Steinz, Pieter: Der Sinn des Lesens
(E-Book)

Übers.: Busse, Gerd
Nachwort: van der Heijden, A. F. Th.
Deutsche Erstausgabe
EPUB (mit unsichtbarem Wasserzeichen).
Für E-Reader/Tablet/Smartphone/PC/Mac.
Zur Umfangsorientierung: Buchausgabe hat 220 S.
ISBN: 978-3-15-961139-6
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Der Sinn des Lesens ist nicht nur die Chronik eines angekündigten Todes, sondern gewährt einen wesentlichen Blick auf die Bedeutung der Literatur: ihren Sinn fürs Leben.

Im Sommer 2013 wurde bei dem niederländischen Journalisten und Buchliebhaber Pieter Steinz die unheilbare Nervenkrankheit ALS diagnostiziert. Nur wenige Monate später begann er eine Reihe von 52 kurzen Essays über seine Krankheit und vor allem über seine Lieblingsbücher und -autoren zu schreiben, über Dickens, Alexandre Dumas und Shakespeare, über Stevenson, Thomas Mann und Proust, Ovid und Seneca – aber auch über Carl Barks, Jacques Brel und Astrid Lindgren. Pieter Steinz starb am 29. August 2016 in Haarlem.
In diesen ebenso anrührenden wie lebensfrohen und humorvollen Betrachtungen setzte Pieter Steinz seinen körperlichen Verfall in Beziehung zur Weltliteratur. So wendet er sich Oscar Wildes »Bildnis des Dorian Gray« zu, wenn er über die Veränderungen seines Körpers nachdenkt, dem »Hungerkünstler« Kafkas, wenn er über die zunehmend auftretenden Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme berichtet; Andersens »kleiner Meerjungfrau«, die sich zwischen Tanzen und Sprechen entscheiden muss, dient ihm als Folie der Geschichte seines Stimmverlusts.

Trotz des düsteren Grundthemas sind diese kunstvoll gebauten Essays voll uneitler, ja tapferer Ausstrahlung, was in Holland bei Erscheinen zahlreiche Reaktionen auslöste.



»Ob Sie krank sind oder gesund, lebendig oder fast tot, lesen Sie dieses Buch, damit Sie den Glauben an die Literatur und damit ans Leben wiedergewinnen.« Arnon Grünberg

»Unerschrocken und unsentimental verbindet Pieter Steinz seine erstaunliche Belesenheit mit der Krankheit ALS. In ›Der Sinn des Lesens‹ gehen die Leser mit angehaltenem Atem durch die Kathedrale der Bücher seines Lebens. Ein wahrhaft monumentales Buch.« Tommy Wieringa

»Die Liebe zur Literatur ist für Pieter Steinz grenzenlos und mitreißend.« Connie Palmen

»Pieter Steinz ist eine Schlüsselfigur der niederländischen Literatur. Jahrelang leitete er die Buchbeilage im Feuilleton des NRC Handelsblad und veröffentlichte eine Reihe von Büchern, die wie auf einer riesigen Landkarte die Wechselwirkungen, Verbindungen, Einflüsse und Bewegungen der internationalen Literatur beschreiben. Wüsste man nicht, dass er an großen Marathonläufen, z. B. in New York, teilnahm, würde man in ihm den einsamen Bücherwurm vermuten. Doch nichts ist weniger wahr. Nach den Jahren bei der Zeitung war er Direktor der Niederländischen Literaturstiftung – bis ihn die zerstörerische ALS-Krankheit traf. Wer jedoch gedacht hatte, dass er danach geräuschlos verschwinden würde, täuschte sich. Entgegen aller Vorzeichen, die man bei dieser Krankheit erwarten kann, bleibt er dem Lesen treu und, vor allem, publiziert er weiter. … Artikel für Artikel, Buch für Buch bleibt sein luzides Talent ungebrochen. ›Der Sinn des Lesens‹ legt hiervon ein beredtes Zeugnis ab.« Cees Nooteboom
Einleitung

1. Der Giftbecher des Sokrates
2. Im Zeitraffer ans Lebensende
3. Das Syndrom von Noirtier
4. Ein verdienstvoller Abnehmkandidat
5. Noch ein paar Sachen fertig machen
6. Und dann: Es konnte alles noch viel schlimmer sein
7. Abschied von einem Leben in Hast
8. Die mehrspurige Straße zur Heilung
9. Die Welt eines Lehnstuhlreisenden
10. Lieber laufen als sprechen
11. Dickens, wo sind Ihre Arzte?
12. Leben heißt Listen anlegen
13. Ein Leben von hinten nach vorn?
14. Das Glück bei den alten Griechen
15. Die Dinge auf dem Kopf
16. Das Wesen des Schmerzes
17. Der Rhythmus der Krankenstation
18. Das Geruchspandämonium
19. Ich packe meinen Koffer und nehme mit …
20. Hör endlich auf zu träumen
21. Alles ist Luft
22. Die Angst, vergessen zu werden
23. Die Feder ist mächtiger als der Eimer
24. Fröhliches Schlemmen und genussvolles Trinken?
25. Lass alle Eitelkeiten fahren
26. Die unbrauchbare Wirklichkeit
27. Wie ich meinen Geburtstag gefeiert habe
28. Von Doktor Jekyll lernen
29. Das Kassenbuch meines Lebens
30. Schluck oder stirb
31. Hüll die Zukunft ruhig in Nebel
32. Mein Leben als Mönch
33. Schuldgefühl und Bußlust
34. Das Drehbuch für meinen Tod
35. Mehr Glück als Tapferkeit
36. Meine Tage mit Zoe
37. Eine Pille zum Aufputschen
38. Proust lesen und sterben
39. Halb Mensch, halb Hilfsmittel
40. Zeit für die Schlussszene?
41. Sehnsucht nach dem Durst
42. Leben aus dem Stegreif
43. Wer den Pfennig nicht ehrt
44. Ich erinnere mich an die Nostalgie
45. Ja, Liebe ist das Wichtigste
46. Angriff auf die Flanke
47. Stunden, Tage, Jahre
48. Mein persönlicher Hitzeplan
49. Krankheitsdividende
50. Nur ein Kratzer
51. Das Glücksrad
52. Das Mark des Lebens

Nachwort: Komalesen (von A. F. Th. van der Heijden)
Literatur
Biographie
Pieter Steinz, geb. 1963 in Rotterdam, arbeitete über zwanzig Jahre als Redakteur und Buchkritiker bei der Tageszeitung NRC Handelsblad und wurde 2012 Direktor der niederländischen Stiftung für Literatur. Neben zahlreichen Artikeln und Buchbesprechungen ist er in den Niederlanden ein weit geschätzter und vielfach ausgezeichneter Verfasser glänzend geschriebener Sachbücher über Kunst, Kultur und vor allem Literatur. Er starb am 29. August 2016 in Haarlem.

Der Sinn des Lesens – Gespräch mit dem Autor Pieter Steinz

Pieter Steinz – © Claartje Cox

Der niederländische Literaturkritiker Pieter Steinz (1963–2016) hat, nachdem bei ihm die tödliche Nervenkrankheit ALS diagnostiziert wurde, berühmte Werke, Klassiker zumeist, noch einmal gelesen und über sie 52 kurze Essays verfasst. In ihnen setzt er seine Leseerfahrungen in Beziehung zu seinem Krankheitsverlauf, anrührend und lebensbejahend. Ein Zeugnis für die Wirkmächtigkeit von Literatur und für den Trost, der in ihr angelegt ist.

Können Sie sich erinnern, wann und wie die Idee zu den 52 Essays über Ihre Lieblingsbücher entstanden ist?

In der Anfangsphase meiner Krankheit hatte ich bereits eine Menge verrückter Geschichten erlebt, in denen untätige Mediziner, Ärzte, die diese Bezeichnung nicht verdienen, und Bekannte, die sich mit der Krankheit ALS keinen Rat wussten, eine Hauptrolle spielten. Eine Freundin, die bei der Zeitung arbeitete, bestand darauf, dass ich sie aufschreibe, doch ich wollte den vielen schon existierenden Krankengeschichten nicht noch eine weitere hinzufügen. Da kam mir der Gedanke, dass ich die diversen Aspekte meiner Situation mit der Literatur verbinden könnte, die ich gerade las oder die ich gelesen hatte – denn das hatte ich schließlich mein Leben lang getan: als Genussleser und als Kritiker. Live by the book, die by the book. Bei den etwa sechzig von mir ausgewählten Werken handelt es sich übrigens nicht nur um meine Lieblingsbücher: Manchmal habe ich mich auch für eines entschieden, weil es perfekt illustrierte, was ich in einem bestimmten Moment fühlte oder dachte.

Stand die Auswahl der Autorinnen und Autoren und ihrer Werke von Anfang an fest, oder gestaltete sich das Ganze als eine Art work in progress?

Als ich anfing, hatte ich ein paar Bücher im Kopf, in denen ich Parallelen zu meiner eigenen Situation sah – oder besser: zu den Ängsten, die ich als frischgebackener ALS-Patient hatte: die schrittweise Lähmung des Sokrates’, die Platon im Phaidon beschreibt, das Locked-in-Syndrom des alten Notars Noirtier im Graf von Monte Christo oder der rasend schnelle Alterungsprozess im Bildnis des Dorian Gray. Doch schon bald ließ ich mich von einer Woche zur nächsten von der Wirklichkeit leiten: Die Kolumnen wurden zum Logbuch meiner Krankheit und, vor allem, meines körperlichen Verfalls. Die dazu passenden literarischen Werke präsentierten sich wie von selbst.

Wie waren die Reaktionen der Leser, als die Artikel erst wöchentlich, später alle zwei Wochen im NRC Handelsblad erschienen? Waren Sie von der Resonanz überrascht?

Die Reaktionen übertrafen alle Erwartungen. Jede Woche erreichten mich Dutzende E-Mails und handgeschriebene Briefe – ein Schreiben netter als das andere. Wildfremde Leser bekundeten ihr Mitgefühl, teilten mir ihre eigene Krankengeschichte mit und gaben mir gute Ratschläge – die ich übrigens meist in den Wind schlug (siehe den Beitrag über »Die mehrspurige Straße zur Heilung«). Manche Leser schickten sogar Blumen, Bücher oder andere Geschenke – ich war sehr gerührt. Einer Kolumne – »Mein Leben als Mönch«, in der ich erzähle, welche Bedeutung das Fernsehen in meinem Leben eingenommen hat – verdanke ich sogar eine »Gast-Redaktion« in der bei uns sehr populären Fernseh-Talkshow De Wereld Draait Door (Die Welt dreht durch/Die Welt dreht sich weiter): Für einen Abend lang durfte ich Gäste und Inhalte der Sendung bestimmen.

Die gesammelten Essays unter dem Titel Der Sinn des Lesens sind auch ein erfrischendes Plädoyer für die Aufwertung von Literatur. Was können wir tun, damit ihre Bedeutung wieder mehr in unser aller Bewusstsein rückt?

Das Bewusstsein, dass Romane mehr als eine reine Zerstreuung sind, darf sich schon etwas stärker verankern. Literatur bietet die einzigartige Möglichkeit, sich in andere Zeiten, Situationen und vor allem andere Personen hineinzuversetzen. Sie schafft eine Fluchtmöglichkeit, wenn man es schwer hat, und kann einem ein Gefühl des sich Fügens in sein Schicksal geben (»anderen ging es noch viel schlechter«). Erzählungen und Gedichte sind dabei brauchbarer als Sachliteratur. Wie Aristoteles schon in seiner Poetik dargelegt hat: In der Geschichtsschreibung geht es um spezielle Fälle, Literatur hat universelle Überzeugungskraft.

Welche Autoren oder Bücher sind Ihnen nach Abschluss der Arbeit noch eingefallen, die Sie eigentlich noch zum Thema eines Artikels hätten machen wollen?

Seitdem Der Sinn des Lesens abgeschlossen ist, bin ich von Hilfe noch viel abhängiger geworden – selbst bei Dingen wie Duschen oder dem Gang zur Toilette. Dieser Zustand der totalen Hilflosigkeit ist vielleicht am grausamsten von der Südafrikanerin Marlene van Niekerk in ihrer Parabel Agaat beschrieben worden, in der es um eine am ganzen Körper gelähmte Frau geht, die von ihrer schwarzen Haushälterin Agaat gepflegt wird. Übrigens hätte ich Probleme, wenn ich dieses Buch noch einmal lesen wollte, so wie ich es mit allen Büchern für meine Essays getan habe: Es ist zu schwer und zu dick, ich kann es nicht mehr mit den Händen festhalten. Und davon abgesehen, fällt es mir schwer, mich auf Bücher zu konzentrieren, die etwas mehr Aufmerksamkeit vom Leser verlangen. Selbst für die nochmalige Lektüre eines meiner Lieblingsbücher, Wiedersehen mit Brideshead, könnte ich die Energie nicht mehr aufbringen. Der Roman wäre bei einer Fortsetzung der Kolumnen sicherlich zur Sprache gekommen: Niemand konnte so schön wie Evelyn Waugh über das gute Leben schreiben, das unwiederbringlich hinter einem liegt.

Das Gespräch mit dem Autor wurde schriftlich im April 2016 geführt. Übersetzung: Gerd Busse. – Foto Pieter Steinz vor der Walhalla: © Claartje Cox


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