Eugen Gomringers konkrete poesie: Klassiker mit Zukunft

1972 gab Eugen Gomringer bei Reclam die Anthologie konkrete poesie heraus. Die Konkrete Poesie, eine avantgardistische Strömung der Nachkriegslyrik, die er selbst maßgeblich geprägt hatte, schien nach knapp 20 Jahren an einen Punkt gekommen, an dem, wie er im Vorwort schrieb, »sozusagen ruhendes material vorliegt, das womöglich bereits mit historischen maßstäben gemessen werden kann«. Er stellte repräsentative Texte von 17 Autoren – tatsächlich handelte es sich nur um Männer – für die Anthologie in der Universal-Bibliothek zusammen. Dass es sich nicht nur um einen Abschluss, sondern auch um einen Anfang handelte, zeigte sich später.


Konkrete Poesie: Anfänge in den 1950er Jahren

Die Konkrete Poesie entstand in den 1950er Jahren, nicht zuletzt unter dem Eindruck und in der Abkehr vom ideologischen Missbrauch der Sprache vor 1945. Eugen Gomringer war nicht der Erste, der den Begriff verwendete, aber er war derjenige, der ihn maßgeblich prägte und 1953 mit konstellationen constellations constelaciones den Gedichtband veröffentlichte, der oft als Gründungsurkunde der Konkreten Poesie betrachtet wird.

Was ist eigentlich »konkret« in Konkreter Poesie?

Neu ist die Abwendung vom Vers und die Hinwendung zum einzelnen Wort (oder einer Wortgruppe) als Grundelement eines Gedichts. Das Wort bezieht sich dabei nicht mehr auf einen Kontext, eine Bedeutung im Gesamtzusammenhang, sondern auf sich selbst, auf die visuelle Gestalt (oder auch auf die Lautform). In dieser Selbstbezüglichkeit wird es im Wortsinn anschaulich und insofern »konkret«.

Ein Meisterwerk der Reduktion: Gomringers schweigen

Ein Beispiel ist Gomringers formal ganz schlichtes, tatsächlich aber sehr hintergründiges Gedicht schweigen (1960). Es ordnet über- und untereinander 14mal das Wort »schweigen« an und hat in der Mitte eine Aussparung. Das Wort »schweigen« fehlt hier einmal und macht paradoxerweise gerade dadurch sichtbar, was es bedeutet – die vielleicht »berühmteste Lücke der modernen Lyrik« (Michael Lentz).

Der Begriff "schweigen" mehrfach hintereinander aufgeschrieben, im typischen Stil von Eugen Gomringer.

konkrete poesie: Ein Who’s who der Nachkriegslyrik

Das Spektrum der Konkreten Poesie ist vielfältig. Es reicht von Ideogrammen (wie schweigen) über Lautgedichte bis zu Palindromen. Ein Blick in Gomringers Sammlung konkrete poesie zeigt die große Spannbreite. Zugleich ist sie ein Whoʼs who der deutschen Nachkriegslyrik: Neben Eugen Gomringer selbst sind etwa Friedrich Achleitner, Helmut Heißenbüttel, Ernst Jandl, Kurt Marti, Franz Mon und Gerhard Rühm vertreten, um nur ein paar Namen zu nennen. Anfangs umstritten, gehört die Konkrete Poesie längst zum Grundbestand der Lyrikgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele Gedichte sind in den Schulkanon gewandert.

konkrete poesie: Ein Klassiker fürs 21. Jahrhundert

Über Jahrzehnte blieb das Interesse an der Anthologie ungebrochen. Sie war selbst zu einem Klassiker geworden. 2018, nach beinahe 50 Jahren, war es an der Zeit, sie erheblich zu erweitern. Junge Autoren – und nun auch Autorinnen – drängten nach. Es war deutlich geworden, wie experimentierfreudig und kreativ sich das Spiel mit dem »gesicht der wörter« (Gomringer) weiterentwickelt hatte. Der bereits über 90jährige Gomringer (er starb 2025 im Alter von 100 Jahren) öffnete damit das Feld ins 21. Jahrhundert.

Die Zukunft der Konkreten Poesie: Sprachsensibilität und Einfachheit

Cia Rinne, eine der jüngeren Autorinnen (1973 geboren), ist mit einem Gedicht vertreten, das Gomringer auch in seinem Vorwort zitiert: 

 

schreibe einen text. jetzt,
entferne sämtliche lügen.

 

Höchste Sensibilität für Sprache und Wörter, Skepsis angesichts des möglichen Missbrauchs und das Streben nach Reduktion und Einfachheit sind die Ausgangspunkte, aus denen Konkrete Poesie entstand. Sie sind der Rahmen, in dem Konkrete Poesie auch zukünftig entstehen wird. Es ist nicht der schlechteste.