: Filmgenres: Melodram und Liebeskomödie

Filmgenres: Melodram und Liebeskomödie

Hrsg.: Koebner, Thomas; Felix, Jürgen
435 S. 23 Abb.
ISBN: 978-3-15-018409-7
9,80 €

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Der Band stellt zahlreiche filmische Meisterwerke aus den zwei Genres vor, denen die Liebe den Stoff liefert: aus dem Melodram, in dem es gilt, die Widerstände zu überwinden, die der Liebe im Weg sind, und aus der Liebeskomödie, in der es natürlich auch ein paar Wirrnisse gibt, die dort aber spielerisch überwunden werden – und natürlich aus den vielen Filme zwischen Doktor Schiwago und Pretty Woman.
Einleitung

Way Down East - Sunrise - Die Büchse der Pandora - Der blaue Engel - Es geschah in einer Nacht - Die Kameliendame - Eine Fresse zum Verlieben - Hafen im Nebel - Der Glöckner von Notre-Dame - Sturmhöhe - Vom Winde verweht - Casablanca - Die Kinder des Olymp - Flüchtige Begegnung - Bitterer Reis - Ehekrieg - African Queen - Ein Herz und eine Krone - Alle Herrlichkeit auf Erden - In den Wind geschrieben - Bonjour Tristesse - Die große Liebe meines Lebens - Die Zürcher Verlobung - Die Liebenden - Vertigo: Aus dem Reich der Toten - Das Appartement - Frühstück bei Tiffany - Jules und Jim - Ein Hauch von Nerz - Doktor Schiwago - Die Dinge des Lebens - Love Story - Harold und Maude - Der letzte Tango in Paris- Emanuela - Die Legende von Paul und Paula - Liebe und Anarchie - So wie wir waren - Angst essen Seele auf - Im Reich der Sinne - Der Stadtneurotiker - Blackout: Anatomie einer Leidenschaft - Die Geliebte des französischen Leutnants - Betty Blue: 37,2° am Morgen - Jenseits von Afrika - Mein wunderbarer Waschsalon - 9 ½ Wochen - Zimmer mit Aussicht - Matador - Mondsüchtig - Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins - Eine verhängnisvolle Affäre - Gefährliche Liebschaften- Harry und Sally - Sex, Lügen und Video - Der Mann der Friseuse - Pretty Woman - Die Liebenden von Pont-Neuf - The Crying Game - Verhängnis - Das Piano - Schlaflos in Seattle - True Romance - Vier Hochzeiten und ein Todesfall - Was vom Tage übrig blieb- Before Sunrise: Zwischenstopp in Wien / Before Sunrise: Eine Nacht, eine Liebe - Before Sunset- Die Brücken am Fluss - Sinn und Sinnlichkeit - Der englische Patient - Romeo und Julia - Lolita - Titanic - Shakespeare in Love - In the Mood for Love - Monster’s Ball - Brokeback Mountain
Shakespeare in Love
USA 1998 f 120 min

R: John Madden
B: Marc Norman, Tom Stoppard
K: Richard Greatrex
D: Gwyneth Paltrow (Viola), Joseph Fiennes (Shakespeare), Colin
Firth (Wessex), Judi Dench (Elizabeth I.)

London, 1593. "Poesie" und "Abenteuer" wünscht sich Lady Viola de Lesseps in ihrem Leben – und "Liebe – vor allem Liebe […], Liebe, die das Leben aus allen Fugen wirft". Die romantischen Träume erfüllen sich, als die junge Frau dem Stückeschreiber und Schauspieler William Shakespeare begegnet. Dieser steckt zu Beginn seiner Karriere in einer Schaffenskrise: Von der Auftragsarbeit, für die er bereits einen Vorschuss kassiert hat, existiert nur der Spektakel verheißende Arbeitstitel "Romeo und Ethel, die Piratentochter". Verliebt in Viola, reift Shakespeare zum genialen Dramatiker, denn erst die Erfahrung des Liebens erfüllt seine Kunst mit Leben.
Shakespeare in Love verbindet die Liebesgeschichte zwischen Viola und Will mit dem Entstehungsprozess von Romeo und Julia und verknüpft die Szenen zwischen Dichter und Muse kunstvoll mit dem Bühnengeschehen. Obwohl geschickt historische Figuren und biografische Eckdaten in die Handlung eingebunden werden, ist das Herzstück von Shakespeare in Love eine komplett erfundene Liebesgeschichte. Durch die Begrenzung der Handlung auf knapp drei Wochen, an deren Ende die Trennung der Liebenden steht, wird die Fiktion wieder mit den biografischen Fakten in Einklang gebracht. Die Bereitschaft, sich auf die Erfindung einzulassen, wird durch die zeitliche Distanz zum Filmgeschehen und den Umstand befördert, dass über Shakespeares Leben im Jahr 1593 wenig bekannt und noch weniger nachgewiesen ist. Mit amüsanten Verweisen auf das Showbiz der Moderne gibt sich Shakespeare in Love zudem immer wieder als Spiel zu erkennen und schlägt eine Brücke zur Gegenwart.
Da Liebesheiraten im Elizabethanischen Zeitalter unüblich waren, erscheint Viola in ihren romantischen Liebessehnsüchten sehr heutig. Doch ungeachtet ihrer Wünsche wird sie vom Vater an einen Mann verschachert, der zwar blaublütig, aber pleite ist. Lord Wessex benötigt Geld für seine Tabakplantagen im amerikanischen Virginia, wohin er sich unmittelbar nach der Eheschließung mitsamt Gattin einzuschiffen gedenkt.
Shakespeares Avancen gelten anfangs dem Schauspieler 'Thomas Kent', den er nach einem Vorsprechen unbedingt für die Rolle des Romeo engagieren will. Da Frauen der Schauspielerberuf verboten war und im Elizabethanischen Theater alle Rollen von Männern gespielt wurden, ist Viola in diese Männerrolle geschlüpft, um ihre Leidenschaft für die darstellende Kunst ausleben zu können. Shakespeare ist 'Kent' zu einer Abendgesellschaft gefolgt, auf der das Geschäft zwischen Wessex und Violas Vater besiegelt werden soll. Auf der Suche nach dem jungen Mann streift Wills Blick durch den Saal und bleibt an der tanzenden Viola hängen – ohne die 'Personalunion' zu durchschauen. Eben noch gelangweilt und orientierungslos, hat er nun ein festes Ziel vor Augen, dem er sich beharrlich nähert. Er reiht sich in den Reigen der Tanzenden ein, bis ihn dessen Kreisbewegung mit dem Objekt seiner Begierde zusammenführt. Die erste Berührung des Paars erfolgt noch ohne Augenkontakt, erst bei der rituellen Verbeugung treffen sich die Blicke zum ersten Mal. Viola erkennt in ihrem schmachtäugigen Gegenüber sofort den Dichter, der sie allerdings gleich wieder an Wessex übergeben muss. Dieser informiert sie vom Gespräch mit dem Vater. Die Kamera hält nun so viel Abstand, dass das Personen-Dreieck auch visuell etabliert werden kann. Die nächsten Einstellungen gehören dem Paar, das sich nun, losgelöst von der Menge, tanzend durch den Raum bewegt. In einer Bewegung Violas wechselt die Einstellungsgröße von halbnah auf nah, die beiden frisch Verliebten sind jetzt ganz für sich. Der Schluss der Sequenz betont Violas führende Rolle: Sie findet eloquente Worte, während es dem Dichter die Sprache verschlagen hat. Der magische Moment der Begegnung wird von Wessex gesprengt, der den unliebsamen Konkurrenten packt und aus seinem Jagdrevier entfernt. Viola bleibt zurück, nun von einem Kreis Tanzender umringt.
Wessex’ Rolle in Shakespeare in Love ist die des wrong man, die für romantische Komödien typisch ist. Als er seinen Mund unerlaubt auf Violas Lippen presst, bestraft diese die Zudringlichkeit mit einer Ohrfeige. Dennoch begreift sie, dass sie ihrem Vater gehorchen muss, und schreibt dem geliebten Will einen Abschiedsbrief. Bei dessen Übergabe hinterfragt 'Thomas Kent' Shakespeares Gefühle. Wortreich beschreibt dieser seinen Herzschmerz und Violas Schönheit. Doch wie zuvor im Theater können Wills intensive Blicke auch in dieser nächtlichen Boots-Sequenz Violas Verkleidung nicht durchdringen. Er erkennt nicht, dass er direkt in jene Augen schaut, die ihn angeblich so faszinieren. Auch seine Beteuerung, es für einen Kuss der Geliebten 'mit tausend Wessex' aufnehmen zu wollen, wirkt angesichts seiner mehrfach unter Beweis gestellten Hasenfüßigkeit recht kühn. Weil Viola es aber so gerne glauben möchte, schenkt sie ihm diesen einen