Baker, Simon: Rom

Baker, Simon: Rom. Aufstieg und Untergang einer Weltmacht

Übers.: Blank-Sangmeister, Ursula. Mitarb.: Raupach, Anna. Vorw.: Beard, Mary
456 S. 34 farb. Abb.
ISBN: 978-3-15-020160-2
14,95 €

inkl. MWSt., ggf. zzgl. Versandkosten
Versandkostenfrei in D ab einem Bestellwert von EUR 25

Lieferung zwischen Freitag, 22.02.2019, und Montag, 25.02.2019.

Informationen zu Bestellung, Vertragsschluss, Zahlung, Widerruf

Am Anfang stand ein Mord: der von Romulus an seinem Zwillingsbruder Remus. Und was dann folgte, waren Kriege und Bürgerkriege, Revolutionen, Siege, Invasionen und Zusammenbrüche. Simon Baker erzählt die gewaltsame und gewaltige Geschichte der ersten Supermacht der Welt. Dabei greift er sechs besonders wichtiger Wendepunkte heraus: von der Formierung der Republik über das Zeitalter der Caesaren bis hin zum Bürgerkrieg um die Ausbreitung des Christentums. Baker erzählt packend von den Menschen, die diese Geschichte gemacht haben, und erweckt zugleich den Sinn für die großen Grundfragen der Geschichte.
Rom, die Stadt der sieben Hügel
– Die Entstehung der Republik
– Der Konflikt zwischen Patriziern und Plebejern
– Die Eroberung Italiens

Revolution
– Die Eroberung des Mittelmeerraums
– Die Wendemarke: Die Zerstörung Karthagos
– Krise in Rom
– In Ungnade
– Mord in Rom
– Epilog

Caesar
– Politik für das Volk
– Pompeius, Caesar und Cato
– Das Gleichgewicht der Kräfte
– Alesia
– Der Gang über den Rubikon
– Der Kampf für die Freiheit
– Epilog

Augustus
– Aktium
– Nach dem Krieg
– Autokratie
– Die Heeresreform
– Der Friedenskult
– Die Erfindung von Tradition

Nero
– Erbe des Augustus, Sohn der Agrippina
– Neros neue Freunde
– Krise
– Das Komplott
– Der Niedergang
– Epilog

Rebellion
– Eine römische Provinz
– Der Ausbruch des Aufstandes
– Josephus, der Kommandant von Galiläa
– Wechselfälle des Schicksals
– Jerusalem
– Epilog

Hadrian
– Der letzte Eroberer
– Ein neuer Kurs
– Grenzen
– Verwaltungsstrukturen
– Zivilisation und Sklaverei

Konstantin
– Vier Kaiser
– Die Schlacht an der Milvischen Brücke
– Licinius, ein Waffenbruder
– Krieg der Religionen
– Epilog

Untergang
– Die Verletzlichkeit des Imperiums
– Ein Bündnis zwischen Feinden
– Der Frieden Alarichs
– Die Plünderung Roms
– Epilog

Nero


Es war Mitte März, Schauplatz des Geschehens das modische Luxusbad Baiae. Man verbrachte einen vergnügten, fröhlichen Abend. Eine aristokratische Dame war in einer Sänfte aus Antium, einem weiter nördlich gelegenen Ort an der Küste, angereist, um sich einem erlesenen Kreis von Gästen aus der Oberschicht anzuschließen. Das Ereignis, das sie zusammenführte, war das Fest der Minerva, der Göttin der Weisheit und der Künste. Nachdem sie von einem Landsitz am Meer die dort vor Anker liegenden schönen Schiffe bestaunt und ein üppiges Dinner genossen hatte, war es an der Zeit, sich wieder nach Hause zu begeben. Da die Nacht sternklar und die See ruhig war, beschloss sie, statt der Sänfte ein Schiff zu nehmen. Trotz der günstigen äußeren Bedingungen sollte sich diese Entscheidung als verhängnisvoll erweisen. Denn an Bord des mit Girlanden geschmückten Schiffes hatte man eine tödliche Falle installiert. Das Dach der Kajüte war eigens mit Bleigewichten beschwert worden und sollte, wenn es einstürzte, den in der Kabine ruhenden weiblichen Gast unter sich begraben. Die Frau, für die diese Falle bestimmt war, war Agrippina, die Mutter des Kaisers Nero. Der Mann, der die Falle hatte legen lassen, war der Kaiser höchstpersönlich.
Agrippina war völlig arglos. Schließlich hatte Nero den ganzen Abend in ihrer Gesellschaft verbracht, und sich, ganz liebevoller Sohn, betont versöhnlich gegeben. Als sich der Kaiser von seiner Mutter am Strand verabschiedete, sprach er mit ihr so vertraulich wie ein Kind. Er überschüttete sie mit Aufmerksamkeiten und umarmte sie lang und innig. Agrippina ging alsdann an Bord, begab sich in die Kajüte und das Schiff legte ab. Sobald man sich weit genug vom Ufer entfernt hatte, löste ein Mitglied der Rudermannschaft den Mechanismus aus. Zu Agrippinas Entsetzen zerbarst das Holzdach über ihrem Kopf und krachte plötzlich über ihr zusammen. Doch die schweren Bretter verfehlten sie um wenige Zentimeter: Die Seitenwände ihres Ruhebettes waren hoch und stabil genug, um sie vor der Wucht des einstürzenden Daches zu schützen. Noch ganz benommen befreite sie sich langsam aus den Trümmern und schaute sich um. Einer ihrer Vertrauten, der ganz in der Nähe gestanden hatte, war von dem Dach erschlagen worden. Während Agrippina in der Kabine ihre Kräfte sammelte, versuchte die Mannschaft an Deck einen zweiten Anschlag auf ihr Leben und wollte das Schiff zum Kentern zu bringen. Jetzt kam eine andere Person aus Agrippinas Gefolge ihrer Herrin zu Hilfe. Da sie die Situation durchschaute, behauptete die kaiserliche Freigelassene, sie selbst sei die Mutter Neros. Die Matrosen konnten in der Dunkelheit nicht erkennen, wen sie vor sich hatten, stürzten sich auf sie und erschlugen sie mit ihren Ruderstangen. Agrippina aber ließ sich so behutsam, wie sie nur konnte, ins Meer gleiten und schwamm davon.

Während sie sich dem Ufer näherte, wurde ihr bewusst, dass man ihr den ganzen Abend nur Theater vorgespielt hatte. Der Unfall auf dem Schiff war kein Zufall, sondern ein Bühnentrick, der indes gründlich danebengegangen war: Die See war ruhig gewesen und es gab weit und breit keine Klippen, auf die man einen Unfall hätte zurückführen können. Ihr war völlig klar, wer ihr nach dem Leben getrachtet hatte. Doch da sie noch nicht recht wusste, was jetzt zu tun sei, wollte sie erst einmal Zeit gewinnen. Bei ihrer Rückkehr nach Antium beschloss sie, vorerst so zu tun, als ob sie an ein Schiffsunglück glaube, und ließ Nero eine Nachricht zukommen: Obwohl sie überzeugt sei, dass er über das, was seiner lieben Mutter widerfahren sei, gewiss verzweifelt sei, brauche sie jetzt Ruhe und dürfe nicht gestört werden.
Als er erfuhr, dass seine Mutter noch lebte, wandte sich Nero an den Flottenkommandanten Anicetus, der sich die Todesfalle ausgedacht hatte. Jetzt müsse er, so der Kaiser, das, was er begonnen habe, auch zu Ende führen. Also brachen Anicetus und einige Soldaten in ihr Haus ein und umstellten ihr Bett. Wie der Historiker Tacitus berichtet, galten ihre letzten Worte – und das hat etwas Tragisches – der Verteidigung ihres Sohnes: Sie wisse genau, dass die Soldaten, die sie umbringen wollten, nicht im Auftrag Neros handelten. Dann deutete Agrippina auf ihren Schoß und forderte die Soldaten auf: "Stoßt in den Bauch!" Obwohl Mutter und Sohn, sich gegenseitig fürchtend, zu erbitterten Feinden geworden waren, wollte sie vielleicht bis zu ihrem letzten Atemzug dafür sorgen, dass Neros Machtposition durch nichts in Frage gestellt wurde. Das hatte absolute Priorität. Noch in derselben Nacht wurde ihr Leichnam auf einem Speisesofa verbrannt – eine Notbestattung, die für eine Almosenempfängerin angemessen war, nicht aber für die Nachfahrin eines Gottes, des ersten Kaisers Augustus.
Es mag so scheinen, als habe Nero den Muttermord ganz kaltblütig befohlen. In Wirklichkeit war er zutiefst aufgewühlt. In der römischen Gesellschaft galt die respektvolle Behandlung der Mutter, erst recht der des Kaisers, als eine hochheilige Tugend, die seit alters gehegt und gepflegt wurde. Nero war der fünfte römische Kaiser, ein Angehöriger des julisch-claudischen Hauses und der Ururenkel des Augustus. Ihn hielten viele am kaiserlichen Hofe, im Senat und im Volk für den Mann, der als Regent des Imperiums wieder ähnliche Ruhmestaten vollbringen könne wie etwa 50 Jahre zuvor sein Ahnherr. Im Todesjahr seiner Mutter war Nero überaus beliebt. Sollte allerdings bekannt werden, dass er sich des verabscheuungswürdigen Verbrechens des Muttermordes schuldig gemacht hatte, wäre es um diese Popularität geschehen. Es gab jedoch noch einen anderen komplexeren Grund, weshalb er sich jetzt äußerst verletzlich fühlte.
Nero hatte seinen Thron nicht dem Schicksal, sondern nur kalter Berechnung zu verdanken. Agrippina hatte ihn zum Kaiser gemacht. In der Tat war der römische Prinzipat entgegen dem Anschein nichts anderes als eine Erbmonarchie: Alle bisherigen Kaiser entstammten dem einen, von Augustus begründeten Herrschergeschlecht – der julisch-claudischen Dynastie. Und Nero war durch Agrippina mit dem vergöttlichten Augustus verwandt. Doch da der erste Kaiser keine klar formulierten Erbfolgeregelungen hinterlassen hatte, war der Aufstieg in die mächtigste Position der antiken Welt mit tödlichen Fallen gespickt. Mit Agrippinas Hilfe hatte ihr Sohn all diese Hindernisse überwunden. Törichterweise erinnerte sie ihn immer wieder daran, um ihn weiter kontrollieren zu können. Damit hatte sie in dem jungen Kaiser eine Unsicherheit wach gehalten, die sowohl für das politische System, dessen Erbe er angetreten hatte, wie auch für seine Persönlichkeit typisch war. Im Mittelpunkt stand die Frage nach der Rechtmäßigkeit seiner Herrschaft. Diese Unsicherheit sollte sowohl beim Zusammenbruch von Neros Regime wie auch bei der Krise, in die er das Römische Reich stürzen würde, eine entscheidende Rolle spielen. Zwar war Agrippina, die Quelle dieser Unsicherheit, jetzt tot, aber mit ihr war vielleicht auch die einzige Person gestorben, die sie hätte mildern können.
Die letzten Regierungsjahre Neros führten zu einer der unrühmlichsten Revolutionen in der gesamten römischen Geschichte. Mit Neros Untergang sollte die von Augustus begründete Dynastie unwiderruflich in Misskredit geraten und zum Entsetzen vieler Römer für immer ausgelöscht werden. Das (auf Augustus zurückgehende) politische System, in dem die Regierungsgewalt von einem Alleinherrscher ausgeübt wurde, sollte die größte Krise seiner Geschichte erleben. Doch das war noch nicht alles. Im augusteischen System der Erbmonarchie hatten sich schon vorher Risse und Fehlentwicklungen gezeigt. Neros Untergang aber ließ die größte Schwäche deutlich werden, die diesem System immanent war und vor der man bis zu Neros Herrschaftsantritt die Augen verschlossen hatte: Was wäre, wenn der Mann, der auf den Kaiserthron nachrückte, so unsicher und so zwanghaft auf sich selbst konzentriert wäre, dass er sich für die Regierung des römischen Imperiums ganz und gar nicht eignete? Was, wenn die Person, die nach Belieben schalten und walten konnte, sich ihrer Verantwortung entzöge? Was, wenn der mächtigste Mann der antiken Welt wahnsinnig würde?

© 2008 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart