Tetens, Holm: Wittgensteins

Tetens, Holm: Wittgensteins "Tractatus". Ein Kommentar

Originalausg. 160 S.
ISBN: 978-3-15-018624-4
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Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus ist unbestritten eines der einflussreichsten philosophischen Werke. Anders als meist angenommen behandelt es aber nicht nur Probleme der formalen und mathematischen Logik. Der Kommentar führt selbstverständlich in diesen Bereich ein, erschließt aber auch bisher unberücksichtigte Sinnschichten. Dabei enthüllt sich das Werk als ein auch im religiösen Geist geschriebenes Buch über die Stellung des Menschen in der Welt und über die ethischen Konsequenzen, die sich aus dieser Stellung ergeben.
Vorwort

Der Tractatus logico-philosophicus von Ludwig Wittgenstein ist ein rätselhaftes Buch. Selbst sehr gründliche Lektüre und Interpretation wird dem Leser nicht damit gelohnt, dass er das Buch anschließend Satz für Satz versteht. Vielmehr werden sich auch dann noch die Sätze des Buches in drei Klassen aufspalten, in diejenigen Sätze, die der Leser versteht und auch für wahr erachtet, in diejenigen Sätze, die er zwar immanent aus bestimmten Voraussetzungen Wittgensteins nachvollziehen kann, die er aber nicht für wahr hält, weil er die betreffenden Voraussetzungen nicht teilt, und schließlich in die für ihn weiterhin rätselhaften Sätze. Für jeden Interpreten verteilen sich die Sätze des Tractatus ein wenig anders auf die drei erwähnten Klassen. Niemand kann sich die richtige und vollständige Interpretation dieses ungewöhnlichen und teilweise ungewöhnlich dunklen Buches zu Gute halten.
In diesem Buch strebe ich deutlich weniger an als eine Satz-für-Satz-Interpretation. Es soll in den Tractatus eingeführt werden, indem vor allem das philosophische Vorhaben begreiflich gemacht wird, das Wittgenstein im Tractatus verfolgt. Dazu muss sich einem nicht jedes Detail des Buches erschließen. Auf bestimmte Themen des Tractatus lasse ich mich gar nicht ein, nicht, weil der Tractatus nur Unverständliches zu ihnen enthält, sondern weil sie für das Verständnis des philosophischen Projekts nicht ausschlaggebend sind. Das wichtigste Thema, das ich ausspare, sind Wittgensteins Überlegungen zu den logizistischen Versuchen Gottlob Freges (1848–1925) und Bertrand Russells (1872–1970), die Mathematik auf die Logik zurückzuführen, und zu der sogenannten Typentheorie, die mit dem Logizismus in engem Zusammenhang steht.
Gerade in den Passagen zur Typentheorie und zum Logizismus wird das Buch am ehesten dem Bild gerecht, das vor allem von logischen Empiristen wie Rudolf Carnap (1891–1970) und anderen in die Welt gesetzt worden ist und das manche Interpreten bis heute von ihm gerne zeichnen, nämlich das Bild eines Logikbuches, das auf höchstem Niveau schwierigste Probleme der formalen und mathematischen Logik traktiert. Aus dieser Sicht macht der Tractatus freilich überflüssige und sehr ärgerliche Ausflüge in Themen, die alle den Ruch des Metaphysischen an sich haben. Carnap hätte liebend gern auf diese Teile des Tractatus verzichtet, erst dann wäre es ein philosophisches Buch so recht nach seinem Herzen gewesen.
Für mich ist der Tractatus jedoch alles andere als ein "bloßes" Logikbuch. Um meine Interpretationsidee auf einen Satz zu bringen: Der Tractatus ist ein im religiösen Geist geschriebenes Buch über die Stellung des Menschen in der Welt, betrachtet vom transzendentalen Standpunkt der Logik, und über die ethischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. So verstehe ich Wittgensteins philosophisches Projekt im Tractatus.


Teil I
Dem Denken eine Grenze ziehen


Vier Auffälligkeiten des Tractatus

An Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus, der 1921 zuerst unter dem Titel Logisch-philosophische Abhandlung veröffentlicht wurde, stechen sofort vier Merkmale ins Auge: Auffällig ist die literarische Form des Buches, sodann handelt es von einer Fülle scheinbar disparater Themen. Zusätzlich erhebt der Tractatus den ungeheuren Anspruch, die philosophischen Probleme unüberbietbar gelöst zu haben. Und schließlich provoziert das Buch noch dadurch, dass es die eigenen Sätze für unsinnig erklärt. Betrachten wir diese vier Merkmale kurz der Reihe nach. Die literarische Form des Tractatus: Der Text besteht aus nummerierten mehr oder weniger kurzen, thesenartig klingenden Sätzen oder Satzgruppen. Mit Begründungen scheint sich dieser Text kaum abzumühen und aufzuhalten. These reiht sich an These und gibt dem Text etwas Ruheloses. Es ist, als ob Wittgenstein den Lesern seine Sätze mit dem Kommentar "Friß’ Vogel oder stirb’!" hinwerfen würde.
Der Text umfasst sieben Hauptsätze, nummeriert mit arabischen Zahlen von 1 bis 7. Zu den ersten sechs Hauptsätzen gesellen sich weitere mit Dezimalzahlen versehene Sätze oder Gruppen aus wenigen Sätzen. Wie Wittgenstein in einer Fußnote anmerkt, dienen die Dezimalzahlen dazu, den Bezug eines Satzes oder einer Satzgruppe auf 10 Dem Denken eine Grenze ziehen andere Sätze des Tractatus erkennbar werden zu lassen. Satz 1 "Die Welt ist alles, was der Fall ist" wird kommentiert und vertieft durch die Sätze "1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge" und "1.2 Die Welt zerfällt in Tatsachen". Den Satz 1.1 erläutern wiederum drei Sätze, nämlich die Sätze "1.11 Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, dass es alle Tatsachen sind", "1.12 Denn, die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist und auch, was alles nicht der Fall ist" und "1.13 Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt". Der siebte Hauptsatz "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen" bleibt unkommentiert. Mit ihm endet der Tractatus. Er ist ein Satz von aphoristischer Kürze, und er ist weltberühmt geworden; immer und immer wieder wird er zitiert.
Die Fülle scheinbar sehr disparater Themen: Ist die äußere Form schon ungewöhnlich genug, so ist die Fülle der Themen im Tractatus noch ungewöhnlicher: die Sprache, die Logik, die Mathematik, die Naturwissenschaften, die Philosophie, die Psychologie, die Willensfreiheit, die Naturgesetze, die Kausalität, die Ethik, die Ästhetik, das Subjekt, die Ewigkeit, das Böse, der Tod, die Unsterblichkeit der Seele, Gott, der Skeptizismus, der Solipsismus, das Mystische, der Sinn des Lebens, die Lebensprobleme etc. Fast alle wichtigen philosophischen Themen greift der Tractatus auf.
Der Anspruch, die philosophischen Probleme unüberbietbar gelöst zu haben: Das dritte Merkmal des Tractatus ist der Gestus des Endgültigen, der sich schon im aphoristischen Charakter vieler seiner Sätze mitteilt. Bereits das Vorwort schlägt diesen Ton an: "Dagegen scheint mir die Wahrheit der hier mitgeteilten Gedanken unantastbar und definitiv zu sein." Er sei "der Meinung, die Probleme im wesentlichen Vier Auffälligkeiten des "Tractatus" 11 endgültig gelöst zu haben". Dass rätselhafte Fragen offen bleiben könnten, schließt Wittgenstein aus. Fast herrisch fährt er Philosophen mit ihrer Selbststilisierung, eigentlich seien die Fragen das Wichtige an der Philosophie, Antworten seien hingegen nur schwer zu finden, in die Parade: "Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen", denn "Das Rätsel gibt es nicht. Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden" (Satz 6.5).
Die provokative Selbstkommentierung, die Sätze des Tractatus seien sinnlos: Die gesamte Philosophie überzieht Wittgenstein mit einem Vorwurf, der manchen Philosophen immer noch sprachlos machen dürfte, aus Wittgensteins Sicht wohl auch sprachlos machen soll: "Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt," also, d. h. "Sätze der Naturwissenschaften – also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat –, und immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat" (Satz 6.53). Ist der Tractatus also nicht selber ein philosophisches Werk? Widerlegt sich Wittgensteins Diktum über die Philosophie nicht in der Selbstanwendung? Diesen Ausweg, listig die Ehre der Philosophie mit dem Verweis auf den Tractatus selber zu retten, schneidet Wittgenstein von vornherein ab. Selbst seinen eigenen Sätzen im Tractatus erspart er den Vorwurf der Sinnlosigkeit nicht. "Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinaufgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig" (Satz 6.54). Danach lässt Wittgenstein nur noch seinen berühmten Schlusssatz folgen.
Worum könnte es in einem Buch mit solchen Auffälligkeiten gehen?