Else Lasker-Schüler | 150. Geburtstag

Die Werke eines Autors oder einer Autorin biographisch zu interpretieren ist reizvoll, oft ergiebig und zugleich problematisch. Denn natürlich hat jede Kunst ihre Eigengesetzlichkeit, und der Tunnelblick auf das Entdecken lebensgeschichtlicher Spuren blendet den ästhetischen und inhaltlichen Überschuss der Texte aus. Dieser interpretatorischen Binsenweisheit gerecht zu werden, ist mal einfacher, mal schwieriger. Besonders schwierig ist es im Fall von Else Lasker-Schüler, denn die Lyrikerin, Prosaschriftstellerin und Dramatikerin hat stets selbst Leben und Werk ineinander übergehen lassen.

So überformte sie beispielsweise ihre Biographie poetisch, als sie Kurt Pinthus für den biographischen Anhang seiner berühmten Anthologie expressionistischer Lyrik Menschheitsdämmerung (1919) folgende Notiz zur Verfügung stellte: »Ich bin in Theben (Ägypten) geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam im Rheinland. Ich ging bis 11 Jahre zur Schule, wurde Robinson, lebte fünf Jahre im Morgenlande, und seitdem vegetiere ich.«

Der Text gibt sich in der Unterscheidung von Geborenwerden und Zur-Welt-Kommen sofort als Mythopoetisierung des eigenen Lebens zu erkennen. Dem Fanfarenstoß mit dem Exotismus Theben folgt realer Gehalt: Elisabeth Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld geboren, das heute ein Stadtteil von Wuppertal ist. Sie ging auch in der Tat bis zum elften Lebensjahr zur Schule, nämlich ins Städtische Lyceum; danach war ihre Ausbildung allerdings nicht zu Ende: Sie erhielt fortan Privatunterricht. Der Anlass, sie aus der Schule zu nehmen, war die als Veitstanz bezeichnete neurologische Erkrankung Chorea.

Nach diesen Fakten hebt mit dem Begriff »Robinson« wieder die Selbstpoetisierung an: Die mit der Figur verbundene sprichwörtliche Einsamkeit kann sich auf die frühen Tode ihres Lieblingsbruders Paul im Jahr 1882 und ihrer sehr geliebten Mutter im Jahr 1890 beziehen. Mit dem weiteren Exotismus des Lebens im Morgenland ist vermutlich die Begegnung mit dem Schriftsteller Peter Hille in Berlin gemeint. Dorthin war Lasker-Schüler 1894 nach ihrer Heirat mit dem Hautarzt Berthold Lasker gezogen. Aber weder diese Ehe, die 1903 geschieden wurde, noch ihre zweite, bis 1912 währende Ehe mit dem Schriftsteller Georg Levin, dem sie den Künstlernamen Herwarth Walden verlieh, waren die prägenden Begegnungen dieser Zeit. Vielmehr war es der 1899 entstandene Kontakt mit dem charismatischen Hille. Er erkannte Lasker-Schülers herausragendes Talent und verstärkte mit seinen mystizistischen Neigungen die Verwurzelung ihrer Poesie in der jüdischen Tradition. Er führte sie in die Berliner Künstlergruppe »Neue Gemeinschaft« ein und gab ihr den Namen Tino von Bagdad, der auch den Titel ihres zweiten Prosawerks inspirierte (Die Nächte der Tino von Bagdad, 1907). Hilles Tod aufgrund von Tuberkulose im Jahr 1904 beendete diese fünf existentiell prägenden Jahre abrupt (dieses Erlebnis führt zur Abfassung ihres ersten Prosawerks, des Peter-Hille-Buchs, 1907, in dem sie Hille religiös verklärte).

Das Gefühl der Entwurzelung durch den Verlust des Freundes spricht Lasker-Schüler in ihrem »Lebenslauf« vermutlich mit dem Begriff des »Vegetierens« an, vielleicht meint sie aber zugleich auch ihre räumliche Unbehaustheit und ökonomisch prekäre Lage, denn nach ihrer Trennung von Walden war sie permanent in Geldnöten, und spätestens seit Ende der 1910er Jahre lebte Lasker-Schüler nie wieder in einer eigenen Wohnung, sondern in Hotels oder Pensionen.

Nach der Trennung von Walden schrieb Lasker-Schüler den Briefroman Mein Herz (1912), der in der Berliner Künstlerszene spielt und in dem sie sich zahlreiche poetische Identitäten zuschreibt, unter anderem die des Prinzen von Theben, die sich bereits seit 1909 immerwieder in ihrem Werk finden lässt. Gegen Ende des Textes heißt es: »Eben regierender Prinz in Theben geworden. Es lebe die Hauptstadt und mein Volk!« Solche Poetisierung des Lebens hat die exzentrische Lasker-Schüler nicht nur in der Poesie, sondern auch im realen Leben betrieben und sich als Prinz von Theben kostümiert und öffentlich gezeigt. So erscheint ihre Geburtsortangabe in der Menschheitsdämmerung als programmatisch.

Doch die Übergänge von Leben und Werk gehen bei ihr in beide Richtungen. Sie hat nicht nur ihr Leben poetisiert, sondern ihre Poesie mit der ganzen Vitalität ihrer Person erfüllt. Das zeigt sich beispielsweise bei ihren Lesungen. Lasker-Schüler hat sehr gern ihre Lyrik öffentlich vorgetragen. Von einer Rezitation im Jahr 1927 in Zürich berichtet der Kritiker des Zürcher Tages-Anzeigers:

[Sie] las in singender, etwas monotoner Deklamation, die anfänglich nicht wenig befremdete, aber je länger man hörte, ergreifender zu Ohr und Herzen drang und als etwas ganz Persönliches erkannt und begriffen wurde, eine Reihe von Gedichten. In der Form vollendet, aus tiefster Seele wie heilige Bekenntnisse oder Gebete aufsteigend, voll Zartheit und Wohllaut, klangen diese Gedichte wie Musik […].

Lasker-Schüler hat, davon gibt diese Besprechung eine Ahnung, nicht einfach eine poetische Kostümierung ihres Lebens betrieben, sondern ihr Leben voll und ganz in die Poesie hineingegeben. Dieser Impuls zum Dichten als radikal elementarer Antrieb wird natürlich auch in ihrer Lyrik thematisiert, beispielsweise am Ende des Rollengedichts Pharao und Joseph. Das lyrische Ich ist eben jener Jussuf / Prinz von Theben, den sich Lasker-Schüler so intensiv anverwandelt hat, hier in Gestalt des biblischen Joseph. Dessen vertraute Verbindung zum Pharao wird in dem Gedicht in (homo-)erotisches Licht getaucht. Liest man die Rede des lyrischen Joseph-Ichs als Poetologie Lasker-Schülers, so steht am Ende aber nicht die Sehnsucht nach Liebe, die zur Sphäre der Lebensrealität gehört, sondern der Drang zum Dichten:

Pharao und Joseph

Pharao verstößt seine blühenden Weiber,
Sie duften nach den Gärten Amons.

Sein Königskopf ruht auf meiner Schulter,
Die strömt Korngeruch aus.

Pharao ist von Gold.

Seine Augen gehen und kommen
Wie schillernde Nilwellen.

Sein Herz aber liegt in meinem Blut.
Zehn Wölfe gingen an meine Tränke.

Immer denkt Pharao
An meine Brüder,
Die mich in die Grube warfen.

Säulen werden im Schlaf seine Arme Und drohen.
Aber sein träumerisch Herz Rauscht auf meinem Grund.
Darum dichten meine Lippen Große Süßigkeiten, Im Weizen unseres Morgens.

Das Gedicht vollzieht eine Wendung vom Leben (in Gestalt der Liebe) zur Poesie, eben jene Bewegung, die die fundamentale Bewegung in den Übergängen von Leben und Werk Else Lasker-Schülers ist.

Ein Gedicht aus ihrem Nachlass, das Lasker-Schüler im Exil in der Schweiz (seit 1933) oder Jerusalem (seit 1939, wo sie auch am 22. Januar 1945 starb) schrieb, verortet die Hingabe an die Poesie, den »spielenden Ticktack«, als frühesten Antrieb, in ihrem »Kinderherzen«:

Meine Freiheit
Soll mir niemand rauben.

Sterb ich am Wegrand wo,
Liebe Mutter,

Kommst du und hebst mich
Auf deinem Flügel zu Himmel.

Ich weiß dich rührte
mein einsam Wandeln

Der spielende Ticktack
Meines Kinderherzens.

Am Ende wirkt die Poetisierung ihres Lebens wie die Beschreibung der wahren Wirklichkeit: Lasker-Schüler kam schon als Poetin auf die Welt. Als Prinz von Theben.

Frank Suppanz. In Reclams Literatur-Kalender 2019. Stuttgart: Reclam, 2018. S.115–121

Else Lasker-Schüler als Flötenspielerin (1912). Frontispiz des Romans Mein Herz.

 

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Lasker-Schüler, Else: Die Gedichte

Neuedition
Hrsg. und komm: Sander, Gabriele
Geprägtes Leinen, Lesebändchen. Format: 12 x 19 cm
509 S.
ISBN 978-3-15-010954-0
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