Horváth, Ödön von: Kasimir und Karoline

Horváth, Ödön von: Kasimir und Karoline. Volksstück

Hrsg.: Kastberger, Klaus; Reimann, Kerstin
213 S. 8 Abb.
ISBN: 978-3-15-018614-5
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In Zusammenarbeit mit dem Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, an dem zur Zeit die neue historisch-kritische Ausgabe entsteht, erscheinen Horváths wichtigste Werke jetzt in der Universal-Bibliothek – in einer anhand der Originale revidierten, verlässlichen Textgestalt, zusammen mit den wichtigsten Vorstufen und Entwürfen und einem Kommentar auf neuestem Forschungsstand.

In einer lockeren Szenenfolge um den arbeitslosen Kasimir und seine Verlobte Karoline, die im Trubel des Münchner Oktoberfestes spielt, beschreibt das 1932 uraufgeführte Stück schonungslos die gesellschaftlichen Probleme und die Wurzellosigkeit der Menschen in Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Die Vorarbeit Karoline, die Schönheit von Haidhausen sowie die beiden früheren Fassungen des Stückes werden neben einigen anderen Quellen wie Horváths berühmter Gebrauchsanweisung für Schauspieler jeweils vollständig abgedruckt und kommentiert.
Ödön von Horváth, 9. 12. 1901 Fiume (Rijeka) – 1. 6. 1938 Paris.
Der Sohn eines ungarischen Diplomaten machte nach zahlreichen Wohnsitzwechseln 1919 in Wien das Abitur, und kam dann über München 1924 nach Berlin. 1933 ging er nach Österreich (Salzburg, Wien), trat aber 1934 dem nationalsozialistischen Reichsverband Deutscher Schriftsteller bei, aus dem er 1937 wieder ausgeschlossen wurde. Noch vor dem "Anschluss" verließ H. Wien und gelangte über Budapest, Prag, Zürich, Brüssel und Amsterdam am 28. 5. 1938 nach Paris. Drei Tage später wurde er von einem herabfallenden Ast auf den Champs-Elysées erschlagen. H.s Volksstücke, die das Zentrum seines Werkes bilden, bringen "heutige Menschen aus dem Volk" auf die Bühne, und das sind nach H. Kleinbürger und Proletarier. Bei der "Demaskierung des Bewußtseins" (H.), die die Stücke betreiben, kommt der Sprache eine entscheidende Rolle zu. In ihr spielt sich das eigentliche Geschehen ab, in einem unechten, geliehenen Bildungsjargon, der den Dialekt ersetzt hat und in dessen Phrasen und Sprüchen sich die Kleinbürgermentalität in ihrer Entfremdung und ihren Illusionen verrät. Seinen ersten großen Bühnenerfolg hatte H. mit dem Stück Italienische Nacht (UA 1931), das in der Konfrontation von Sozialisten und Faschisten die Hohlheit politischer Schlagworte satirisch entlarvt. Die Geschichten aus dem Wiener Wald (UA 1931) – für das bekannteste seiner Stücke erhielt H. den Kleist-Preis – zeichnen eine tödliche Idylle: Hinter der verlogenen Fassade von Familie, Geschäft, Vergnügen stecken Egoismus, Unterdrückung (der Frauen), Sentimentalität, Brutalität und Schlimmeres. In der "Ballade" Kasimir und Karoline (UA 1932) ist das Münchner Oktoberfest zugleich Sinnbild der Welt und Kulisse eines tristen Dramas der durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse hervorgerufenen Entfremdung. Die soziale Anklage verschärft sich in dem letzten vor Hitlers Machtergreifung geschriebenen Volksstück Glaube Liebe Hoffnung, der Geschichte einer Frau, die an ihrer Vergangenheit und der Gesellschaft scheitert und in den Tod getrieben wird. Die für Januar 1933 vorgesehene Uraufführung in Berlin ließ sich nicht mehr verwirklichen; sie fand dann 1936 in Wien statt. Von den im Exil geschriebenen Dramen – u. a. Himmelwärts, Don Juan kommt aus dem Krieg, Figaro läßt sich scheiden, Der Jüngste Tag – konnten noch einige aufgeführt werden. Viele Texte wurden erst postum gedruckt. Das Verfahren seiner Stücke, Entlarvung durch die Sprache, wandte H. auch in seinem Roman Der ewige Spießer an.

In: Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren. Von Volker Meid. 2., aktual. und erw. Aufl. Stuttgart: Reclam, 2006. (UB 17664.) – © 2001, 2006 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart.