Göttert, Karl-Heinz: Eile mit Weile. Herkunft und Bedeutung der Sprichwörter

245 S. 8 Abb.
ISBN: 978-3-15-020189-3
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Karl-Heinz Göttert erklärt den Sinn der gebräuchlichsten Sprichwörter, geht ihrer Herkunft und Entstehungsgeschichte nach, er beleuchtet die Machart der Sprichwörter, ihre Poetik sozusagen, und er erzählt von Sammlern und Forschern, die sich mit dem Sprichwort beschäftigt haben.
"Ein wirklich kurzweilig zu lesendes, spannendes und verblüffendes Buch, das allen zu empfehlen ist, die sprachbegeistert sind." (www.netzmagazin.ch)
Vorbemerkung

Psychologische Einsichten
Eile mit Weile
Morgenstund hat Gold im Mund
Morgen wartet das Grab
Die großen Fische fressen die kleinen
Du bist nicht irgendwo, du bist überall
Ein Herz und eine Seele
Nolens volens
Erkenne dich selbst
Von der Skylla in die Charybdis kommen
Als Gott den Mann schuf, übte sie nur
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr
Mit der Wurst nach der Speckseite werfen

Die Welt der Moral
Den Mantel nach dem Winde kehren
Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht
Schiffbruch erleiden
Wir sitzen alle in einem Boot
Kleider machen Leute
Glück im Unglück haben
Jeder ist seines Glückes Schmied
Der goldene Mittelweg
Freundesgut, gemeinsam Gut
Den Balken im eigenen Auge nicht sehen
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold
Sich mit fremden Federn schmücken
Die Wände haben Ohren
Alles hat seinen Preis
Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Die Welt des Rechts
Brief und Siegel geben
Das dicke Ende kommt nach
Unter einer Decke stecken
Die Biene ist ein wilder Wurm
Auge um Auge, Zahn um Zahn
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst
Aller guten Dinge sind drei
Jemandem aufs Dach steigen
Zu viel Recht ist Unrecht
Eine Kuh wird nicht weiß

Gedanken zur Politik
Als Adam grub und Eva spann …
Von einem Toten Steuern verlangen
Gedanken sind zollfrei
Leben wie im Schlaraffenland
Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben
Das Lachen wird ihnen noch vergehen
Toter Buchstabe
Politik verdirbt den Charakter
Eine Hand wäscht die andere

Im Alltag
Das Kind mit dem Bade ausschütten
Alte Kamellen
Eine Eselsbrücke bauen
Hand und Fuß haben
Ein unbeschriebenes Blatt sein
Ausgehen wie das Hornberger Schießen
Ein Köhlerglaube
Mutter Natur
Schnee von gestern
Durch die Finger sehen
Die klare Sonne wird es an den Tag bringen
Streit um des Kaisers Bart
Wenn es regnet und gleichzeitig die Sonne scheint …
Karten sind ein Satan
Medias in res
Different strokes for different folks

Konserviertes Brauchtum
Einen Korb bekommen
Etwas läuten hören
Durch die Lappen gehen
Denken wie Goldschmieds Junge
Etwas im Schilde führen
Etwas auf die Spitze treiben
Unter die Haube bringen
Wider den Stachel löcken
Jemanden zum Narren halten
Jemandem Hörner aufsetzen
Der deutsche Michel
Aufschneiden

Kleine Poetologie des Sprichworts
Zwischen die Mühlsteine geraten
Das falsche Gesangbuch haben
Auf dich haben wir gerade noch gewartet!
Allzu scharf macht schartig
Aller Anfang ist schwer, sagte der Dieb, da stahl er einen Amboss
Die Axt im Haus erspart den Zimmermann
Haare auf den Zähnen haben
Bette dich gut!
Viele Hunde sind des Rasen Tod
Nach Rüstung kommt Krieg
Beim Besuch der Dame die Uhr aufziehen
Wie die Berber: zehn sprechen und einer hört zu

Große Sammler
Beginn mit Aristoteles
Das Feuilleton avant la lettre: Erasmus von Rotterdam
Literatur aus Sprichwörtern: Till Eulenspiegel
Der Erzvater deutscher Sammlungen: Johann Agricola
Sammlung für den eigenen Gebrauch: Martin Luther
Attacke auf das Sprichwort: Ernst Meisner
Plädoyer für Lehnsprichwörter: Gotthold Ephraim Lessing
Sammler mit Talent zur Neuschaffung: Johann Wolfgang Goethe
Romantik versus Systemgeist: Johann Michael Sailer
Aufbruch ins wissenschaftliche Zeitalter: Josua Eiselein
Die populärste Sammlung bis heute: Karl Simrock
Der größte Sammler aller Zeiten: Karl Friedrich Wilhelm Wander

Statt eines Literaturverzeichnisses
Abbildungsnachweis
Zum Autor
Karl-Heinz Göttert ist Professor für Ältere Deutsche Literatur an der Universität Köln. Seine Forschungsschwerpunkte sind Geschichte und Theorie von Rhetorik und Konversation, Anstand und Höflichkeit sowie der Magie.
Eile mit Weile
Man stelle sich ein kleines Bild vor: Ein Delphin ist zu sehen, der einen Schiffsanker umschlingt. Ob man den Sinn errät? Vielleicht, wenn man weiß, dass ein antiker Kaiser es als Wahlspruch auf seine Münzen prägen ließ? Oder dass ein Buchdrucker es als Firmenzeichen, als sein Logo, benutzte (...)? Wohl kaum! Es ist ja auch so schon auf ein Rätsel hin angelegt: Eile mit Weile. Spute dich und spute dich nicht, sei wie ein Delphin und wie ein Anker: schnell und unerschütterlich zugleich. Erasmus schätzte es als sein Lieblingssprichwort und behandelt es so ausführlich wie sonst keines – in der Reclam-Ausgabe auf 23 Seiten (mit kompletter, aber bedenklicher Delphinologie: Wie sollen Krokodile die Todfeinde der Delphine sein?). Und er lässt auch erkennen, was ihn so fasziniert: eben das Rätselhafte, Widersprüchliche, noch dazu in dieser Kürze. »Tiefer«, »in allen Lebenslagen gültiger« Sinn in fünf Silben, auch im Lateinischen, wo freilich statt des Reims ein eingängiger Rhythmus vorliegt: festina lente, Betonung jeweils auf der ersten Silbe (also ein cursus planus). Tiefer Sinn? Gar »uralte Weisheit« aus »verborgenen Tiefen«? Zunächst einmal scheint sicher, dass es keinen Autor gibt. Vielleicht habe Aristophanes den Start ermöglicht mit der Formulierung: Eile unverweilt, was pleonastisch, also doppelt gemoppelt war und einen Findigen anregte, es zur Antithese hochzustilisieren. Dies wäre der Augenblick gewesen, in dem der Edelstein seinen Schliff erhielt, die Brillanz. Antithesen wirken wie kleine Leuchtsignale, man versteht eine Aussage besser, wenn sie so zugespitzt daherkommt. Und es hat ja auch gezündet. Schon Augustus erkor das Sprichwort zu seinem Wahlspruch, auf die Münzen brachte es Vespasian einige Jahrzehnte später. Kaisern stehe dies wohl an, fügt Erasmus hinzu, der sofort in Klagen über Fürsten ausbricht, die mit übereiltem Handeln ihre Völker ruinieren. Aber auch ›normalen‹ Menschen diente der Spruch zur Orientierung, eben Aldus Manutius, dem großen Drucker in Venedig, bei dem die Adagia in der ersten großen Erweiterung herauskamen. Dabei verbreitet sich Erasmus über Schlamperei in einem Gewerbe, das damals erst rund fünfzig Jahre alt war, aber völlig anders funktionierte als die früheren Gewerbe. Es gab keine offizielle Ausbildung, keine Kontrollen. Bäcker dürfe noch lange nicht jeder werden, mault der Gelehrte, Drucker wohl, und verlangt unverblümt nach Einschreiten der Obrigkeit bei gleichzeitigem Zweifel, ob Fürsten wirklich an Kultur interessiert seien. Dabei ging es um das, was jedem Humanisten heilig ist: um unverderbte Texte, bei deren Herstellung Eile erwünscht ist, sich Übereilung dagegen katastrophal auswirkt. Wenn man so weitermacht, werde die Menge an Unbrauchbarem das Wertvolle unweigerlich ersticken. Ein gerade geborenes Medium bringt sich selbst um – heute bedrohen Viren das World Wide Web. Aber noch einmal: »Weisheit«, »Tiefe«? Es ist eher wie immer. Nicht das Sprichwort ist weise, es gibt nur intelligente Verwender. Eile mit Weile! Wer sich übereilt hat, versteht, wenn ihm das Sprichwort vorgehalten wird. Und das ganz ohne zu rätseln.

Einen Korb bekommen
Man würde es vielleicht nicht glauben, wenn es nicht die passenden Abbildungen gäbe, zum Beispiel auf dem berühmten Sprichwörterbild von Pieter Brueghel von 1559. Dort wird jemand in einem Korb aufs Dach eines Hauses gezogen, aber der Boden des Korbes ist gerade herausgebrochen und die Jammergestalt hängt schon mit ihrem Hinterteil in der Luft, wird jeden Augenblick gänzlich durchfallen (...). Ein Mädchen, das einen Heiratsantrag ablehnte, konnte sich so verständlich machen: Es ließ den präparierten Korb hinunter, worauf das Unheil seinen Lauf nahm und der Freier ›begriff‹. Der Brauch soll im Mittelalter aufgekommen sein, wobei es sich allerdings um das sehr späte gehandelt haben muss, denn die Entscheidung zur Ehe wurde zuvor nicht aufgrund von Liebe, sondern nach wirtschaftlichen Abwägungen getroffen. Und nicht die Frau, sondern ihre Familie mit dem Mundwart (dem Vater beziehungsweise ersatzweise dem Onkel oder Bruder) entschied beziehungsweise ›bevormundete‹ die Frau. Aber das Sprichwort hält die handgreifliche Form der Emanzipation wenigstens als Ausnahme fest und passt gut zu weiteren Körben, die damals im Gebrauch waren. So konnte man jemanden im Korb hängen lassen. Und wieder erläutern Bilder das Gemeinte. Röhrich zeigt in seinem Lexikon eines vom sogenannten Malteserteppich von 1310/20, auf dem ›Weiberlisten‹ festgehalten sind. Auch Schwänke haben sich erhalten, in denen der große antike Dichter Vergil von der Tochter des Kaisers nach der vermeintlichen Aussicht auf ein Liebesabenteuer auf diese Weise lächerlich gemacht wird. Ob Hängen oder Fallen: In Resten ist beides bis heute erhalten geblieben. Jeder weiß, was es heißt, wenn man jemanden hängen lässt. Und durchs Examen fallen dürfte ebenso bekannt sein wie die bodenlose Gemeinheit. Weil die Frauen in diesen seltenen Fällen einmal als durchaus überlegene Aktricen (und nicht immer als gnadenlos Betroffene) vorkommen, mag auch noch eine weitere sprichwörtliche Redensart herangezogen werden, die dazu passt: jemanden abspeisen. Wieder geht es dabei um Brautwerbung und wieder um Verweigerung. Der Werbende holte sich sein Urteil bei einem Essen in der Familie der Braut ab und wusste ganz genau, was mit dem ›Aufgetischten‹ gemeint war. In Deutschland bedeutete meist Käse (im Gegensatz zu Schinken) das bittere Aus, in Frankreich waren es gekochte Eier. Eine andere Redensart besagt freilich, dass es Männer mit guten Nerven gab – sie ließen sich nicht abspeisen. Und was hat es auf sich mit jemanden abblitzen lassen, das ja auch bei der Abweisung von Werbern gebräuchlich ist? Hier liegt das Bild vom Zünden des Pulvers auf der Gewehrpfanne zugrunde, ohne dass der Schuss losgeht. Auf das Schnelle, Schroffe ist abgehoben, das auch mit dem Verpuffen verbunden ist. Diesmal also kein Brauch, schon gar kein mittelalterlicher. Die noch reichlich untauglichen Gewehre des frühen 19. Jahrhunderts sind es, die bei diesem Sprichwort Pate stehen.

Eine Kuh wird nicht weiß
Es ist heute nicht schwer, sich über den Sprichwörtergebrauch von Menschen in entlegensten Regionen der Welt zu informieren. Günther Schlee und Karaba Sahado haben beispielsweise Material bei den Rendille erhoben, einem kleinen Volk (1979 wurden 21 794 Personen gezählt) von Hirtennomaden im Norden von Kenia. Um der Gefahr zu entgehen, ›Fremdes‹ allzu sorglos aus dem europäischen Blickwinkel zu betrachten, haben sich nicht nur Beobachter aus den beiden Kulturen zusammengetan, sondern den Sprichwörtern außer der wörtlichen (englischen) Übersetzung eine Bedeutungsanalyse und Informationen über den Gebrauch hinzugefügt. Dabei war von Anfang an klar, dass in einer Kultur ohne kodifizierte Gesetze und institutionalisierte Gerichte dem Recht eine besondere Bedeutung zukommt. Die Sprichwörter formulieren mit anderen Worten bevorzugt Normen des Zusammenlebens, die sich auf Konflikte, Schuld, Strafe beziehen. Wer seine Finger immer in die Erde steckt, wird eines Tages gebissen, heißt es beispielsweise. Gemeint ist, dass jemand eine ganze Weile ungesetzlich handeln kann, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden – aber zum Schluss kommt die Strafe doch. Komplizierter liegen die Dinge bei Die Spitze der Zunge scherzt, aber auf ihrem Rücken ist Wahrheit. Wieder wird eine ›Wahrheit‹ in ein (nach unsern Maßstäben) derart konkretes Bild gefasst, dass der Bezug kaum zu erraten ist: Die Zunge schmeckt gewissermaßen eine Aussage ab, spürt mit der Spitze etwas Schmerzhaftes, mit dem Rücken die Wahrheit. Verwendet wird dieses Sprichwort gegen jemanden, der sich über eine scherzhafte Attacke erregt und die berechtigte Kritik in ihr nicht wahrhaben will. Als Beispiel dient die Geschichte von einem jungen Mann, der sich ein zehnjähriges Mädchen als Braut erwählt, des frühen Alters wegen geneckt wird und sich zehn Jahre später bei der Hochzeit daran erinnern lassen muss, dass er damals die Wahrheit unterm Scherz nicht bemerkt hat. Mag man in diesem Fall die Tatsache einer Konfliktregelung kaum wahrnehmen, so gibt es andere Sprichwörter, in denen der rechtliche Hintergrund auch für uns deutlicher hervortritt. Diebe leugnen sogar dann, wenn sie auf frischer Tat ertappt werden hält man demjenigen vor, dem irgendetwas nicht einleuchten will. Wer etwas Rohes isst, wundert sich über seinen Bauch ist eine Anspielung auf mangelndes Schuldbewusstsein. In diesem Fall veranschaulichen die Autoren die Verwendung mit folgender Geschichte: Aus der Herde wurde ein Tier gestohlen. Alle werden zusammengerufen und sollen den Dieb nennen. Niemand bekennt. Da verplappert sich jemand: »Wir haben es nicht gegessen« – und muss Strafe zahlen. Schuld kann man nicht verbergen, sie ›arbeitet‹ in einem. Gerade in ihrer Einfachheit sind es (für uns) komplizierte Sprichwörter, die offenbar auch für ihre Verwender stärker in ›Geschichten‹ wurzeln, als wir es gewohnt sind. Selbst unser Lügen haben kurze Beine klingt bei den Rendille, falls man es denn vergleichen kann, sehr ungewohnt: Eine Kuh wird nicht weiß, heißt es wieder einmal entwaffnend konkret. Verwendet wird das Sprichwort, um einem notorischen Lügner zu signalisieren, dass man ihn durchschaut hat.

© 2005 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart