: Filmgenres: Fantasy- und Märchenfilm

Filmgenres: Fantasy- und Märchenfilm

Hrsg.: Friedrich, Andreas. 256 S. 30 Abb.
ISBN: 978-3-15-018403-5
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Ob Herr der Ringe oder Harry Potter – Fantasy boomt und begeistert Filmfreunde jeden Alters. Die Wartezeit bis zum nächsten Kino-Großereignis verkürzt dieser Band der Reihe Filmgenres: Er erinnert an die Klassiker des Genres (wie Drei Nüsse für Aschenbrödel) widmet sich aber ebenso den aktuellen Kassenmagneten. Mit filmografischen Daten und zahlreichen Filmfotos.
Harry Potter und der Stein der Weisen
Harry Potter and the Sorcerer’s Stone

USA 2001, 153 min

Harry Potter und die Kammer des Schreckens
Harry Potter and the Chamber of Secrets

USA 2002, 161 min (D: 156 min)

R:    Chris Columbus
B:    Steven Kloves (nach den gleichnamigen Romanen von Joanne K. Rowling)
K:    (Stein der Weisen:) Richard H. Kline, (Kammer des Schreckens:) Roger Pratt
D:    Daniel Radcliffe (Harry Potter), Rupert Grint (Ron Weasley), Emma Watson (Hermione Granger), Richard Harris (Prof. Albus Dumbledore), Robbie Coltrane (Hagrid), Maggie Smith (Prof. Minerva McGonagall), Alan Rickman (Prof. Severus Snape), Ian Hart (Prof. Slatero Quirrell), Kenneth Branagh (Gilderoy Lockhart), Jason Isaacs (Lucius Malfoy)

Als die 30-jährige Autorin und alleinerziehende Mutter Joanne Kathleen Rowling 1997 ihren ersten Roman, Harry Potter and the Philospher’s Stone, veröffentlichte, hat sie wohl kaum geahnt, dass ihr Titelheld alsbald zu einem weltweiten Medienphänomen avancieren würde und sie selbst sich heute, nach der Publikation von vier weiteren Harry-Potter-Romanen, die zweitreichste Frau Großbritanniens nennen darf. Der auf sieben Bände angelegte Entwicklungsroman belebte das Fantasy-Genre vor allem für die jüngeren Generationen neu. Die ersten beiden Romane verfilmte Chris Columbus für Warner Brothers. Columbus gilt in Hollywood als verlässlicher Auftragsregisseur. Mit Erfolgen wie den Home Alone-Filmen (1990/92), Mrs. Doubtfire (1993) und Stepmom (1998) füllte er nicht nur die Kassen der Verleihfirmen, die Geschichte vom verlassenen Kind wurde quasi zu seinem filmischen Leitmotiv. Auf die beiden Harry Potter-Adaptionen übte J. K. Rowling nicht unbedeutenden Einfluss aus. In ihrem Sinn wurden die Hauptdarsteller und die Drehorte ausgewählt. Selbst bei den Drehbüchern kam ihre Sichtweise stets zur Geltung.
   Der Waisenknabe Harry Potter erhält zu seinem elften Geburtstag die Einladung in ein magisches Internat namens Hogwarts. Gegen den Willen der Pflegeeltern bricht er in ein Reich jenseits seiner Vorstellung auf. Der wilde Hüne Hagrid steht ihm von Beginn an hilfreich zur Seite. Nachdem Harry mit magischen Utensilien für sein erstes Jahr auf der Zauberschule ausgestattet ist, erfährt er schon auf der Bahnreise ins Internat erstaunliche Neuigkeiten über seine verstorbenen Eltern. Währenddessen begegnen ihm bereits Verbündete und Feinde, die ihn durch die Schulzeit begleiten werden. Die Initiation übernimmt ein sprechender Hut, der Harry dem Haus Gryffindor zuordnet, einer der vier Magieausrichtungen Hogwarts'. Der junge Held gelangt bald zum Kern seiner identitätsbildenden Fragen, als er dem lebendig wirkenden Abbild seiner Eltern in einem Spiegel gegenüber steht. Auch der schicksalhaften dunklen Macht in Gestalt des Lord Voldemort begegnet er. Harrys blitzförmige Narbe auf seiner Stirn ist ein Stigma dieses Wesens, das für den Tod von Harrys Eltern verantwortlich ist. Lediglich durch die Liebe seiner Mutter konnte Harry seinerzeit gerettet und Voldemort abgewehrt werden. Doch jetzt muss sich der junge Zauberer dem Bösen alleine stellen. Nur mit Mühe und unter Verlust eines wertvollen Artefaktes – dem Stein der Weisen – gelingt erneut die Verbannung Lord Voldemorts. Im zweiten Film werden die Grenzen der magischen und der Muggle-Welt (Menschenwelt) durchlässiger. Zunächst will der Hauself Dobby mit allen Mitteln Harrys Rückkehr nach Hogwarts vereiteln. Dennoch dort angelangt, wird Harry in seiner Zugehörigkeit zum Haus Gryffindor verunsichert. Eine blutige Inschrift verkündet die Öffnung der "Kammer des Schreckens" und damit die Ankunft des "wahren Erben" von Salazar Slytherin, Gründer des gleichnamigen Hauses, das für Elitedenken, in pervertierter Form auch für Rassismus steht. Die Stimmung wendet sich gegen Harry, als Mitschüler und Freunde versteinert aufgefunden werden und er unter Verdacht gerät. Wieder ist es Lord Voldemort, der Harry Potter das Internatsleben schwer macht, doch diesmal wird auch sein perfider Erfüllungsgehilfe Lucius Malfoy sichtbar, der mit einer geschickt eingefädelten Intrige nicht nur Harry, sondern auch Hagrid und den Leiter von Hogwarts, Albus Dumbledore, beseitigen wollte.
   "She has come up with something like Star Wars", schrieb die New York Times, als Harry Potter und der Stein der Weisen in die Kinos kam. Rowlings Romane und Lucas' Star Wars-Universum sind in ihrer Metaerzählung – wie der amerikanische Kulturanthropologe Joseph Campbell übergeordnete Strukturen von Erzählungen nennt – sehr ähnlich. Beruft sich Lucas direkt auf Campbells Der Heros in tausend Gestalten, schweigt Rowling über ihre Kenntnis des Buchs, das man in Hollywood seit Jahrzehnten jungen Drehbuchautoren ans Herz legt. Luke und Harry sind Waisen, den Tod ihrer Eltern umgibt ein Rätsel. Dieses zu lösen, geben die Geschichten beiden zur Mission. Harry Potter muss bereits in Der Stein der Weisen Lord Voldemort begegnen, der seine Eltern tötete, was Harry in die ungewollte Obhut von Onkel und Tante Dursley führt. Luke Skywalker wächst ebenfalls bei Onkel und Tante auf, die ihn in seiner Weiterentwicklung einschränken. Harry bewahrt am Ende von Der Stein der Weisen Hogwarts und das Zauberreich vor der Wiedergeburt Lord Voldemorts. Luke rettet die Galaxie vor dem übermächtigen bösen "Imperium". Beide Helden haben Zugang zu einer Macht, die (von und durch Geburt) Begabte zum Guten wie zum Bösen einsetzen können. Star Wars braucht eine Prequel-Trilogie, um dem Zuschauer im Coming-of-Age-Drama um Anakin Skywalker, dem späteren Darth Vader, auch die "böse" Seite vorzuführen. Die plakative Küchenpsychologie von George Lucas überblendet mit digitalen Schauwerten die simple bis fahrlässige Geschichte einer gescheiterten Adoleszenz. Columbus kämpft tapfer gegen den Geist der Lady Voldemort seiner Produktionen, J. K. Rowling, deren Botschaft wider Arroganz und Fremdenhass im exploitativen Charakter computeranimierter Leinwandmagie untergeht.
   Die umfassende Kommerzialisierung des Campbellschen Modells, der popkulturelle Kannibalismus an mitunter uralten Mythen hat seit Jahrzehnten Tradition in Hollywood. Seit Lucas' erster Star Wars-Trilogie wurde das Storymodell von der US-Filmindustrie aber konsequent weiterentwickelt. Trotz oder gerade wegen der perfekten Puppen aus Jim Henson's Creature Shop, dem Schwanensee-Soundtrack von John Williams und der atemberaubenden Spezialeffekte aus der ILM-Werkstatt haken beide Harry Potter-Filme lediglich die Stationen von Harrys Heldenreise ab. Der sträfliche Verzicht auf das Verweilen im Augenblick, bei den Charakteren oder einem Ort deckt nicht nur Schwächen der beiden Romanvorlagen auf, sondern führt zu einer Unschärfe der moralischen Botschaft, die Rowling eigentlich vermitteln möchte. Chris Columbus' hat mit seinen handwerklich herausragenden Harry Potter-Filmen leider keinen neuen Fantasy-Kontinent entdeckt – dazu fehlt es ihm an inszenatorischer Individualität. Das erwachsene Schauspieler-Ensemble rekrutiert sich zwar zu großen Teilen aus der Royal Shakespeare Company, dennoch fällt die buchstabengetreue Verfilmung der Romanvorlagen eher handlungs- denn charakterzentriert aus. Die visuelle Wucht schwemmt den Zuschauer nach Verlassen des Kinos direkt in die wunderbare Welt des Harry Potter-Merchandising, anstatt Nachbilder vom sozialen Engagement der positiven Identifikationsfiguren oder dem beinahe philosophischen Diskurs des ewigen Helden zu erzeugen. Was ist und bleibt: das Buch als der bessere Film.
Jörg C. Kachel


Literatur: Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten. Frankfurt a. M. 1999. – Katrin Hoffmann: Harry Potter und der Stein der Weisen. In: epd Film 12 (2001) S. 37. – Horst Peter Koll: Harry Potter und der Stein der Weisen. In: Film-Dienst 24 (2001) S. 28–29. – Katrin Hoffmann: Harry Potter und die Kammer des Schreckens. In: epd Film 12 (2002) S. 51. – Horst Peter Koll: Harry Potter und die Kammer des Schreckens. In: Film-Dienst 24 (2002) S. 30–31.

© 2005 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart