Brentano, Clemens: Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter

Brentano, Clemens: Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter

Ein verwilderter Roman. Hrsg.: Behler, Ernst. 599 S.
ISBN: 978-3-15-009394-8
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Brentanos romantisch-verwilderter Roman erschien 1801 in zwei Bänden. Der erste Teil schafft als Briefroman ein geheimnisvolles Beziehungsgeflecht zwischen allerlei Personen, das der als lineare Erzählung angelegte zweite Teil zu entwirren und aufzuhellen sucht. Willkür, Subjektivität, Ironie und Illusionsbrechungen bestimmen die Struktur von Brentanos einzigem Roman, der lyrische Grundton wird durch zahlreiche eingestreute Lieder verstärkt, darunter so betörende wie Ein Fischer saß im Kahne oder Zu Bacharach am Rheine.
Clemens Brentano, 9. 9. 1778 Ehrenbreitstein bei Koblenz – 28. 7. 1842 Aschaffenburg.
B., Sohn des Frankfurter Kaufmanns Peter Anton Brentano und dessen Frau Maximiliane (geb. La Roche), brach nach seiner Schulzeit am Koblenzer Jesuitengymnasium (1787–90) und dem Mannheimer Philanthropin (1791–93) mehrere Versuche einer bĂĽrgerlichen Berufsausbildung ab. Nach dem Tod von Mutter (1793) und Vater (1797) besuchte er, durch ein beträchtliches Erbe finanziell unabhängig, die Universitäten in Jena (1798–1800 Medizin) und Göttingen (1801 Philosophie), ohne einen festen Abschluss anzustreben. Wichtig fĂĽr seine Entwicklung wurde vielmehr die Beziehung zum Kreis der FrĂĽhromantiker in Jena – hier lernte er auch seine spätere Frau Sophie Mereau kennen (Heirat 1803) – und die Freundschaft mit A. v. Arnim (Göttingen). Von 1804 bis 1808 kam es in Heidelberg zur intensiven Zusammenarbeit mit Arnim und weiteren romantischen Schriftstellern und Wissenschaftlern (J. Görres, Friedrich Creuzer). Neben heftigen literarischen Auseinandersetzungen mit J. H. VoĂź und seinen Anhängern trugen ein in turbulenter Form öffentlich ausgetragener Ehekonflikt dazu bei, den Aufenthalt in Heidelberg unmöglich zu machen (nach dem Tod S. Mereaus 1806 hatte B. 1807 Auguste BuĂźmann geheiratet; Trennung 1809, Scheidung 1812). Landshut (1808–09), Berlin (1809–11), Böhmen (1811–13), Wien (1813–14) und wieder Berlin (1814–18) waren die nächsten Stationen. Im Zusammenhang mit der unglĂĽcklichen Liebe zur protestantischen Pfarrerstochter Luise Hensel, die er 1816 kennenlernte, kam es zu einer tiefen Lebenskrise, die in eine Generalbeichte und die RĂĽckkehr zum katholischen Glauben (1817) mĂĽndete. B. stellte seine Kunst von nun an in den Dienst der katholischen Erneuerung. Von 1818 bis 1824 hielt er sich im westfälischen DĂĽlmen auf, um die Visionen der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick aufzuzeichnen, Basis fĂĽr eine (z. T. postum publizierte) erfolgreiche Trilogie eines Leben Jesu. Nach dem Tod der Nonne lebte er u. a. in Koblenz, Frankfurt und Regensburg, bis er 1833 nach MĂĽnchen ĂĽbersiedelte (Kreis um Görres) und in einer weiteren Liebesbeziehung, zur Baseler Malerin Emilie Linder, scheiterte. Er starb im Hauses seines Bruders in Aschaffenburg, wo er sich seit 1841 aufhielt.
B.s Schaffen stand zunächst unter dem Eindruck der frĂĽhromantischen Poetik, die er in der Literatursatire Gustav Wasa und dem ›verwilderten Roman‹ Godwi programmatisch umzusetzen suchte. Auch das melancholische IntrigenstĂĽck Ponce de Leon entspricht mit seinem auf die Spitze getriebenen Sprachwitz und seiner virtuosen Sprachbehandlung diesen Vorstellungen. Der experimentelle Godwi enthält – wie seine anderen Werke – zahlreiche lyrische Einlagen, darunter auch die bekannte Loreley-Erfindung Zu Bacherach am Rheine. In Zusammenarbeit mit Arnim schuf er auf der Basis ›alter deutscher Lieder‹ den kunstvollen Volksliedton, der charakteristisch fĂĽr die Lyrik des 19. Jh.s werden sollte. Unvollendet blieb die lyrisch-epische Romanzendichtung Die Romanzen vom Rosenkranz, an der er seit 1803 arbeitete. Ohne Abschluss blieben auch andere Projekte wie ein weiterer Romanversuch (Der schiffbrĂĽchige Galeerensklave), verschiedene dramatische Dichtungen oder seine Märchendichtungen (»Italienische Märchen« nach Giambattista Basile und »Märchen vom Rhein«), die artistische Sprachkunst, Satire und ĂĽberlieferte Sagen- und Märchenwelt miteinander verbinden. Als B.s erzählerisches Meisterwerk gilt die Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl, die zugleich den poetischen Prozess selbst und die Situation des der Natur und dem Leben entfremdeten modernen Dichters zum Gegenstand hat. Den größten Erfolg hatte B. mit seinen Erbauungsschriften.

In: Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren. Von Volker Meid. 2., aktual. und erw. Aufl. Stuttgart: Reclam, 2006. (UB 17664.) – © 2001, 2006 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart.