Klassiker der Philosophie heute

Hrsg.: Beckermann, Ansgar; Perler, Dominik
2., durchges. und erw. Aufl.
909 S.
ISBN: 978-3-15-018731-9
18,80 €

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Welche Fragen haben die großen Denker beschäftigt? Wie haben sich die Fragestellungen weiterentwickelt? Und aus welchen Gründen sind diese klassischen Fragestellungen und Texte für uns heute noch interessant? Diesen Fragen geht der 2004 erstmals im Hardcover veröffentlichte Band nach. Die vollständig durchgesehene Neuausgabe in der Universal-Bibliothek wurde um Abschnitte zu Plotin (»Woher kommt das Böse?«), John Rawls (»Gerechtigkeit für eine pluralistische Gesellschaft«), Donald Davidson (»Bedeutung und Interpretation«) und Jacques Derrida (»Sinn, Schrift und Differenz«) erweitert.
Einleitung

Platon – Eine Ethik des guten Lebens
Von Dorothea Frede

Aristoteles – Das Problem der Substanz
Von Christof Rapp

Die Stoa – Determinismus und Verantwortlichkeit
Von Theodor Ebert

Sextus Empiricus – Urteilsenthaltung und Handlung
Von Katja Maria Vogt

Plotin – Woher kommt das Böse?
Von Dominic O’Meara

Augustinus – Zeichentheorie der Sprache
Von Christoph Horn

Anselm von Canterbury – Das ontologische Argument für Gottes Existenz
Von Winfried Löffler

Thomas von Aquin – Das Gesetz
Von Ruedi Imbach

Johannes Duns Scotus – Universalien
Von Dominik Perler

Wilhelm von Ockham – Wahrheit in einer kontingenten Welt
Von Matthias Kaufmann

René Descartes – Die Suche nach den Grundlagen sicherer Erkenntnis
Von Ansgar Beckermann

Baruch de Spinoza – Rationale Selbstbefreiung
Von Michael Hampe

Thomas Hobbes – Recht, Unrecht und die Selbstverpflichtung des Menschen
Von Bernd Ludwig

John Locke – Der Empirismus und seine Tücken
Von Rolf W. Puster

Gottfried Wilhelm Leibniz – Raum
Von Andreas Hüttemann

George Berkeley – Kritik des Repräsentationalismus
Von Ralph Schumacher

David Hume – Kausalprinzip und Induktionsproblem.
Von Bertram Kienzle

Jean-Jacques Rousseau – Die volonté générale
Von Wilfried Hinsch

Immanuel Kant – Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?
Von Bernhard Thöle

Johann Gottlieb Fichte – Das absolute Ich
Von Andreas Schmidt

Georg Wilhelm Friedrich Hegel – Individuelle Freiheit und sittliche Gemeinschaft
Von Michael Quante

Søren Kierkegaard – Der Einzelne, das Ethische und die Freiheit
Von Anton Hügli

Arthur Schopenhauer – Freiheit und Unfreiheit des Willens
Von Dieter Birnbacher

John Stuart Mill – Qualitativer Utilitarismus
Von Bernward Gesang

Karl Marx – Gesellschaft analysieren und verändern
Von Marco Iorio

Friedrich Nietzsche – Das Problem der Moral
Von Rüdiger Bittner

Charles S. Peirce, William James und John Dewey – Denken als Problemlösen
Von Marcus Willaschek

Gottlob Frege – Das Problem der Gleichheit
Von Mark Textor
Edmund Husserl – Die Intentionalität des Bewusstseins
Von Peter Simons

Ludwig Wittgenstein – Sprache, Bedeutung und Gebrauch
Von Hans-Johann Glock

John L. Austin – Sprechakttheorie
Von Nikola Kompa

Maurice Merleau-Ponty – Wahrnehmung und Denken
Von Kathrin Stengel

Rudolf Carnap – Philosophie als Logische Analyse
Von Geo Siegwart

Martin Heidegger – Die Frage nach dem Sein
Von Oliver Jahraus

Gilbert Ryle – Was ist Philosophie?
Von Katia Saporiti

Karl Raimund Popper – Die Rationalität der
empirischen Wissenschaft
Von Volker Gadenne

Willard V. O. Quine – Die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Sätzen
Von Christian Nimtz

Hans-Georg Gadamer – Das Projekt einer philosophischen Hermeneutik
Von Emil Angehrn

John Rawls – Gerechtigkeit. Für eine pluralistische Gesellschaft
Von Stefan Gosepath

Donald Davidson – Bedeutung und Interpretation
Von Kathrin Glüer

Jacques Derrida – Sinn, Schrift und Differenz
Von Rudolf Bernet

Personenregister
Sachregister
Die Autorinnen und Autoren der Beiträge
Die Herausgeber:

Ansgar Beckermann (Bild links), Professor für Philosophie an der Universität Bielefeld. Präsident der Gesellschaft für Analytische Philosophie. Arbeitsschwerpunkte: Handlungstheorie, Philosophie des Geistes, Erkenntnistheorie, Theorien der Willensfreiheit. Publikationen: Gründe und Ursachen (1977); Descartes’ metaphysischer Beweis für den Dualismus (1986); Einführung in die Logik (1997, 2. Aufl. 2003); Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes (1999, 2. Aufl. 2001).

Dominik Perler, Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Arbeitsschwerpunkte: Philosophie des Mittelalters und der frühen Neuzeit, Philosophie des Geistes. Publikationen: Repräsentation bei Descartes (1996); René Descartes (1998); Occasionalismus. Theorien der Kausalität im arabisch-islamischen und im europäischen Denken (mit U. Rudolph, 2000); Theorien der Intentionalität im Mittelalter (2002).

Wir sprachen mit Ansgar Beckermann und Dominik Perler über heutiges Philosophieren.

- Warum ist in der Philosophie Tradition so wichtig?

A.B.: Das ist in der Tat eine sehr interessante Frage. Denn es gehört ja z.B. nicht zum Studium der Physik oder der Biologie, sich intensiv mit der Geschichte dieser Fächer auseinander zu setzen. Die Philosophie kann von ihrer Geschichte aber nicht absehen, und das hat einen speziellen Grund. In der Philosophie ist Fortschritt nicht linear; er spielt sich nicht so ab, dass immer mehr Fragen als beantwortet abgehakt werden können. In der Philosophie gibt es aus methodischen Gründen niemals endgültige Antworten auf die ihr gestellten Fragen. Fortschritt ergibt sich aus immer größerer Differenzierung. Es geht darum zu verstehen, welche Antworten auf philosophische Fragen überhaupt möglich sind, welche Implikationen diese Antworten haben und welche Gründe für die verschiedenen Positionen ins Feld geführt werden können. Dabei darf man auch klassische Antworten nicht vernachlässigen. Denn zu verstehen, wie philosophische Fragen früher beantwortet wurden und wie für diese Antworten argumentiert wurde, erweitert ebenfalls unser Verständnis für den Raum möglicher Antworten und Positionen.

D.P.: Natürlich wird nicht nur der Raum der Antworten erweitert, sondern – was ich besonders faszinierend finde – auch der Raum möglicher Fragen und Probleme. Es gibt in der Philosophie ja keine endgültig feststehende Problemliste. Wenn wir uns Autoren aus verschiedenen Traditionen zuwenden, werden wir unweigerlich mit ganz unterschiedlichen Problemstellungen konfrontiert. So hielten einige die Frage nach der sprachlichen Bezugnahme auf die Welt für ein zentrales Problem, anderen schien dies kaum erwähnenswert. Dies zwingt uns, darüber nachzudenken, was überhaupt ein philosophisches Problem ist und wie es in einem bestimmten Kontext entstehen kann. Dazu kommt noch ein weiterer Punkt: Philosophie ist keine 'freischwebende' Disziplin, sondern steht in enger Beziehung zu anderen Wissenschaften. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Tradition zeigt, wie sich dieses Beziehungsnetz stets verändert – mal stand die Theologie im Vordergrund, mal die Physik, heute vor allem die Biologie – und wie dadurch auch andere Fragestellungen und Methoden in den Mittelpunkt rückten.

- Welche klassische philosophische Fragestellung ist heute (wieder) besonders aktuell?

A.B.: Das Leib-Seele-Problem und die Frage, ob wir einen freien Willen haben, sind nach wie vor ebenso aktuell wie moralische Fragen im Zusammenhang mit dem Beginn und dem Ende des Lebens oder die Frage, was eine gerechte Gesellschaft ausmacht.

D.P.: Es fällt mir schwer, eine einzige Fragestellung zu benennen. Die Vielfalt der gegenwärtigen Debatten zeigt, dass die meisten klassischen Problemstellungen noch aktuell sind – vom Problem der Existenz Gottes bis zur Frage nach dem guten Leben. Aber sicherlich haben Fragen in der Philosophie des Geistes eine besondere Aktualität, nicht zuletzt aufgrund des Einflusses der Biologie und der Kognitionswissenschaften. Interessant ist dabei, dass ganz alte Fragen wieder auftauchen, etwa: Welchen Zugang haben wir zu unserem eigenen Geist? Und können wir anderen Lebewesen, etwa Schimpansen, auch einen Geist zuschreiben?

- Ist die Philosophie heute eine rein akademische Angelegenheit? Was kommt von ihr im Alltag an?

A.B.: Die Bedeutung der 'Alltagstauglichkeit' von Wissenschaft wird generell überschätzt. Kommt die Frage nach dem Grund für das Aussterben der Dinosaurier im Alltag vor? Oder die Frage nach der Kultur der Azteken? Oder die Frage nach den Lebensbedingungen von Feuersalamandern? Wissenschaft entsteht aus Neugier, und Neugier bezieht sich nicht nur auf Dinge des Alltags. Dies zeigt z.B. das große Interesse vieler Menschen an Museen und an Wissenschaftssendungen im Fernsehen. Wichtig ist nur, ob philosophische Fragen auch für ein breiteres Publikum interessant sind. Und das ist sicher in vielen Bereichen der Fall. Das Problem der Gerechtigkeit, die Frage nach einem guten Leben und nach dem moralischen Status von Embryonen – all das sind Probleme und Fragen, die auf überaus großes Interesse stoßen. Und dasselbe gilt nach wie vor auch für die Frage nach der Existenz Gottes, nach dem freien Willen und der Erklärbarkeit von Bewusstsein.

D.P.: Zunächst eine Präzisierung: Die sogenannte akademische Tätigkeit ist auch Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens. Wir leben ja in einer durch und durch wissenschaftlich geprägten Gesellschaft. Ich halte es für irreführend, eine 'rein akademische Angelegenheit' vom Alltagsleben scharf zu trennen. Interessant ist doch vielmehr die Frage, wie wissenschaftliche (und darunter auch akademisch-philosophische) Diskussionen das Alltagsleben prägen und wie umgekehrt aktuelle Alltagsprobleme diese Debatten bestimmen. Für diese Interaktion gibt es zahlreiche Beispiele, die vom Problem der personalen Identität bis zur Frage nach dem Umgang mit Tieren reichen.

- In welchen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens vermissen Sie philosophisches Nachdenken am meisten?

A.B.: Es geht eigentlich nicht so sehr um einzelne Bereiche. Vielmehr kommt die philosophische Art des Nachdenkens generell zu kurz. Was macht diese Art des Nachdenkens aus? Erstens ist philosophisches Nachdenken selbstkritisch; jeder muss immer davon ausgehen, dass er sich irren kann. Zweitens ist philosophisches Nachdenken unideologisch. Es geht nicht von festen Wahrheiten und Lehrsätzen aus, sondern fragt immer nach den Gründen. Lässt sich das, was ich für richtig halte, gut begründen? Sind die Gründe für meine Position wirklich besser als die Gründe für andere Positionen? Schließlich ist philosophisches Nachdenken tolerant. Niemand ist im Besitz des Steins der Weisen. Also haben alle Positionen das Recht, ernst genommen zu werden – allerdings nur, wenn sie sich auch selbst an der Triftigkeit ihrer Gründe messen lassen. Philosophisches Nachdenken ist also geprägt durch die Einstellung, dass nur Gründe zählen, und durch die Einsicht in die grundsätzliche Fallibilität allen menschlichen Denkens.

D.P.: Dem kann ich nur zustimmen und vielleicht noch zwei Punkte hinzufügen. Philosophie bemüht sich immer um die Klärung von Grundbegriffen. Die Grundfrage lautet immer: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Gerechtigkeit, Willensfreiheit usw. sprechen? Daher ist begriffliche Sorgfalt eine der wichtigsten philosophischen Tugenden. Genau diese Tugend gilt es zu stärken – auch im gesellschaftlichen Leben. Zudem wendet sich philosophisches Nachdenken immer gegen Dogmatismus und Fundamentalismus. Gerade weil wir in der Philosophie immer nach Gründen fragen, kann philosophisches "Nachbohren" dogmatische Verhärtungen aufweichen. Freilich muss die Bereitschaft vorhanden sein, sich auf das rationale Spiel des Begründens einzulassen. Und diese Bereitschaft muss auch im außerakademischen Leben trainiert werden, d.h. in politischen, religiösen und anderen Kreisen.

- Ihr "Lieblingsphilosoph"?

A.B. Obwohl ich seinen Dualismus ebenso ablehne wie seinen erkenntnistheoretischen Rationalismus, gehört René Descartes ganz sicher zu meinen "Lieblingsphilosophen". Er war ein Mann von großem Scharfsinn mit einem fast untrüglichen Sinn für logische Zusammenhänge. Und er war in meinen Augen der Philosoph, der als erster richtig verstanden hat, wie bestimmte Erklärungen in den Naturwissenschaften funktionieren und welche Bedeutung diese Art der Erklärung etwa für das Leib-Seele-Problem hat.

D.P. Auch mir steht Descartes aufgrund seiner Methode nahe. Daneben schätze ich auch den mittelalterlichen Philosophen Wilhelm von Ockham sehr, der mit bewundernswerter Klarheit sprachphilosophische Probleme formuliert hat. Er hat nicht stillschweigend akzeptiert, dass seine Zeitgenossen von Gott, der Seele und anderen 'erhabenen' Dingen gesprochen haben. Stets hat er nachgefragt: Was meint ihr eigentlich, wenn ihr die Ausdrücke 'Gott', 'Seele' usw. verwendet? Wie könnt ihr euch mit diesen Ausdrücken auf etwas beziehen? Und worauf bezieht ihr euch genau? Dieser methodische Ansatz ist nach wie vor exemplarisch.