neopathetische Cabaret für Abenteurer des Geistes‹, tief getroffen. Dort war der am 30. Oktober 1887 im niederschlesischen Hirschberg geborene Georg Heym, der mit elf Jahren seine frühesten überlieferten Verse geschrieben hatte, 1910 erstmals aufgetreten mit einem Berlin-Gedicht. Heym, der sich gern als »Kürassierleutnant« oder »Kaiser« und »am liebsten Terrorist« gesehen hätte, gebärdete sich dort als exzentrischer Schwärmer, inspiriert von seinen an sich selber zweifelnden »Heiligen« mit »zerrissenem Herzen «: Hölderlin und Grabbe vorneweg, dann Kleist und Büchner, Rimbaud und Marlowe. Der damalige Club-Leiter Jakob van Hoddis, mit dem ihn eine durch Konkurrenz getrübte Wertschätzung verband, stürzte nach Heyms Tod in eine psychische Krise; unter Wahnvorstellungen schien er sich sogar für das Unglück verantwortlich zu fühlen. Als Hoddis später vergebens versuchte, sich mit einem Drama über diesen ›angry young man‹ die Seele frei zu schreiben, schnitt im fernen Davos Ernst Ludwig Kirchner freie Motive auf Gedichte aus dem postum 1912 erschienenen, zweiten Heym-Gedichtband Umbra Vitae in Holz. Der Maler, Grafiker und Bildhauer, der Heym nicht persönlich gekannt hatte, schuf damit die Vorarbeiten für eines der schönsten Künstlerbücher des Expressionismus, das 1924 unter ebendem Titel neu erschien. Der Nachlass barg zudem Schätze von ungeahnter Sprachgewalt, die Heyms Zeitschaltuhr auf »unsterblich« stellten, während Balcke sich mit einem Plätzchen zum stillen Andenken im Impressum von Umbra Vitae begnügen musste, »durch gemeinsamen Tod mit einem Dichter / aufbewahrt / zu fragwürdiger / Bedeutung« (Günter Kunert).


Günter Baumann. In: Reclams Literaturkalender 2012. Stuttgart: Reclam, 2011. S. 89–91



Zum Weiterlesen:

 

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Heym, Georg: Umbra Vitae. Nachgelassene Gedichte

Mit 47 Originalholzschnitten von Kirchner, Ernst Ludwig
Reprint der Ausgabe Kurt Wolff Verlag München 1924
Beitr.: Beloubek-Hammer Anita; Martens, Gunter
Bedrucktes Leinen im farbigen Schuber. Format 15,7 x 22,9 cm. 66 S. + 52 S. Beiheft

ISBN 978-3-15-010722-5

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EUR (D) 39,90 *
EUR (A) 41,10 / CHF 53,90
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Heym, Georg: Werke. Mit einer Auswahl von Entwürfen aus dem Nachlass von Tagebuchaufzeichnungen und Briefen

Hrsg.: Martens, G. 432 S.

ISBN 978-3-15-018457-8
UB 18457

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EUR (D) 9,60 *
EUR (A) 9,90 / CHF 14,50
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Heym, Georg: Gedichte. Eine Auswahl

Hrsg.: Martens, Gunter
103 S.

ISBN 978-3-15-018581-0
UB 18581

Details

EUR (D) 2,80 *
EUR (A) 2,90 / CHF 4,50
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