Handke, Peter: Noch einmal für Thukydides

Handke, Peter: Noch einmal für Thukydides

47 S.
ISBN: 978-3-15-008804-3
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Anschauung, nicht Deutung bringt die Dinge zu sich selbst. In 11 Prosaskizzen, dichterischen Wahrnehmungsmitteilungen zu Einzelheiten, stiftet Handke aus dem Detail den Weltzusammenhang.
Für Thukydides - Epopöe des Wetterleuchtens - Der Schuhputzer von Split - Epopöe vom Beladen eines Schiffes - Einige Episoden vom japanischen Schneien - Epopöe der Glühwürmchen - Noch einmal eine Geschichte vom Schmelzen - Zwei Tage angesichts des Wolkenküchenberges - Versuch des Exorzismus der einen Geschichte durch eine andere - Kleine Fabel der Esche von München - Epopöe vom Verschwinden der Wege
Peter Handke, * 6. 12. 1942 Griffen (Kärnten).
H., Sohn eines dt. Soldaten und einer Kärntnerin, wuchs in schwierigen Verhältnissen in Griffen und Berlin (1944–48) auf, besuchte ein katholisches Internat in Tanzenberg und machte 1961 in Klagenfurt das Abitur. Danach studierte er Jura in Graz, wo er auch Beziehungen zur »Grazer Gruppe« um das Forum Stadtpark unterhielt. 1965 brach er das Studium ab und lebt seither als freier Schriftsteller an wechselnden Wohnsitzen in Deutschland, Österreich und Frankreich (u. a. 1979–88 Salzburg, seit 1991 Chaville bei Paris). Seine politischen Stellungnahmen zum Zerfall Jugoslawiens und zum Kosovo-Krieg lösten heftige Kontroversen aus. 1973 erhielt er den Georg-Büchner-Preis. H.s frühe Stücke und Prosatexte haben sprachkritischen Charakter. Die »Sprechstücke« wenden sich gegen die Ästhetik Brechts und aktuelle Theatertendenzen (Dokumentartheater, kritisches Volksstück); sie zeigen mit ihren Worten »nicht auf die Welt als etwas außerhalb des Wortes Liegendes, sondern auf die Welt in den Worten selber« (H.). Bedeutendstes Beispiel ist Kaspar – der Titel verweist auf den Findling Kaspar Hauser –, das die Determiniertheit und Manipulierbarkeit des Einzelnen durch die Sprache demonstriert. Auch die frühe Prosa stellt eine kritische Reflexion der konventionellen Erfahrungs- und Wahrnehmungsweisen dar, die durch die Sprache und ihr Ordnungssystem bedingt sind. Aber bereits mit der Erzählung Die Angst des Tormanns beim Elfmeter wird die Abstraktheit der Sprach- und Erzählreflexion durch die Anlehnung an traditionelle Erzählschemata – hier der Kriminalgeschichte – aufgebrochen, und mit Der kurze Brief zum langen Abschied leitet H. eine Wende zu einem Erzählen ein, das – auch mit autobiographischem Hintergrund – das Verhältnis von Ich und Welt und den Entwicklungs- und Selbstfindungsprozess des Individuums thematisiert (Die Stunde der wahren Empfindung, Die linkshändige Frau). Die Erzählung Wunschloses Unglück, entstanden nach dem Selbstmord der Mutter des Autors, lässt mit der Annäherung an die Geschichte der Mutter zugleich die Bedingungen seiner eigenen Sozialisation hervortreten. Mit der Tetralogie Langsame Heimkehr (Langsame Heimkehr, Die Lehre der Sainte-Victoire, Kindergeschichte, Über die Dörfer) erhalten H.s Selbstfindungsgeschichten eine neue Qualität, die v. a. durch den betont hohen Stil und die Tendenz zu mythisierender Darstellung bestimmt wird. Geht es in den anderen Teilen um das »Bedürfnis nach Heil«, so verbindet Die Lehre der Sainte-Victoire Reiseerzählung und eine von Paul Cézanne und seinem Begriff der »réalisation« inspirierte Poetik. Reflexionen über das Schreiben sind auch eine Reihe von »Journalen«, ebenso Erzählwerke wie Die Wiederholung. Auch H.s bisher umfangreichstes Werk, Mein Jahr in der Niemandsbucht, thematisiert das Schreiben – Gegenstand des Buches ist letztlich die Entstehung des Buches Mein Jahr in der Niemandsbucht – und nimmt überdies als eine Art Summe von H.s Leben und Werk Themen und Motive früherer Werke auf (Verwandlung, Zurückgehen auf Einfaches, Elementares, um eine neue Wahrnehmung zu entwickeln usw.). Auch der Roman In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus knüpft mit seiner Thematisierung des Erzählens, seinen Reisen und Irrfahrten und der Wiederkehr von Personen an das frühere Werk an. Der Roman Der Bildverlust handelt in einer Zeit, Ort und Perspektiven auflösenden Weise von dem drohenden Verlust der eigenen Vorstellungen von sich und der Welt angesichts des medialen Mülls und führt die Heldin schließlich in eine utopische Kommune, in der die Menschen nur noch schauen. Auch in seinem Don Juan mit einem Helden, der »innere Erweiterung und Entgrenzung« repräsentiert, entwirft H. ein Gegenbild zur sinnentleerten zivilisierten Welt, eine Kritik, die er auch in seinem essayistischen Werk immer wieder formuliert.

In: Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren. Von Volker Meid. 2., aktual. und erw. Aufl. Stuttgart: Reclam, 2006. (UB 17664.) – © 2001, 2006 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart.