Hier finden Sie das Zusatzmaterial zum Buch Die schönsten lateinischen Gedichte:
Der um 730 im angelsächsischen Northumbria geborene Gelehrte Alkuin war Schüler und später Lehrer an der berühmtesten Bildungsstätte des christlichen Europas, der Kathedralschule in York, sowie schließlich deren Leiter, bis Karl der Große ihn, von seiner Gelehrsamkeit beeindruckt, 781 an den Hof nach Aachen berief. Dort wirkte der Angelsachse als Leiter der Hofschule und wichtiger Berater des Kaisers und avancierte zu einer zentralen Figur der karolingischen Renaissance, einer Zeit des kulturellen Aufschwungs im Bildungswesen, der mittellateinischen Sprache, Literatur und Baukunst. Nach kurzzeitiger Rückkehr in seine Heimat wurde er schließlich 796 zum Abt des angesehenen Klosters St. Martin in Tours ernannt, wo er 804 starb. Zu seinen Schülern gehörten neben dem in Carmen 23 genannten Angilbert berühmte Gelehrte wie Einhard oder Hrabanus Maurus. Die Carmina sind nur ein kleiner Teil von Alkuins umfangreichem Werk, das vor allem auf seine didaktische Tätigkeit zurückgeht. Mit seinen Abhandlungen über Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Astronomie und Musik trug er an der Aachener Hofschule zu einer neuen Blüte der septem artes liberales bei. Auch theologische Abhandlungen gehören zu seinem Werk, wie De fide sanctae et individuae trinitatis. Im Skriptorium des Klosters in Tours entstanden die sogenannten Alkuin-Bibeln mit revidiertem Vulgata-Text und aufwendiger Buchmalerei. Mit seinem Bemühen um Orthographie und eine reine Schrift unterstützte Alkuin die Ausbildung der karolingischen Minuskel, einer aus Kleinbuchstaben bestehenden Schrift, die vom späten 8. bis in das 12. Jahrhundert im Gebrauch war und als Vorbild für die heute verwendeten Kleinbuchstaben gilt.
Ambrosius, einer der Kirchenväter, wurde um 340 in Trier als Sohn des Prätorianerpräfekten von Gallien geboren und genoss in Rom eine aristokratische Ausbildung. Zunächst schlug er als Statthalter von Aemilia und Liguria eine politische Laufbahn ein. Später wurde er zum Bischof von Mailand ernannt. Er vertrat den nicänischen Glauben an die Trinität. Als Bischof gelang es ihm, die Abspaltung der Kirche von den Arianern (Gegner der Trinitätslehre) zu verhindern, die heidnische Religion zurückzudrängen und die Unabhängigkeit der Kirche gegenüber den Kaisern zu behaupten. So ist Ambrosius etwa dafür in die Geschichte eingegangen, dass er Kaiser Theodosius dazu brachte, für seine Schuld an einem Blutbad in Thessalonike öffentlich Buße zu tun. Ambrosius starb im Jahr 397. Als Schriftsteller war der Kirchenvater vielseitig. Neben exegetischen Schriften zum Alten Testament, später auch zum Lukas- Evangelium gibt es eine Vielzahl moralisch-asketischer Schriften wie De officiis ministrorum oder De virginitate, dogmatische Schriften wie De fide oder De Spiritu Sancto, die eng am nicänischen Glauben ausgerichtet sind, Trauerreden und politische Schriften sowie Briefe, die einen Einblick in das bischöfliche Leben geben. Mit seinen theologischen Veröffentlichungen hat Ambrosius gemeinsam mit den anderen Kirchenvätern Augustinus, Gregor dem Großen und Hieronymus die kirchliche Lehre begründet. Als Neugestalter der christlichen Lyrik steht er am Anfang der mittelalterlichen Hymnenpoesie, da er dem Hymnus mit acht Strophen von je vier jambischen Zeilen wohl seine eigene Prägung gegeben hat.
Die Appendix Tibulliana, benannt nach dem Dichter Tibull (um 55 – um 19 v. Chr.), gilt als eine Art Hauspoetenbuch des Messalla-Kreises. Heute scheint unumstritten, dass das dritte Buch, das seit dem Humanismus auch in die Bücher drei und vier unterteilt wird, nicht tatsächlich von Tibull stammt. Neben den Elegien des Lygdamus (3,1–6), dem Panegyricus Messallae (3,7), Liebesgedichten unbekannter Autoren (3,19 und 20) und den Gedichten eines Freundes über ihre Liebe zu Cerinthus (3,8–12) enthält es auch die Gedichte der Suplicia: Diese, Tochter des Servius Sulpicius Rufus, lebte am Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. in der Blütezeit der römischen Liebeselegie und wirkte zusammen mit Dichtern wie Tibull und Lygdamus im Dichterkreis ihres Onkels Valerius Messalla Corvinus. Ihre sechs Liebeselegien an einen Mann namens Cerinthus (3,13–18) sind vielleicht die einzigen überlieferten Gedichte einer Frau aus klassischer Zeit. Mit ihrem öffentlichen Bekenntnis zu Liebe und Sexualität verstieß sie als unverheiratete weibliche Aristokratin gegen die konventionelle Moral. Ihre syntaktischen Eigenwilligkeiten haben ihr den Vorwurf der Amateurin eingebracht, doch zuletzt haben Untersuchungen intertextuelle Bezüge zu Homer, Catull, Vergil und Ovid aufgespürt und sich zunehmend auf Sulpicias literarische Kunstfertigkeit und ihren originellen Ausdruck konzentriert.
Die Appendix Vergiliana ist eine Sammlung von lateinischen Gedichten unterschiedlicher Herkunft und Gattung, die traditionell Vergil (s. dort) zugeschrieben werden. Nach dem Grammatiker Aelius Donatus, der möglicherweise Sueton als Quelle nutzte, soll Vergil in seiner Jugend Catalepton, Priapea, Epigrammata, Dirae, Ciris, Culex und Aetna geschrieben haben. Der Vergil-Kommentator Servius fügte die Copa hinzu. Erst der Bibliothekskatalog von Murbach aus dem 9. Jahrhundert erwähnt eine vergilische Handschrift, die auch das Moretum und die nachvergilischen Elegiae in Maecenatem enthält. Das Moretum wurde vermutlich in die Sammlung aufgenommen, weil seine ländliche Hauptfigur, Inhalt und Stil eng an Vergils Werke angelehnt sind. Heute ist man sich weitestgehend einig, dass das Gedicht nicht von Vergil stammt und vermutlich in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. entstanden ist (vgl. Kenney 1984, XXI–XXVII).
Decimus Magnus Ausonius wurde um 310 als Sohn eines Arztes in Bordeaux geboren. Er machte eine kometenhafte Karriere und lehrte viele Jahre in seiner Heimat Grammatik und Rhetorik, bevor er um 365 als Erzieher des jungen Gratian an den Hof nach Trier (Augusta Treverorum) berufen wurde. Mit dem Regierungsantritt Gratians 375 wurde er zum Prätorianerpräfekten und 379 zum Konsul ernannt. In seinem Ruhestand zog Ausonius sich auf seine Landgüter bei Bordeaux zurück und widmete sich der Literatur und der Pflege seiner Freundschaften. Er starb im Jahr 394. Ausoniusʼ überwiegend poetisches Werk ist so umfangreich, dass hier nur eine kleine Auswahl genannt werden kann. In seinem längsten und berühmtesten Gedicht über die Mosellandschaft, Mosella, verleiht er seiner Verbundenheit mit seiner neuen Heimat Ausdruck und könnte so als der erste deutsche Heimatdichter bezeichnet werden. Erlebnisse in Trier inspirierten ihn auch zu dem leicht erotischen Gedicht Cupido cruciatus, der Beschreibung eines Wandgemäldes in einem Triclinium, und dem Epigrammzyklus Bissula, einem Lobgedicht auf ein blauäugiges Mädchen, das im Alemannenfeldzug für ihn erbeutet worden war. Neben Katalogen (Ordo urbium nobilium, Caesares usw.) und weiteren Epigrammen hat Ausonius auch ein provokantes vergilisches Hochzeits-Cento (ein aus Versen aus einem früheren Text zusammengesetztes neues Gedicht) und spielerische Rätsel verfasst, die aus der Unterrichtspraxis stammen könnten (Technopaegnion, Ludus septem sapientum, Griphus ternarii numeri). In weiteren Gedichten gedenkt er Menschen aus seiner näheren Umgebung. Durch Anspielungsreichtum auf ein breites Spektrum römischer Dichter wie Catull und Horaz neben Plautus, Terenz, Lukrez, Vergil, Tibull, Ovid, Lucan, Statius und Juvenal und durch formales Raffinement stellt Ausonius seine große Gelehrsamkeit unter Beweis. Trotz seiner Rolle als Staatsmann blieb sein Werk weitgehend unpolitisch. Es repräsentiert eine Kultur der Bewahrung des antiken Erbes. Obwohl er wahrscheinlich Christ war, zeigt es ein lebhaftes Interesse an den traditionellen griechisch-römischen Gottheiten.
Anicius Manlius Severinus Boethius wurde um 480 geboren und starb 524. Er lebte an der Wende zum Mittelalter, die gern durch zwei Ereignisse des Jahres 529 markiert wird: die Gründung des ersten Klosters Monte Cassino in Latium und die Schließung der platonischen Akademie durch Kaiser Justinian. Nach dem frühen Tod seines Vaters, des Konsuls von 487, wurde Boethius im Haus des berühmten Redners Quintus Aurelius Symmachus aufgenommen, dessen Tochter Rusticiana er später heiratete. Unter dem Ostgotenkönig Theoderich stieg der Gelehrte 510 zum Konsul ohne Kollegen (consul sine collega) und Leiter aller Hof- und Staatsämter (magister officiorum) auf. Als er zwischen die Fronten des ostgotischen Hofs in Ravenna und der probyzantinischen Senatspartei geriet, wurde er in einem Hochverratsprozess angeklagt und zum Tode verurteilt. Als hätte er das Ende der Antike geahnt, plante Boethius, dem lateinischsprachigen Westen die gesamten Schriften von Aristoteles und Platon durch Übersetzungen und Kommentare zugänglich zu machen – doch diesen Plan konnte er leider nicht mehr vollenden. Entstanden sind so etwa Ausgaben von Aristotelesʼ Organon oder Platons Timaios sowie ein Kommentar zu Ciceros Topica. Neben theologischen Traktaten und eigenen Schriften zur Logik schuf Boethius mit seinen Lehrbüchern über das Quadrivium der Artes liberales (Arithmetik und Musik sind erhalten) Grundlagen für den mittelalterlichen Schulunterricht. In seinem letzten Werk De consolatione philosophiae, das zwischen Prosa und Poesie wechselt, sucht der Verurteilte Trost in der Philosophie. Im Gefängnis führt er darin mit der ihm erschienenen Philosophie einen Dialog über existentielle Grundfragen. Das Werk hat einen so großen Eindruck auf die Nachwelt hinterlassen, dass Chaucer (um 1380) und Königin Elisabeth I. (1593) es ins Englische übersetzten.
Diese größte und bedeutendste Sammlung mittellateinischer Vagantenlieder, die jedoch auch altfranzösische und mittelhochdeutsche Dichtungen aus dem 13. Jahrhundert enthält, ist nach ihrem Fundort benannt (»Lieder aus Benediktbeuern«) – sie wurde im Zuge der Säkularisation der bayerischen Klöster in der Benediktinerabtei Benediktbeuern bei Bad Tölz entdeckt. Heute ist die Handschrift (der sogenannte Codex Buranus) in der Bayerischen Staatsbibliothek München zugänglich (Codex latinus Monacensis 4660). Prominent ist die Abbildung des Rads der Fortuna, einer Miniatur des Codex, die nach dem Verlust der Anfangslagen zu dessen Eingangsblatt avancierte. Die Sammlung umfasst über 315 Texte unterschiedlichster Größe und Sorte von einzelnen elegischen Distichen über Carmina, akzentrhythmische Strophengedichte hin zu ganzen Singspielen. Aufgrund der vielen den Texten beigegebenen Neumierungen präsentiert sie sich als Liederbuch. Auch wenn die »Lieder aus Benediktbeuern« wie die Lyrik eines Vaganten wirken, wird heute angenommen, dass das Textcorpus im Milieu eines geistlichen Hofes zusammengetragen wurde. Trotz ihrer anonymen Überlieferung konnten für einzelne Gedichte später so berühmte Autoren wie Hilarius von Angers, Walter von Châtillon und Walther von der Vogelweide als Verfasser identifiziert werden. Die vielfältigen Themen und Motive reichen von Zeitklage und Sittenkritik über Liebe und Natur, Liebesglück und Liebesleid, Zechen, Spiel und Vangantentum hin zu geistlichen Spielen. Populär geworden sind die Carmina Burana durch ihre Neuvertonung von Carl Orff zu einer szenischen Kantate (1935/36).
Dieses Corpus umfasst etwa 80 Priapeen, also Gedichte, die an den Fruchtbarkeitsgott Priap gerichtet sind, ihn als Gott anrufen oder auch von ihm selbst gesprochen sind. Sie stammen aus dem 1./2. Jahrhundert n. Chr. und wurden in elegischen Distichen, Hendecasyllaben oder Hinkjamben vermutlich von einem anonymen Autor verfasst und zu einem sorgfältig strukturierten Epigrammbuch komponiert. In Anbetracht des frivolen Charakters der Gedichte verwundert es nicht, dass sie erst im Humanismus wieder ans Licht kamen. Boccaccio dürfte mit seinem Manuskript im 14. Jahrhundert entscheidend zu ihrer Verbreitung beigetragen haben. Ihren besonderen Reiz macht das Spannungsverhältnis zwischen ihrem hohen literarischen Anspruch, der sich in ihrer raffinierten und anspielungsreichen literarischen Form und gelehrten intertextuellen Anspielungen zeigt, und der Derbheit des Themas, der extremen Obszönität, dem anzüglichen Witz und heftigen Spott aus. Im Zentrum steht der Gartengott Priap, der mit einem überdimensionalen roten Phallus ausgestattet ist. Mit Besuchern des Obstgartens treibt er seine derben Scherze und droht potentiellen Dieben mit sexuellen Strafen. Im Laufe der Sammlung leidet der Fruchtbarkeitsgott jedoch zunehmend an Impotenz und wird sich dessen bewusst, dass er nur eine hilflose, hölzerne Statue ist. Als Vorbild könnten die etwa 40 griechischen Priapeen in der Anthologia Graeca ebenso wie die Epigramme Martials gedient haben. Auch römische Autoren wie Horaz, Tibull und Pseudo-Vergil haben über den Gartengott gedichtet. Goethe ließ sich von den Carmina Priapea in seinen Römischen Elegien und Venezianischen Epigrammen inspirieren.
Gaius Valerius Catullus, dessen Werk die augusteische Dichtung maßgeblich beeinflusst hat, lebte in der späten römischen Republik, in einer Zeit der Expansion des römischen Reiches durch Caesar und Pompeius. Nach Aussage von Ovid (Amores 3,15,7) und Martial (14,195) wurde er vermutlich 84 v. Chr in Verona geboren. Seine Herkunft aus der Provinz Transpadana betont Catull selbst (39,13) und beschreibt Sirmio in der Gegend um Verona als seine Heimat (31), die er immer wieder aufgesucht habe. Im Hause seines angesehenen Vaters verkehrte Caesar regelmäßig während seines Prokonsulats in Gallien (Sueton, Divus Iulius 73). Bald verlagerte Catull seinen Lebensmittelpunkt nach Rom, in dessen Nähe er ein Landgut besaß (44). Zu Beginn seiner politischen Karriere war er Teil der Cohors praetoria eines Memmius in Bithynien (z. B. 10,9–13 und 28,7–10). In Rom widmete er sich der Poesie und gehörte mit seinen engsten Vertrauten Helvius Cinna (95) und Gaius Licinius Calvus (14, 50, 53, 96) einer Gruppe von Dichtern (»Neoteriker« oder »Neue Dichter«, vgl. Cicero, Ad Atticum 7,2,1, Orator 161) an, die die feinen ästhetischen Prinzipien aus dem hellenistischen Alexandria zu ihrem Stilideal erhoben. Einen interessanten Einblick in das politische Leben der späten Republik geben Catulls Gedichte (meist Invektiven) an oder über führende Politiker wie Caesar (29, 57, 93), Pompeius (29, 113), Cicero (49) und Clodius (79), obwohl Catull in seiner Poesie ein weit größeres Interesse am eigenen Privatleben zeigt und an Vielseitigkeit kaum zu übertreffen ist. Catull starb um das Jahr 54 v. Chr. Nur eine einzige mittelalterliche Handschrift, die um 1300 nach Verona gelangte, sicherte das Überleben von Catulls Werk. Die Sammlung, deren Anordnung umstritten ist, umfasst heute in der Regel 116 Gedichte. Sie wird gewöhnlich in drei Teile gegliedert: kleinere Gedichte in lyrischem oder jambischem Versmaß (1–60) an Geliebte, Freunde oder Feinde, größere Gedichte (61–68), unter denen sich Hochzeitsgedichte, eine Erzählung im galljambischen Metrum über die Erlebnisse eines Anhängers der kleinasiatischen Muttergottheit Kybele, ein Epyllion über die Hochzeit von Peleus und Thetis mit einer langen Binnenerzählung über Theseus und Ariadne sowie Elegien befinden, und Epigramme (69–116) in elegischen Distichen über Liebe, Trauer oder in Form obszöner Invektiven. Catull griff nicht nur auf griechische Vorbilder wie Sappho und Kallimachos und andere lyrische, jambische und elegische Autoren zurück, sondern imitierte auch ältere römische Formen wie die Komödie.
Girolamo Fracastoro wurde um 1478 in eine einflussreiche Familie in Verona hineingeboren, das zeitweise zu Venedig, dem damals liberalsten und fortschrittlichsten Staat Europas, gehörte. Er studierte Mathematik, Astronomie, Philosophie und Medizin vor allem an der liberalen Universität Padua, wo er später auch lehrte. Fracastoro hatte Verbindungen zu zahlreichen herausragenden Zeitgenossen wie Pietro Bembo, Andrea Navagero und Nikolaus Kopernikus. 1509 kehrte er als Arzt in seine Heimatstadt Verona zurück. Zum Schreiben zog er sich in seine am Fuße des Monte Baldo gelegene Villa in Incaffi zurück, wo er 1553 starb. Tizian porträtierte den humanistischen Arzt, Astronom und Dichter – das Gemälde hängt heute in der Londoner National Gallery –, und als Statue ist er auf der Piazza dei Signori in Verona neben Dante zu sehen. Fracastoro verfasste eine Reihe von Schriften und Gedichten über Philosophie, Astronomie, Dichtkunst und Medizin (Opera omnia, 1555). Am bekanntesten ist er für das hier behandelte Lehrgedicht Syphilis sive morbus gallicus (1530), das ihm unter seinen Zeitgenossen den Ruf als bester Dichter nach Vergil eingebracht hat. In seiner Prosaschrift De contagione et contagiosis morbis (1546) legte Fracastoro die erste wissenschaftliche Erklärung der Krankheitsübertragung als Ansteckung durch Krankheitskeime dar, die 300 Jahre später von dem deutschen Arzt Robert Koch und dem französischen Chemiker Louis Pasteur empirisch belegt wurde.
Hadrian ist der politisch einflussreichste Autor unserer Sammlung. Er wurde im Jahr 76 in der spanischen Provinz Baetica geboren und folgte 117 seinem Onkel Trajan als römischer Kaiser nach. Er vereint in seiner Biographie politische und militärische Stärke mit höchster Bildung und Gelehrsamkeit. Nach einer typischen Senatorenlaufbahn und der Teilnahme an Daker- und Partherkrieg adoptierte Kaiser Trajan ihn, damit er nach seinem Tod seine Nachfolge antreten konnte. Als Imperator Caesar Traianus Hadrianus Augustus führte Hadrian die Expansionspolitik seines Vorgängers dann nicht fort, sondern festigte das Römische Reich im Innern, das von Lusitanien (Portugal) bis Armenien, von Ägypten bis Britannien reichte. Seine ausgedehnte Reisetätigkeit durch fast alle Provinzen zeigt, dass es ihm auf die innere Entwicklung des Landes ankam. Mit Grenzanlagen in Obergermanien, Nordafrika und Britannien, wo der berühmte Hadrianswall noch heute eine Touristenattraktion ist, sicherte er die Grenzen. Der Stadt Rom hinterließ er das berühmte Pantheon. Hadrian starb im Jahr 138. Noch heute ist er für seine große Liebe zur griechischen Kultur bekannt. Sein Landhaus bei Tivoli, in dem sich zahlreiche Kopien griechischer Kunstwerke befinden, gleicht einem Museum. Als Kaiser dichtete Hadrian nicht nur selbst, sondern förderte durch die Gründung einer Akademie in Rom (Athenaeum) berühmte Literaten und Gelehrte. Er gilt als Angehöriger des Kreises der poetae novelli, einer Reihe von Dichtern des 2. Jahrhunderts, die kleinere Dichtungen im neoterischen Stil Catulls (poetae novi) verfassten. Von Hadrian sind nur vier Gedichte überliefert, von denen das ausgewählte Abschiedsgedicht an seine Seele das berühmteste ist.
Quintus Horatius Flaccus wurde als Sohn eines Freigelassenen 65 v. Chr. in Venusia (Apulien) geboren. Nach seiner Schulzeit in Rom studierte er griechische Philosophie und Literatur in Athen (Epistula 2,2,43). Auf der Seite des Caesar-Mörders Brutus kämpfte er als Militärtribun gegen die Anhänger Caesars, zu denen auch Octavian, der spätere Kaiser Augustus, gehörte. Nach der Niederlage bei Philippi (42 v. Chr., Carmen 2,7) und dem Verlust des väterlichen Grundbesitzes, so sagt er, habe ihn die Armut zum Dichter gemacht (Epistula 2,2,50–52). Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wurde Horaz Beamter im Staatsarchiv (scriba quaestorius). Maecenas, der Förderer der Künste und enge Vertraute des Augustus, nahm den Dichter 38 v. Chr. auf Empfehlung von Vergil und Varius in seinen Kreis auf und schenkte ihm ein Landgut in den Sabiner Bergen. Als Zeichen der Anerkennung ließ Augustus Horaz 17 v. Chr. das Carmen saeculare (ein Chorlied für die Säkularspiele) dichten. Nicht ohne Grund also bezeichnet man Horaz als augusteischen Dichter. Er starb 8 v. Chr. Sein Œuvre umfasst außerdem zwei Bücher Satiren (Sermones, »Gespräche«), die Epoden (Iamben) sowie vier Bücher Oden (Carmina), von denen zwei Gedichte für diese Ausgabe ausgewählt wurden. Die Lyrik der Oden zeichnet sich gegenüber den übrigen Werken des Horaz meist durch einen besonders erhabenen Stil aus. Als Vorbilder nennt Horaz die Dichtung der frühgriechischen Lyriker Alkaios und Sappho. Auch der Einfluss des Anakreon wird in seinen Gedichten spürbar. Schließlich dichtete Horaz zwei Bücher Briefe (Epistulae), zu denen auch die als Ars poetica bezeichnete Epistel über Literaturtheorie gehört.
Der Satiriker Decimus Iunius Iuvenalis, von dem geflügelte Worte wie panem et circenses (10,81) oder mens sana in corpore sano (10,356) stammen, wurde möglicherweise im Jahr 67 geboren. Abgesehen von den wenig Vertrauen erweckenden Aussagen der satirischen persona und einer fiktiven spätantiken Vita haben wir kaum verlässliche Informationen über sein Leben. Vermutlich stammte er aus dem kampanischen Aquinum (vgl. 3,318–319; CIL 10,5382 = ILS 2926). Dass er seine Satiren keinem Mäzen widmete, könnte darauf hinweisen, dass er der römischen Oberschicht angehörte und somit auf keine finanzielle Förderung angewiesen war. Er besaß jedenfalls ein Landgut in Tivoli (11,65). Die Epigramme seines Zeitgenossen Martial zeichnen das Bild eines Freundes (7,24), der rhetorisch versiert (7,91,1 facunde), offen für erotische Späße (7,24; 7,91) und aus den geschäftigen Straßen Roms nicht wegzudenken war (12,18). Juvenals fünf Bücher mit 16 Satiren (die letzte Satire ist nur unvollständig erhalten) stehen in der Tradition von Lucilius und Horaz und sind bekannt für einen wütenden Ton, der sich das Pathos aus Epos und Tragödie zu eigen macht, und ihre Nähe zur Deklamation. Juvenal kritisiert moralischen Verfall, Heuchelei und Korruption der römischen Oberschicht, am Maßstab eines idealisierten alten Rom gemessen. Mit einem Blick fürs Detail schildert der indignierte Sprecher etwa ein Gelage aus der Sicht eines gedemütigten Klienten (5), das Großstadtleben (3), das Wesen der Frauen (6) oder den Niedergang der intellektuellen Berufe (7).
Der epikureische Dichter Titus Lucretius Carus lebte von etwa 94 bis 55 oder 51 v. Chr. Sein hexametrisches Lehrgedicht De rerum natura (Über die Natur der Dinge) in sechs Büchern hat er dem Prätor und Dichter Gaius Memmius gewidmet. Es ist 2011 durch den Bestseller des Shakespeare-Experten und Literaturhistorikers Stephen Greenblatt The Swerve: How the World Became Modern zu neuer Berühmtheit gelangt. Das Buch erzählt die Geschichte des Bücherjägers Poggio Bracciolini, der im Winter des Jahres 1417 ein Exemplar von De rerum natura in einem deutschen Kloster aufspürte und vor der Zerstörung rettete, womit er die Moderne begründet haben soll. Man weiß heute weniger über Lukrezʼ Leben als über das irgendeines anderen römischen Dichters. Weder sein Geburtsort noch sein sozialer Status sind bekannt. De rerum natura beginnt mit einem Eröffnungshymnus an Venus und endet mit dem Ausbruch der Pest in Athen. Es propagiert die epikureische Lebensform fern von Politik und Aktionismus mit der voluptas als dem Ziel menschlichen Handelns. Die Atomlehre dient dazu, die Furcht vor dem Tod und vor Göttern zu bannen.
Marcus Valerius Martialis wurde zwischen 38 und 41 in Bilbilis in Spanien geboren. Im Jahr 64 gelangte er nach Rom und wurde dort im Kreis um Lucius Annaeus Seneca, den berühmten Stoiker und Erzieher Neros, gefördert. Er war mit führenden Literaten wie Plinius dem Jüngeren, Silius Italicus und Juvenal verbunden und zeigte sich später den Herrschern seiner Zeit, Domitian, Nerva und Trajan, gewogen. Bevor er im Jahr 80 n. Chr. mit seinem Epigrammbuch Liber de spectaculis die Eröffnungsspiele des Kolosseums feiern konnte, muss er sich bereits Ruhm durch Gelegenheitsgedichte und Panegyrik auf die Reichen und Mächtigen erworben haben. Die übrigen Epigrammbücher, die heute in einer Sammlung zusammengefasst sind, erscheinen nach den später als Buch 13 und 14 gezählten Xenia und Apophoreta. Im Laufe seines Lebens erwarb Martial den Rang eines römischen Ritters, er besaß ein Landgut bei Nomentum und später auch ein Haus in Rom. Vor seinem Tod zwischen 101 und 104 kehrte er in seine Heimat Bilbilis zurück. Mit seinem literarischen Anspruch und der ästhetischen Qualität seiner Werke hat Martial, dessen größtes Vorbild der Neoteriker Catull war, das Epigramm zu einer literarischen Gattung erhoben. Seine Epigramme, die meist auf eine scharfe Pointe hinauslaufen, zeichnen sich durch eine Vielfalt der Themen (Spott-, Grabepigramme, Epigramme auf Gegenstände, Kunstwerke, Villen, Huldigungen an Kaiser, Lob verschiedener Freunde und Gönner, Reflexionen zum Leben usw.), des Umfangs sowie des Metrums (elegisches Distichon, Hendecasyllaben, Choljambus usw.) aus.
Jacobus Micyllus (auch Molsheim genannt, eigentlich Jakob Moltzer) wurde 1503 in Straßburg geboren. Seit seinem Studium in Erfurt und Wittenberg verband ihn nicht nur mit seinem Lehrer Philipp Melanchthon, sondern auch mit den Humanisten Eobanus Hessus und Joachim Camerarius dem Älteren eine gelehrte Freundschaft. Auf Empfehlung Melanchthons wurde Micyllus 1524 an die vier Jahre zuvor gegründete Frankfurter Lateinschule berufen und hatte dort bis 1533 sein erstes Rektorat inne. In Heidelberg übernahm er dann eine Professur für Griechisch, um 1537 nach dem Sieg der Reformation unter weit besseren Bedingungen in die Reichsstadt Frankfurt zurückzukehren und dort bis 1547 erneut die Gelehrtenschule zu leiten. Während seines zweiten Rektorates entwarf Micyllus eine Schulordnung, reformierte die Schule nach den Vorstellungen Melanchthons und machte sie zu einer modernen Gelehrtenschule. In dieser Zeit der geistigen Blüte der Schule, die durch den Umbau mit einer baulichen Blüte einherging, schrieb Micyllus sein Epigramm über die Schola Francofortensis. 1547 folgte er schließlich einem Ruf auf den Lehrstuhl für Griechisch an der Universität Heidelberg, um diese als Dekan und Rektor im Geiste der Reformation und des Humanismus zu organisieren. Dort verstarb er 1558. Micyllus verfasste Lehrbücher über Grammatik (Überarbeitung von Melanchthons Grammatica Latina, 1540), Metrik (De re metrica, 1539) und Arithmetik (Arithmetica logistica, 1533), die ihm als Grundlage für den eigenen Unterricht dienten, und gab die Werke zahlreicher antiker Autoren wie Homer, Euripides, Lukian sowie Ovid, Livius, Lukan, Martial, Tacitus und Hygin heraus. Nach dem Tod seines Vaters gab Micyllusʼ Sohn Julius 1564 dessen Gedichte in den fünf Bücher umfassenden Sylvae heraus, aus denen auch die Inscriptio scholae Francofortensis stammt. Darin enthalten sind unter anderem eine Trauerelegie auf den Tod des ersten Rektors der Lateinschule Wilhelm Nesen sowie Gedichte über Tagesereignisse wie den Einzug Karls V. in Frankfurt oder das Heidelberger Schützenfest von 1554. Durch seine stilistische Annäherung an die klassische Überlieferung, die mit selbstsicherer Eleganz gepaart ist, gilt Micyllus als einer der bedeutendsten Vertreter der neulateinischen Poesie seines Jahrhunderts.
