: Filmgenres: Western

Filmgenres: Western

Hrsg.: Kiefer, Bernd; Grob, Norbert; Stiglegger, Marcus. 381 S. 30 Fotos
ISBN: 978-3-15-018402-8
9,80 €

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Zwischen Der große Eisenbahn-Überfall (1903) und Dead Man (1995) liegen wahre Western-Welten – Anlass genug für ein Lexikon, das in rund 70 unterhaltsamen Filmporträts die Geschichte dieses bleihaltigen Genres nachvollzieht und seine Entwicklung vor Augen führt. Zahlreiche Fotos illustrieren die Beiträge, filmografische Daten runden sie ab.
Vorbemerkung
Einleitung


Der große Eisenbahn-Überfall - Der Planwagen - Das eiserne Pferd - Galgenvögel - Der Virginier - Die große Fahrt - Texas Rangers - Der Held der Prärie - Jesse James - Mann ohne Gesetz - Ringo / Höllenfahrt nach Santa Fe - Herr des wilden Westens - Die Frau gehört mir - In die Falle gelockt - Feuer am Horizont - Faustrecht der Prärie / Tombstone - Duell in der Sonne - Red River / Panik am roten Fluss - Der Teufelshauptmann - Westlich St. Louis - Der Scharfschütze / Scharfschütze Jimmy Ringo - Winchester '73 - Der gebrochene Pfeil - Colorado - Zwölf Uhr mittags - Arena der Cowboys - Mein großer Freund Shane- Wenn Frauen hassenVera Cruz - Fluss ohne Wiederkehr - Über den Todespass - Die gebrochene Lanze / Arizona - Mit stahlharter Faust - Drei Rivalen - Der schwarze Falke - Die letzte Jagd / Satan im Sattel - Der Siebente ist dran - Zwei rechnen ab - Vierzig Gewehre - Weites Land - Auf der Kugel stand kein Name - Rio Bravo - Der Besessene - Alamo - Zwei ritten zusammen - Der Mann, der Liberty Valance erschoss - Einsam sind die Tapferen - Der Schatz im Silbersee - Die blaue Eskadron - Für eine Handvoll Dollar - Django - El Dorado - Die gefürchteten Vier - Das Schießen - Leichen pflastern seinen Weg - The Wild Bunch - Sie kannten kein Gesetz - Spiel mir das Lied vom Tod - Butch Cassidy und Sundance Kid / Zwei Banditen - Das Wiegenlied vom Totschlag - McCabe und Mrs. Miller - Keine Gnade für Ulzana - Jeremiah Johnson - Ein Fremder ohne Namen - Pat Garrett jagt Billy the Kid - Der Texaner - Heaven's Gate - Das Tor zum Himmel - Silverado - Der mit dem Wolf tanzt - Erbarmungslos – Geronimo - Dead Man - Open Range - Weites Land

Red River / Panik am roten Fluss
Red River

USA 1948, 133 min

R:   Howard Hawks
B:   Borden Chase, Charles Schnee (nach dem Roman The Chisholm Trail von Borden Chase)
K:   Russell Harlan
M:   Dimitri Tiomkin
D:   John Wayne (Tom Dunson), Montgomery Clift (Matthew Garth), Walter Brennan (Groot Nadine), Joanne Dru (Tess Millay), John Ireland (Cherry Valance)

Die authentische Geschichte der Cowboys, das belegen viele Zeugnisse, war erfüllt von harter Arbeit, einem Kampf ums Überleben, einem Leben an der Grenze.
   Howard Hawks’ Red River nimmt dieses Moment der Mühsal auf und erzählt - mit grimmiger Poesie - von einem ungeheuren Wagnis: davon, wie eine Gruppe von Cowboys sich auf den Weg macht, eine Herde von mehr als 10 000 Rindern durch über 1000 Meilen unwegsames Gelände bis zur nächsten Bahnlinie zu treiben, bei Sonne, Regen, Sturm. Es geht um das Verhältnis dieser Männer untereinander und um einen harten Generationenkonflikt, der in einer Rebellion gipfelt, in einen "Königsmord", um die Herde zu retten.
   1839 erschließen Dunson und sein Partner Groot einen texanischen Landstrich, sie wollen ein ertragreiches Weideimperium aufbauen. Seine Braut Fen lässt Dunson dafür bei einem Siedlertreck zurück, er wähnt sie dort in größerer Sicherheit. Doch als er kurz darauf Rauchschwaden in der Ferne sieht, muss er einsehen, dass er falsch lag: Indianer sind dabei, den Treck zu überfallen. Bei einem von ihnen entdeckt er später das Armband, das er seiner Braut geschenkt hatte. Das Trauma, das seine falsche Entscheidung hervorruft, wird ihn nie mehr verlassen.
   Die Tragik seines Schicksals liegt darin, dass er sich für einen Moment für seine Arbeit entscheidet - und seine zukünftige Frau davon ausschließt. "Du machst einen Fehler", hält sie ihm daraufhin vor, und sein treuer Sidekick Groot wird ihn immer wieder daran erinnern. Überhaupt nutzt Red River den alten Groot als neutralen, nur scheinbar naiven Kommentator, der die Ereignisse stets andeutet oder vorwegnimmt.
   Matt Garth, ein 13-jähriger Junge, ist der einzige Überlebende des überfallenen Trecks. Dunson nimmt ihn mit und zieht ihn auf wie seinen eigenen Sohn. Über 14 Jahre hinweg gelingt es ihm danach tatsächlich, zusammen mit Groot und Garth, eine monumentale Ranch aufzubauen und sein "Reich" zu gründen.
   Als Dunson dann im verarmten Süden kein Vieh mehr verkaufen kann, entscheidet er, sich nach Missouri zu wenden. Matt, der kurz zuvor aus dem Bürgerkrieg zurückgekehrt ist, schließt sich als potentieller Erbe an. Dabei stellt der Patriarch bereits zu Beginn seine Regel klar: Niemand soll den Treck verlassen dürfen, bis zum Ende will er auf alle Leute zählen können. Nicht einmal Garth kann Dunson von dieser despotischen Haltung abbringen, die schon bald Unzufriedenheit und Missstimmung unter den Cowboys weckt.
   Über Monate hinweg folgen sie dennoch Dunsons harschem Regiment, über verdörrte Weiden und karge Felsen, durch schmale Wege und reißende Flüsse. Als einer der Männer durch eine Unachtsamkeit - er nascht am Zuckerfass und lässt dabei ein paar Töpfe fallen - eine Stampede auslöst, kostet das einen Cowboy und zahlreiche, panisch gewordene Tiere das Leben. Dunson bestraft ihn hart, was die anderen nur unter Murren hinnehmen. So erscheint es wie eine Rettung, als ein Reisender ihnen erzählt, die Eisenbahnlinie sei inzwischen bereits ins näher liegende Abilene verlegt. Doch Dunson will um keinen Preis die Route ändern. Einen Cowboy, der deswegen rebelliert, schießt er einfach nieder.
    Red River ist auch die Geschichte eines Generationswechsels, vom Tyrannen Tom Dunson zum besonnenen Taktiker Matthew Garth, deren vielschichtiges Vater-Sohn-Verhältnis immer problematischer wird. Als Dunson zwei Cowboys nach der Überquerung des Red River zurücklassen will, überschreitet er die Grenze des Zumutbaren. Seine Männer, auch Garth und Groot, richten sich gegen ihn. Dunson wird angeschossen zurückgelassen. Und Matt Garth übernimmt die Führung, er lenkt den Treck in Richtung Abilene.
   Dabei lernt er unterwegs Tess kennen - und lieben. Er schenkt ihr deshalb den Armreif, den Dunson einst seiner Braut Fen gegeben hatte. Auch er lässt sie dann zurück, um sie sicherer zu wissen, wird allerdings Dunsons Fehler nicht wiederholen.
   Unterdessen treibt Dunsons blinder Jähzorn ihn dazu, neue Männer anzuheuern, um seine Herde zurückzuerobern. So kommt es zum Showdown in Abilene, trotz des erfolgreichen Viehverkaufs, dessen Erlös Garth an Dunson auszahlen lässt. Im Faustkampf gehen sie aufeinander los, Dunson sehr aggressiv, Garth völlig passiv, er weigert sich zunächst, sich zu wehren und seinen Ziehvater zu verletzen, was dann durch das Eingreifen von Tess eine tragikomische Note erhält - aber auch zur Versöhnung führt.
   Formal arbeitet Hawks in der Inszenierung mit Finessen, die dem düsteren Film noir jener Jahre entlehnt scheinen: Mehr und mehr wird die Umgebung zum Spiegel der Verfassung der Protagonisten. Je zerklüfteter und unwirtlicher der immer begrenztere Horizont erscheint, umso problematischer wird das Verhältnis zwischen Dunson und Garth. Aber auch - in einer Nebengeschichte - das zwischen den jungen Männern Garth und Cherry, zwischen denen sich ein Kräftemessen ankündigt, aber nie einlöst, obwohl es der alte Groot in seinem Off-Kommentar ankündigt. Cherry erweist sich in einigen Szenen als junger Vertreter von Dunsons archaischem Westernethos.
Der ungestüme junge Cowboy würde zu gerne wissen, wer von beiden "schneller zieht", er oder Garth. In einem Schlüsselmoment dieser leicht homoerotisch gefärbten Rivalität äußert Cherry, während er mit Matts Schusswaffe spielt: "Weißt Du, es gibt nur zwei Dinge, die schöner als ein Revolver sind: eine Schweizer Uhr oder eine Frau von sonstwoher. Hattest Du jemals eine Schweizer Uhr?"
   Zu einem Höhepunkt des Films wird eine Sequenz in undurchdringlichem Nebel. Diese Szene, sie spielt einige Zeit nach Dunsons Absetzung als Treckführer, ist überschattet von der Angst, Dunson könne jederzeit zurückkehren und zum Kampf herausfordern. Die Weite der Landschaft wird dabei extrem eingeengt, so dass symbolisch das Land der Freiheit zum beklemmenden Schicksalsraum wird.
   Visuell zählt Red River zu den eindrucksvollsten Westernklassikern, vor allem durch eine triumphale Totale zu Beginn: Das langsame Gleiten über die wartenden Cowboys und das zu Tausenden zusammengetriebene Vieh machen auf einen Blick die ungeheure Herausforderung dieser Unternehmung deutlich. Auch am Ende nutzt Hawks die Monumentalität eines letzten totalen Kamerablicks auf die Herde als Symbol - diesmal für den Triumph des jungen Garth, der mit seiner Eigenwilligkeit den Viehtrieb retten konnte.
   Für Howard Hawks war dieser Film die erste Zusammenarbeit mit John Wayne, für dessen Rolle zunächst Gary Cooper vorgesehen war. Der verlangte jedoch zahlreiche Drehbuchänderungen, um den Charakter sympathischer zu gestalten. Doch gerade die unerbittliche, oft grausame Härte, die Waynes Dunson an den Tag legt, macht seinen patriarchalischen Allmachtsgestus verständlich - darin vergleichbar allenfalls dem des Kapitän Ahab aus Moby Dick, dessen Ende beinah zum Schicksal der gesamten Mannschaft wird, als ihn der Ehrgeiz unaufhaltsam in den Tod treibt. Hawks selbst, der zu dieser Zeit bereits in mehreren Genres bedeutende Filme gedreht hatte, gelang mit Red River formal ein ebenso virtuoser wie origineller Western, der Anregungen aus der in der Evening Post abgedruckten Serie The Chisholm Trail empfing.
   Danach sollte er dem Genre noch lange treu bleiben, bis er mit dem Spätwestern Rio Lobo (1971) seinen letzten Film überhaupt inszenierte. Marcus Stiglegger

Literatur: Theodor Kotulla: Red River. In: Filmkritik 10 (1964). - Enno Patalas: Red River. In: Filmkritik 3 (1965). - Frieda Grafe: Howard Hawks. Encyclopaedia. In: Filmkritik 6 (1970). - Hark Bohm / Enno Patalas: Howard Hawks. Stoffwechsel. In: Filmkritik 6 (1970). - Joseph McBride: Hawks on Hawks. London 1972. - Wolf-Eckart Bühler: Howard Hawks. In: Filmkritik 5-6 (1973). - John Belton: The Hollywood Professionals. Bd. 2. London 1974. - Hans C. Blumenberg: Die Kamera in Augenhöhe. Köln 1979. - Robin Wood: Howard Hawks. London 1981. - Gerald Mast: Howard Hawks. Storyteller. New York 1982. - Jim Hillier / Peter Wollen (Hrsg.): Howard Hawks: American Artist. London 1996. - Norbert Grob: Red River. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmklassiker. Bd. 2. Stuttgart 2001.

© 2005 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart