Mehr über Heinrich Mann

Luiz Heinrich Mann wurde am 27. März 1871 als ältestes von fünf Kindern des Kaufmanns und Senators Thomas Johann Heinrich Mann und der Deutsch-Brasilianerin Julia Mann (geb. da Silva-Bruhns) in Lübeck geboren. Schon als Jugendlicher beschloss Heinrich Mann, Schriftsteller zu werden. Das Gymnasium verließ er ohne Abschluss und eine Buchhandelslehre brach er nach kurzer Zeit ab. Schließlich ging er im April 1891 für ein Volontariat beim S. Fischer Verlag nach Berlin. Im damaligen Zentrum der frühen Moderne suchte er den Zugang zu literarischen Kreisen.

Seine literarischen Ambitionen verfolgte Heinrich Mann sehr zum Unmut seines Vaters. Auch wenn sich der großbürgerliche Kaufmann damit abgefunden hatte, dass sein ältester Sohn das Familienunternehmen nicht weiterführen würde, zweifelte er an den Erfolgsaussichten des aufstrebenden Künstlers. Im Oktober 1891 starb der Lübecker Patriarch nach einer schweren Krankheit. Der Verstorbene hatte testamentarisch verfügt, dass sich die Vormünder den literarischen Ambitionen Heinrich Manns entgegenstellen sollten.

Da auch Heinrichs kleiner Bruder Thomas Mann lieber Schriftsteller als Kaufmann sein wollte, wurde die Firma des Vaters liquidiert. Im Sommer 1893 zog Julia Mann mit ihren Kindern nach München. Sie setzte sich über die testamentarischen Bestimmungen ihres verstorbenen Ehemanns hinweg und unterstützte Heinrich Mann ideell sowie materiell, sodass er als freier Schriftsteller leben konnte. Auch mithilfe ihrer finanziellen Unterstützung konnte er 1894 seinen ersten Roman veröffentlichen.


Ein Leben auf Reisen

Im Herbst 1893 begann in Heinrich Manns Leben eine lange Periode der Italienreisen. Von 1895 bis 1898 lebte er – mit Unterbrechungen – in Rom. Sein Bruder Thomas besuchte ihn dort und begleitete ihn auf Reisen von Rom aus. Die Zeit der ausgedehnten Italienaufenthalte war literarisch überaus produktiv. Heinrich Mann schrieb Romane und Novellen, die vor allem um das künstlerische Leben kreisen und die Gesellschaft unter ästhetischen Gesichtspunkten kritisieren.

Um 1900 vollzog Heinrich Mann eine politische Wende. Er wurde zu einem scharfen Kritiker des Deutschen Kaiserreichs unter Wilhelm II. und zu einem Verfechter der Demokratie. Diesen Sinneswandel schrieb er auch seiner Auseinandersetzung mit der französischen Literatur zu, mit der er sich ein Leben lang beschäftigen sollte. In die Zeit seiner politischen Neuausrichtung fiel die Entstehung seines Romans Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen.


Karikatur eines machtsüchtigen Tyrannen

Der Gymnasialprofessor und Altphilologe Raat ist davon besessen, Schüler, die ihn mit seinem Spottnamen »Unrat« geschmäht haben, einer Regelverletzung zu überführen und sie so zu »fassen«. Als Unrat zu diesem Zweck einer Gruppe von Schülern bis in die Hafenkneipe »Blauer Engel« folgt, verliebt sich der strenge Gymnasialprofessor in die schnoddrige Varietékünstlerin Rosa Fröhlich und ruiniert seine bürgerliche Existenz.

Professor Unrat wurde 1930 unter dem Titel Der blaue Engel verfilmt. Der Film war ein internationaler Erfolg und machte die bis dahin noch unbekannte Marlene Dietrich in der Rolle der Varietékünstlerin Lola Lola schlagartig berühmt.


Engagierter Schriftsteller gegen das Deutsche Kaiserreich

Mit dem Gymnasialprofessor wird ein Repräsentant einer der Institutionen vorgeführt, die das wilhelminische System trugen. Heinrich Mann nahm auch publizistisch Stellung gegen das Deutsche Kaiserreich. Sein 1911 erschienener Essay Geist und Tat wurde für links verortete literarische Oppositionelle im Kaiserreich zum Bezugspunkt. Über die Jahre hinweg veröffentlichte er eine Vielzahl von Essays, mit denen er sich politisch einmischte.

1906 konzipierte Heinrich Mann seinen erfolgreichsten Roman: Der Untertan. Fertiggestellt wurde der Text 1914. Wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs in demselben Jahr und der allgemeinen Kriegsbegeisterung im Kaiserreich (der sich Heinrich Mann jedoch entgegenstellte) befürchtete man Zensur, weswegen ein Vorabdruck des Romans in einer Zeitschrift abgebrochen wurde. Unmittelbar nach dem Kriegsende, der Niederlage der Deutschen und der Abdankung des Kaisers wird Der Untertan 1918 schließlich als Buchausgabe veröffentlicht. Geschrieben als kritischer Zeitroman während der Kaiserzeit, avancierte Der Untertan mit Erscheinen in der jungen deutschen Republik zu einer satirischen Abrechnung mit einer gerade vergangenen Epoche der deutschen Geschichte.


Nach oben beugen, nach unten treten

Der Untertan erzählt die Geschichte von Diederich Heßling, der als repräsentative Figur des wilhelminischen Kaiserreichs konzipiert ist. Geboren wird er als Sohn eines Papierfabrikanten in der fiktiven preußischen Kleinstadt Netzig. Schon im ersten Satz heißt es über ihn: »Diederich Heßling war ein weiches Kind«. Während seiner Studienzeit in Berlin tritt er der studentischen Korporation der Neuteutonen, einer Burschenschaft, bei: »Alles ward laut kommandiert, und wenn man es richtig befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden.« Diederichs Charakter wird nun so geformt, dass er zu einem kaisertreuen Untertanen wird, während er selbst nach Macht über andere strebt.

Heinrich Mann beleuchtet in Der Untertan einen Typus des deutschen Nationalisten, dessen Gesinnung dem Keim des Nationalsozialismus fruchtbaren Boden bot. Auf diese Kontinuität des wilhelminischen Nationalchauvinismus zum Nationalsozialismus hebt auch die Schlussszene der gleichnamigen DDR-Verfilmung des Romans von 1951 ab, die im Vergleich zur Buchvorlage erweitert wurde.


»Denn diese beiden Charaktereigenschaften sind an Heßling, sind am Deutschen auf das subtilste ausgebildet: sklavisches Unterordnungsgefühl und sklavisches Herrschaftsgelüst. Er braucht Gewalten, Gewalten, denen er sich beugt, wie der Naturmensch vor dem Gewitter, Gewalten, die er selbst zu erringen sucht, um andere zu ducken.«

Kurt Tucholsky 1919 in seiner Rezension zu Der Untertan


Flucht und antifaschistisches Engagement im Exil

Gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus kämpfte Heinrich Mann publizistisch an – vergeblich. Er floh im Februar 1933 nach Frankreich. Seine Werke wurden bei den Bücherverbrennungen am 30. Mai 1933 zerstört. Im französischen Exil setzte Heinrich Mann sein Engagement gegen die Nazis fort. Rund 400 Exilpublikationen in Form von Essays, Reden, Aufrufen und Romanen veröffentlichte er, darunter auch den Doppelroman Die Jugend des Königs Henri Quatre (1935) und Die Vollendung des Königs Henri Quatre (1938). Es ist ein historischer Roman, der zugleich auch als Zeitroman zu lesen ist, da sich Figuren und Ereignisse ebenso auf die NS-Diktatur und ihre zentralen Akteure beziehen lassen.

Als die deutsche Wehrmacht 1940 in Paris einzog, floh er über Lissabon in die USA. Anders als sein Bruder Thomas, der auch im amerikanischen Exil ein gefragter Schriftsteller und Redner war, kam Heinrich Mann in der ihm fremden Kultur nie richtig an. Seine publizistische Arbeit flaute ab und für seine späten Romane hatte er Schwierigkeiten, einen Verleger zu finden.

Im hohen Alter sollte Heinrich Mann später Ruhm zuteilwerden, als er 1949 zum Gründungspräsident der Deutschen Akademie der Künste Berlin (Ost) berufen wurde. Bevor er zum Antritt der Stelle in die DDR umsiedeln konnte, starb Heinrich Mann am 11. März 1950 in Santa Monica/Kalifornien. 1961 wurde seine Urne nach Ost-Berlin überführt.

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