: Lexikon Psychologie

Lexikon Psychologie. Hundert Grundbegriffe

2. Aufl. 2010
Hrsg.: Wendt, Gunna; Jordan, Stefan
380 S.
ISBN: 978-3-15-018773-9
9,80 €

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»Es ist das unerschrockenste unter den Lexika: das Lexikon der Psychologie, auf handliche hundert Begriffe gebracht. Hier hat man es schwarz und weiß, was der Mensch im Laufe seiner Geschichte über sich selbst herausgefunden hat. Hinter jedem Stichwort eine Welt: Borderline, Déjà vu, dissoziative Identitätsstörung, Frustration, Schlaf, Sucht.« FAZ »Das Lexikon Psychologie ist kompakt und elegant, passt also in jede Tasche. Und mit seinen hundert gut und prägnant erklärten und mit Querverweisen ausgestatteten Begriffen ist man jederzeit bestens informiert.« www.netzmagazin.ch
Einleitung
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Hundert Grundbegriffe:

Abwehrmechanismen (Uwe Hentschel)
Affekt (Jörg Merten)
Aggression (Franz Petermann)
Angst/Phobie/Panik (Susanne Ohmann)
Anorexie/Bulimie (Andreas Karwautz)
Anpassung (Christian Kienbacher)
Anti-Psychiatrie (Gunna Wendt)
Arbeits- und Organisationspsychologie (Lutz von Rosenstiel)
Autismus (Brigitte Rollett)
Autorität/Autoritarismus (Angelika Glöckner-Rist)
Behaviorismus (Walter Edelmann)
Borderline (Susanne Ohmann)
Burnout (Matthias Burisch)
Déjà vu (Lothar L. Schneider)
Demenz (Hans Förstl)
Denken (Walter Hussy)
Depression (Martin Hautzinger)
Diagnose/Syndrom (Hans Förstl)
Dissoziative Identitätsstörung (Ursula Gast)
Emotionen (Alice und Eva Martina Sendera)
Entwicklungspsychologie (Friedrich Wilkening)
Erfahrung (Rainer Mausfeld)
Experimentelle Psychologie (Rainer Mausfeld)
Fallgeschichte (Marianne Leuzinger Bohleber)
Familienpsychologie (Klaus A. Schneewind)
Feministische Psychologie (Regina Becker-Schmidt)
Forensik (Norbert Nedopil)
Frustration (Hans-Joachim Kornadt)
Führung (Stefan Jordan)
Gedächtnis (Thomas Jahn)
Gemeindepsychologie (Albert Lenz)
Gestalttherapie (Erhard Doubrawa)
Gesundheitspsychologie (Toni Faltermaier)
Gruppe (Wolfgang Schmidbauer)
Halluzination (Hubert Kuhs)
Hemmung/Komplex (Friedrich Schmidl)
Hysterie (Angela Moré)
Identifikation (Helene Puhr)
Identität (Michael Klessmann)
Individuation (Gerd Lehmkuhl)
Instinkt (Uwe Jürgens)
Intelligenz (Wolf D. Oswald)
Klinische Psychologie (Fred Rist)
Kognitive Psychologie (Elke E. van der Meer)
Kommunikation (Friedemann Schulz von Thun /Kathrin Poplutz)
Kompensation/Dekompensation (UlrikeLehmkuhl)
Konflikte (Thorsten Bonacker / Lars Schmitt)
Kritische Psychologie (Günter Rexilius)
Lernen (Klaus Foppa)
Manie (Michael Bauer)
Marktpsychologie (Lutz von Rosenstiel / Peter Neumann)
Mobbing (Beate Schuster / Dieter Frey)
Motivation (Wolfram Rollett)
Narrative Psychologie (Wolfgang Kraus)
Narzissmus (Klaus Paulitsch)
Neuropsychologie (Gerald Hüther)
Neurose (Gerd Rudolf)
Normalität/Abnormalität (Heiner Keupp)
Ödipus-Komplex (Werner Greve / Nina Schulz)
Pädagogische Psychologie (Franz Klug)
Paranoia (Gunna Wendt)
Parapsychologie (Eberhard Bauer)
Persönlichkeit/Persönlichkeitsstörung (Henning Saß)
Phänomenologische Psychologie (Dieter Lohmar)
Prävention (Heiner Keupp)
Projektion (Michael Ermann)
Psychiatrie (Hans Förstl)
Psychoanalyse (Wolfgang Mertens)
Psychologie (Heiner Keupp)
Psychose (Georg Juckel / Paraskevi Mavrogiorgou)
Psychosomatik (Paul L. Janssen)
Psychotherapie (Michael B. Buchholz)
Realitätsprinzip (Lilli Gast)
Regression (Jürgen Körner)
Rolle (Günter Wiswede)
Schizophrenie (Volker Arolt)
Schlaf (Sonja Kinzler)
Schuldgefühl (Mathias Hirsch)
Selbst/Selbstbewusstsein (Werner Greve / Daniela Hosser)
Sexualität/Geschlecht (Friedemann Pfäfflin)
Sozialisation (Klaus A. Schneewind)
Sozialpsychologie (Regina Becker-Schmidt)
Spiel (Franz Müller-Spahn)
Stress (Stefanie Rösch)
Sucht (Michael Soyka)
Suizid (Thomas Bronisch)
Supervision (Heinz J. Kersting)
Symbiose (Angela Moré)
Symbol (Elfriede Löchel)
Symptom (Helene Puhr)
Trauma (Stefanie Rösch)
Traumdeutung (Wolfgang Mertens)
Trieb (Wolfram Ehlers)
Übertragung (Wolfgang Mertens)
Umweltpsychologie (Susanne Bornschein)
Unbewusst/Unbewusstes (Günter Gödde)
Verhaltenstherapie (Iver Hand)
Wahn (Hubert Kuhs)
Wahrnehmungspsychologie (Karl R. Gegenfurtner)
Zwangsstörungen (Iver Hand)

Weiterführende Literatur
Personenregister
Sachregister

Mobbing
Der Begriff ›M.‹ (lat.-engl. mob = ›Pöbel‹) bezeichnet in Biologie und Ethologie (Verhaltensforschung) das Vorgehen einzelner Mitglieder oder ganzer Gruppen einer Spezies gegen Artgenossen, wobei – im Unterschied zu Konkurrenzkampf oder Streit – eine unterlegene bzw. schwächere Person misshandelt wird. Im engl. Sprachbereich ist zur Beschreibung dieses Phänomens der Begriff bullying (engl. to bully = ›schikanieren‹, ›fertig machen‹) gebräuchlicher.
In der belletristischen Literatur früh beschrieben (z. B. Robert Musil, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, 1906), begann die wissenschaftliche Beschäftigung mit M. erst nach journalistischen Recherchen und Peter-Paul Heinemanns populärwissenschaftlichem Buch Mobbning. Gruppvåld bland barn och vuxna (1972). Eine erste große Studie, die gehäuft auftretende Schülerselbstmorde (Suizid) in Schweden auf umfangreiche Schikanen durch Mitschüler zurückführte (Dan Olweus, Aggression in the Schools. Bullies and Whipping Boys, 1978), löste eine Lawine von Untersuchungen an Schulen, aber auch am Arbeitsplatz aus (Heinz Leymann, Mobbing – Psychoterror am Arbeitsplatz, 1993). Dieses Interesse ist in den letzten Jahren weiter angestiegen, da ersichtlich wurde, dass Ausgrenzungserfahrungen und M.-Erlebnisse für die Betroffenen gravierende Konsequenzen haben und eine Ursache der Schulschießereien in den USA (z. B. Littleton, 1999) und der Bundesrepublik (Erfurt, 2002) darstellten.
Studien zur Auftretenshäufigkeit zeigten, dass in der Schule und am Arbeitsplatz 3–5 % als Opfer von M. bezeichnet werden können. Diese Personen sind systematisch, also wiederholt (mindestens einmal pro Woche) und lang anhaltend (mindestens ein halbes Jahr) negativen Handlungen ausgesetzt, die in Schädigungsabsicht ausgeführt wurden und bei denen ein Stärkeungleichgewicht bestand. Während Frauen/Mädchen eher als Männer/Jungen dazu neigen, sich als M.-Opfer zu identifizieren, zeigen die meisten Studien keinen Geschlechtseffekt in der Häufigkeit, in M.-Prozesse involviert zu sein (z. B. Becky Kochenderfer-Ladd / Karey Skinner, Children’s Coping Strategies, 2002). Geschlechtseffekte gibt es dagegen in der Form: Frauen/Mädchen sehen sich eher einer relational aggression (Beziehungsaggression, z. B. Manipulation von Freundschafts- und Geschäftsbeziehungen) ausgesetzt, während Männer/Jungen vorwiegend direkte und offene Formen von Aggression erfahren. Die Ursachen für Mobbing lassen sich grob drei Kategorien zuordnen: (a) Merkmalen des Opfers, (b) Prozessen im Täter / in der Täterin und (c) Umgebungsfaktoren.
(a) Die Forschung zu M. in der Schule hat sich stark auf Charakteristika des Opfers konzentriert und folgendes Bild der Opferpersönlichkeit herausgearbeitet (Beate Schuster, Bullying/Mobbing in der Schule, 2005): Das typische Opfer ist eher (z. B. körperlich) schwach, in irgendeiner Form ›anders‹ als die anderen und unsicher (weniger Selbstwertgefühl bzw. -bewusstsein; Selbst). Außerdem neigt es zu übertriebener Submissivität (Unterwürfigkeit). Neuere Forschungen betonen spezifische Sozialisationsbedingungen für diese Schwächen: Opferkinder erfahren zu Hause wenig emotionale Unterstützung und Wertschätzung, dafür eher übergriffige Reaktionen, harsche Zurechtweisungen und Ablehnung. Während Mütter von Kindern mit geringem Risiko, Opfer zu werden, durch responsiveness charakterisiert sind, also prompt und angemessen auf kindliche Bedürfnisse eingehen, sind Mütter von Opfern häufig fordernder und feindseliger. Während Mütter viktimisierter (zu Opfern gewordener) Mädchen sich eher feindselig und wenig liebevoll verhalten, sind Mütter viktimisierter Jungen eher überbehütend und unangemessen einschränkend.
(b) Im Gegensatz zur Opferforschung wurde die Täterschaft bei ›sozialer Aggression‹ in deutlich weniger Arbeiten behandelt. Diese zeigen allerdings eine beachtliche Stabilität in aggressivem Verhalten. So wies z. B. Dan Olweus (Gewalt in der Schule, 1996) nach, dass ›Mobber‹, die im Jugendalter identifiziert wurden, im Alter von 24 Jahren ein um das Dreifache höheres Vorstrafenregister als eine Vergleichsgruppe aus Nicht-Mobbern haben.
(c) Ebenfalls weniger Untersuchungen gibt es zu situationalen Faktoren. Die Untersuchung von M. am Arbeitsplatz hat Mobbing fördernde Kontexte erkannt: So findet sich M. z. B. in Arbeitsgruppen, in denen bestimmte Unternehmenskulturen wie z. B. Zivilcourage- oder Fehlerkultur umgesetzt worden waren, weniger ausgeprägt als in Gruppen mit geringerer entsprechender Kultur (Ilke Inceoglu, Dieter Frey und Beate Schuster, Mobbing in Arbeitsgruppen, in Vorb.).
Da M. immer eine einzelne Person trifft, die sich gegen die Übergriffe nicht wehren kann, ist es Aufgabe der jeweiligen Führungs- bzw. Lehrkraft, bei M.-Prozessen frühzeitig zu intervenieren. Wünschenswert ist es auch, dass das Bewusstsein für das Phänomen ›M.‹ und seine Ursachen bei ›Mitläufern‹ und unbeteiligten Zuschauern dazu führt, in gegebenen Situationen eine theoretisch befürwortete Zivilcourage tatsächlich umzusetzen.

Beate Schuster und Dieter Frey


Beate Schuster: Rejection, Exclusion, and Harassment at Work and in Schools: An Integration of Results from Research on Mobbing, Bullying, and Peer Rejection. In: European Psychologist 1 (1996). S. 293–317.
Michael S. Kimmel / Matthew Mahler: Adolescent Masculinity, Homophobia, and Violence: Random School Shootings, 1982–2001. In: American Behavioral Scientist 46 (2003). S. 1439–1458.
Mark R. Leary [u. a.]: Teasing, Rejection, and Violence. Case Studies of the School Shootings. In: Aggressive Behavior 29 (2003). S. 202–214.


Normalität/Abnormalität
Die Begriffe ›N.‹/›A.‹ (lat. norma = ›Regel‹) benennen ein Koordinatensystem, das im Alltag und in professionellen Diskursen Grenzen für gesellschaftlich akzeptiertes Erleben und Verhalten zieht.
Jede Kultur besitzt eigene Vorstellungen von ›N.‹ und ›A.‹, die sich im Lauf der Zeit wandeln. Solche Vorstellungen sind für die Ordnung eines sozialen Systems unverzichtbar und liefern den Individuen Kriterien für die Zugehörigkeit zu oder den Ausschluss von einer Gesellschaft (die Soziologie spricht von Inklusion bzw. Exklusion). Differenzierte moderne Gesellschaften haben Professionen, Institutionen und Dienstleistungssektoren eingerichtet, die die Grenze von N. und Abweichung (Devianz) ›bewachen‹ und kontrollieren bzw. Menschen durch Beratung und Therapie auf den ›Pfad der N.‹ bringen sollen; Psychiatrie, Psychotherapie, Sonderpädagogik oder Kriminologie erhalten hierher ihr Mandat. Die Gesellschaften haben differenzierte Klassifikationssysteme geschaffen, die das Abweichungsfeld ordnen, und ein diagnostisches Handwerkszeug entwickelt (Diagnose), das eine möglichst zuverlässige Zuordnung von Anzeichen für eine Devianz zu spezifischen Ordnungskategorien leisten soll.
In der Geschichte der Diskurse über ›N.‹/›A.‹ haben sich charakteristische Verschiebungen der Deutungsmächte vollzogen. Solange Abweichungen von der Norm als Verletzung einer göttlichen Ordnung angesehen wurden, gab es eine religiöse Deutungsdominanz. Mit der Verwissenschaftlichung des Devianzfelds wurden unterschiedliche Erklärungsmodelle für Abweichungen von der Norm formuliert. Das Pathologiemodell unterstellte spezifische Krankheitsursachen und -einheiten und versuchte, seine Gewissheiten über naturwissenschaftliche Erklärungen zu gewinnen. Die psychogenetischen Modelle entwickelten unterschiedliche biographische Entwicklungsverläufe oder Lerngeschichten (Lernen), um N.-Verfehlungen erklären zu können. Erweitert werden diese Erklärungsansätze durch soziogenetische Konzepte, die die Entstehung von Devianz aus den sozialen Lebensbedingungen heraus plausibel machen.
Diese Modelle bekämpften sich mit ihren jeweiligen Alleinvertretungsansprüchen heftig. Inzwischen hat sich auf breiter Grundlage eine konstruktivistische Perspektive durchgesetzt, die allen absoluten Wahrheitsansprüchen den Boden entzieht und Devianzkategorien den Status pragmatisch sinnvoller Konstrukte verleiht, die den zuständigen Professionen Kommunikations- und Handlungssicherheit geben sollen. Von Bedeutung ist nicht mehr die ›Wahrheit‹ von ›N.‹/›A.‹, sondern das Interventionspotential: Welche therapeutischen, beraterischen oder korrektiven Maßnahmen können oder sollen eingeleitet werden, um den Störungswert eines Verhaltens oder Erlebens so zu verändern, dass sie den normativen Erwartungen innerhalb einer jeweiligen Kultur besser entsprechen?
Für die Individuen pluraler postmoderner Gesellschaften gibt es kaum noch allgemeingültige Standards. Gleichwohl existieren innerhalb einzelner Lebenswelten und Milieus meist klare Vorstellungen für das, was als N./A. angesehen wird. In diesen speziellen Lebenswelten entsteht auch der Ausgrenzungsdruck auf Menschen, die den Erwartungen nicht entsprechen, bzw. der Leidensdruck bei Personen, die den Erwartungen nicht entsprechen können, obwohl sie genau dies wollen.
Wenn ›N.‹/›A.‹ als soziale Konstruktionen rekonstruierbar sind, dann können sie auch dekonstruiert werden, indem Vorstellungen konstruktiv zerstört und demystifiziert werden, die für sich den Anspruch ontologischer Gültigkeit erheben. Diese dekonstruktiven Prozesse sind i. d. R. in soziale Bewegungen eingebunden, die die soziale Wahrnehmung und die gesellschaftliche Stellung spezifischer Gruppen verändern wollen (z. B. Frauen-, Schwulen- und Lesben-, Behindertenbewegung). Wenn sie erfolgreich sind, gelingt es, eine Orientierung, die über lange Zeit als A. galt, in das Diskursfeld der N. zu verschieben (z. B. die Entpathologisierung der Homosexualität).

Heiner Keupp


Heiner Keupp (Hrsg.): Normalität und Abweichung. Die Fortsetzung einer notwendigen Kontroverse. München [u. a.] 1979.
Sabine Hark: Deviante Subjekte. Die paradoxe Politik der Identität. Opladen 1996. 1999.
Fritz B. Simon: My Psychosis, My Bicycle and I. The Self-Organization of Madness. New York 1996. 2004. Dt.: Meine Psychose, mein Fahrrad und ich. Zur Selbstorganisation von Verrücktheit. Heidelberg 1996. 2004.
Jürgen Link: Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. Opladen 1997. 1999.
Klaus Hurrelmann [u. a.]: Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung. Bern 2004.


Trauma
Der Begriff ›T.‹ (griech. trauma = ›Wunde‹, ›Schaden‹, ›Verlust‹) bezeichnet in Medizin und Psychologie eine Verletzung des Körpers oder der Seele.
In der Psychologie stellt der Begriff eine nachträgliche Bewertung einer belastenden Lebenserfahrung dar, die den Betroffenen in der jeweiligen Situation völlig überfordert. Erst anhand der entstandenen psychischen Störung wird davon gesprochen, dass eine Lebenserfahrung für eine bestimmte Person ›traumatisch‹ war. Den akuten, psychologischen Zustand in einer belastenden Lebenserfahrung bezeichnet man als psychologische Krise oder akute Stressreaktion.
Situationen, die bei den meisten betroffenen Personen zu typischen T.-Folgestörungen führen können, sind z.B. Kriegserfahrungen, Folter, Naturkatastrophen, Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, schwere Verkehrsunfälle, der plötzliche Tod einer geliebten Person, aber auch Mobbing. Die Wahrscheinlichkeit, einmal im Leben eine potenziell traumatische Situation zu erleben, liegt für Männer zwischen 61 und 92 % und für Frauen zwischen 51 und 87 % (Frauke Teegen, Posttraumatische Belastungsstörungen bei gefährdeten Berufsgruppen, 2003).
Zu den T.-Folgestörungen gehört die oft mit der Schizophrenie verwechselte Dissoziative Identitätsstörung, bei der die betroffene Person Persönlichkeitsanteile abspaltet. Depression und Suchtverhalten können den Versuch darstellen, mit einer traumatischen Erfahrung umzugehen. Als die häufigste Reaktion auf eine traumatische Erfahrung kann sich eine Posttraumatische Belastungsstörung einstellen (Therapie der posttraumatischen Belastungsstörung, hrsg. von Andreas Maercker, 1997). Diese ist gekennzeichnet durch sich aufdrängende, belastende Gedanken und Erinnerungen an das T., oder Erinnerungslücken, durch Übererregungssymptome (Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, vermehrte Reizbarkeit, übersteigerte Wachsamkeit, Konzentrationsstörungen), durch Vermeidungsverhalten, emotionale Taubheit und im Kindesalter z.B. durch ständiges Nachspielen der traumatischen Situation (Guido Flatten [u.a.], Posttraumatische Belastungsstörung. Leitlinien und Quellentext, 2001).
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die die relative Stärke der Traumatisierung beeinflussen. Je größer die Ressourcen des Einzelnen sind, desto besser kann er mit einer potenziell traumatisierenden Situation umgehen. Wichtigste Schutzfaktoren sind soziale Unterstützung, Bewältigungsstrategien und die Fähigkeit, das Erlebte sinnvoll in das eigene Leben einzuordnen. Zu den Risikofaktoren gehören vorangegangene T., frühere psychische Probleme anderer Art, psychische Krankheiten in der Familie, die wahrgenommene Lebensbedrohung während des T., starke negative Emotionen während des T. (Hilflosigkeit, Schrecken, Schuldgefühl, Scham) und Dissoziationen (›neben sich stehen‹, ›alles ist wie im Film‹) während des T. (Emily J. Ozer [u.a.], "Predictors of Posttraumatic Stress Disorder and Symptoms in Adults: A Meta-Analysis", in: Psychological Bulletin 129/1, 2003.) Prinzipiell kann jeder Mensch traumatisiert werden.
Psychiatrie und Psychologie waren über Jahrzehnte hinweg immer wieder an den Folgen seelischer Verletzungen interessiert und immer wieder bestimmt von dem Unglauben, dass reale Geschehnisse die Seele des Menschen so stark und so dauerhaft verändern können, wie es sich in den entsprechenden T.-Folgestörungen zeigt. Es stellte sich immer wieder die Frage nach der Entstehung der T.-Folgestörungen. Sind es Eigenschaften der traumatischen Situation oder angeborene, möglicherweise genetisch bedingte Verletzlichkeiten, die die Symptome auslösen? Täuschen Betroffene ihr Leid vor oder leiden sie tatsächlich darunter, die Kontrolle über ihr Leben verloren zu haben? (Traumatic Stress: The Effects of Overwhelming Experience on Mind, Body, and Society, hrsg. von Bessel A. van der Kolk [u.a.], 1996, dt. 2000).
Schon Pierre Janet (L’automatisme psychologique, 1889) untersuchte, warum Erinnerungen an eine traumatische Situation oft nicht angemessen abgespeichert werden, warum die traumatische Erinnerung späteres Verhalten prägen kann und warum sich Persönlichkeitsanteile verselbständigen können. Heute weiß man, dass der Verlust der Kontrolle über das eigene Leben und über die eigene Sicherheit zusammen mit fehlgesteuerten Gedächtnisprozessen zentrale Faktoren der seelischen Verletzung sind. Es wird nicht mehr bezweifelt, dass durch die traumatische Erfahrung das Selbst- und Weltbild der betroffenen Person zutiefst und nachhältig erschüttert wird.

Stefanie Rösch


Ronnie Janoff-Bulman: Shattered Assumptions: Towards a New Psychology of Trauma. New York 1992.
Gottfried Fischer / Peter Riedesser: Lehrbuch der Psychotraumatologie. München und Basel 1998. 2003.
Babette Rothschild: The Body Remembers: The Psychophysiology of Trauma and Trauma Treatment. New York [u. a.] 2000. Dt.: Der Körper erinnert sich: Die Psychophysiologie des Traumas und der Traumabehandlung. Essen 2002.
Michaela Huber: Trauma und die Folgen – Trauma und Traumabehandlung, Teil 1. Paderborn 2003.
Ulrich Sachsse (Hrsg.): Traumazentrierte Psychotherapie. Theorie, Klinik und Praxis. Stuttgart 2004.

© 2005, 2010 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart