Oswalt, Vadim: Weltkarten – Weltbilder

Zehn Schlüsseldokumente der Globalgeschichte
220 S.
60 Abb.
ISBN: 978-3-15-020382-8
Auf der ältesten überlieferten Karte der Welt sieht die Erde aus wie die runde Stadt Babylon, mit sternförmigen Strahlen in die umliegenden Wüsteneien hinaus. Auf der Tabula Peutingeriana ist sie ein gut sechseinhalb Meter langes und nur 35 cm schmales Bündel von Straßen und Küstenwegen nach Rom, auf der Ebstorfer Weltkarte ein eingekreistes T mit Jerusalem im Scheitelpunkt und Kopffüßlern und anderen Monstren jenseits der Ränder. Auf der Kangnido übt ein riesiges, topographisch genau erfasstes China seine Patronage über ein kleines, aber selbstbewusstes Korea. Und auf der Imperial Federation Map umlagern dekorativ die Allegorien der Kolonien, ein üppiges Indien, ein markiges pelziges Kanada, ein barbusiges Australien, die ruling Britannia. Weltkarten aller Zeiten und Epochen sind vieldeutige Schlüsseldokumente der Globalgeschichte, denn sie zeigen die Welt in einem ganz spezifischen Verständnis und ein individuelles Bewusstsein von einer global vernetzten Welt und dem eigenen Ort darin. Der Gießener Historiker Vadim Oswalt interpretiert zehn dieser weltberühmten Karten als historische Quellen.
Einleitung
Weltkarten als Erinnerungsorte

Weltkarten – Bedeutung und Tradition
»Non plus ultra« – »plus ultra«: Die Grenzen der Welt und ihre Überschreitung | Am Anfang war Ptolemäus? Die mathematische Seite der Kartographie | Die kulturelle Bedeutung der Karten | Kartographie zwischen Ordnung und Chaos | Karten als Wissensspeicher in der Vielfalt der Wissenswelten | Die Kartographen – vergessene Pioniere? | Zur Überlieferung der Karten


II Weltkarten als Spiegel historischer Weltbilder

1 Die Weltkarte als Kosmogonie eines Weltreichs – Karte des Babylonischen Reichs (um 600 v. Chr)
Herkunft und Überlieferung | Das letzte Kapitel eines Weltreichs | Reichs-Ideologie: Babylon als »Band der Länder« | »Babylon, von den Himmeln ins Dasein gerufen« | Die Kosmologie einer Welt

2 Die Weltkarte als Zivilisationsmodell und Reichspropaganda – Tabula Peutingeriana (4. Jh.)
Ursprung und Überlieferung | Itinerare und die Tabula Peutingeriana | Raumbild eines Weltreichs | Nicht alle Wege führen nach Rom. Das römische Straßennetz | Straßen als Teil der Reichsideologie | Die Städte als Zentren römischer Zivilisation

3 Die Weltkarte als interkulturelles Projekt – Al Idrisis Buch des Roger (12. Jh.)
Ursprung und Überlieferung | Al Idrisi (um 1100 – 1166) – Ein Mittler zwischen den Welten | Kartographie in der islamischen Welt: das Erbe des Ptolemäus | Das Buch des Roger und die silberne Planisphäre | Die Gliederung der Welt: Mekka als Zentrum und sieben Klimazonen | Die Ränder der Welt: Schreckliche Völker und die Insel der Frauen | Al Birunis Weltkarte – Afrika und der Indische Ozean in alternativer Form

4 Die mittelalterliche Weltkarte als christliches Weltbild – Ebstorfer Weltkarte (um 1300)
Ursprung und Überlieferung | Die Heilsbotschaft als Kern der Ebstorfer Karte | Weltzonen und Erdteile | Die Ränder der Welt: die monströsen Völker und eine verlorene Insel | Die Tiere und der mehrfache Schriftsinn | Weltwissen bis an die Grenzen des Erdkreises

5 Die Weltkarte als imperiale Weltordnung – Die koreanische Weltkarte Kangnido (1402)
Ursprung und Überlieferung | China und Korea: Die Zäsur des 14. Jahrhunderts | Ein sinozentrisches Weltbild aus der Perspektive Koreas | Kartographie in China – eine lange Tradition | Die Kartierung Afrikas und die Diskussion um die chinesischen Entdeckungsfahrten

6 Die Alte und die Neue Welt in einer Karte – Martin Waldseemüllers Weltkarte (1507)
Ursprung und Überlieferung | Martin Waldseemüller (1470 – um 1522) – Ein Kartograph, der Geschichte schrieb | Die Entdeckungsfahrten als Zeitgeschichte der Weltkarte Waldseemüllers | Legendäre Länder, monströse Völker und Seeungeheuer | Die Wiederentdeckung der Vermessung der Welt

7 Die Weltkarte als rationales mathematisches System – Gerhard Mercators Karte Ad usum navigantium (1569)
Ursprung und Überlieferung | Gerhard Mercator (1512–1594) | Kupferstich – Eine neue Technik der Kartenproduktion | Die Perfektionierung der neuen Geographie | Die Bewohner der Neuen Welt als Kannibalen? | Die Mercator-Projektion als Lösung eines Problems der Navigation | Lösung eines Problems, Schaffung eines neuen?

8 Die Weltkarte als Kulturtransfer – Matteo Riccis Karte der unzähligen Länder der Welt (1602)
Entstehung und Überlieferung | Matteo Ricci / Li Madou (1552–1610): Ein Meister der Akkomodation | Die Entstehung der Karte der »Unzähligen Länder« | Ein neues Bild der Welt für China | Die Vermittlung Europas | Die Völker am Rande der Welt | Die Wirkung der Karte Matteo Riccis

9 Die Weltkarte als koloniale Propaganda – Imperial Federation Map of the World Showing the Extent of the British Empire (1886)
Ursprung und Überlieferung | Die Darstellung des Britischen Empire | Das Empire auf dem Weg zu seinem Höhepunkt: London als Mittelpunkt der Welt | Elemente kolonialer Kartierung im Hochimperialismus | Koloniale Bildwelten

10 Die Weltkarte als »neues Weltbild«? Arno Peters’ Weltkarte (1973)
Ursprung und Veröffentlichung | Arno Peters (1916–2002) | Die Kartographie des 20. Jahrhunderts und der Verlust der Unschuld | Die Weltkarte als Entwurf der Einen Welt | »Neue Kartographie« oder »Etikettenschwindel« ? | Die transatlantische Diskussion
um die Weltkarte – Peters versus Robinson | Konsequenzen einer Kontroverse

III Ausblick: Die Weltkarte im Satellitenzeitalter
»Der blaue Planet« – Die Weltkarte im Umbruch? | »Google Earth« – Virtualisierung eines alten Menschheitstraums | »Digital Earth« – Eine Vision der Zukunft? | Der Nutzer als Ptolemäus – Die Demokratisierung der Weltkarte? | Das Ende der Weltkarte?

Abbildungsnachweis
Vadim Oswalt, geb. 1957 in Beirut, ist seit 2004 Professor für Didaktik der Geschichte an der Universität Gießen. »Historische Kartographie« ist einer seiner Forschungsschwerpunkte.