Gerhart Johann Robert Hauptmann (1862–1946) ist nicht zuletzt durch das politische Potenzial seiner Texte auch über seine Zeit hinaus berühmt geblieben. Seine Dramenerfolge, etwa mit Vor Sonnenaufgang und Die Weber, machten ihn zu einem der meistgespielten Autor:innen der Moderne. Kern seiner schriftstellerischen Antriebskraft ist das Mitleiden mit Hilflosen, die an ihren Schwächen oder Trieben zugrunde gehen. Hauptmann war der Überzeugung, Schriftsteller:innen müssten soziale Missstände als solche benennen und sich durch ihre literarische Produktion für die Unterdrückten und Ausgebeuteten einsetzen.
Eine Zeit der Moderne(n)
In den Ausläufern des 19. Jahrhunderts kommt es zu vielen Proklamationen »der Moderne«. Zahlreiche Strömungen entstehen und arbeiten sich an literarischen Traditionen, aber auch aneinander ab. Diese schnelle Taktung ist der inhärenten Herausforderung geschuldet, nicht nur in einem Moment modern zu sein, sondern es zu bleiben.
Viele Themen in den Werken der Autor:innen dieser Zeit entspringen der urbanen Erfahrung. Nicht ohne Grund werden manche ›Modernen‹ verschiedenen Großstädten zugeordnet, wie etwa München, Berlin oder Wien. Die Stadtbevölkerung nimmt zu und die Industrialisierung verändert das Zusammenleben von Grund auf, sowohl durch Kommunikationsformen wie das Telegramm oder die Telefonie als auch durch neue Transportmöglichkeiten, die zu einer generellen Beschleunigung des Lebens beitragen. Hinzu kommen die Entdeckung des Nervenlebens und stellenweise eine Psychologisierung des Erzählens.
Ein Leben mit einigen Anläufen
Gerhart Hauptmann wächst in Schlesien als jüngstes von vier Kindern in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. In der Schule tut er sich schwer und verlässt sie schließlich ohne Abschluss. Zahlreiche Studien- und Lehranfänge in den Bereichen Landwirtschaft, Bildhauerei, Zeichnen, Geschichte, Philosophie und Literaturgeschichte sind zu verzeichnen, doch alle enden frühzeitig. Nach seiner Heirat mit der Großkaufmannstochter Marie Thienemann, deren Wohlstand ihn schon zuvor mitfinanzierte und ihm unter anderem eine Italienreise ermöglichte, ziehen die beiden 1885 in die Nähe von Berlin. Dort niedergelassen, kommt er in Kontakt mit Vertretern des Naturalismus, tritt unter anderem dem Verein »Durch« bei und beginnt sein Schriftstellerdasein.
Der Naturalismus – Moderne in Berlin
Der Naturalismus (ca. 1880–1900) wird meist als früheste Strömung der Moderne genannt. Während der vorausgehende Realismus die Welt in seiner Abbildung noch poetisiert und formt, fordert der Naturalismus nun in Anlehnung an die Naturwissenschaften eine unverklärte, mimetische Abbildung der Welt. Einflüsse sind unter anderem Darwins Evolutionstheorie und der Positivismus. Gleichzeitig hat der Naturalismus ein sehr deterministisches Menschenbild. Der Mensch ist nach Hippolyte Taine durch das Ererbte, Erlernte und Erlebte geprägt und kann dem nicht entgehen. Der ungeschönte Blick der Naturalisten richtet sich häufig auf den Rand des gesellschaftlichen Lebens. Das ›Hässliche‹ soll nicht ausgespart werden und so finden Armut, das Elend der Arbeiterschicht und Prostitution Darstellung, immer eingebettet in die fortschreitende Urbanisierung und die Technisierung des Lebens.
Eine Studie über einen Verlierer der Moderne?
In der Umgebung Berlins angekommen, schreibt Hauptmann seinen Bahnwärter Thiel (1888), dessen Untertitel »Novellistische Studie« den dokumentarischen Anspruch der Erzählung schon deutlich macht. Thiel ist Produkt seiner Umstände. Er ist ein von einem »unverwüstlichen Phlegma[]« geprägter Mensch und kann sich seiner dominanteren Frau nicht widersetzen. Der schwächliche Sohn Thiels stirbt auf den Schienen der Moderne, die wie so oft durch die Eisenbahn symbolisiert wird. Doch die Erzählung bricht auch mancherlei Erwartungen an einen modernen Text. Die Natur ist höchst symbolisch aufgeladen, unter anderem mit biblischen Beschreibungen ihrer Phänomene als »Sintflut« und »Blutregen«, die sie als heilbringenden Rückzugsort unmöglich machen. Wir befinden uns auch nicht in einer Großstadt, sondern in der Provinz. Erst ›wahnsinnig‹ geworden, kommt Thiel nach Berlin in die Charité.
»Zwei rote, runde Lichter durchdrangen wie die Glotzaugen eines riesigen Ungetüms die Dunkelheit. Ein blutiger Schein ging vor ihnen her, der die Regentropfen in seinem Bereich in Blutstropfen verwandelte. Es war, als fiele ein Blutregen vom Himmel.«
Zitat aus Bahnwärter Thiel
Ein soziales Drama
Hauptmanns erstes Drama verschafft ihm sowohl seinen literarischen Durchbruch als auch einen ersten großen Skandal. 1889 erscheint Vor Sonnenaufgang und wird noch im selben Jahr uraufgeführt. Das Stück zeigt eine kleinbürgerliche Familie, die durch Alkoholkonsum und Sexualität zugrunde geht. Der Untertitel »Soziales Drama« gibt schon eine gewisse Schlagrichtung vor. Protzigkeit steht neben Geiz, Selbstgenügsamkeit neben Triebhaftigkeit. Wir begegnen hier in hohem Maße determinierten Menschen, ganz dem Naturalismus entsprechend. Zur erhofften Rettung der jüngsten Tochter durch den Sozialisten Loth kommt es nicht, da dieser trotz seiner Einstellungen nicht genug selbstloses Mitleid aufbringen kann. Hauptmann nimmt hier ein zentrales Zeitproblem auf: die Hilflosigkeit des Proletariats sowie die Gleichgültigkeit derer, die sich gesellschaftlich über sie aufgeschwungen haben.
Ein Aufstand und ein Aufführungsverbot
Die Idee für sein zweites Drama, Die Weber, hat Hauptmann schon 1888. Es behandelt den Aufstand der schlesischen Weber:innen von 1844, deren Situation sich knapp 45 Jahre später auch aufgrund einer Missernte erneut zuspitzt. Doch es kommt zunächst zum Verbot der Aufführung: Das Drama sei ein gefährliches, aufrührerisches Propagandastück. Hauptmann selbst wies dies zurück und betonte das persönliche Mitleiden mit den Unterdrückten. Doch erst 1893 wird es uraufgeführt. Der Theaterskandal trägt jedoch zur Bekanntschaft bei und sorgt unter anderem für Übersetzungen. Arno Holz nennt es »das beste Drama, das jemals in deutscher Sprache geschrieben wurde«.
Hauptmann charakterisiert die Gruppe der Weber:innen besonders durch ihren Dialekt. In einer früheren Version – De Waber – war die Umsetzung so konsequent, dass es hinsichtlich des allgemeinen Verständnisses unpraktikabel wurde. Es kam daher zur Umarbeitung. Der Gedanke einer naturgetreuen Abbildung der tatsächlichen Sprache wurde jedoch beibehalten. Auffällig sind außerdem die für die Zeit typischen, sehr ausführlichen Regieanweisungen, die erneut auf darstellerische Exaktheit zielen. Hauptmann orientiert sich an den Geschehnissen von 1844 und nimmt auch das Spottlied der Aufständischen leitmotivisch auf, das die Arbeiter:innen radikalisierte. Entgegen früherer Konventionen werden in Hauptmanns Die Weber keine großen Herrscherfiguren gezeigt, sondern das Proletariat. Die Masse der Weber:innen wird im Drama zum Subjekt der Geschichte. Das Dramenpersonal wechselt von Akt zu Akt und gehört verschiedenen Generationen an. Keine Person tritt als Held oder Märtyrer hervor. Trotz des politischen Gehalts stellt der ambivalente Schluss infrage, inwiefern tatsächlich von einem politischen Drama auszugehen ist.
»Hier im Ort ist ein Gericht,
noch schlimmer als die Femen,
wo man nicht erst ein Urteil spricht,
das Leben schnell zu nehmen.
Hier wird der Mensch langsam gequält,
hier ist die Folterkammer,
hier werden Seufzer viel gezählt
als Zeugen von dem Jammer.
[...]
Ihr Schurken all, ihr Satansbrut [...]
ihr höllischen Kujone,
ihr fresst der Armen Hab und Gut,
und Fluch wird euch zum Lohne.«
Auszug auf dem Weberlied in Die Weber
Dramen und Auszeichnungen um die Jahrhundertwende
Nach der Erfahrung mit dem Aufführungsverbot seines vorhergehenden Stücks übt Hauptmann in der kurz darauffolgenden Komödie Der Biberpelz, die ebenfalls 1993 uraufgeführt wird, strenge Kritik an den Vertreter:innen der staatlichen Obrigkeit. Die von der Mutter Wolffen begangenen Gesetzesbrüche bleiben alle unentdeckt, da der regierungstreue und eingebildete Amtsvorsteher unfähig ist. Die Kritik ist dem Drama nur teils gewogen. Manche stellen hier eine Abkehr in Hauptmanns Schaffen vom Naturalismus fest, die sich auch in weiteren Titeln fortsetze.
1904 kommt es nach langem Ehekonflikt zur Scheidung Hauptmanns und dann zur Heirat mit Margarete Marschalk. Nach einigen weiteren Publikationen feiert Hauptmann seinen vorläufig letzten dramatischen Erfolg 1911 mit Die Ratten, welches in der Tradition des bürgerlichen Trauerspiels steht, dieses jedoch in das kleinbürgerliche und proletarische Milieu verlegt. Die Figuren sind Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse, wobei die Nöte der Ärmeren in satirischer Weise auf die Ansprüche der Bessergestellten prallen. Nach mehreren anderen Auszeichnungen erhält Hauptmann nicht zuletzt aufgrund des Erfolgs von Die Weber 1912 den Nobelpreis.
Politische Positionen nach der Jahrhundertwende
Obwohl Hauptmann in seinen frühen Erzählungen und Dramen das Leben und die Kämpfe der Unterdrückten zum Thema macht, ist er politisch schwer zu fassen. Nachdem er sich vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch entschieden pazifistisch geäußert hatte, befürwortet er nach Kriegsbeginn die militärischen Ziele des Kaiserreichs und verfasst Gedichte, die den Krieg verherrlichen. Nach Kriegsende bekennt er sich dann im Sinne der Demokratie zur Weimarer Republik. Nachdem 1933 die NSDAP an die Macht kommt, bleibt eine klare politische Stellungnahme von Hauptmann erneut aus. Privat äußert er sich zwar gegen den Faschismus, aber er unterschreibt trotzdem eine öffentliche Loyalitätserklärung. Manche Inhalte seiner Stücke sorgen für Skepsis, aber er wird geduldet und seine Dramen werden weiterhin aufgeführt. Am 6. Juni 1946 stirbt Gerhart Hauptmann in seinem Haus in Agnetendorf.