: Träume in der Antike

Träume in der Antike

Gr., Lat. / Dt. Hrsg.: Giebel, Marion
255 S.
ISBN: 978-3-15-018395-3
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Was träumten die Menschen vor zwei Jahrtausenden? Die sorgfältig kommentierte Zusammenstellung vermittelt von Homer bis Hieronymus eine lebhafte Vorstellung und eröffnet einen spannenden Zugang zu den Funktionen und Deutungen des Traumes im Altertum: Träume begegnen als raffiniertes poetisches Mittel, sie werden als Propagandawerkzeug eingesetzt, als Offenbarung interpretiert u. v. a.
Träume sind so alt wie die Menschheit, und so ist es nicht verwunderlich, dass sie schon in antiken Texten eine charakteristische Rolle spielen. Die Sammlung "Träume in der Antike" zeigt, wie Träume in der griechischen und römischen Literatur vermittelt und gedeutet wurden. Viele Elemente unseres modernen Traumverständnisses sind hier - in anderer Begrifflichkeit - vorgebildet. Und manches, was die Moderne bisweilen vergessen zu haben scheint (und die Postmoderne wieder entdeckt?), tritt hervor. Darüber sprachen wir mit der Herausgeberin Dr. Marion Giebel:

Träume in der Antike - das ist noch nicht die Sprache des Unbewussten, die uns ja erst Freud zu verstehen gelehrt hat. Wer spricht denn nach antiker Auffassung in den Träumen der Menschen?

Es ist schon die Sprache des Unbewussten, denn der Mensch ist ja immer der gleiche - man nannte es nur anders. Bei Homer werden die Träume von den Göttern gesandt, aber Aristoteles hatte da schon seine Zweifel. Schließlich träumen ja Tiere auch, meinte er. Ein Hund zuckt im Schlaf mit den Beinen und bellt mit geschlossenem Maul: Er träumt von der Jagd! Aristoteles und andere Denker wussten schon, dass sich in Träumen die Sprache der Seele ausdrückt. Wenn sie vom Körperlichen und von den Alltagssorgen gelöst ist, ergeht sie sich gewissermaßen in einer anderen Bewusstseinswelt und kann bestimmte Impulse aufnehmen. Auch was Freud die "Tagesreste" nennt: dass Dinge, mit denen man sich am Tage beschäftigt hat, dann im Traum wieder auftauchen, oft in veränderter, verschlüsselter Form - das finden wir bereits bei Herodot als gängige Vorstellung. Dann wusste man, dass aus dem individuellen Selbst des Menschen bestimmte Traumvorstellungen kommen, das nannte man dann den Daimon, der erscheint. Wie bei dem Perserkönig Xerxes, der sein Hybrisunternehmen, den Feldzug gegen Griechenland, eigentlich aufgeben will, auf guten Rat hin. Dann aber erscheint ihm im Traum eine Gestalt, die ihn geradezu zwingt, bei seinem ersten Entschluss zu bleiben. Wer ist das? Ein "Botschafter" aus seinem Innern, das die Größenwahnvorstellungen einfach nicht aufgeben kann ...

Es gab ja in der Antike professionelle Traumdeuter. Wer nahm ihre Dienste in Anspruch, wovon gingen sie bei ihren Deutungen aus?

Träume gehörten zur Mantik, zur Vorzeichendeutung, wie z. B. die Weissagung aus dem Vogelflug oder den Eingeweiden eines Opfertieres, woraus man den Willen der Götter erkennen oder die Zukunft deuten konnte. Sie wurden daher von den Sehern und Priestern gedeutet, den Spezialisten für das Heilige. Später aber gab es eine regelrechte Zunft von Traumdeutern, vor allem am Hof der Könige und Fürsten, die Vorläufer der Hofastrologen. Von Alexander dem Großen ist bekannt, dass er einen Traumdeuter aus einer Gegend von Kleinasien hatte, wo die Leute angeblich über besondere intuitive Kräfte verfügten. Das interessanteste Dokument ist das Traumbuch des Artemidor, aus dem 2. Jh. n. Chr.: Er war ein professioneller Traumdeuter, der Fälle sammelte und methodisch auswertete. Daraus hat er ein "Traumlexikon" gemacht, in dem jedermann nachschlagen konnte, was ein bestimmter Traum zu bedeuten hatte. Dabei geht Artemidor durchaus kritisch vor. Das gleiche Traumelement kann bei verschiedenen Personen Unterschiedliches bedeuten. So muss man sich genau nach den Lebensumständen und der emotionalen Verfassung des "Klienten" erkundigen und auch die jeweiligen Bräuche und Volkssitten berücksichtigen. Ebenso die Zeitumstände: Ein Traum vom Baden war früher etwas Negatives, denn man badete nur nach Mühe und Anstrengung, nach Krieg oder Krankheit; heute aber, sagt Artemidor, geht man zum Vergnügen zum Baden, in die Thermen. Mit dieser differenzierten Herangehensweise hat Artemidor sogar bei Sigmund Freud Anerkennung gefunden.

Träume verheißen in der Antike nicht nur Gutes oder Böses, es gibt auch therapeutische Träume.

Das ist m. E. das interessanteste Gebiet, diese Inkubation: die Erscheinung des Gottes Asklepios, der im Traum Kranke heilt oder Mittel zur Heilung nennt, in Kos, Epidauros und Pergamon. Man kann das ja nicht als "Einbildung" abtun. "Gelenkte Träume", unter Aufsicht spirituell begabter Personen, mit Heilungseffekt, das gibt es ja heute noch, in Afrika und auch in Südamerika. Schon im Gilgamesch-Epos hören wir, wie man mit magischen Riten und Gebeten Träume hervorruft. In den Asklepiosheiligtümern wurde durch die ganze Umgebung eine numinose Stimmung und eine allgemeine Erwartungshaltung hervorgerufen, in der sich dann, auf autosuggestiver Basis, die Traumerscheinungen des Gottes einstellten. Oft wurden dadurch unbewusste Blockaden gelöst und die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert. Interessant auch, dass im frühen Christentum noch Inkubation betrieben wurde, Schlafen in einer Kirche, wo dann nicht mehr der Soter, der Heiland Asklepios, sondern Christus oder die heiligen Ärzte Kosmas und Damian erschienen.