Publius Ovidius Naso wurde 43 v. Chr. im mittelitalischen Sulmo in eine adlige Ritterfamilie geboren. Mit Tristia 4,10 hat er uns eine poetische Autobiographie hinterlassen. In Rom genoss er eine Ausbildung bei den Meistern der Redekunst Arellius Fuscus und Porcius Latro (Seneca, Controversiae 2,2,8–12; 9,5,17), die er mit Bildungsreisen nach Griechenland abrundete (Tristia 1,2,77–78, Epistula ex Ponto 2,10,21–28). Nach Bekleidung einiger politischer Ämter verzichtete Ovid auf eine senatorische Laufbahn, um sich ganz der Dichtkunst zu widmen. Damit verwirklichte er in seiner eigenen Biographie einen Topos der Liebeselegiker. Von allen Versuchen, einen anderen Lebensweg einzuschlagen, hielt ihn die Muse ab: »Und was ich zu schreiben begann, wurde von selber zum Vers.« (4,10,26 et quod temptabam scribere versus erat.) Im Kreis des Marcus Valerius Messalla Corvinus, der Ovids Talent schon früh erkannt hatte, lernte er Tibull kennen, für den er große Bewunderung empfand (Tristia 4,4, Epistula ex Ponto 1,7,27–30). Auch mit anderen zeitgenössischen Dichtern war Ovid bekannt: Horaz hörte er Oden vortragen, mit Properz tauschte er seine Dichtung aus. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere im Jahr 8 n. Chr. wurde er schließlich von Augustus nach Tomi (dem heutigen Constanza in Rumänien) ans Schwarze Meer verbannt. Als Gründe nennt Ovid selbst ein Gedicht (wohl die Ars amatoria) und eine Verfehlung (Tristia 2,207 carmen et error). Man vermutet, dass Ovid in einen Skandal verwickelt war, der die kaiserliche Familie betraf. 17 n. Chr. starb Ovid unglücklich im Exil, ohne Rom je wiedergesehen zu haben. Ovid hinterließ ein umfangreiches und facettenreiches Werk. In den Liebeselegien (Amores) durchlebt das elegische Ich eine turbulente Affäre mit seiner unerreichbaren »Herrin« (domina) Corinna. Die männliche Perspektive wird in den Heldenbriefen (Heroides) um eine weibliche ergänzt. Hier schreiben mythologische Frauengestalten in elegischen Distichen an ihre geliebten Männer in der Ferne (Briefe 1–14, die Authentizität von Epistula 15 ist umstritten) oder treten mit ihnen in einen Briefwechsel ein (16–21). Die Liebeselegie entwickelte Ovid in den Lehrgedichten Ars amatoria (Liebeskunst), den Remedia amoris (Heilmittel gegen die Liebe) und den Medicamina faciei femineae (Heilmittel für das weibliche Antlitz) weiter. Mit den Metamorphosen (Verwandlungssagen) schuf Ovid ein Epos in Hexametern, in dem er die Welt von den Anfängen bis in die augusteische Zeit anhand von Episoden in einem ewigen Fluss darstellte. Etwa zur gleichen Zeit entstanden die Fasti, eine aitiologische Elegie über die Festtage des römischen Kalenders, die unvollendet blieben. In seiner letzten Schaffensphase dichtete Ovid wieder in elegischen Distichen: Im Exil schrieb er die Tristia (Trauergedichte), Epistulae ex Ponto (Briefe vom Schwarzen Meer) und Ibis (ein Fluchgedicht).
Vermutlich handelt es sich bei dem Verfasser der Satyrica um den von Tacitus in seinen Annalen (16,18–19) porträtierten Römer am Hofe des Kaisers Nero: Geistreich und hedonistisch tritt Petron dort als Autorität in der feinen Lebensart (arbiter elegantiae) in Erscheinung. Auf der politischen Bühne soll er als Statthalter Bithyniens und Konsul gewirkt haben. In spielerischem Gleichmut habe Petron 66 n. Chr. sein Leben beendet, nachdem er im Zuge der Pisonischen Verschwörung zum Freitod gezwungen worden war. Die Satyrica, von denen nur die Fragmente der Bücher 14, 15 und 16 in einer Mischung aus Prosa und Gedicht (Prosimetrum) erhalten sind, gelten als der erste lateinische Roman. Im Süden Italiens durchlebt der Protagonist und Erzähler Encolpius so manches Abenteuer mit seinem Geliebten Giton und trifft auf eine Reihe von Personen wie den skrupellosen Abenteurer Ascyltus und den lüsternen Dichter Eumolpus. Gitons notorische Untreue macht den Roman unter anderem zu einer Parodie auf die keusche Treue der Jungen-Mädchen-Paare des idealen griechischen Romans. Als Folge des Zorns des phallischen Gottes Priap wird Encolpius von Impotenz geplagt – wohl eine Parodie auf den Zorn Poseidons in der homerischen Odyssee.
Der Fabeldichter Phaedrus wurde zwischen 20 und 15 v. Chr. geboren und starb Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Über sein Leben ist kaum etwas bekannt. Aus den Pro- und Epilogen seiner Fabelsammlung erfahren wir, dass er in der Landschaft Pieria in der griechischen Provinz Makedonien geboren wurde – dies ist auch die Heimat der Musen –, und als Sklave nach Rom kam, wo er möglicherweise eine pädagogische Funktion am Hof des Augustus oder Tiberius innehatte. Phaedrusʼ Gesamtwerk umfasst 126 Fabeln, fünf Prologe und drei Epiloge, die sich auf fünf Bücher und eine Appendix verteilen. In der Entwicklung der Gattung der griechisch- römischen Fabel bildet sein Werk als früheste uns erhaltene Sammlung einen Höhepunkt. Indem Phaedrus das künstlerisch eigenständige poetische Fabelbuch entwickelte, trug er zur Entstehung der literarischen Gattung Fabel bei. Über seine Quelle kann nur spekuliert werden. Phaedrus führte – wie er selbst im Prolog zum ersten Buch sagt – die Stoffe Äsops in die lateinische Sprache ein und übertrug die griechische Prosa in jambische Senare. Die umfangreiche Rezeption seines Werkes reicht vom spätantiken Fabelautor Avian und dem Aesopus Latinus-Corpus über La Fontaine, Luther und Lessing bis in die heutige Zeit. Die Wirkungsmacht seiner Fabeln zeigt sich nicht zuletzt darin, dass von ihm geprägte Redensarten wie »sich mit fremden Federn schmücken« aus der Fabel über die hochmütige Dohle, die sich Pfauenfedern anlegt und dafür von den Pfauen übel zugerichtet und verachtet wird (1,3), oder »vor Neid platzen« aus der Fabel über den Frosch, der das Rind an Größe übertreffen will und platzt (1,24), in unseren Sprachgebrauch übergegangen sind.
Der »Vater der Komödie der Neuzeit« Titus Maccius Plautus wurde um 250 v. Chr. in Sarsina (Umbrien) geboren. Man spekuliert, dass sein Name Programm war: Im Umbrischen bedeutet plotus »Plattfuß«, so dass sein Cognomen für die typisch flachen Schuhe des Mimendarstellers (planipes) gestanden haben könnte. Der im oskisch-umbrischen Sprachraum nachgewiesene Eigenname Maccus bezeichnete eine der vier Standardrollen der Fabula Atellana – die des Tölpels – und könnte das künstliche Nomen gentile »Maccius« inspiriert haben. Die meisten Nachrichten über Plautusʼ Leben sind legendenhaft: Im Theater soll er zu Vermögen gekommen sein – wie alle römischen Komödiendichter wird Plautus seine Stücke anfangs selbst gespielt oder sogar einstudiert haben –, nach dem Verlust seines Geldes jedoch seinen Lebensunterhalt in einer Mühle verdient haben. Er starb im Jahr 184 v. Chr. Mit rund 21 500 Versen bilden seine 21 Komödien das größte Textcorpus der lateinischen Literatur vor Cicero. Dazu gehören unter anderen: Amphitruo, Asinaria (Die Eselskomödie), Bacchides (Die zwei Schwestern Bacchis), Cistellaria (Die Kästchenkomödie), Curculio (Der Kornwurm), Mercator (Der Kaufmann), Miles gloriosus (Der prahlerische Soldat). Inspirieren ließ Plautus sich von der griechischen Neuen Komödie des Hellenismus, besonders von ihrem berühmtesten Vertreter Menander. Amphitruo jedoch – eine Ausnahme – ist stärker an die Mittlere Komödie angelehnt. Plautusʼ Komödien bieten vorphilosophische Reflexionen über Mensch und Schicksal, Liebe und Freundschaft, menschliche Abhängigkeit und einen spöttischen Umgang mit der Moral und Autorität der Alten.
»Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte«, so Goethe in seiner Italienischen Reise über den Untergang Pompejis (Hamburger Ausgabe 11, S. 204). Der Vesuvausbruch im Jahr 79 n. Chr. ermöglicht der Nachwelt heute, bald 2000 Jahre später, einen einzigartigen Einblick in das Leben der einstigen Bewohner der Stadt – nicht nur durch die römische Architektur und Alltagsgegenstände, sondern auch durch die Botschaften, die die Menschen mit Griffel, Tonscherbe oder Messer in Fassaden und Häuserwände geritzt (Graffiti) oder mit Pinsel und Farbe aufgemalt (Dipinti) haben. Diese Botschaften waren nicht für die Ewigkeit gedacht, denn sie wären bald von der Witterung zerstört, übermalt oder entfernt worden. Es sind spontane Äußerungen meist ohne Namen und ohne Kontext. Daher wirken sie auf uns so menschlich und unmittelbar. Thematisch reichen sie von offiziellen Mitteilungen an belebten Straßenecken wie Wahlempfehlungen, geschäftlichen Mitteilungen oder der Ankündigung von Gladiatorenspielen bis hin zu persönlichen ›Kritzeleien‹ als Grüße, Schulübungen, Liebesbekenntnisse, Anwesenheitsnotizen oder Spott. Nicht wenige Botschaften sind erotischen oder obszönen Inhalts. Es gibt nicht nur Wandinschriften in kurzer und schlichter Prosa, die uns einen guten Einblick in die lateinische Umgangssprache bieten, sondern auch einzelne poetische Zitate von Lukrez, Vergil oder Ovid und selbständige metrische Kompositionen. Mittlerweile sind etwa 10 000 pompejanische Wandinschriften bekannt, die im Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL) seit dem 19. Jahrhundert ediert werden.
Sextus Aurelius Propertius wurde in der Mitte des 1. Jahrhundert v. Chr. in Assisi (Umbrien) geboren. Dort können Besucher noch heute Reste eines römischen Hauses besichtigen, das man für das Haus des Dichters hält. Es ist an den Wänden mit bunten Fresken und griechischen Versen geschmückt. Da Properz aus einem angesehenen Geschlecht stammte, genoss er die standesübliche rhetorische Ausbildung, entschied sich jedoch zugunsten der Dichtkunst gegen eine Karriere als Anwalt oder Politiker. Dass Ovid ihn in seiner Ars amatoria (3,333) in den Katalog der (verstorbenen) Dichter aufnahm, die ein gebildetes Mädchen gelesen haben sollte, spricht dafür, dass er im Jahr 1 n. Chr. nicht mehr am Leben war. Mit Cornelius Gallus, Tibull und Ovid gehörte er zu den Vertretern der römischen Liebeselegie. Properz veröffentlichte seine römischen Liebeselegien in vier Büchern (vor 28 v. Chr. bis nach 16 v. Chr.). Auch wenn er sich allgemein auf die Tradition von Kallimachos und Philitas berief, war sein wichtigstes Vorbild neben Catull gewiss Cornelius Gallus (in 2,34,87–92 genannt), der als Begründer der »subjektiven römischen Liebeselegie« gilt. In seiner ersten Sammlung von Gedichten, dem sogenannten Monobiblos, besingt Properz seine Liebe zu Cynthia (nach Apuleius, Apologia 10,3 hieß sie in Wahrheit Hostia), die auch in den anderen Büchern noch eine bedeutende Rolle spielt. Im zweiten und dritten Buch lernen wir Properz schon als Teil des Maecenas-Kreises (2,1; 3,9) kennen. Im vierten Buch wendet er sich schließlich der Darstellung von Ursprungssagen römischer Feste und Örtlichkeiten zu.
Lucius Annaeus Seneca, heute vor allem als Philosoph der Stoa und Erzieher des jungen Kaisers Nero bekannt, wurde um 1 v. Chr. als Sohn des gleichnamigen Rhetors und Verfassers der Controversiae und Suasoriae im südspanischen Cordoba geboren. Als Angehöriger einer einflussreichen Ritterfamilie genoss er schon früh eine Ausbildung beim Grammaticus und Rhetor in Rom und umgab sich mit Philosophen wie dem Stoiker Attalos und dem Kyniker Demetrios. Seine politische Karriere, die Seneca unter Kaiser Tiberius als Quästor in Rom einleitete, erlitt mit seiner Verbannung nach Korsika durch Kaiser Claudius schon bald einen herben Rückschlag. Als Neros Mutter ihn acht Jahre später als Prätor nach Rom zurückholte und ihm die Erziehung ihres Sohnes Nero anvertraute, avancierte Seneca zu einem der einflussreichsten Männer des römischen Weltreiches. Dass sein Programm der Milde für den jungen Nero (clementia, vgl. Tacitus, Annales 13,11) nicht aufgegangen ist, beweist seine eigene Biographie: 65 n. Chr. von Nero nach der Pisonischen Verschwörung zum Selbstmord gezwungen, starb er wie der große Philosoph Sokrates durch den Schierlingsbecher. Senecas Œuvre ist ausgesprochen vielseitig. Sein umfangreiches philosophisches Werk umfasst neben den Dialogi mit zehn philosophischen Schriften, De clementia und De beneficiis vor allem die Epistulae morales ad Lucilium, die zahlreiche Fragen der rechten Lebensführung behandeln. Sein satirisches Werk Apocolocyntosis über die »Verkürbissung« des Kaisers Claudius hat so manchen seiner Zeitgenossen zum Lachen gebracht. Als Autor der Naturales quaestiones reichte sein naturwissenschaftlicher Einfluss bis ins Mittelalter. Auch als Dramatiker war Seneca produktiv. Seine Tragödien Hercules furens, Troades, Medea, Phaedra, Oedipus, Phoenissae, Thyestes, Agamemnon und Hercules Oeteus gehen vor allem auf Euripides, Sophokles oder Aischylos zurück. Wer den Philosophen Seneca kennt, der das stoische Ideal der Unabhängigkeit von äußeren Gütern und Affekten anstrebt, fragt sich, wie derselbe Autor seine Figuren in der Tragödie in einer schicksalhaften Welt der Verbrechen und des Schmerzes ihrem Hass, ihrer Wut, ihrer Furcht und ihrer Trauer ausliefern konnte. Oder sind diese Werke etwa Studien der menschlichen Affekte im Dienste seiner Philosophie?
Der Epiker Publius Papinius Statius wurde um das Jahr 45 in Neapel geboren. Er war griechischer Abstammung und kein Aristokrat, denn sein Vater war Dichter und Lehrer in Neapel und Rom, wohin die Familie zog, als Statius noch im Teenageralter war (Silvae 5,3). Statius stellte sein Talent als Enkomiast und Auftragsdichter in den Dienst Wohlhabender und erhob private Typen des Gelegenheitsgedichtes zum Kunstwerk. Von seinen Zeitgenossen erwähnt ihn einzig Juvenal als Dichter, dem seine Popularität keinen materiellen Erfolg eingebracht habe (vgl. 7,82–87). Aus Dichterwettkämpfen (Augustalien, albanischer Wettkampf) ging Statius mehrmals als Sieger hervor, unterlag jedoch bei den kapitolinischen Spielen im Jahr 94, woraufhin er sich nach Neapel zurückzog. Er starb im Jahr 96. Statiusʼ Silvae umfassen fünf Bücher Gelegenheitsdichtung, die Einblicke in die Literaturkreise und das Leben am Hof des Kaisers Domitian geben. Statius gilt als der erste Autor von Villengedichten. Sein Epos Thebais handelt in zwölf Büchern vom Krieg der Sieben gegen Theben. Die Achilleis, die das ganze Leben des Achilleus behandeln sollte, blieb unvollendet.
Publius Vergilius Maro wurde 70 v. Chr. in Mantua in Oberitalien geboren und verlebte dort eine naturverbundene Kindheit auf einem Landgut. Die Liebe zur Landschaft Italiens, die sich in seinem bukolischen Werk und auch in der ausgewählten Textpassage aus der Aeneis zeigt, könnte auf dieses Umfeld zurückzuführen sein. Sein Hausbesitz in Rom und sein Vermögen von etwa 10 Millionen Sesterzen deuten auf den sozialen Status eines Ritters hin. Freundschaften spielten im Leben des Dichters eine große Rolle. So war er etwa mit den Elegikern Sextus Propertius, Cornelius Gallus, dem Dichter Horaz und dem Mäzen Asinius Pollio verbunden. Er gehörte auch dem Dichterkreis um Maecenas an und pflegte Kontakt zu Octavian, dem späteren Augustus. Vergil erlebte die Bürgerkriege zwischen Pompeius und Caesar, Caesars Tod und das Auseinanderbrechen der Republik mit, was seine Dankbarkeit gegenüber Augustus erklärt, die in seiner Poesie deutlich hervortritt. Vergil starb auf einer Reise nach Griechenland, auf die er Augustus begleitete, 19 v. Chr. in Brundisium. Schon zu Vergils Lebzeiten wurden seine Werke in den Kanon der lateinischen Schullektüre aufgenommen: Mit seinem ersten Werk, den Hirtengedichten (Eklogen), begründete Vergil nach dem Vorbild Theokrits die bukolische Dichtung in Rom. In seinen Georgica, einem Lehrgedicht über den Landbau, behandelte er die Tätigkeitsfelder des Bauern, streute jedoch daneben auch mythologische Stoffe wie den Mythos von Orpheus und Eurydike ein. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens verfasste Vergil die Aeneis, ein Epos, das Enniusʼ Annales als römisches Nationalepos ablöste. Im Rückgriff auf Stoffe aus den homerischen Epen Ilias und Odyssee liefert es den Gründungsmythos der Stadt Rom, indem es die Geschichte des Aeneas erzählt, der aus dem zerstörten Troja flieht, um in Latium eine neue Heimat zu finden. In seinem Testament legte Vergil fest, dass das in seinen Augen noch unvollständige Epos nach seinem Tod verbrannt werden sollte. Augustus ist es zu verdanken, dass dies nicht geschah.