Herr Schmidt, wir erleben gerade ein kleines Revival der alten Mythen und Sagen. Was macht den Tell-Mythos für Sie so zeitgemäß? Was hat Sie so daran gereizt, dass Sie sich dachten: Diese Geschichte möchte ich noch einmal aufgreifen?
Ich würde sogar behaupten, dass es ein großes Revival ist, denkt man zum Beispiel an Homers Odyssee, ein Epos, das kürzlich von Christopher Nolan genial verfilmt worden ist. Jede Neuinterpretation spiegelt ja immer auch die heutige Gesellschaft wider und ist darum existenzberechtigt. So erzählt uns Nolan von einem gequälten, kriegstraumatisierten Odysseus, der deutlich moralischer und weniger aus Egoismus handelt. Ähnlich ist es wohl bei ›meinem‹ traumatisierten Tell. Aber dass ich den Tell-Mythos habe zeitgemäßer und dadurch zugänglicher machen wollen, ist vielleicht auf meinen Vater zurückzuführen, der mir und meinen Geschwistern den Tell-Mythos oft als Gutnachtgeschichte erzählt hat. In seiner Erzählung ging es um Leben und Tod, die Wut und die Verzweiflung gingen unter die Haut. Zwar haben wir Kinder danach kaum einschlafen können, aber wann immer ich dem Tell später begegnet bin, etwa im Film, im Theater oder in Hörspielen, war ich enttäuscht. Mir fehlte es an Dringlichkeit und Brutalität, an Tiefgang. Darum habe ich mich letztendlich entschieden, den Tell-Mythos so neu zu schreiben, wie ich ihn lesen wollen würde.
Sie erzählen die Tell-Sage nicht mit Fokus auf die Hauptfigur, sondern lassen unterschiedliche Figuren aus der Geschichte zu Wort kommen – das Geschehen wird aus rund 20 Perspektiven erzählt. Gerade dieser Wechsel trägt dazu bei, dass der bekannte Mythos immer überraschend und spannend bleibt. Warum haben Sie diese Erzählweise gewählt?
Ich habe sie einem meiner Idole abgeschaut, dem isländischen Schriftsteller Einar Kárason, der sie wiederum William Faulkner abgeschaut hat. Kárason hat in Die Sturlungen den isländischen Bürgerkrieg aus dem 12. Jahrhundert multiperspektivisch neu erzählt. Einfach großartig! Als bekäme man die Geschehnisse aus erster Hand erzählt. Nach und nach bekommt man wie bei einem Puzzle ein Gesamtbild. Ich habe meinen Tell-Roman aber noch etwas dringlicher machen wollen und darum die Figuren nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart erzählen lassen. So sind wir in den Köpfen der Figuren im Moment des Geschehens. Wir stehen Tell gegenüber. Und wenn jemand stirbt, dann tut es weh.
Der klassische Mythos lebte oft von Eindeutigkeit: Heldenglorifizierung und die klare Rollenverteilung von »Gut gegen Böse«. Ihr Tell ist ein wortkarger, fast verhaltensauffälliger Bergbauer und Wilderer. Warum haben Sie dem Ideal einen so rauen Realismus entgegengesetzt?
Nur schon die Worte »Heldenglorifizierung« und »Gut und Böse« lassen mich schaudern. Sie sind Synonym für »Propaganda«. Mich interessiert die menschliche Psyche, die Grautöne. Ich habe mich gefragt, was bringt einen dazu, jemanden aus dem Hinterhalt zu ermorden? Tell schleppt ein Kindheitstrauma mit sich rum, dazu eine schwere Schuld; eine Erklärung dafür, wieso er rot sieht, wenn er provoziert wird. Ich finde es sehr wichtig, dass die Figuren logisch und glaubhaft handeln, so, dass wir ihr Handeln gut nachvollziehen können, auch wenn wir es nicht billigen.
In Schillers Drama Wilhelm Tell sprechen die Figuren in Versen und langen Monologen. Ihr Tell hingegen verliert kaum ein Wort. Was kann das Schweigen eines Protagonisten in der Literatur erzählen?
Ich empfinde Schweigen als äußerst emotional. Schweigen erzählt von Ratlosigkeit, Betroffenheit, Wut, Trauer, oder auch totaler Zufriedenheit. Schweigen ist so geheimnisvoll. Zudem mag ich es, wenn in den Romanen nicht alles gesagt wird. Das Ungesagte lässt Raum für Interpretation. Die Leserschaft kann sich so ein eigenes Bild machen.
Gewalt und Eskalation spielen in Ihrem Tell eine zentrale Rolle – sei es Selbstverteidigung, politischer Widerstand oder Selbstjustiz. Sehen Sie Parallelen zwischen der Macht, Unterdrückung und Willkür im Roman und in der heutigen Gesellschaft?
Ich habe Tell während der Corona-Pandemie geschrieben. Damals haben sich die Schweizer Impfskeptiker den Tell auf die Brust geschrieben und haben die Maske, die sie verweigerten, mit dem Gessler-Hut auf der Stange verglichen. Auf solche politischen, aktuellen Parallelen habe ich ganz bewusst verzichtet. Ich habe Tell von jeglicher Politik befreien wollen. Jedoch habe ich mich beim Schreiben des Buches an diversen Besetzermächten orientiert, militärische Übermächte, die in kleinere oder ärmere Ländern einfallen und in ihrer Ignoranz sogar glauben, dass der rote Teppich ausgerollt wird. Die lokale, bäuerliche Bevölkerung wirft aber mit Steinen auf High-Tech-Panzer. Leider gibt es solche Beispiele zuhauf, noch heute. Es ist zum Heulen.
Wenn wir beim klassischen Tell von ›Machtmissbrauch‹ sprechen, denken wir sofort an die Politik und den Vogt Gessler. Sie thematisieren jedoch auch andere Formen von Machtmissbrauch, konkret zum Beispiel den Missbrauch an Tell in seiner Jugend. Das ist gerade für Jugendliche ein harter, aber wichtiger Lesestoff. Wollten Sie damit zeigen, dass die Gefahr der Unterdrückung im Alltag vielfältiger und oft greifbarer sein kann?
Um ganz ehrlich zu sein: Ich schreibe meine Texte immer sehr intuitiv. Da schleichen sich auch aktuelle Themen ein, wie etwa das momentane und längst überfällige Aufarbeiten des sexuellen Kindsmissbrauchs in der römisch-katholischen Kirche. Manchmal erkenne ich erst später den tieferen Hintergrund. Aber es gibt einen roten Faden, den ich ganz bewusst durch das Buch ziehen lasse: Die Spirale der Gewalt, die immer größere Kreise zieht. Aus einer ersten, unglücklichen Begegnung in den Felsen, einer Beleidigung eigentlich, wird ein blutiges Massaker auf dem Acker. Auch die Wunden und die Wut, die der Kindsmissbrauch in Tell verursacht haben, entladen sich an Gessler, der diese Wut kaum begreift.
In der Vorlage geht es auch um gesellschaftlichen Zusammenhalt. Diesen Aspekt haben Sie stark gewandelt. Bei Ihnen wirkt die Gemeinschaft opportunistisch und wegschauend. Was sagt Ihr Roman über die Verantwortung der ›schweigenden Mehrheit‹ in autoritären oder unterdrückenden Systemen?
Der Tell-Mythos wurde ja seinerzeit, also noch vor Schiller, geschürt, um die Alte Eidgenossenschaft zu stärken und die Urkantone zu vereinen, ja, um sich gegenüber den Übermächten behaupten zu können. Und dazu brauchte es eben eine Heldenfigur. Tell war wohl von Beginn an eine erfundene, politische Figur, Tell war Propaganda. Schiller schrieb seinen Tell während der Epoche der Weimarer Klassik und war interessiert am edlen und pflichtbewussten Menschen. Ich hingegen liebe den Tell-Mythos, weil es einfach eine großartige Geschichte ist. Und ich will mir vorstellen, dass es den Armbrustschützen wirklich gegeben hat. Aber dazu muss ich ihn entpolitisieren, ich muss ein fehlerhaftes Individuum aus ihm machen. Auch die Gesellschaft muss glaubhaft wirken. Vielleicht bin ich ein Zyniker, aber es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, opportunistisch und wegschauend zu sein.
Wenn Sie einer Schulklasse, die Ihren Tell gerade gelesen hat, selbst eine Essay- oder Diskussionsfrage stellen dürften: Welche wäre das?
Ich stecke ja in einem Dilemma fest. Ich sehe mich als Pazifist und lehne Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung strikt ab. Denn, wie oben erwähnt: Gewalt führt zu mehr Gewalt. Zugleich faszinieren mich Geschichten, in denen es um Leben und Tod geht. Meine Frage an die Schulklasse wäre, ob sie meinen Text als gewaltablehnend oder gewaltverherrlichend empfunden habe. Das würde mich sehr interessieren.
Die Tell-Sage neu interpretiert
Joachim B. Schmidt erzählt die Tell-Sage neu. In beinahe 100 temporeichen Sequenzen lässt er inmitten der rauen Alpen einen packenden Thriller über Machtmissbrauch, Widerstand und die blutigen Konsequenzen einer einzigen Entscheidung entstehen. Spannend und überraschend aktuell wird der Schweizer Mythos in dieser Neuerzählung zu einem psychologischen Drama von existenzieller Wucht. Mit einem Nachwort und Anmerkungen von Barbara Reidelshöfer.
Details zum Buch