Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Band 1: Auf dem Weg zu Swann
Neuübersetzung
Übers. und Anm.: Fischer, Bernd-Jürgen
Reclam Bibliothek. Leinen mit Schutzumschlag, Fadenheftung, Kapital- und Leseband. Format 12 x 19 cm.
694 S.
ISBN: 978-3-15-010900-7
Bis tief ins 20. Jahrhundert wurde die Suche als ein Sittengemälde der Belle Époque gelesen, als ein Schlüsselroman der frivolen Pariser Oberschicht der vorletzten Jahrhundertwende. Aus heutiger Sicht geht es jedoch um Tieferliegendes, um die unaufhebbare Einbindung des Individuums in die Gesellschaft und seine Abhängigkeit von deren Entwicklung. Dabei gibt Proust das Wirken auch der unmerklichsten Einflüsse auf der Ebene des Unter- oder Unbewussten zu erkennen. Das erfordert einen ganz neuen Blick auf den Text. Eine zeitgemäße Übersetzung muss moderne Hilfsmittel der Textanalyse anwenden. Sie muss davon ausgehen, dass Proust sich gern in Etymologien verliert und über das Wirken der Zeit auf die Sprache nachdenkt. Dass er seine Wörter nicht setzt, ohne sich über deren historischen und assoziativen Hintergrund im Klaren zu sein. Aus diesem Grund ist die Übersetzung neben den notwendigen Texterläuterungen mit einem Anmerkungsapparat ausgestattet, der jene historischen und kulturhistorischen Informationen enthält, die der moderne Leser erwartet.
Auf dem Weg zu Swann

Erster Teil:
Combray

Zweiter Teil:
Eine Liebe von Swann

Dritter Teil:
Ländliche Namen: Der Name

Anhang

Zur Textgrundlage
Anmerkungen
Literaturhinweise
Inhaltsübersicht
Namenverzeichnis

Der Übersetzer

Bernd-Jürgen Fischer war nach dem Studium von Mathematik und Linguistik elf Jahre am Germanistischen Fachbereich der Freien Universität Berlin in Forschung und Lehre beschäftigt. Als freier Autor befasste er sich anschließend eingehend mit Thomas Mann und veröffentlichte ein Handbuch zu dessen Josephsromanen. In den letzten zehn Jahren wendete Fischer sein Interesse vorwiegend der französischen Literatur zu und konnte schließlich der Herausforderung nicht widerstehen, die Proust für jeden Sprachliebhaber darstellen dürfte. 2002 hat er für DTV das zweisprachige Proust-Lesebuch Trois places, trois femmes, trois metiers herausgegeben.

Interview mit Übersetzer Bernd-Jürgen Fischer

Was gab den Anstoß, sich einer Herausforderung von diesem Umfang und Anspruch zu stellen? Und mit welchen Strategien haben Sie sie bewältigt?

Als ich mich das erste Mal an den französischen Text gewagt habe, glaubte ich, die Suche schon recht gut zu kennen, da ich sowohl die deutsche als auch die englische Übersetzung schon einmal gelesen und auch vorgelesen hatte, wodurch sich ein Text ja ganz anders erschließt. Darum war ich ziemlich überrascht, als mir aus den Seiten der Pléiade-Ausgabe auf einmal ein völlig anderer Wind entgegenwehte; vor allem der freundlich-amüsierte Grundton des Werkes war mir zuvor völlig entgangen. Also habe ich gedacht: versuch doch mal, ob Du das rüberbringst. Und wie es einem bei Proust leicht ergeht: wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, kommt man nicht wieder davon los. Auf einmal ist man auf den letzten Seiten des letzten Bandes und fragt sich: »Was denn, schon zu Ende?« — Meine Strategie? Nun, ich bin morgens um 5 oder 6 mit einem Halbsatz im Kopf aufgewacht, der mir spanisch vorkam, also habe ich den Computer hochgefahren, um die Sache zu überprüfen – meist war es zwar nur eine traumartige Verzerrung, aber dann saß ich ja schon mal dran. Ich musste nur aufpassen, dass ich nicht zu viel auf einmal mache, nach ein paar Stunden sackt die Qualität erheblich ab. So habe ich dann für gewöhnlich mittags aufgehört mit dem Übersetzen und am Nachmittag und Abend die Sekundärliteratur durchforstet.

Wie würden Sie Ihre Übersetzung im Vergleich zu den Vorgänger-Übersetzungen charakterisieren?

Bei einer Übersetzung überlagert sich notwendigerweise die Sprache des Übersetzers mit der des Autors; Texte verschiedener Übersetzer werden deshalb immer auch unterschiedlichen Aspekten eines Werkes unterschiedliches Gewicht verleihen. Ich glaube, dass meine Übersetzung Prousts humorvolle Lebenseinstellung deutlicher zum Ausdruck bringt, mit der er zwar den Jahrmarkt der Eitelkeiten kopfschüttelnd betrachtet, aber eigentlich doch ganz in Ordnung findet, worüber er den Kopf schüttelt: Das Leben wäre eben einfach nicht das, wenn es nicht auch zuweilen ein wenig absurd wäre. Diese ganzen Liebesaffären zum Beispiel – im ersten Band Swann und Odette – sind derart haarsträubend, dass sie einem unmöglich nicht bedenklich bekannt vorkommen können.

Prousts Werk gilt als Jahrhundertbuch und zugleich als ebenso anspruchsvolle wie lohnende Lektüre. Welchen Zugang empfehlen Sie den Leserinnen und Lesern?

Entspannen und die Sinne öffnen. Sie unternehmen eine Vergnügungsreise durch ein nahes, aber nahezu unbekanntes Reich: sich selbst.

Porträtfoto Dr. Bernd-Jürgen Fischer: Vincent Mosch