Wilentz, Sean: Bob Dylan und Amerika

Deutsche Erstausgabe
Übers.: Schmid, Bernhard
Geb. mit Schutzumschlag. Format 15 x 21,5 cm.
477 S. 84 Abb.
ISBN: 978-3-15-010869-7
Wilentz geht zunächst den Einflüssen nach, die Dylans Musik und seine Texte prägten: Aron Copland, in Dylans Kindheitder Inbegriff ›ernster‹ amerikanischer Musik, sein großes Vorbild Woody Guthrie, die Musiker und Dichter des Folk-Revival und der Beat-Generation. Die folgenden Kapitel beschreiben Schlüsselmomente in Dylans Laufbahn: das Konzert in der Philharmonic Hall Ende Oktober 1964, in dem er bestürzende neue Songs wie Gates of Eden und It’s Alright, Ma ausprobierte, die Aufnahmen zu Dylans Markstein Blonde On Blonde in New York und Nashville 1965/66; die »Rolling Thunder Revue«-Tour von 1975 und schließlich die Geburt von Blind Willie McTell, einer von Dylans großartigsten Songs überhaupt. Danach macht Wilentz einen Sprung in die Jahre 1992/93, als Dylan, dessen Karriere seit einem Jahrzehnt stagnierte, auf der Suche nach Inspiration auf die traditionelle Folkmusik und den frühen Blues zurückgriff. Das Buch befasst sich mit diesem entscheidenden Moment in Dylans Karriere, indem es zwei sehr verschiedene Songs unter die Lupe nimmt, die Dylan 1993 eingespielt hat: Delia, einen der ersten Bluessongs, die je geschrieben wurden, und Lone Pilgrim, ein altes geistliches Lied aus der Sacred-Harp-Tradition. Die letzten Kapitel beschäftigen sich mit Dylans Werk von Love And Theft im Jahre 2001 bis zu seinem Weihnachtsalbum Christmas In The Heart Ende 2009.
Einführung

Teil I: Vorher
1 Musik für den kleinen Mann. Die Volksfront und Aaron Coplands Amerika
2 Die Durchdringung des Äthers. Die Beat Generation und Allen Ginsbergs Amerika

Teil II: Die Frühzeit
3 Dunkelheit, die überm Mittag thront. Das Konzert in der Philharmonic Hall, New York, 31. Oktober 1964
4 Der Sound von 3 Uhr morgens. Die Arbeit an Blonde on Blonde, New York und Nashville, 5. Oktober 1965 – 10. (?) März 1966

Teil III: Später
5 Kinder des Olymp. Die Rolling Thunder Revue, New Haven, Connecticut, 13. November 1975
6 Vieler Märtyrer Tod. »Blind Willie McTell«, New York, 5. Mai 1983

Teil IV: Interludium
7 Alle Freunde, die ich je gehabt habe, sind tot. »Delia«, Malibu, Kalifornien, Mai 1993
8 Dylan und die Sacred Harp. »Lone Pilgrim«, Malibu, Kalifornien, Mai 1993

Teil V: Jüngst
9 Die Rückkehr des Modernen Minstrel. “Love and Theft”, 11. September 2001, und das Newport Folk Festival, Newport, Rhode Island, 3. August 2002
10 Bob Dylans Bürgerkriege. Masked and Anonymous, 23. Juli 2003, und Chronicles: Volume One, 5. Oktober 2004
11 Träume, Pläne, Sujets. Modern Times, 29. August 2006; Theme Time Radio Hour with Your Host Bob Dylan, 3. Mai 2006 – 15. April 2009; The Bootleg Series, Vol. 8: Tell Tale Signs: Rare and Unreleased, 1989–2006, 7. Oktober 2008; und Together Through Life, 28. April 2009
Coda: Hörst du, was ich höre? Christmas in the Heart, 13. Oktober 2009

Dank
Ausgewählte Lektüre, Anmerkungen und Discographie
Rechtenachweis
Register
Sean Wilentz, am 20. Februar 1951 in New York geboren, lehrt amerikanische Geschichte an der Universität Princeton. Er schrieb u.a. Chants Democratic. New York City and the Rise of the American Working Class, 1788–1850 (1984), The Rise of American Democracy. Jefferson to Lincoln (2005), The Age of Reagan. A History, 1974–2008 (2008), ist ›Haus-Historiker‹ von Dylans offizieller Webseite www.bobdylan.com und verfasste die Liner Notes zu Love And Theft und zur Veröffentlichung des Konzerts von 1964 in der Bootleg Series (Vol. 6, 2004).

Interview mit Sean Wilentz zu Bob Dylan und Amerika

Ihre Beziehung zu Bob Dylans Musik begann als Kind, als Sie in New York in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Orten lebten, an denen Bob Dylan seine Karriere begann. Wie beeinflusst dies Ihre Herangehensweise?

Ich habe hauptsächlich versucht, als Historiker für amerikanische Kultur und Musik zu schreiben, ohne meine persönliche Verbindung zu Dylans Arbeit und seiner Welt aus den Augen zu verlieren. So beginnen einige Kapitel mit Konzerten, die ich selbst besucht habe, oder mit persönlichen Erlebnissen, die mich geprägt haben. Für mich war es ein Experiment, zu versuchen, die wissenschaftliche Arbeit mit meinen persönlichen Erinnerungen anzureichern und umgekehrt, ohne dass eine Sichtweise überhandnimmt.

Bob Dylans Songs sind in vielerlei Weise eng mit amerikanischer Geschichte und Kultur verbunden. Was können deutsche Leser über Amerika lernen, wenn Sie Ihr Buch über Bob Dylan lesen?

Die deutschen Leser werden eine große Bandbreite an musikalischen, literarischen und sogar philosophischen Einflüssen kennenlernen, die das Werk von Amerikas größtem Songwriter geprägt haben. Sie werden sowohl Unbekanntes über bekannte Autoren und Künstler erfahren – von Aaron Copland bis hin zu den Dichtern und Schriftstellern der Beat Generation – als auch unvertrauten Musikstilen wie der Shape-Note-Choralmusik begegnen. Und sie werden neue Zusammenhänge zwischen musikalischen und künstlerischen Formen entdecken, die alle Teil von Dylans Werk sind.

Sie haben Essays für die Website bobdylan.com geschrieben und haben die Liner Notes für die CDs "Love and Theft" und "Bootleg Series Vol. 6" verfasst. Wenn man so eng mit der Arbeit von Bob Dylan verbunden ist: War es für Sie schwierig, sich einen unabhängigen kritischen Blick auf sie zu bewahren?

Nein, dies ist kein Buch eines Insiders oder eine "offizielle" Stellungnahme zu Dylans Musik. Von einigen Arbeiten Dylans – gerade in den achtziger Jahren – war ich enttäuscht, und das Buch verdeutlicht dies. Ich versuche aber auch das aus Dylans Werk, was mir besonders wichtig erscheint, hervorzuheben. Ich gebe kein kritisches Gesamturteil über sein gesamtes Werk ab, obwohl einige Leser und Kritiker das Buch fälschlicherweise als solches verstanden haben (manche Leser und Kritiker hielten es auch für eine Biographie). Es ist eine kritische und historische Würdigung der aus meiner Sicht wichtigsten Aspekte von Dylans gewaltigem Schaffen. Deswegen ergibt es auch mehr Sinn, das Interessante zu untersuchen als das Unwichtige.