: Filmgenres: Abenteuerfilm

Filmgenres: Abenteuerfilm

Hrsg.: Traber, Bodo; Wulff, Hans J.
413 S.
ISBN: 978-3-15-018404-2
9,80 €

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Wo gibt es heute eigentlich noch echte Helden? Hier: In Band 4 der Reihe Filmgenres lockt das Abenteuer. Sandalenfilm und Ritterfilm, Piratenfilm und Mantel-und-Degen-Film sowie der Samuraifilm gehören zu den hier behandelten "Subgenres".
Fluch der Karibik
Pirates of the Caribbean – The Curse of the Black Pearl

USA 2003, 143 min

R:    Gore Verbinski
B:    Ted Elliott, Terry Rossio
K:    Dariusz Wolski
M:    Klaus Badelt
D:    Johnny Depp (Jack Sparrow), Orlando Bloom (Will Turner), Keira Knightley (Elizabeth Swann), Geoffrey Rush (Barbossa), Jack Davenport (Norrington), Jonathan Pryce (Gouverneur Weatherby Swann)

Seemannsgarn und Wahrheit vermischen sich in den Schauergeschichten vom Piratenschiff "Black Pearl", die in Port Royal umlaufen – Gouverneurssitz der britischen Kronkolonie Jamaika. Das schnellste Schiff der Karibik soll sie sein – und von einem Mann befehligt werden, der so grausam ist, dass ihn sogar die Hölle wieder ausgespuckt hat. Und tatsächlich lastet auf dem Schiff ein gespenstischer Fluch, der die Seeräuber als Untote über das Meer irren lässt.
   Piraten! Unter den Begriff fallen teuflische Unholde und groteske Hälseabschneider, aber auch gutaussehende, zwielichtige Helden mit dem Nimbus von Aufregung und Abenteuer – Figuren aus klassischen Geschichten und Stoff für Teenagerträume, wie sich schon in der ersten Szene des Films offenbart, als die Gouverneurstochter Elizabeth den im Meer treibenden Jungen Will Turner entdeckt, den ein Geheimnis und ein Totenkopf-Amulett mit der greulichen Besatzung der "Black Pearl" zu verbinden scheinen.
   Zehn Jahre später ist Elizabeth noch immer insgeheim in Will verliebt, durch den Standesunterschied aber unüberbrückbar von ihm getrennt. Auf Drängen des Vaters muss sie sich mit dem befehlshabenden Offizier der kolonialen Flotte verloben. Will, inzwischen Waffenschmied und unermüdlich bemüht, seine Fertigkeiten im Säbelkampf zu trainieren, ist entschlossen, eines Tages das Geheimnis seiner Herkunft zu lüften. Und dieser Tag scheint gekommen, als Jack Sparrow in sein Leben platzt, der Kapitän der "Black Pearl" war, bis seine Mannschaft gemeutert und ihn auf einer einsamen Insel ausgesetzt hat.
   Sparrow, zugleich überlebensgroße Inkarnation und Karikatur des typischen Swashbuckler-Protagonisten, wird in der Verkörperung durch Johnny Depp zu einem harlekinesken Dandy, in dem sich Selbstbewusstsein und Selbstironie, Machismo und homoerotische Komponente, Tollpatschigkeit und Raffinesse verbinden. Er verbreitet bizarre Legenden über sich und seine Flucht von der Insel, treibt seine Gegenüber mit affektierter Attitüde und ziselierten, verbalen Spitzfindigkeiten zur Konfusion, wirkt dabei ständig leicht betrunken und bleibt dennoch ein schwarzer Meister des Degens und der Strategie mit unversöhnlichem Rachedurst.
   Pirates of the Carribean "beruht auf" einer gleichnamigen Disneyworld-Erlebnis-Tour und ebenso sehr auf der gesamten siebzig Jahre zurückreichenden Genrekino-Tradition. Das Figurenaufgebot umfasst 'gute' und 'böse' Piraten, Vertreter aristokratischer Autorität und ein alle Grenzen übergreifendes Liebespaar. Die Schauplätze reichen von Gouverneurspalast und Fort über Piratennest und einsame Insel bis zur Schatzhöhle und dem – eigentlich genrefremden – Gespensterschiff. Und auch sämtliche bekannten Handlungs-Topoi finden sich ausgestellt wieder: Die Seeschlacht, das Entern, das Aussetzen, das Über-die-Planke-Gehen. Sie sind als wiedererkennbare Elemente eingestreut, stehen praktisch unverbunden nebeneinander in einem Plot, der eher von Filmen als von Charakteren erzählt. Die direkt zitierten Vorbilder reichen von The Crimson Pirate (das umgedrehte Boot) über The African Queen (das Ausschütten der Schnapsvorräte) bis zu El Buque maldito (Das Geisterschiff der schwimmenden Leichen, E 1974, Amando Ossori). Die Einführung des Untoten-Motivs ist eine durchaus logische Konsequenz der Rückführung der bekannten Muster in den familientauglichen Mainstream-Film: Modernisierte Genre-Schurken müssten unvertretbar grausam sein, um nicht anachronistisch zu wirken (vgl. Treasure Island). Ihre Überhöhung zu halb verwesten, wandelnden Kadavern verleiht ihnen impliziten Schrecken und entrealisiert das Geschehen trotz historischer Kulisse zu zeitloser Fantasy.
   Zentral im modernisierten Umgang mit den Motiven ist dabei die Ironie, mit der sie präsentiert – und reflektiert – werden: Immer wieder kommentieren und diskutieren die anderen Figuren das absurde Verhalten Sparrows. Immer wieder aktivieren sie ihr Wissen über Piratengeschichten und müssen es der augenscheinlichen Realität angleichen – etwa, wenn Gespensterschiff-Kapitän Babossa der entführten Elizabeth süffisant nahelegt, doch besser an Geistergeschichten zu glauben, denn sie befinde sich mitten in einer. Und so wundervoll wie exemplarisch ist der – eigentliche, seltsam versetzte – Anfang des Films: In stolzer Pose hoch oben auf dem Mast stehend wie Burt Lancaster in The Crimson Pirate, läuft Captain Sparrow in den Hafen von Port Royal ein. Erst die Totale offenbart, warum er dort auf dem Mast steht: Sein Boot versinkt gerade unter ihm. Nicht minder hinreißend ist der Schluss, der zeigt, wie die Genre-Dekonstruktion verborgene Strukturen offenlegen kann: Johnny Depps Griff zum Steuerrad der wiedergefundenen "Black Pearl" beweist: die Liebe des Seemanns gehört dem Schiff, nicht der See.
   Nachdem sich alle Versuche der letzten drei Jahrzehnte, den klassischen Piratenfilm wiederzubeleben (etwa Pirates, Hook, Cutthroat Island), als Fehlschläge erwiesen hatten, nahm sich die geballte Hollywood-Maschinerie des Multiplexkino-Zeitalters – im Rahmen des allmählichen Revivals fast aller abenteuerlichen Genres – des Themas erneut an. Realisiert mit dem denkbar größten tricktechnischen Aufwand, ist Pirates of the Carribean ein typisches Produkt seiner Zeit und wurde ein vorprogrammierter Kassenerfolg.
Bodo Traber

Literatur: Rüdiger Suchsland / Constanze Alvarez: Dandy des Meeres. Piratenfilme: Erinnerung an ein fast vergessenes Genre. In: Filmdienst Nr. 18 (2003) – Michael Pekler: Dead Men Walking. In: Ray Kinomagazin. September 2003. – Leslie O’Brien: Johnny Depp im Gespräch. In. Ebd. S. 28–35.

© 2005 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart