Über die Autorin
Laura Cwiertnia, geboren 1987, wuchs als Kind einer armenisch-deutschen Familie in Bremen-Nord auf. Sie hat in Köln und dem spanischen Granada studiert und arbeitet heute als Redakteurin der Wochenzeitung DIE ZEIT. 2022 erschien ihr Debütroman »Auf der Straße heißen wir anders« im Klett-Cotta-Verlag. Das Buch wurde mit dem Puchheimer Leserpreis ausgezeichnet und in verschiedene Sprachen übersetzt. In Reclams Universal-Bibliothek ist eine entsprechende Schulausgabe erschienen. Für ihr literarisches Schaffen wurde Laura Cwiertnia zuletzt das Dieter-von Wellershoff Stipendium der Stadt und des Literaturhauses Köln sowie das Arbeitsstipendium der Landesregierung Nordrhein-Westfalen verliehen. 2027 wird ihr zweiter Roman im Klett-Cotta-Verlag erscheinen.
Auf der Straße heißen wir anders
Die Kinder aus der Hochhaussiedlung in Bremen-Nord kennen die Herkunftsorte ihrer Familien genau: Türkei, Russland, Albanien. Nur bei Karla ist alles etwas anders. Sie weiß, dass die Großmutter in den 1960ern als Gastarbeiterin aus Istanbul nach Deutschland kam, und auch, dass die Familie armenische Wurzeln hat, doch gesprochen wird darüber nicht. Als Karlas Großmutter stirbt, taucht der Name einer Frau auf, Lilit, samt einer Adresse in Armenien. Karla gelingt es, ihren Vater zu einer gemeinsamen Reise zu überreden – in eine Heimat, die beide noch nie betreten haben ...
Buch entdeckenFrau Cwiertnia, Ihr Buch »Auf der Straße heißen wir anders« befasst sich mit Identität, transgenerationalem Trauma und Erinnerungskultur. Welche Lebensrealität von Kindern mit Migrationsgeschichte verbirgt sich hinter diesem titelgebenden Satz?
Mein Roman trägt den Titel »Auf der Straße heißen wir anders«, da alle Figuren in der Öffentlichkeit ihre Namen verändern. Nach dem Völkermord an den Armenier:innen, der auf dem Gebiet der heutigen Türkei stattfand, waren die Überlebenden gezwungen andere Nachnamen anzunehmen – sie wurden turkisiert. Aus Angst vor Verfolgung versteckten viele ihre Vornamen gleich mit, auch noch Generationen später: Zuhause heißt die Großmutter im Roman daher Maryam, auf der Straße Meryem. Die Tochter wiederum wächst in Deutschland auf. Damit sie sich hier zugehörig fühlt, erhält sie den deutschesten Namen, den der Vater sich vorstellen kann: Karlotta, eine Mischung aus Karl und Otto – was ihr selbst wiederum ganz und gar nicht gefällt. Dieses Ringen mit der eigenen Identität, die Sorge aufgrund des eigenen Namens Nachteile zu erfahren, ist etwas, das auch viele andere Familien mit Migrationsgeschichte heute beschäftigt.
Ihr Buch handelt von Neuanfängen und Erinnerungen. Was ist für Sie persönlich der Unterschied zwischen »Zuhause« und »Heimat«? Kann ein Ort überhaupt zur Heimat werden, wenn das Gefühl der gesellschaftlichen Zugehörigkeit fehlt?
Viele Menschen verbinden mit dem Begriff Heimat nur Positives: das Dorf, in dem sie aufgewachsen sind, die Berge, die sie aus ihrem Kinderzimmerfenster sehen konnten, die Bratkartoffeln des Vaters oder die Köfte der Großmutter. Heimat ist aber auch ein statischer Begriff, der die Gefahr birgt, Menschen auszuschließen, die nicht an einem Ort geboren sind. Wie lange dauert es, bis man diesen Ort Heimat nennen darf? Jahrzehnte, Generationen und wer bestimmt das? Ich mag den Begriff »Zuhause« lieber, der ist viel einladender, weil du selbst wählen kannst, wo und wann du dich angekommen fühlst.
Sie erzählen eine generationenübergreifende armenische Familiengeschichte, doch die junge Protagonistin Karlotta ist nie in Armenien gewesen. Kann man eine Heimat, die man selbst nie erlebt hat, aus Geschichten und aus der Ferne kennenlernen – und vielleicht sogar einen Ort vermissen, an dem man nie war?
Ja, das geht – und die Protagonistin in meinem Roman erlebt es genauso: In Karlas Familie wird über ihre armenischen Wurzeln kaum gesprochen. Sie versteht nicht, warum ihr Vater aus Istanbul stammt, aber sich nicht Türke nennt. Warum sie Armenier sind, aber noch nie in Armenien waren. Und warum ihr als Kind eingebläut wird: »Sag niemandem, dass du Armenierin bist«. Diese Leerstelle in der eigenen Identität lässt Armenien zu einem Sehnsuchtsort werden, dieses Land, in dem zwar keiner aus ihrer Familie je gelebt hat, aber das doch die »Heimat« aller Armenier:innen sein soll.
Der Vater in Ihrem Roman fragt sich auf der Reise, ob man seine eigene Muttersprache vergessen kann. Wie wichtig ist Sprache für die Identität, besonders wenn sie – wie in Ihrer Geschichte – ein Teil der Vergangenheit ist und im Alltag gar nicht mehr gesprochen wird?
Beim Schreiben des Buches habe ich mich oft gefragt: Was macht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur eigentlich aus? Eine Sprache zu sprechen, hilft natürlich enorm, allein da man automatisch Teil einer Gemeinschaft wird, sobald man sie verwendet. Ich persönlich habe es immer sehr bedauert, dass mein Vater mir weder türkisch noch armenisch beigebracht hat. Nachdem mein Buch vor einer Weile auf armenisch übersetzt wurde und ich auf Lesereise in das Land eingeladen war, habe ich daher versprochen, die Sprache nun auf eigene Faust zu lernen.
Ihr Buch geht weit zurück, bis zum Genozid an den Armeniern und dem Pogrom in Istanbul. Vor allem schildern Sie das Trauma und das Schweigen, das diesen Geschehnissen folgte. Wie wirkt sich dieses Schweigen auf spätere Generationen aus? Verhindert es das Verständnis für die eigene Geschichte? Und erzeugt es Barrieren zwischen den Generationen?
Schweigen kann zu einer unsichtbaren Wand werden, die sich zwischen die Generationen schiebt und sie von ihrer Vergangenheit entkoppelt. So geht es der Familie im Roman: Weil die Traumata des Völkermords nie aufgearbeitet wurden, werden sie von Generation zu Generation weitergegeben, auf die eine oder andere Weise. Das kennen wir auch aus der deutschen Geschichte, transgenerationale Traumata in Familien von Holocaust-Überlebenden sind gut erforscht. Im Falle der Armenier:innen hat es noch eine spezielle Komponente, weil der Völkermord bis heute geleugnet wird. Das macht es sehr schwer für die Nachfahren, die Traumata aufzuarbeiten und individuell sowie kollektiv zu bewältigen.
Karlotta wächst in Deutschland auf, fühlt sich aber in der Schule und sogar im Freundeskreis, auch unter Gleichaltrigen mit Migrationshintergrund, nicht zugehörig. Wo sehen Sie die stärksten Anknüpfungspunkte für Jugendliche von heute, wenn sie Karlottas Geschichte lesen?
In vergangenen Gesprächen mit Jugendlichen über den Roman hat mich tatsächlich überrascht, wie viele Anknüpfungspunkte sie darin finden. In Bezug auf Fragen nach der eigenen Identität, dem Ringen mit den Eltern und mit den Kulturen. Aber auch das Aufwachsen in einer Vorstadt, das Gefühl des Abgehängtseins und das sich verloren fühlen im Teenager-Alter, das Karla erlebt, betrifft sehr viele Kinder und Jugendliche in Deutschland und zwar längst nicht nur jene mit Migrationshintergrund.
Wenn Sie sich vorstellen, dass Schülerinnen und Schüler Ihren Roman lesen: Welche Frage oder welche Diskussion erhoffen Sie sich im Anschluss im Klassenzimmer?
Ich war schon öfter an Schulen zu Lesungen eingeladen und jedes Mal begeistert, was im Anschluss für spannende Fragen und Kommentare von den Schüler:innen kamen. Mein Roman erzählt zwar eine armenische Geschichte, aber zugleich eine universelle, von Traumata und deren Vererbung, vom Gehen und Ankommen, von Eltern-Kind-Beziehungen. Auch über die Geschichte der Gastarbeiter:innen, vor allem der Frauen, über die immer noch viel zu wenig bekannt ist, kann man wunderbar mit Schüler:innen sprechen. Mein Eindruck ist: Sie selbst kommen dabei auf die besten Fragen und ich freue mich auf jede einzelne.