Kuss – ungeachtet ihrer männlichen Kostümierung. Und selbst nach diesem Kuss braucht es noch den Fährmann, um Will die Augen zu öffnen. Shakespeare ist mit bemerkenswerter Blindheit geschlagen, und dieser mangelnde Scharfblick beeinträchtigt auch die Qualität seines Werks. Erst mit Viola lernt er sehen, und seine abstrakten Vorstellungen von der Liebe weichen einer lebendigen Erfahrung. Das Sehen ist in diesem Film die Qualität der Frauen: Viola 'sieht' mit dem Herzen, die Queen mit dem Verstand, und auch die Beobachtungsgabe der Amme ist stärker ausgeprägt als das Wahrnehmungsvermögen der Männer, die sich selbst von simpelsten Verkleidungen täuschen lassen. Dabei entsteht zwischen der Queen und Viola ein besonderes Band – fast könnte man von einer Art Komplizenschaft sprechen. Scharfsichtig erkennt die ältere Frau, dass die jungfräuliche Knospe 'gepflückt' wurde.
Wie in anderen Filmen dieses Sub-Genres funktioniert auch hier die bevorstehende Hochzeit mit dem Falschen als tickende Zeitbombe. Untypisch ist hingegen der Verzicht auf deren finale Entschärfung. Bevor sie sich in das befohlene Schicksal fügt, nimmt sich die junge Frau jedoch das Recht, ihre Träume zumindest für kurze Zeit zu realisieren, und nutzt die Verlobungszeit zur lustvollabenteuerlichen Verbotsüberschreitung. In diesem wenig tugendhaften Ungehorsam gleicht Viola der Titanic-Heldin Rose (Kate Winslet). Im Kontext des historischen 'Erste Liebe'-Plots entfalten die beiden Jungfrauen eine unschuldige Frische, die in der sexualisierten Moderne kaum Aufmerksamkeit erregen würde. Sie habe keine Erfahrung im Entkleiden von Männern, bekennt Viola, als sich der Kerl, der sie gleich entjungfern wird, bereits in ihrem Schlafzimmer befindet. Den nächsten Schritt geht sie ohne Zögern und ohne Reue. Als Shakespeare die Bandage abwickelt, mit der die junge Frau als 'Thomas Kent' ihre verräterischen Brüste abbindet, dreht sie sich ausgelassen, mit nach oben gestreckten Armen und fliegenden Haaren, um die eigene Achse – befreit und voller Vorfreude.
Die absehbare Endlichkeit der Zweisamkeit intensiviert das Liebeserleben. Was als schwärmerische Verliebtheit beginnt, endet als erwachsene Liebe. Im gleichen Maße, in dem Shakespeare zum 'Poeten wahrer Liebe' reift, wandelt sich Viola vom verliebten Mädchen zur liebenden Frau. Bis zum Abschied ist sie die treibende Kraft innerhalb der Beziehung. Nach der Vermählung entkommt sie dem Gatten, um bei der Premiere von Romeo und Julia dabei zu sein. Obwohl bereits einmal vor den Augen des Zensors als Frau enttarnt, wagt sie sich erneut auf die Bühne, um für den heiseren Julia-Darsteller einzuspringen. Im Spiel, dessen Ende für die Liebenden zugleich bitterer Ernst ist, verhilft Viola der Illusion zu jener Wahrhaftigkeit, die sie als Zuschauerin vermisste. Im echten Hochzeitskleid ist sie bereit zur symbolischen Vermählung mit ihrem 'Romeo' Will. Das Theaterblut, das als rotes Tuch aus Julias tödlicher Stichwunde hervorquillt, versinnbildlicht zugleich das real vergossene Herzblut. Als der Zensor nach dem Ende der Vorstellung einschreitet, 'übersieht' die Queen kraft ihres Amtes Violas Verbotsüberschreitung und erklärt die Wahrheit zur Täuschung.
Die Hoffnung, dass auf diesen Akt königlicher Willkür ein Happy End folgen könnte, erfüllt sich hingegen nicht. Doch die Trauer über die unabwendbare Trennung der Liebenden paart sich mit der tröstlichen Gewissheit, dass ihnen Momente wirklichen Glücks beschieden waren. Schließlich kann die scheidende Viola die Fantasie des zurückbleibenden Dichters sogar zu einer heiteren Vision inspirieren: Die Figur, die (neben der 'Julia') zukünftig mit ihrer Person verknüpft sein wird, ist die der 'Viola' aus der Komödie Was Ihr wollt – eine Schiffbrüchige, die in Männerverkleidung in die Dienste eines Herzogs tritt und dessen Herz gewinnt.
Wie in Titanic (1997) bleibt die/der Geliebte als Bild ewiger Jugend im Gedächtnis erhalten und wird zur positiven Triebfeder für den Rest des Lebens. Beide Filme verbinden das 'faktische' Ende der Liebesgeschichte mit der Metapher von Ertrinken und Wiedergeburt (ein Moment, das auch in Jane Campions Liebesdrama Das Piano, 1993, eine Rolle spielt). Während Jack (Leonardo DiCaprio) sein Leben im kalten Wasser des Ozeans verliert, fantasiert Will einen Schiffsuntergang, bei dem Wessex ertrinkt und die den Fluten entstiegene Viola an einem weiten Strand einem neuen Leben entgegengeht. Der Strand mit der Frauenfigur erscheint gleichzeitig als Bild für die fast leere Bühne, die die Fantasie des Dichters zukünftig mit Handlung und Personen füllen wird.
Anette Kaufmann

Literatur: Marc Norman / Tom Stoppard: Shakespeare in Love. A Screenplay. New York 1998. – Douglas Brode: Shakespeare in the Movies. From the Silent Era to Shakespeare in Love. Oxford 2000.

© 2007 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart